Tattoo Expo Shanghai 2017

26.01.2018  |  Text: Dirk-Boris Rödel  |   Bilder: Tattoo Expo Shanghai
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Tattoo Expo Shanghai 2017
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Die Tätowierermesse in der chinesischen Hafenstadt und Millionenmetropole Shanghai zeichnet sich durch höchste Qualität aus – selbst die Copycat-Tattoos sind hier preiswürdig!
Wer in Shanghai eine Veranstaltung erwartet, die quantitativ dieser Mega-City mit fünfundzwanzig Millionen Einwohnern entspricht, wird überrascht sein: die Tattoo Expo Shanghai ist eher überschaubar, beinahe klein. Das liegt nur zum Teil daran, dass die Tattooszene rein mengenmäßig noch nicht dieselben Ausmaße erreicht hat wie die in westlichen Ländern, auch bei einer überschaubaren Szene blieben in diesem Riesenland mehr als genug Tätowierer, um Riesenhallen zu füllen. Der Grund für die Übersichtlichkeit der Veranstaltung liegt einfach in der qualitativen Beschränkung. Wer hier tätowiert, ist ein Spitzentätowierer. Punkt. Lückenfüller für verwaiste Stände gibt es hier nicht.

Tattooexperte Dirk-Boris beim Abschreiten der Reihen der Contest-Teilnehmer: Jeder der drei Juroren kann drei »Amazing«-Schilder vergeben.

Dass es in China selbst absolute Top-Künstler im Bereich Tattoo gibt, beweisen Tätowierer wie Dong Dong von Mummy Tattoo aus Peking oder Zhuo Dan Ting von Shanghai Tattoo. Aber auch aus dem Ausland hatte Veranstalterin Roxanne Yang nur wirklich erstklassige Tattoo-Artists eingeladen: Star der Convention war, wie schon im Jahr zuvor, Shige aus Yokohama in Japan. Der zurückhaltende Tätowierkünstler, der nur selten Einladungen zu Tattooconventions annimmt, wurde von Anfang bis Ende der Expo von Fans umlagert, die hautnah die Entstehung seiner spektakulären Bodysuits mitverfolgen wollten. Weitere weltbekannte Tätowierer wie Paul Acker, Miguel Bohigues, Pepa Heller, Ivana Tattoo und auch Jessi Manchester aus Berlin verdeutlichten den sehr hohen Qualitätsanspruch der Messe.

Tattoo Expo Shanghai 2017

Die Qualität der Arbeiten brachte die Contest-Jury ordentlich zum Schwitzen. Vor allem in der Kategorie »Best Large«, in der eigentlich nur erstklassige asiatische Bodysuits über die Bühne gingen, war es nur sehr schwer möglich, unter den sehr guten das beste Tattoo zu küren – ein echtes Luxusproblem. Und neben dem Überangebot an erstklassigen Tattoos machte den Juroren auch das Shanghaier Bewertungssystem ein wenig zu schaffen: Während bei uns die Contest-Jury ihre Punkte auf Bewertungsbögen notiert, die dann zusammengezählt und ausgewertet werden, müssen die Juroren hier in Shanghai den Trägern der von ihnen favorisierten Tattoos auf der Bühne ein Bewertungsschild überreichen – wer die meisten Schilder erhält, gewinnt. Das macht den Bewertungsprozess natürlich transparenter, doch dass jeder Tätowierer und jeder Teilnehmer sieht, welcher Juror nun für sein Tattoo gestimmt hat oder auch nicht, setzt die Jury natürlich auch unter Druck, insbesondere in einem Land, in dem Preise bei Wettbewerben einen viel höheren Stellenwert haben als bei uns! Andrerseits: die Jury-Entscheidungen werden hier von allen unwidersprochen akzeptiert, die Kompetenz der Juroren wird von niemandem in Frage gestellt.

Tattoo Expo Shanghai 2017

Eine Skurrilität ergab sich bei der Wahl des besten grafischen Tattoos: Jessi Manchester aus Berlin konnte mit einer sehr beeindruckenden Arbeit einen hervorragenden zweiten Platz belegen, auf den ersten wurde eine Tattoo gewählt, das das ihre an Dynamik, Struktur und Kreativität noch zu übertreffen schien – der erste Platz ging an einen chinesischen Künstler. Doch als Jessy das mit dem ersten Platz bewertete Tattoo sah, traute sie ihren Augen nicht; es war eine eins-zu-eins-Kopie einer ihrer Arbeiten! So hatte also eine, zugegebenermaßen technisch perfekte Kopie einer ihrer Tattoos Platz eins, ein Original von ihr lediglich Platz zwei belegt. Eine absurde und auch inakzeptable Situation. Der chinesische Künstler zeigte sich jedoch reuig und überließ, auf seinen Ideenklau angesprochen, ohne weitere Diskussion Jessy seine Trophäe. Und er selbst bekam wiederum von der Veranstalterin eine Extra-Trophäe für »technische Ausführung«, schließlich war es eine handwerklich einwandfreie und vom Original nicht zu unterscheidende Kopie. Eine wahrhaft salomonische Lösung einer überaus skurrilen Situation.

Tattoo Expo Shanghai 2017

Weniger verzwickt ging es beim Bühnenprogramm zu: Die japanische Performance-Künstlerin Sana Sakura erweckte in ihren Tanzdarbietungen, die vom klassischen japanischen Butoh-Tanz beeinflusst sind, alte Legenden zum Leben, und die bezaubernden »Little Ladies« aus Taiwan begeisterten mit ihren Interpretationen von Klassikern aus Rock und Pop. Verschiedene Kunstausstellungen von klassisch über grafisch-modern bis morbide-düster rundeten die Tätowierermesse im Shanghai Fashion Center ab.

Um geeignete Motive zu finden, muss man in China nicht allzu lange suchen; die schönsten Bilder aus Legenden, Mythen und aus religiösen Kontexten liegen ja sozusagen schon vor der Tür.

Shanghai liegt für den deutschen Tattoofan zwar ein wenig abseits, doch wer sich dafür interessiert, wie Tattookunst in China gewürdigt wird und welches beachtliche Niveau hier bereits erreicht wurde, der sollte sich nicht scheuen, dieser kleinen aber extrem hochwertigen Messe mal einen Besuch abzustatten!

Qualitäts-Overkill bei der Tattoo Expo Shanghai. Die schönsten Tattoos bekommen beim Contest ein »You are amazing«-Schild. Unten: Pepa Heller aus Neuseeland tätowiert Alice Meow von den »Little Ladies«.
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Stand:23 July 2018 07:59:37/veranstaltungen/tattoo+expo+shanghai+2017_171213.html