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Can Gürgül

19.08.2014  |  Text: Heide Heim  |   Bilder: Archiv TM
Can Gürgül
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Can Gürgül aus Izmir ist inzwischen regelmäßig Gast im Studio Jenny B in Kassel. Eine tolle Gelegenheit, mal nachzufragen, wie es mit der Tattoo-Szene in der Türkei aussieht.


Can Gürgül arbeitet regelmäßig im Kasseler Studio von Jenny B.Seine Zeichnungen sind eine Mischung aus Neo-Traditional und Tausend und eine Nacht.
Can Gürgül arbeitet regelmäßig im Kasseler Studio von Jenny B., aber auch im Berliner Studio Bläckfisk. (r) Seine Zeichnungen und Tattoos wirken wie eine Mischung aus Neo-Traditional und Tausend und eine Nacht.


Du kommst aus Izmir, richtig? Hast du da ein eigenes Studio?
Genau, Izmir, im Westen der Türkei. Ja, ich hab ein eigenes Studio, es liegt etwas außerhalb, ich tätowiere da auch nur auf Termin, keine Walk-ins. Izmir liegt ja in direkter Nachbarschaft zu Griechenland, es kommen viele Griechen oder auch Italiener nach Izmir zum Einkaufen. Es ist eine sehr weltoffene Stadt, sehr liberal.

… mal mit Villen und Rosen gekrönte Wölfe. Von Pfeilen getroffene Tiere kommen in Cans Bildern häufiger vor, mal sind's Pferde …
Von Pfeilen getroffene Tiere kommen in Cans Bildern häufiger vor, mal sind's Pferde, mal mit Villen und Rosen gekrönte Wölfe.


Was wahrscheinlich für dich als Tätowierer ziemlich wichtig ist?
Oh ja, das ist wichtig, um sich zu entfalten. Selbst unser Premierminister nennt die Türken in Izmir »Fremde«, weil wir weltoffener sind als Menschen in Ankara oder Istanbul. Das ist etwas, was mich wirklich nervt in der Türkei. Hier in Deutschland fühle ich mich wohl, weil hier alle so freundlich und offen sind.

Wir hatten ja vor einiger Zeit auch über Tätowierer in Istanbul berichtet, die die Gezi-Park-Proteste unterstützen. Kann man in der Türkei überhaupt  als Tätowierer arbeiten, ohne politisch Stellung zu beziehen?
Nicht nur als Tätowierer, als Künstler generell braucht man Aufgeschlossenheit, Freiheit. Und da kann man einfach nicht die Augen verschließen vor dem, was zurzeit in der Türkei passiert. Aber das geht natürlich nicht nur Tätowierer und Künstler etwas an. Ich hab den Bericht über die Tätowierer vom Gezi-Park in eurem Magazin gesehen, das fand ich wirklich gut, ich kenne die ja auch. Und im Islam gelten Tattoos ja auch ohnehin als verboten.
 
 

Can lässt sich nich tin eine Schublade stecken. Sein Repertoire reicht von Gizmo- …… Comic-Affe …bis hin zum Hamburger-Tattoo.
Can lässt sich nich tin eine Schublade stecken. Sein Repertoire reicht von Gizmo über den New School-Comicaffen, bis hin zum Hamburger-Tattoo.


Steht das eigentlich wirklich irgendwo im Koran?
Nein, das ist ja der Irrsinn. Aber darin steht ja auch nichts von Turban oder Kopftuch oder anderen Sachen, das hat einfach jemand dazu erfunden oder reininterpretiert. Aber es gibt ja auch keine Malerei im Islam, das ist auch verboten. Die Idee dahinter ist, dass man etwas erschaffen würde, wenn man malt, aber der einzige Schöpfer ist Allah. Also gibt es keine bildhafte, darstellende Kunst, lediglich Mosaike oder so. Das heißt, wenn man Moslem ist, wird man schon allein aus dem Grund niemals Tätowierer werden.

Du bist ja auch an Hals und Händen tätowiert, das kannst du ja auch nicht verbergen. Ist das in Izmir okay?
Auch wenn Izmir liberaler ist, es ist immer noch Türkei. Hier in Kassel ist es kein Problem, da starrt mich niemand hasserfüllt an wegen meiner Tattoos. In der Türkei … also ich vermeide es, öffentliche Transportmittel zu nutzen.
 
Stechbrief
 
Neo-Traditional trifft’s wohl am besten, aber sogar japanische Stilelemente finden sich in dieser Zeichnung von Can. Can Gürgül ist 26 Jahre alt und wurde in Istanbul geboren. Im Alter von 15 zog er mit seiner Mutter nach Izmir: »Es liegt am Mittelmeer, es gibt Palmen und blauen Himmel – was will man mehr?«, schwärmt er von seinem Heimatort. Can tätowiert seit 2007, wobei er angibt, im ersten Jahr nur Mist auf seinen Beinen produziert zu haben. Seine Einflüsse stammen vor allem aus der sehr übersichtlichen türkischen Tattoo-Szene, von Künstlern wie Emre Cebeci und Danny Garcia. Inzwischen orientiert er sich auch an Tätowierern wie Eckel, Wendy Pham, Owen Williams oder Gregg Letron.
Er ist oft in Kassel bei Jenny B zu Gast, im September ist ein Guestspot bei Blackfisk Tattoo in Berlin geplant.
 
Wirklich?
Ja, erst letzte Woche stand in der Zeitung, dass ein Mann verprügelt wurde, weil er einen Ohrring trug. Im westlichen Teil der Türkei haben schon viele junge Menschen Tattoos, kleine Tattoos, das ist nichts Ungewöhnliches mehr. Modetattoos eben, kleine Schriftzüge – das wird akzeptiert – aber Tattoos am Hals? Da gilt man gleich als Krimineller.

Dann bekommst du sicher auch Negativreaktionen, wenn jemand mitkriegt, dass du Tätowierer bist?
Nein, in dem Fall bekommt man Respekt und Anerkennung. Wenn die Leute mitkriegen, dass man als Gasttätowierer sogar nach Deutschland oder Österreich eingeladen wird, dann sind sie beeindruckt. Also in Izmir. Im Osten – also ich glaub, da überlebt man nicht mit einem Tattoo. Da werden Leute zusammengeschlagen allein schon, weil sie während des Ramadans Kaugummi kauen oder rauchen.
Aber ich möchte nicht so klingen, als ob ich mein Land hasse. Es ist die Regierung, die so eine Atmosphäre, so ein engstirniges Klima schürt.

Aber das klingt ja nicht nach einem Umfeld, das einen dazu prädestiniert, Tätowierer zu werden?
Also es gab schon ein paar Tätowierer, und die fand ich als Jugendlicher ganz toll. Auch meine Lieblingsmusiker hatten Tattoos, also wollte ich natürlich auch ein Tattoo; da war ich 19 oder so. Als ich zu einem Tätowierer ging, um mir einfach zwei Schwalben stechen zu lassen, nannte der einen völlig absurden Preis, den ich mir einfach nicht leisten konnte. Und so toll sahen seine Arbeiten eigentlich nicht aus. Und da hab ich mir gesagt: Zeichnen kann ich ja selbst, mein Vater war Maler, ich hab an der Uni Grafik-Design studiert … so schwer kann das ja nicht sein! Also besorgte ich mir eine Tattoomaschine und verhunzte mir damit die Beine, dann versaute ich einigen meiner besten Freunde die Arme und beschloss dann, dass ich das wirklich lernen musste. Das war vor ungefähr zehn Jahren. Aber am Anfang wusste ich noch nicht mal, wie man eine Maschine zusammenbaut, ich musste mir alles selbst beibringen. Als meine Maschine ankam, hatte ich keine Ahnung, wie ich das Griffstück dranbauen musste, wo die Nadel reinkam oder wie weit sie rausstehen durfte … Die ersten Lines, die ich auf meinem Bein zog, sind einen halben Zentimeter breit!

Realistisch tätowierte Katze im Oldschool-Rahmen.Gewagte Kombination: Der zweiköpfiger Habicht mit dem allseits sehenden Auge.Der Trend zu Rotwild als Tattoo-Vorlage hat inzwischen auch Izmir erreicht.
(l) Der Trend zu Rotwild als Tattoo-Vorlage hat inzwischen auch Izmir erreicht. (r) Gewagte Kombination: Der zweiköpfiger Habicht mit dem allseits sehenden Auge. (r) Realistisch tätowierte Katze im Oldschool-Rahmen.


Gab es einen Zeitpunkt, wo sich das gewandelt hat, an dem du gemerkt hast, dass du endlich auf dem richtigen Weg bist?
Es gab mehrere Momente, in denen ich dachte: Ja, jetzt, das ist es! Aber das war es nicht, es war immer noch Mist. Erst jetzt, so seit ein paar Monaten, denke ich, dass ich auf dem richtigen Weg bin, meinen Stil gefunden habe und coole Zeichnungen mache. Aber man muss ständig an sich arbeiten. Am Anfang vergleichst du dich mit anderen Anfängern, später mit anderen Mittelklasse-Tätowierern. Irgendwann kommt man dann an den Punkt, wo man sich die Arbeiten der wirklich guten Künstler anschaut, um sich über die Schwachpunkte der eigenen Arbeiten bewusst zu werden. Man muss da auch sein Ego unter Kontrolle haben. Wenn du jemandem ein schönes Tattoo machst, freut der sich natürlich, bedankt sich überschwänglich und feiert dich wie einen Rockstar – klar, dass man da irgendwann leicht denken kann: Hey, ich bin ein Rockstar! Das geht ganz schnell.
Aber man muss sich immer neue Ziele stecken, auf die man hinarbeiten kann; inzwischen habe ich mir Owen Williams aus Australien zum Vorbild genommen. So habe ich mir immer Ziele gesteckt, und wenn ich sie erreicht habe, hab ich mir neue Ziele vorgenommen. Wenn du mit dir zufrieden bist, arbeitest du nicht mehr an dir. Zum Beispiel gibt es Tätowierer, die jeden Tag neue Bilder hochladen; ich mach das nicht und fühle mich deshalb ganz faul!

Typisch deutsch: Maggie-Flasche.Trend-Motiv mit  Ambitionen zum Klassiker.Eulen- und Spiegelmotiv kann man sich auch in 20 Jahren noch anschauen.
Klassiker der hiesigen Küche und Tierwelt.


Was du machst geht ja am ehesten in Richtung Traditional; war dir das von Anfang an klar, dass du das machen willst, oder war das mehr eine Entwicklung?
Ich denke, das hat sich so entwickelt. Und zu der Zeit, als ich begann, mich fürs Tätowieren zu interessieren, gab es hauptsächlich Oldschool-Tätowierer. Zudem hatte ich im Rahmen meines Studiums so viel realistische Sachen gezeichnet, dass mich das inzwischen auch langweilte. Oldschool-Flashes sind zudem auch ein einfacherer Einstieg ins Tätowieren. Aber inzwischen bin ich wohl eher bei Neo-Traditional angekommen. Mein Stil hat Elemente von Realistic, aber auch von Oldschool. Aber Oldschool macht schon das Zentrum des Tätowierens für mich aus.

Wie bist du eigentlich nun hier bei Jenny B gelandet? Du bist ja inzwischen ziemlich oft hier.
Das ist ’ne witzige Geschichte. Ich weiß gar nicht mehr, wie der erste Kontakt zustande kam. Aber ich war gerade als Gasttätowierer auf Tour und als ich in Österreich war, sagte im Studio dort ein Bekannter zu mir: »Hey, ich hab gehört, du gehst als nächstes nach Kassel, zu Jenny B – geh da bloß nicht hin, das ist ein stinklangweiliger Laden voller radikaler, veganer, männerhassender Lesben! Das wird die Hölle für dich!« Und ich dachte, um Himmels willen! Also überlegte ich mir eine Entschuldigung und sagte hier sofort ab. Aber sie haben hier dann meine Termine nur verschoben, und einen Monat später musste ich herkommen. Und jeder hier ist einfach nur total klasse, nett und freundlich! Von dem Moment an, als ich den Laden betrat, war jeder hier so gastfreundlich! Ich liebe das ganze Team! Ich fühle mich hier so wohl.
 
 
Kontak
 
Zeichnung Can GürgülCan Gürgül

Bear Boss Tattoo
Narlıdere, Izmir, TR

Regelmäßig zu Gast im Jenny B’s Tattoo
Friedrich-Ebert-Str. 96
34119 Kassel
0561 . 602 90 727

www.cangurgul.com
tekdamla@gmail.com
www.facebook.com/bearbosstattoo

Tut dir diese Umgebung auch in deiner Entwicklung als Künstler gut?
Ja, das denke ich schon. Allein schon die Stadt, die Architektur; während wir hier sitzen und ich nur aus dem Fenster schaue, bekomme ich schon wieder Inspiration. Siehst du da dieses Sandsteinhaus, mit den Skulpturen an der Fassade? Die Stadt füttert einen regelrecht mit Ideen! So ging es mir auch in Amsterdam, ich hab die ganze Zeit gezeichnet. Und mit tollen Leuten, netten Kollegen zu arbeiten, das macht mich echt zum Workaholic. Ich bin sonst nicht so, aber hier kann ich zwölf Stunden am Stück durcharbeiten, ohne Pause! Zuhause ist das nicht so.

Dann willst du vielleicht irgendwann für immer hier bleiben?
Das ging mir schon durch den Kopf … Warum nicht? Wer weiß!



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