Drei zu eins: Graphic-Style

26.01.2018  |  Text: Heide Heim  |   Bilder: Aga Kura, Caro Walch, Marta Lipinski
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Drei zu eins: Graphic-Style
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Was ist Graphic-Style? Drei Tätowierer, nämlich Aga Kura, Caro Walch und Marta Lipinski, erklären ihre Interpretation des Graphic-Styles.
Was ist Graphic-Style? Der Mix aus geometrischen Formen wie Vierecken, Rechtecken, Kreisen, Romben und Linien kombiniert mit organischen Elementen ist eine stilistische Entwicklung, die Mitte der 2000er Jahre vorangetrieben wurde. Tätowierer aus dem frankobelgischen Raum wie Yann (Lille, Paris, Brüssel), Lionel Fahy (Paris) und Xoïl (Thonon-les-Bains) begannen Mitte der 2000er Jahre mit formreduzierten Tätowierungen zu experimentieren, teilweise als reine geometrische Abstraktion, vor allem aber auch in Verbindung mit organischen Strukturen, und erregten große Aufmerksamkeit mit diesem dekorativen Stil. In Deutschland wurde der grafische Stil vor allem durch den Berliner Tätowierer Valentin Hirsch populär. Der Erfolg seiner Designs setzte eine regelrechte Bewegung in Gang und katapultierte den Graphic-Style vor drei bis vier Jahren in den Fokus vieler Tattoofans – fürderhin verzierten Romben, Kreise und Dreiecke gefühlt jedes zweite Tierporträt. Vor allem wurden und werden sie als rein in Schwarz ausgeführte Tätowierungen und in Verbindung mit Dotwork gestochen. 
Die Platzierung nicht-organischer Bildelemente auf dem Körper, also von Formen, die im mathematisch-technischen Bereich verortet sind, kann rein dekorativen Charakter haben, aber auch im spannungsvollen Kontrast zur Körperform und organischem Bildelement stehen. 
Rein auf geometrischen Formen basierende Tätowierungen als konsequente Weiterentwicklung sieht man in Deutschland (noch) selten.




Aga Kura (34)

tätowiert seit zwei Jahren mit anderen Kunstschaffenden im Kollektiv Liga Tattoos und beschäftigt sich auch mit Musik, Mode, Videos und Grafik-Design. Ihre Tattoodesigns setzt sie zumeist aus wellenförmigen Linien und geometrischen Formen zusammen. Und erzählt mit diesen minimalistischen Kompositionen kleine Geschichten. Bereits während ihres Studiums auf der Academy of Fine Arts in Lodz beschäftigte sie sich schwerpunktmäßig mit Reduktion und Minimalismus. »Ich komme künstlerisch aus dieser Bewegung und habe diese Einflüsse auf meine Tätowierungen übertragen. Das seltsame ist doch, das die Designs auf Papier eher tot wirken, aber als Tattoo lebendig werden«, erklärt Aga ihre Faszination. 



Dabei arbeitet Aga zum einen mit eindimensionalen Grundformen wie Kreisen, Vierecken, Dreiecken, kombiniert diese mit Strichen und ordnet alles so geschickt an, dass die Motive kleine Geschichten erzählen. Ein anderer Trick ist die Verwendung von Wellenlinien, die optisch eine dreidimensionale Wirkung haben. 
Agas Tattoos wirken durch die Reduktion von Form und Farbe sehr leicht, verstärkt wird dieser Eindruck dadurch, dass sie abgesehen von Linien Schwarz nur auf kleineren Flächen einsetzt oder auch Dunkelheit und Schatten als Dotwork gestaltet. Farbe verwendet die Tätowiererin nur, um damit Akzente zu setzen.



»Wichtig bei geometrischen Tätowierungen ist die richtige Wahl der Körperstelle, die den Tätowierungen Raum zur Wirkung gibt. Solitär gestellt wirken sie meist besser, als wenn sie mit anderen Tätowierungen in der direkten Umgebung konkurrieren müssen. Auch sollte eine Körperstelle gewählt werden, wo die Bewegung der Muskeln die Haut nicht zu stark verändert. Vor allem Kreise sehen ansonsten schnell wie Eier aus.« Neben der Platzierung und der für die Körperstelle passenden Größe des Motivs ist für die Wirkung die Präzision in der Umsetzung sehr wichtig.



»Ein Teil meiner Kunden wählt ein Motiv aus meinem Vorlagenalbum aus. Ich lasse mich dafür von vielen Dingen inspirieren wie beispielsweise auch von elektronischer Musik. Wenn ich die höre, dann visualisieren sich in meinem Kopf Bilder, die ich dann auf Papier umsetze. Genauso gerne arbeite ich aber auch mit dem Kunden zusammen und ich versuche dann, dessen Idee eine Form zu geben.«

Liga Tattoos
Karl-Kunger-Str. 25
12435 Berlin 
www.agakuratattoo.com
akura.tattoo@gmail.com




Caro Walch

Die Tätowiererin Caro Walch (35) betreibt seit 2014 ihr Studio The Magic Society in Pforzheim. Sie hat einen Abschluss in Grafikdesign und beschäftigte sich mit Comics. Sie packt ganze Landschaften in Rauten, Dreiecke oder Kreise und gibt den Motiven einen Rahmen – der auf den zweiten Blick dank Dotwork so streng gar nicht ist.
»Mich spricht die Kombination von organischen und geometrischen Elementen an, die in einem starken Kontrast zueinander stehen«, erklärt Caro ihre Variation des geometrischen Stils. Dass sie ein abgeschlossenes Grafikdesign-Studium vorweisen kann und sich auch intensiv mit Comics beschäftigt hat, sind Erklärungsansätze für ihre Designs. 



»Ich steche nicht ausschließlich Tätowierungen in diesem Stil, der vor allem in den letzten beiden Jahren verstärkt nachgefragt wurde, aber ich mache das ganz gerne. Häufig setze ich geometrische Formen wie einen Rahmen um organische Bildelemente. Damit bekommen die Motive einen klaren Cut, sind in sich abgeschlossene Bilder, was mir persönlich besser gefällt, als wenn ein Tattoomotiv keinen Abschluss hat.« 
Bei der Arbeit mit geometrischen Elementen verweist die Tätowiererin auf Probleme, die geometrische Grundformen mit sich bringen. »Das Wichtigste ist in meinen Augen die Platzierung. Körperstellen, wo sich die Haut mit der Bewegung des Körpers krass verzerrt, eignen sich nicht. Und manche Körperstellen lassen sich auch sehr schwierig tätowieren wie beispielsweise die Rippen, die durch die Atmung in einer ständigen Auf- und Abbewegung sind und es schwer machen, wirklich gerade Linien zu ziehen. Auch wirken für mich geometrische Muster besonders gut an Körperstellen, die eine natürliche Mittelachse haben. Mittig auf dem oberen Rücken platziert spiegelt das Tattoo die Symmetrie des Körpers. So platziert wird es dann jedoch nicht einfach, mehrere Einzelbilder miteinander zu kombinieren, es ist auf alle Fälle schwieriger als bei nicht-geometrischen Bildern, denn die Grundformen müssen miteinander in eine harmonische Beziehung treten, etwa parallel zueinander verlaufen. Als Kunde sollte man den womöglich begrenzten Spielraum für eine Erweiterung im Hinterkopf haben.«



Im Kontrast zu den strengen Formen des Rahmens steht ihr »Innenleben«, bei den motivisch-organischen Elementen arbeitet Caro gerne mit Dotwork, zum Teil auch mit Whipshadings. »Die Wirkung von Dotwork erinnert mich an die Rasterfolie, die man beim Zeichnen von Mangas verwendet. Ich gestalte mit Dotwork gerne Strukturen und Oberflächen und manchmal auch die geometrische Form an sich.« Die scheinbar wahllos verteilten Punkte – im Gegensatz zu einer durchgezogenen Linie – schwächen die strenge Wirkung der geometrischen Form ab und verbinden die unterschiedlichen Elemente des Tattoos zu einem harmonischen Miteinander. 
Die Verbindung von geometrischen Formen und Gegenständlichem ist sicherlich die zurzeit populärste Variante des Geometric-Stils.



The Magic Society Tattoo
Hammerstraße 9
75175 Pforzheim
facebook.com/themagicsocietytattoo
www.themagicsociety.com
instagram.com/carowalchtattoo

 



Marta Lipinski

Die gebürtige Ukrainerin Marta LIpinski (30) ist in Leipzig aufgewachsen. Sie tätowiert seit sieben Jahren und ist Inhaberin des The Dead Romanoff Tattoo. Mit ihren Motiven setzt sie persönliche Erlebnisse und Motivbedeutung in eine geometrische Formensprache um. In Kombination mit Gegenständlichem hat sie eine sehr eigene Bildsprache für ihre Tätowierungen entwickelt.



Auffällig ist, dass Kreise, Dreiecke und Linien einen wesentlichen Anteil an der Komposition der Motive haben. Diese Gewichtung hin zu den geometrischen Anteilen und Linien rührt daher, dass diese bei ihr keine rein ästhetische Funktion haben, sondern einen wesentlichen Teil der Bedeutung verkörpern, die in der Tätowierung liegt. »Was mir in den letzten Jahren immer wichtiger wurde, ist die Zusammenarbeit mit dem Kunden. Ich versuche in meinem Stil eine Bildsprache zu finden, um damit die Geschichten des Kunden auszudrücken. Deren Themen sind keine anderen als die von anderen Tätowierern, es geht um Verlust, Erinnerung, familiäre Verbindungen …, nur tätowiere ich eben nicht plakativ die Namen der Kinder, sondern versuche das Thema auch über geometrische Formen im Motiv darzustellen, also eher über Symbolik«, erklärt Marta. Ein Kreis ist für sie nicht eine geometrische Figur, bei der alle Punkte den gleichen Abstand zum Mittelpunkt haben, sondern sie schreibt ihm verschiedene Adjektive zu: schützend, abgeschlossen, unendlich, vollkommen …


  
Dass das für Außenstehende nicht lesbar ist, empfinden ihre Kunden womöglich als Vorteil, für die Tätowiererin heißt das aber auch, dass sie bei der Komposition und Platzierung auf die »kleidende« Wirkung des Tattoos große Sorgfalt legen muss. »Um die Motive auf der Haut zur Geltung zu bringen, betrachte ich die Körperstelle wie eine Leinwand und greife auch auf Grundprinzipien der Bildenden Kunst zurück. Die Einhaltung des Goldenen Schnitts beispielsweise empfindet der Betrachter als harmonisch, oder ich arbeite mit dem Wissen, wie wir Menschen Bilder erfassen – unser Blick geht nämlich von unten links nach oben rechts und von da weiter nach links oben und so weiter. Solche Dinge, die ich aus der Kunstbetrachtung gelernt habe, wende ich auch auf Tattoos an.« 



Das Ergebnis ihrer überwiegend auf Linien basierenden Tätowierungen sind zarte, überwiegend mit Schwarz tätowierte Bildkompositionen, mit Farbe setzt sie lediglich Akzente. »Ihre Wirkung entfalten die Tattoos auf dem Körper der Menschen, die sie tragen, also eher aus der Entfernung.«

Dead Romanoff Tattoos
Privatstudio, Leipzig
IG: martalipinski
FB: Dead Romanoff Tattoos
deadromanofftattoos@gmx.de
deadromanoff@gmail.com

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Stand:18 August 2018 14:39:49/t%C3%A4towierer/was+ist+graphic-style+drei+taetowierer+erklaeren_171213.html