Tätowierer Snüden aus dem Monkey Business

20.05.2018  |  Text: Heide Heim  |   Bilder: Heide Heim, Snüden
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Tätowierer Snüden aus dem Monkey Business
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Snüden vom Monkey Business Tattooing in der fränkischen Stadt Forchheim tätowiert sowohl westlich-traditonelle Tätowierungen als auch klassisch-japanische. Spannend und abgedreht wird es, wenn er motivische und stilistische Grenzen überschreitet und wie Frankenstein zum Schöpfer neuer, wilder Kreaturen wird
Es gibt Tattoos, die sind einfach catchy, durch ihre Klarheit nehmen sie den Betrachter sofort für sich ein. Sie sind »tight«, wie man im Amerikanischen sagen würde. Und dann gibt es die anderen, die man anschaut und in die man regelrecht versinkt, weil sie motivisch so bizarr sind, durchgedreht und schräg, und es schaffen, das Interesse des Betrachters auf sich zu ziehen. So wie die von Snüden vom Monkey Business in Forchheim. Neben seinen klassisch anmutenden Asiatätowierungen spielt er mit dem Repertoire der westlichen Bildsprache und kreiert Tätowierungen, die man als »loose« bezeichnen würde: stilistisch bricht er mit schablonenhaften Umsetzungen von Motiven und setzt sie in einer sehr freien Art um, ohne dabei die Lesbarkeit des Motivs zu ignorieren.

Bis unter die Decke sind die Wände des Monkey-Business-Studios mit Bildern und Zeichnungen dekoriert. Wirklich selten sieht man jedoch heute den Arbeitstisch, auf dem die Maschinen repariert bzw. eingestellt werden

Snüden, Jahrgang 1975, stellt das dar, was man einen waschechten Franken nennt. In der hinteren Ecke seines Studios hat er seinen Arbeitsbereich eingerichtet. Das sei auch gut so, so bekomme er die Kundengespräche nicht mit. »Ich bin nicht als der Netteste bekannt«, behauptet er von sich selbst, »aber ich bin schon ruhiger geworden. Nicht jeder kann damit umgehen, wenn man wie ich das Herz auf der Zunge trägt und keinen Hehl daraus macht, was man denkt.«

Die Kunden scheint es offensichtlich nicht zu stören und kommen auch mehr als einmal, was an seinen zahlreichen, meist über mehrere Sitzungen gehenden großflächigen Tätowierungen abzulesen ist. Viele seien Stammkunden und bei manchen kämen mittlerweile deren Kinder. Für mehrere Monate ausgebucht ist er sowieso.

Bis unter die Decke sind die Wände des Monkey-Business-Studios mit Bildern und Zeichnungen dekoriert. Wirklich selten sieht man jedoch heute den Arbeitstisch, auf dem die Maschinen repariert bzw. eingestellt werden

Mit dem Tätowieren angefangen hat Snüden 1996, er lernte und arbeitete in Hassfurt, bis er im Jahr 1998  sein eigenes Studio in Forchheim eröffnete und im Jahr 2006 gemeinsam mit Ralf »Osti« Ostermöller das Monkey Business Tattooing. Der Studioname ist sowohl eine Hommage an die Komikertruppe »Marx Brothers«, deren dritter Film »Die Marx Brothers auf See« im Original »Monkey Business« heißt, als auch ein selbstironischer Blick auf die Tattooszene: US-umgangssprachlich steht Monkey Business für »Unfug, mit dem man seine Zeit verschwendet«. Und dass die Szene damals wie heute auch was von einem Affentheater hat, ist schwerlich von der Hand zu weisen. Mit Snüden und Osti waren in Forchheim zwei Typen am Start, die das Tätowieren selbst sehr ernst nahmen und angetreten sind, in ihrem gemeinsamen Studio qualitativ hochwertige Customtattoos abzuliefern.  Als Osti 2009 ausstieg, führte Snüden das Studio alleine weiter, aber noch heute kommt Osti regelmäßig zu Guestspots in seine Heimat.

Nach Ostis Weggang entwickelt Snüden einen veränderten Zugang zum Tätowieren – wobei beides nichts miteinander zu tun hat. Ihm wird klar, dass er, wenn er sich weiterentwickeln will, mehr Zeit investieren, stärker in die Tattoowelt eindringen und sich mit der Arbeit viel stärker auseinander setzten muss, als er das bislang getan hatte.

Dass er auch«straight« kann, zeigt die Perlentaucherin Tamatore Hime  rechts oben

Mit der beruflichen Neuausrichtung ging auch seine Veränderung in der Lebensführung einher. Wenn man über zig Jahre als Tätowierer stundenlang mit der Tätowiermaschine in der Hand und gebeugtem Oberkörper über einem Kunden sitzt, muss man auch Zeit in seine Gesundheit investieren, um die typische  Berufskrankheit »Rücken« in den Griff zu bekommen. Snüden fand eine Lösung in Yoga, zudem praktiziert er seit Jahren den Kampfsport Mixed Martial Arts.

Dass dieses »mehr an Zeit für die Arbeit« auch mit Familie funktionieren kann – mittlerweile hat er vier Kinder und eine Enkelin –  lebte ihm der US-amerikanische Tätowierer Jason Kundell aus Portland vor, von dem sich Snüden den Rücken tätowieren ließ. Dessen Arbeitsethos, sich zu fokussieren, Sport zu treiben und daneben auch nicht die Familie zu vernachlässigen, hat ihn stark beeindruckt. »Wenn du jeden Tag über einen längeren Zeitraum vernünftige Tätowierungen machen willst, dann musst du straight sein«, ist er überzeugt. »Es war eine bewusste Entscheidung, dass ich mir für meine Arbeit mehr Zeit nehme, mich auf die Termine über mehrere Tage vorbereite und auch noch den zeitlichen Spielraum habe, die Zeichnung zwei, drei Tage liegen zu lassen und dann daran weiterarbeiten. Nur so wird die Arbeit besser, siehst du die Verbesserungsmöglichkeiten. Prinzipiell ist man ja ständig unzufrieden mit seiner Arbeit, das ist eigentlich ganz normal. Wenn du stagnierst, bist du wahrscheinlich tot.«

Spinnen und Tausendfüßer sind häufig Ausgangspunkt von Snüdens irrwitzigen Motive. Im »Battle Royal« (unten) lässt er den Tausendfüßer sogar gegen eine Ratte antreten

Diese Haltung hatte nicht nur zum einen Auswirkung auf sein persönliches Wohlbefinden, sondern auch auf seine Tätowierungen. Diese veränderten sich, ab den Jahren 2011, 2012 konnte man auch als Außenstehender deutlich erkennen, dass seine Arbeiten ernsthafter wurden, die großflächigen Konzepte stimmig gezeichnet waren und vor allem immer deutlicher seine eigene Handschrift trugen.

Neben der Auseinandersetzung mit japanischen Tätowierungen – vor allem über Literatur, im letzten Jahr auch noch durch eine Reise nach Japan – ist seine Bildsprache auch stark von westlichen Motiven geprägt, von der Neukombination klassischer Ikonografie, vor allem aber von der Verschmelzung zweier Motive zu einem. Die sogenannten Morph-Tätowierungen, mit denen Ed Hardy Anfang der 90er Jahre spielte, hat Snüden für sich weiterentwickelt und kombiniert sie sowohl mit westlichen als auch asiatischen Bild- und Stilelementen.

Typisch für Snüdens Stil ist die eckige Linienführung, insbesondere bei eigentlich fließenden Gewändern der Motivgestalten. Dieses Stilelement setzt er sowohl in westlichen als auch japanischen Motiven ein, wie bei der Oni-Tätowierung oben und den beiden Sensenmännern unten. Aber so richtig trennen lässt sich westliches und japanisches Bildgut bei ihm sowieso nicht.

Wenn man ihn selbst seinen Stil erklären lässt, klingt alles recht profan: »Meine Tattoos sind traditionell vom Aufbau, mit sauberen Linien und viel Schwarz. Bei Asia weniger Schwarz im Motiv, dafür mehr im Hintergrund. Ich bediene mich der kompletten Bildsprache, die das Tätowieren zur Verfügung stellt.« Was natürlich stimmt, aber nicht dem sehr eigenen Charakter seiner Arbeiten gerecht wird.

Auffällig ist, dass er mit einer sehr reduzierten Farbpalette auskommt: Viel Schwarz plus eine das Motiv tragende beziehungsweise den Hintergrund gestaltende Farbe stellen das Grundgerüst, falls erforderlich, setzt er Details noch farblich ab. Um Schattierungen nicht zu harmonisch und womöglich langweilig wirken zu lassen, »stippelt« er gerne. Die von russischen Knasttattos abgeschaute Technik setzt er mit einer langsam laufenden Rotary-Maschine um und erzielt damit Schatten, die weniger deckend sind und eine interessante Struktur aufzeigen, die den abgedrehten Charakter seiner Motive unterstreichen.

Typisch ist auch ein mehr oder weniger kantiges Linework. Das geht soweit, dass beispielsweise die Falten des Umhangs eines Sensenmanns wie gefaltet erscheinen. Die Wirkung auf den Betrachter ist verblüffend: Die dargestellte Figur erscheint durch die bewusste unrealistische Darstellung des eigentlich fließenden Stoffes noch abgekehrter und unheimlicher.

 Spinnen und Tausendfüßer sind häufig Ausgangspunkt von Snüdens irrwitzigen Motive. Im »Battle Royal« (unten) lässt er den Tausendfüßer sogar gegen eine Ratte antreten

Natürlich kennt Snüden seine Referenzen und behauptet nicht, dass er Erfinder bestimmter Stilelemente sei, mit denen er arbeitet. Neben dem bereits angesprochenen Einfluss von Ed Hardys Morph-Tätowierungen ließ er sich beispielsweise auch von Horitomo und dessen Monmon-Cats inspirieren. Nicht, dass er dessen Katzenmotive übernommen hätte, aber die Projektion eines figürlichen Bildelements auf ein anderes und deren gegenseitige Interaktion inspirierten den Franken.

Eine regelrechte Sogwirkung entfalten seine Morph-Tattoos, wenn er den Abstraktionsgrad der Bildelemente erhöht und sich beispielsweise eine Krabbe symbiotisch mit einem Totenschädel vereint oder der Körper einer Spinne zur Gorillafratze mutiert. All diese Abgedrehtheiten zeugen von einem geradezu frankensteinschen Schaffensdrang und geben eine Idee von abenteuerlichen Möglichkeiten, die die Tätowierkunst nach wie vor zur Verfügung stellt und die noch lange nicht ausgereizt scheinen.

Typisch für Snüdens Stil ist die eckige Linienführung, insbesondere bei eigentlich fließenden Gewändern der Motivgestalten. Dieses Stilelement setzt er sowohl in westlichen als auch japanischen Motiven ein, wie bei der Oni-Tätowierung oben und den beiden Sensenmännern unten. Aber so richtig trennen lässt sich westliches und japanisches Bildgut bei ihm sowieso nicht.

Die typischen, eher eckigen Outlines, mit den Snüden arbeitet, finden sich auch bei Arbeiten von Mike Rubendall und spätestens seit dem Erscheinen des Buches ›Afterlife‹ (2017), in dem die Kunst hinter den Tätowierungen von Grime und Chris O’Donnell behandelt wird, ist klar, dass Entwicklungen auch parallel verlaufen können. Den Ursprung dieses Stilelements der harten Ecken verortet er in den japanischen Tuschzeichnungen. Durch das schnelle Malen mit dem Pinsel auf Reispapier entstehe dieser Effekt ganz natürlich, so Snüden, beim Tätowieren forciere man das, um die Pinselstruktur herauszuarbeiten.

»Handsnake« nennt Snüden diese Zeichnung. Die fließende Überblendung zweier Motive in ein Neues, die sogenannten Morph-Tattoos, haben ihren Ursprung bei Ed Hardy, der bereits Anfang der 90er Jahre entsprechende Motive zeichnete. Snüden reizt mit seinen Kreaturen in frankensteinscher Manier das Thema noch weiter aus

Dass nicht jeder Kunde mit dem Motiv »Tausendfüßer mit Schädel« aus dem Studio geht, kann man erwarten. Es sind aber verdammt viele, die zu Snüden kommen und sich diesen Irrsinn tätowieren lassen. Prinzipiell versteht er sich jedoch als Dienstleister. So finden sich in seinem Portfolio Fotos von Biomechaniktattoos bis hin zu Tätowierungen in Holzdruckoptik. »Den Motivwunsch der Kunden setze ich schon um, bis auf Farbrealismus, das mache ich nicht. Wenn ein Kunde einen Drachen will, dann bekommt er einen, aber eben so, wie ich ihn gerade male, und das hängt davon ab, in welcher Phase ich mich gerade befinde. Ich kann ja nur mein Zeug, das bin ja ich!«

Von einer breiteren stilistischen Vielfalt im Studio profitieren die Kunden von den aktuellen personellen Veränderung im Monkey Business. Traditional-Tätowiererin Imme Böhme vom Aachener Studio The Sinner and The Saint ist mittlerweile jeden Monat für eine Woche zu Gast und der Asiaspezialist Henning Forster, der bisher in der White Fox Gallery in Braunschweig arbeitete, hat seinen Lebens- und Arbeitsmittelpunkt seit April permanent nach Franken verlegt. »Das ist ein super Team«, freut sich Snüden, »jeder hat seinen eigenen Stil und trotzdem hat jeder dem anderen was anzubieten! Der Spagat zwischen Privatstudio und Streetshop ist damit auch eher zu machen.«

Kunstwerke auf der Haut – Kunstwerke an der Wand.

Kontakt
Snüden
Monkey Business
Sattlertorstraße 36
91301 Forchheim
www.monkeybusinesstattooing.com
www.snueden.com
FB: MonkeyBusinessTattooing
IG: snueden

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Stand:21 July 2018 02:24:33/t%C3%A4towierer/taetowierer+snueden+aus+dem+monkey+business_18411.html