Single-Needle Tattoos von Christian Weber

24.08.2018  |  Text: Heide Heim  |   Bilder: Tobias Kircher
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Single-Needle Tattoos von Christian Weber
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Mit der Single-Needle-Technik setzt der Mannheimer Tätowierer Christian Weber seine oftmals düsteren und detailreichen Zeichnungen um. Zur Gestaltung der Oberflächen experimentiert er zurzeit mit Strukturen, die an gezüchtete Zellkulturen erinnern


Besuch in Christian Webers Altbauwohnung in Mannheim Neckarstadt-West, unweit des Studios Tragic Kingdom Tattoo, das er seit fast drei Jahren mit seinen Kollegen Jasmin Ballin und Oliver Heublein betreibt. Eine Homestory, die ganz ohne gewachstes Stabparkett als Fußbodenbelag auskommt, ohne Stuck an den Zimmerdecken, ohne Mobiliar, das der Interieurempfehlung eines Living-Influencers entsprechen könnte. Bei Christian gibt es keine Trennung in Funktionsbereiche wie Kochen, Wohnen und Schlafen, der Gebrauchswert der Wohnung wird definiert durch Leinwände, Farbbecher und Pinsel. Die letzten Nächte habe er versucht eine Technik zu entwickeln, um Zell- oder Tröpfchenstrukturen auf die Leinwand zu bringen, ohne jedes Detail einzeln mit dem Pinsel malen zu müssen. Und schon sind wir bei seinen Tätowierungen, genauer gesagt bei jenen Struktureffekten, mit denen er seit gut vier Monaten bei seinen Tätowierungen experimentiert. Auf der Leinwand arbeitet er damit schon viel länger.

Kein anderer Tätowierer arbeitet zurzeit so konsequent mit Weißdots als Stilmittel




Je nach Motiv wirken diese mit Weiß gefüllten Punkte wie Zellkolonien in der Petrischale, wie Schnee auf dem Fell eines Tieres, wie ein mit Wassertropfen benetztes Gefieder. »Das ist das Faszinierende an diesen Zellstrukturen, abhängig vom Motiv wecken sie beim Betrachter ganz unterschiedliche Assoziationen«, erklärt Christian Weber die Reaktion darauf. »Bei einem Dämonenmotiv interpretierten die Betrachter die Strukturen zum Beispiel als ekelhaften Ausschlag«, freut er sich. 



Kein anderer Tätowierer arbeitet zurzeit so konsequent mit Weißdots, und zwar als Stilmittel und nicht nur, um damit Highlights beispielsweise in die Augen eines Porträts zu setzen. »Das sieht abgeheilt wirklich geil aus.« Auch nutzt er Weiß einfach handwerklich als »Sperre« neben Linien, um deren Auseinanderlaufen zu verhindern. 


Tätowieren ist ein Grenzgang zwischen »etwas für die Ewigkeit machen« und der kreativen Entfaltung


Die Arbeit mit Single Needles setzt ein hohes Maß an Akribie und Hingabe voraus, geradezu eine Detailversessenheit und auch viel Feingefühl beim Tätowieren, da die Nadeln »wie bei Butter« in die Haut gehen. »Anfangs habe ich mit Dotshades gearbeitet. Die dafür gebräuchlichen Standardnadeln sind aber zu groß, in meinen Augen werden die Punkte mit den Jahren zu fett. Beim Tätowieren mit Single Needles habe ich von der Körnung die richtige Größe. Das ist vergleichbar mit der Verwendung eines grobkörnigen Films in der analogen Fotografie. Ich mag auch die grobpixeligen Bilder einer Camera obscura. Auch arbeite ich fast ausschließlich mit Schwarz und bedaure es, wenn ich Greywash verwende. Um vorhersagen zu können, wie ein Grauton abheilt, braucht es sehr viel Erfahrung. Ich bewundere Realistic-Tätowierer, die das richtig draufhaben. Ziel ist es natürlich, dass man handwerklich alles umsetzen kann, was man will. Tatsächlich ist Tätowieren ein Grenzgang zwischen etwas für die Ewigkeit zu machen und der kreativen Entfaltung.« Er weiß darum, dass die Haut als Organ eine andere Vorgehensweise erfordert als die Arbeit auf Papier. Traditionals nach der »Bold will hold«-Doktrin zu stechen wäre für ihn aber nicht der richtige Weg gewesen, damit hätte er den kreativen Teil in sich verleugnen müssen. 



Dass er Tätowierer wurde und diese Arbeit mit einer so großen Leidenschaft ausüben wird, war nicht vorbestimmt. Eher ging ein langer Weg des Suchens, der Irrungen und Wirrungen voraus. »Nach der Realschule fing ich eine Schreinerlehre an. So eine Ausbildung haben damals so ziemlich alle angefangen, die wie ich Graffiti gemacht haben, aber ohne Abi kein Kunststudium machen konnten. In einer Zeit absoluter Orientierungslosigkeit bin ich sogar auf eine Sportakademie gegangen. Da waren dann die Fußballer, die Leichtathleten und ich, der Skater. Man kann sich gut vorstellen, wie das gelaufen ist.« Ein freiwilliges soziales Jahr, diverse Jobs und Absagen auf Bewerbungen zum Bühnenmaler führten ihn nach Berlin-Weißensee, wo er sich für das Studium Bühnenbild bewarb und auch genommen wurde. Ohne Abitur, was eigentlich eine Voraussetzung war. Dass das geklappt hat, darauf ist er nach wie vor stolz. Vor circa sechs Jahren ging er mit dem Entschluss zurück nach Mannheim, um bei der Tätowiererin Jasmin Ballin und bei Oliver Heublein das Tätowieren zu lernen. »Jasmin fand das nicht so gut, dass ich mit dem Tätowieren anfangen will. Wenn man Tätowierer ist, dreht sich das ganze Leben nur noch ums Tätowieren. Ab dem Zeitpunkt hat sie mich nur noch von hinten gesehen, weil ich ständig am Schreibtisch gesessen und gezeichnet habe.« 



Von Anfang an hat er nur seine eigenen Entwürfe tätowiert, andere Sachen konsequent abgelehnt. Vor allem, weil er die Kontrolle über seine Arbeiten behalten wollte. »Ich hab zu Beginn so beschissen tätowiert, wie das Anfänger eben tun. Wenn man etwas selbst gezeichnet hat, und meine Vorlagen hab ich wirklich tagelang sehr detailliert ausgearbeitet, kann man sich auf das Tätowieren konzentrieren. Die meiste Zeit ging für Vorbereitungen drauf, ich habe nur ein bis zwei Tattoos in der Woche gestochen. Der Nachteil war, dass ich nur wenig tätowierte und damit viel länger brauchte, um besser zu werden, und Kohle hatte ich auch keine.« 

Mittlerweile hat er einen festen Rhythmus gefunden: Einen Tag tätowieren, am folgenden zeichnen. Als Vorlage benutzt er nie Tattoobilder oder die Zeichnungen anderer, sondern ausschließlich Fotos. Er fängt mit einer Bleistiftskizze an und arbeitet das Motiv am PC mit einem Wakom-Zeichentablett aus. »Photoshop ist in meinen Augen das beste Programm. Ich nehme ein 3D-Modell, sagen wir mal von einem Arm, und lege darauf die Zeichnung. So sehe ich, wie sich das Motiv auf dem Körper verhält, das ist gerade für Sleeves großartig. Wenn es passt, trace ich die Outlines schon auf dem Zeichentablett, drucke es aus und mache daraus ein Stencil.«



Den Vorteil gegenüber der Draw-on-Technik der Oldschooler sieht er vor allem darin, dass er bei der Ausarbeitung nicht unter Zeitdruck steht und sich Fehler so besser vermeiden lassen. Auch wäre der Stift nicht so exakt wie ein Stencil. Nichtsdestotrotz braucht auch die Arbeit am Computer Erfahrung und ein Gespür für Körperformen. »Wenn du ein Rückentattoo auf einen muskulösen Oberkörper packst, dann läuft es dir im Hohlkreuz total weg. Da muss man entsprechend skalieren«, erklärt er. Als Übergangslösung hat er auch schon mit Gipsabdrücken eines Armes gearbeitet, auf den er dann direkt zeichnen konnte und davon die Vorlage tracte. »Wenn du den Abdruck nimmst, sieht das Motiv auf dem Papier wegen der perspektivischen Verkürzung total falsch aus, das wird unglaublich breit.« 


 

Fotos von Frisch gestochenen Tattoos sehen unbearbeitet einfach nicht gut aus


Das ständige Probieren, um den für ihn besten Weg zu finden, zeigt sich auch bei der Präsentation der Arbeiten. Problematisch seien zahlreiche Dinge, die alle Einfluss auf das Ergebnis hätten: angefangen bei der Kamera und deren Programmautomatik und das wechselnde Umgebungslicht. Bei einem frisch gestochenen Tattoo, bei dem die Haut mit Vaseline eingerieben wurde, wird es im Schwarz glänzen, bei mit Greywash tätowierten Flächen verfälschen selbst geringe Mengen Blut die Farbe, die Rötung der durchs Tätowieren gereizten Haut … »Dagegen wirken abgeheilte Tätowierungen im Vergleich zu frischen niemals so scharf. Sind dann noch die zuvor rasierten Haare nachgewachsen, beeinflusst das die Reaktion auf das Tattoo auf alle Fälle unbewusst. Ich lebe da mit einem Widerspruch. Auf der einen Seite will ich nicht zu viel Bildbearbeitung machen, auf der anderen Seite kannst du ein frisch gestochenes Tattoo eigentlich nicht unbearbeitet hochladen. Frische Tattoos sehen auf Fotos einfach nicht gut aus. Deshalb wandle ich sie in Black-and-Grey-Bilder um. Damit elimi­niere ich die Hautrötung und die Reflexionen im Schwarz. Und insgesamt sieht meine Instagram-Seite damit homogener aus. Der Betrachter nimmt die Arbeiten positiver wahr. Das kann man jetzt scheiße finden oder nicht, es ist aber so.«  

Schon seit ein paar Jahren setzt sich Christian Weber künstlerisch mit dem Thema Zellstrukturen auseinander, erst auf der Leinwand, nun auch auf der Haut

KONTAKT
Christian Weber 
Tragic Kingdom Tattoo 
Bürgermeister-Fuchs-Straße 6
68169 Mannheim
www.tragic-kingdom-tattoo.de
IG: chris_weber_tk_tattoo_ma

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Stand:26 September 2018 02:43:24/t%C3%A4towierer/single-needle+tattoos+von+christian+weber_18815.html