Ostfriesische Tatowierungen von Christian Gronewold

22.06.2018  |  Text: Diana Ringelsiep   |   Bilder: www.timo-müller.com und Christian Gronewold
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Ostfriesische Tatowierungen von Christian Gronewold
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Leuchttürme, Robben und Buddelschiffe – Kindheitserinnerungen wie diese bringt der gebürtige Ostfriese Christian Gronewold am liebsten unter die Haut seiner Kunden. Weshalb der Wahlhamburger bei aller Heimatverbundenheit großen Wert auf politische Haltung legt, erzählt er im Interview
Du bist in Norden-Norddeich aufgewachsen. Welche Erinnerungen verbindest du mit deiner Kindheit in Ostfriesland?
Meine Kindheit war toll. Ich war ständig draußen und bin mit meinen Kumpels durch Wald und Wiesen gezogen. Bis auf einen Uropa stammt tatsächlich meine komplette Familie aus Ostfriesland. Zuhause haben wir jedoch – wie die meisten meiner Freunde – Hochdeutsch gesprochen. Unsere Eltern hielten Platt nicht mehr für zeitgemäß. Sie wollten nicht, dass uns Kindern die Sprache eines Tages zum Verhängnis wird. Damals habe ich das nicht hinterfragt, doch später fand ich Plattdeutsch umso cooler und habe es aus eigener Motivation heraus gelernt. Trotz der ländlichen Umgebung habe ich die Gegend nie als spießig empfunden. Denn dank Schifffahrt und Tourismus kamen dort schon immer die unterschiedlichsten Leute und Nationen zusammen und alle kamen gut miteinander aus.

Es sind die oftmals sehr kleinen, liebevollen Details, die Christians Tattoos positiv aufladen und zu echten Sympathieträgern machen, wie zum Beispiel bei dem Stormtrooper mit Blümchendekor und David-Bowie-Helmdesign

Spätestens in der Jugend beginnen die meisten dann doch von der großen weiten Welt zu träumen. Ging es dir auch so?
Klar, ich begann damals, Punkrock zu hören und traf erstmals auf politisch interessierte Leute, die mich dazu inspirierten, über meinen Tellerrand hinauszuschauen. Es dauerte nicht lange, da wollte ich nur noch weg. Mein Heimatort kam mir plötzlich wie das schlimmste Kaff der Welt vor und obwohl mir niemand etwas getan hatte, wollte ich endlich andere Leute kennenlernen und selbst herausfinden, ob es woanders besser oder schlechter ist. Mit der Familie sind wir nie verreist, daher war mein Interesse an anderen Kulturen riesig. Als ich dann zum ersten Mal nach Hamburg kam, war es um mich geschehen. Ich verliebte mich in die Atmosphäre, die Schanze und all die türkischen Läden. Es war ein bisschen wie zuhause, bloß mit den Vorteilen einer Großstadt.

Es sind die oftmals sehr kleinen, liebevollen Details, die Christians Tattoos positiv aufladen und zu echten Sympathieträgern machen, wie zum Beispiel bei dem Stormtrooper mit Blümchendekor und David-Bowie-Helmdesign

Inspirierendes Seemannsgarn


Wann hast du begonnen, dich für Tattoos zu interessieren und was waren deine ersten Berührungspunkte damit?
In unserer Familie hält sich die Sage, dass einer unserer Vorfahren sich seinen Ehering tätowieren ließ, bevor er in Krieg zog. Meine Eltern fanden Tattoos trotzdem blöd. Tatsächlich war es ein Schülerpraktikum im neunten Schuljahr, das mir die Augen öffnete. Da ich nichts anderes bekommen hatte, musste ich die zwei Wochen in einem Krankenhaus absolvieren. Und dort lagen einige Opis mit alten Seefahrertattoos herum. Sie trugen verschwommene Rosen, Schwalben und Anker auf den Armen – ich war total fasziniert. Also begann ich, mir Tattoomagazine zu kaufen und träumte davon, selbst Tätowierer zu werden. Immerhin hatte ich schon immer ein gewisses gestalterisches Talent an den Tag gelegt und der Umgang mit Menschen gefiel mir auch. Doch die Studios in der Umgebung machten mir nicht gerade den Eindruck, dass junge Typen wie ich dort einfach hineinspazieren und den Tätowierer mit Fragen löchern konnten. Und was meine Eltern betraf, die standen dem Ganzen sowieso sehr nüchtern gegenüber. Wahrscheinlich hofften sie auf eine Phase, die bald vorbeigehen würde.

Christian baut seine Tattoos meist sehr klar und traditionell auf, bei den Farbflächen arbeitet er mit schönen, soften Verläufen. Die kleinen Details oder ein Lettering setzen dann Akzente, mit denen er das Motiv in seinen Kontext setzt

Aber du hast es geschafft. Wie hast du dein Vorhaben schließlich in die Tat umgesetzt?
Ich habe beschlossen, meinen Zivildienst in Hamburg zu absolvieren, um dort in Ruhe die Lage zu checken. Das tat ich auch und im Anschluss bot mir der Kindergarten, bei dem ich gearbeitet hatte, eine Stelle an. Die Arbeit mit den Kindern machte mir großen Spaß, doch abends war ich immer ziemlich kaputt und so rückte der Traum vom Tätowieren vorerst wieder in den Hintergrund. Schließlich war es Andreas Eichholt aus der »Ältesten Tätowierstube in Deutschland«, der mich motivierte, an meinem Vorhaben festzuhalten. Ich bewarb mich mit meinen Zeichnungen bei einigen Studios und bekam prompt die Chance, bei Stefan Krämer von Skull Factory Tattoo zu lernen. Die Ausbildung war super, doch obwohl ich ein zeichnerisches Talent besaß, stellte sich bald heraus, dass ich nicht gerade ein Naturtalent im Tätowieren war. In der Anfangszeit musste ich wirklich kämpfen. Das war frustrierend, doch irgendwann fiel der Groschen dann doch. Zum Glück!

Es sind die oftmals sehr kleinen, liebevollen Details, die Christians Tattoos positiv aufladen und zu echten Sympathieträgern machen, wie zum Beispiel bei dem Stormtrooper mit Blümchendekor und David-Bowie-Helmdesign

Eerstmaal en Koppke Tee

Mittlerweile führst du zusammen mit deiner Frau, die als Grafikdesignerin tätig ist, ein eigenes Studio in Altona. Inwiefern inspiriert ihr euch gegenseitig und welche Vor- und Nachteile bringt der gemeinsame Berufsalltag mit sich?
Im Grunde machen wir beide unser Ding, denn trotz aller Kreativität ist unsere Arbeit sehr unterschiedlich. Natürlich ist es auch schon mal vorgekommen, dass sie eine Zeichnung von mir aufgegriffen oder für meine Zwecke aufgehübscht hat. Nachteile gibt es eigentlich nicht. Klar, manchmal nervt sie das Geratter meiner Maschine oder mich stört ihr Telefon. Doch im Grunde bin ich froh, auf diese Weise eine Art Arbeitskollegin an meiner Seite zu haben. Durch das gemeinsame Studio haben wir mehr Respekt vor der Arbeit des anderen bekommen und es erleichtert natürlich auch unser Familienleben. Denn wir sind in der Lage, unsere Arbeitszeiten fifty-fifty aufzuteilen. So können wir uns beide verwirklichen und trotzdem immer für unser Kind da sein.

Christian Gronewold Tattoo, Hamburg. © www.timo-müller.com

Als Tattoomotive entwirfst du häufig Maritimes wie Buddelschiffe, Möwen und Leuchttürme. Welche Rolle nimmt der Ostfriese in dir mittlerweile im Alltag ein?
Tatsächlich wurde meine Herkunft für mich erst so richtig interessant, als ich meine Heimatstadt hinter mir ließ. Denn erst in Hamburg realisierte ich, wie schön es zuhause war. Also versuchte ich, mir die friesische Gelassenheit zu bewahren, und begann so einfache Dinge wie das Teetrinken zu zelebrieren. Mit den Plänen zum eigenen Laden kamen dann immer häufiger Fragen zu meinem Konzept auf. Doch ich hatte keine Lust, mir etwas auszudenken, was ich nicht bin. Also richtete ich mich im Laden wie zuhause ein und jetzt bin ich offiziell der Ostfriese. Ich tätowiere auch Sensenmänner und Schädel, doch die persönlichen Motive, die mich an meine Kindheit erinnern, machen mir am meisten Spaß. Meinen Kunden gefällt das auch. Viele verbinden die Seemotive mit einem Urlaubsgefühl.

Christian baut seine Tattoos meist sehr klar und traditionell auf, bei den Farbflächen arbeitet er mit schönen, soften Verläufen. Die kleinen Details oder ein Lettering setzen dann Akzente, mit denen er das Motiv in seinen Kontext setzt

Haltung zeigen

In vielen deiner Motive sind kleine »FCK NZS«-Schriftzüge zu finden und auch auf deinen Social-Media-Kanälen beziehst du deutlich Stellung gegen Rechts. Bist du jemals in einen Konflikt bezüglich deiner Heimatliebe geraten?
Ich verstehe es total, wenn Menschen in Anbetracht der aktuellen Entwicklungen ein Problem mit der Liebe zu ihrer Heimat haben, und ich musste mich diesbezüglich auch bereits einigen Diskussionen stellen. Doch meiner Meinung nach ist es der größte Erfolg dieser rechten Dumpfbacken – egal, ob Neo- oder Altnazis –, dass sie es schaffen, den Menschen ihre Heimatverbundenheit madig zu machen. Warum sollte ich die Stadt, mit der ich so viele schöne Erinnerungen verbinde, nicht lieben? Ich kann dir keinen einzigen Nazi aus der Gegend nennen, dafür aber tausend Dinge, die dazu beitragen, dass ich mich dort wohlfühle. Aus diesem Grund ist der Begriff »Heimat« für mich positiv besetzt. Das Lustige ist, dass ich in Hamburg aufgrund meines Dialektes und meiner Andersartigkeit anfangs oft von Leuten mit Migrationshintergrund auf meine Herkunft angesprochen wurde. So entstand eine ganz besondere interkulturelle Verbundenheit. Denn wir alle haben eine Heimatgeschichte zu erzählen. Wir müssen bloß bereit sein, sie zu teilen und andere an diesem Ort willkommen zu heißen.

Es sind die oftmals sehr kleinen, liebevollen Details, die Christians Tattoos positiv aufladen und zu echten Sympathieträgern machen, wie zum Beispiel bei dem Stormtrooper mit Blümchendekor und David-Bowie-Helmdesign

Hand aufs Herz: Was können wir von euch Ostfriesen lernen?
Zuerst einmal, wie man einen guten Tee zubereitet, denn der wird vollkommen unterschätzt. Ein starker Schwarztee wirkt besser als Kaffee und selbst ein fünfzigjähriger Seemann verliert mit einem Teetässchen in der Hand nichts an Authentizität. Natürlich darf der auch bei mir im Laden nicht fehlen, daher reiche ich meinen Kunden vor einer Besprechung beispielsweise erstmal ein Tässchen Tee mit Kluntje und Sahne. Überhaupt sollte sich so mancher Großstädter mal eine Scheibe von unserer Gelassenheit abschneiden. Ostfriesen gehen einfach entschleunigter durchs Leben. Und zu guter Letzt wäre da noch unsere berühmte Einsilbigkeit. Ein Ostfriese schafft es mit einem einzigen Wort durch ein ganzes Gespräch. »Hou« ist universell einsetzbar und passt einfach immer. Leider versteht es im Rest des Landes niemand. Doch davon ab, ist es in den meisten Fällen eh besser, eine Sache anzupacken, anstatt stundenlang zu sabbeln.


Christian Gronewold Tattoo, Hamburg. © www.timo-müller.com


Plattdeutsch für Anfänger

Hallo! | Moin!

Auf Wiedersehen! | (Holl di) munter!

Wie geht’s? | Wo geiht’t?

Mir geht’s gut. | Mi geiht’t good!

Danke! | Dank ok!

Bitte. | Daar neet för.

Ausruf, wenn man sich erschreckt oder wundert| (Harri-) jasses!

Erst mal eine Tasse Tee. | Eerstmaal en Koppke Tee.

Wie spät ist es? | Wo laat is dat?

Ich liebe dich. | Ik heeb di leev.

Staubsauger | Heulbessen (Heulbesen)

Hummel | Plüschmors

Dummkopf/Trottel | Töffel

Quatschkopf | Kauelmors



Gronewold Tattoo & Design
Gerichtstraße 29
22765 Hamburg
Tel.: 040 80603470
moin@gronewold-tattoo.de
www.gronewold-tattoo.de
FB Gronewold-Tattoo-Design
IG christiangronewold_tattoo

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Stand:13 December 2018 18:46:07/t%C3%A4towierer/ostfriesische+tatowierungen+von+christian+gronewold_18612.html