Olli Lonien erzählt Tattoo-Geschichten im Japan-Style

20.04.2018  |  Text: Dirk-Boris Rödel  |   Bilder: Olli Lonien, Porträt-Fotos: Amj Streets
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Olli Lonien erzählt Tattoo-Geschichten im Japan-Style
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Er wagte Ausflüge ins Reality-TV und in den Hip-Hop – doch dem japanischen Tätowierstil hält Olli Lonien seit zwanzig Jahren die Treue. Das lohnt sich: Inzwischen gehört der Tätowierer aus Trier zu den Weltbesten in seinem Genre
Die Bodenhaftung hätte Olli Lonien längst schon verlieren können. Allein die Fernsehpräsenz in der Serie »Tattoo – Eine Familie sticht zu« im Jahr 2006 hätte gereicht, um den Asia-Spezialisten aus Trier abheben zu lassen. Denn mit dem DMAX-Format wurden er und sein Team weit über die Tattooszene hinaus bekannt, innerhalb der er aufgrund seiner herausragenden japanischen Tätowierungen ohnehin bereits jedem ein Begriff war. »Ich wollte zu dieser Zeit eigentlich gerade nach Spanien auswandern und hatte da schon zwei Jahre gelebt«, erzählt er, »doch dann kam der Anruf von DMAX, dass sie diese Real-Life-Doku über ein Tattoostudio machen wollten. Da dachte ich mir: Na ja, den Laden in Deutschland habe ich ja noch, dann mache ich das mal, damit der wieder läuft. In Spanien habe ich damals nämlich schon ein wenig am Hungertuch genagt.« Allerdings: Das TV-Intermezzo, mit dem ihn viele noch heute in Verbindung bringen, ist für Olli eben auch nicht mehr als eben genau das – eine Episode in seiner Laufbahn. Und wahrscheinlich ist es diese unprätentiöse und bodenständige Art, die Olli so sympathisch und bei seinen Kunden so beliebt macht.

»Ich bin kein Japaner. Ich kann mich gar nicht an alle Regeln der japanischen Tätowierkunst halten«

Nach den TV-Auftritten nahmen viele Ollis Aufbruch in den Hip-Hop wahr – »aber Musik hab ich eigentlich schon immer gemacht, in Punk- und Metalbands. Im Prinzip bin ich auch dadurch überhaupt erst zum Tätowieren gekommen. Ich wollte Hip-Hop damals ausprobieren und, na ja, am Anfang eben nicht ganz so gut«, erinnert sich Olli lachend. »Es war vielleicht nicht sinnvoll, das direkt zu veröffentlichen, während ich mit dem Tätowieren gerade im Spotlight stand.« Nichtsdestotrotz macht Olli auch weiterhin Musik und hat mit seinem Projekt »Hiob AD« auch das Metal-lastige Album »Iron Skies« veröffentlicht, im Tattoostudio gibt es sogar einen Proberaum mit Tonstudio. Rockstar-Ambitionen hat der Trierer jedoch keine, für ihn ist die Musik das Hobby, der Ausgleich und auch Inspiration zum Tätowieren.

Damit begonnen hat Olli vor knapp zwanzig Jahren in einer Punk-WG. »Ich habe ganz klassisch mit einer selbst gebauten Maschine angefangen, aus einem Walkman-Motor und Gitarrensaiten. Erst später kam ich dann an eine Huck-Spaulding-Maschine. Eine Bekannte, die in Trier ein Tattoostudio hatte, wurde zu der Zeit schwanger und bat mich, sie zu vertreten – das war aber ziemlich grenzwertig, weil ich damals noch nicht allzu viel konnte.«

Olli Loniens Tätowierungen sind auf mehreren Ebenen angesiedelt, ohne dass die zentralen Motive dadurch an Lesbarkeit verlieren. Interessant anzusehen bleiben sie somit allemal

Anfangs versuchte sich Olli in verschiedenen Stilrichtungen – dass ihm das Japanische besonders gut von der Hand ging, darauf machte ihn erst ein Freund aufmerksam. »Das war Alex Höber, der heute in Koblenz tätowiert. Er meinte, ich würde das doch gerne machen, und machte mich drauf aufmerksam, dass das außer Luke Atkinson in Stuttgart und Ralf Guttermann in Düsseldorf ja keiner anbietet, also dass das quasi noch eine Marktlücke sei.« Von Anfang an orientierte sich Olli in diesem Genre an den Besten: »Ich habe Filip Leu in Lausanne ganz klassisch einen Brief geschrieben. Claus Fuhrmann habe ich auch kennengelernt. Ich war zu dieser Zeit nicht gut, aber ich habe an denen gesehen, was möglich ist. Für mich sind die immer noch großartig, an die kommt keiner so schnell ran.« Dass Olli schon lange selbst in der Top-Liga spielt, wird keiner in Frage stellen, der seine fulminanten Japan-Kompositionen betrachtet.

Olli Loniens Tätowierungen sind auf mehreren Ebenen angesiedelt, ohne dass die zentralen Motive dadurch an Lesbarkeit verlieren. Interessant anzusehen bleiben sie somit allemal

Selbstverständlich ist es nicht, dass Tätowierer über einen so langen Zeitraum ihr Niveau halten oder sogar noch besser werden; viele Tätowierer, die in den 90ern angesagt waren, sind irgendwann stehengeblieben. Andere können nicht einmal das Level, das sie einmal erreicht hatten, noch halten. »Auch ich hatte Phasen, in denen es einfach nicht weiterging«, gesteht Olli. »Gerade am Anfang, wenn du dir den Arsch aufreißt, da geht es schon wirklich schnell nach oben. Aber irgendwann bist du an deinem Zenit angekommen, bist in deiner Wanne, und da machst du eben einfach nur noch das, was du kannst. Und dann, wenn du Glück hast, gibt es mal wieder einen Schub und es geht ein Stück weiter nach oben. Es ist nicht einfach, immer Top-Arbeiten abzuliefern. Ich hatte schon auch Phasen, in denen ich deprimiert war, nicht mehr wusste, wohin es jetzt noch gehen könnte, keinen Bock zum Zeichnen mehr hatte«, erzählt er. »Gerade wenn man sich Tattoos von Shige aus Yokohama anschaut oder von manchen Chinesen, von denen man vorher noch nie gehört hat, und sich dann die eigenen Werke anschaut, da denkt man dann: Verdammt, ich habe etwas verpennt!« In solchen Situationen resigniert Olli allerdings nicht, sondern nutzt sie als Ansporn. Auf seinem Wege der Verbesserung habe er sich auch immer wieder von seinem Hobby inspirieren lassen: »In der Musik kann man Bestandteile des Stückes im Hintergrund undeutlich machen, verschwimmen lassen, um den Vordergrund präsenter zu gestalten. Das lässt sich auf andere Kunstformen übetragen.« Talent hilft nach Ollis Ansicht nur bedingt weiter: »Kunst bedeutet, etwas mühelos aussehen zu lassen, was eben nicht einfach ist. Wenn jemand gut ist, dann steckt Arbeit dahinter. Auch Filip Leu hat sich hingesetzt und 10 000 Stunden Arbeit investiert, bevor er da war, wo er jetzt ist. Und dadurch, dass ich da ein bisschen outside the box gedacht und auch andere Dinge gemacht habe, habe ich auch beim Tätowieren noch mal einen Kick bekommen. Sonst macht man tatsächlich irgendwann mal jeden Koi genau gleich.«

Olli Loniens Tätowierungen sind auf mehreren Ebenen angesiedelt, ohne dass die zentralen Motive dadurch an Lesbarkeit verlieren. Interessant anzusehen bleiben sie somit allemal

Sich über zwanzig Jahre hinweg im japanischen Stil mit unzähligen Karpfen, Drachen und Kirschblüten nicht zu  langweilen, ist für Olli hin und wieder eine Herausforderung. »Es gibt Phasen, in denen man nicht gerade vor Kreativität überläuft, und ja, ich habe auch schon etwas anderes wie Realistic ausprobiert, mal einen Buddha in der Art gemacht, aber ganz ehrlich?« Olli klingt wenig begeistert. »In dem Fall würde ich tatsächlich sagen: Schuster, bleib bei deinen Leisten!« Kraft für sein künstlerisches Schaffen schöpft Olli statt aus ständiger Abwechslung vor allem aus der Faszination für den japanischen Stil. »Er hat einfach Power! Der Rücken mit der Samurai-Maske zum Beispiel: Wenn du das aus der Entfernung siehst, denkst du einfach: Wow!« 

Von der hinduistischen Gottheit Kali über die japanische Geisha bis zum kraftvollen Shishi reicht das motivische Repertoire von Olli Lonien

Die Entwicklung der japanischen Tätowierkunst in den vergangenen zwanzig Jahren hat Olli indes bewusst nur teilweise mitvollzogen, wie er selbst sagt: »Ich stehe wohl irgendwie dazwischen. Shige ist da auf der einen Seite des Spektrums inzwischen beinahe schon realistisch, Horiyoshi III ist am anderen Ende in seinem traditionellen Stil dagegen eher flach. Ich kann mich nicht komplett für eins entscheiden.« Und aus inhaltlichen Diskussionen hält er sich komplett raus: »Ich bin einfach kein Japaner, ich kann nicht alles wissen, kann mich also gar nicht an alle Regeln der japanischen Tätowierkunst halten. Mich hat vor allem eben diese Bilderwelt gekickt. Nach C. G. Jung gibt es so etwas wie ein kollektives Unterbewusstsein, über das einen Dinge auch ansprechen, auch wenn man nicht weiß, was sie bedeuten. So empfinde ich das. Und da muss ich auch nicht jede einzelne Geschichte kennen. Manchmal denke ich mir ja auch eigene Geschichten aus. Gerade bei der Komposition gibt es da viele Möglichkeiten – ich weiß dann nicht immer, ob dieser Oni-Teufel genau mit diesem Krieger gekämpft hat oder ob der Haarschmuck einer Göttin genau so aussieht. Ich kenne auch nicht jeden Namen von allen Figuren in jeder Geschichte.« Letztlich gehe es auch darum, dass er die Tattoos an den Geschmack seiner Kunden anpasse.

Sehr reduziert und plakativ gestaltete Olli den Samurai auf dem Rücken seines Kunden. Selbst aus zwanzig Metern Entfernung wirkt die Arbeit noch imposant

Was Olli beim Ausleben seines Faibles für japanische Tätowierkunst ein wenig im Weg steht, ist seine Flugangst; der Japanspezialist war selbst noch nie im Land der aufgehenden Sonne. »Als Shige noch nicht ganz so bekannt war, habe ich ihm mal eine Maschine gebaut, woraufhin er mich einlud – das hätte ich einfach machen sollen!« Doch niemand bekam Olli ins Flugzeug. Glücklicherweise ist seine Kundschaft reisefreudiger. Viele kommen speziell wegen seines japanischen Stils von weiter her – und das sei bei heute rund dreißig Tattoostudios in Trier allein wirtschaftlich schon ein Pluspunkt, weil er so nicht auf regionales Publikum oder gar Laufkundschaft angewiesen ist. Für den beharrlichen Künstler zahlt es sich aus, dass sein Name heute einen solchen Weltruf hat wie der seiner einstigen Vorbilder.


Kontakt
TätowierStudio Lonien
Lorenz-Kellner-Straße 10
54290 Trier
Tel.: 0651 43186
www.lonien-online.de
kontakt@lonien-online.de

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Stand:16 December 2018 19:19:52/t%C3%A4towierer/olli+lonien+erzaehlt+tattoo-geschichten+im+japan-style_18411.html