Kalligrafische Ornament-Tattoos von Gordoletters

18.05.2018  |  Text: Heide Heim  |   Bilder: Mathias Schneider (Porträts), Gordoletters (Tattoos)
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Kalligrafische Ornament-Tattoos von Gordoletters
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Aus Kalligrafie, der Kunst des Schönschreibens, hat GordoLetters eher zufällig einen eigenen Tattoostil entwickelt. Mit der Bandzugfeder kreiert er aus breiten und feinen Linien einzigartige, ornamentale Tätowierungen.
Fett Schwarz, eigenwilliges Designs – Gordoletters Tätowierungen wecken sofort Interesse: Die meist großflächigen Tattoos bedecken ganze Körperteile und schmücken sie wie Tribaltätowierungen. Schnell wird allerdings klar, dass sie stilistisch an keine der bekannten Stammestätowierungen anknüpfen. Gordoletters Stil einzuordnen fällt schwer, der Versuch, die Tattoos in eine Schublade zu stecken, ist womöglich gar nicht möglich, da er eine eigene Bildsprache entwickelt hat. So kombiniert er breite Striche mit feineren, leicht geschwungenen Linien, die an arabeske Ranken erinnern. Dann wieder glaubt man, einen in mittelalterlicher Frakturschrift geschriebenen Buchstaben zu erkennen. Aber auch das führt zu nichts. Sicher scheint nur, dass der Künstler die Designs mit dem Arbeitsmaterial eines Kalligrafen gestaltet, genauer, mit der breiten Spitze einer Bandzugfeder, mit der er keine Botschaften schreibt, sondern ornamentale Designs entwickelt.

Den aus Portugal stammenden Tätowierer Gordoletters stilistisch eindeutig zu verorten, ist damit genauso schwierig, wie seine wöchentlich wechselnden Aufenthaltsorte zu kennen. Vor sechs Jahren ging der in der Nähe von Lissabon aufgewachsene Künstler auf Reisen und schlägt seitdem weltweit in Tätowierstudios zu Guestspots auf. Seine Reisen haben ihn unter anderem nach Seoul, Tokio, Genf, New York, London und in viele andere Städte geführt – so auch nach Landau. Dort in der Pfalz arbeitet er mehrmals im Jahr in Bernd Broghammers Tätowierstudio Hautnah.


Gordo zieht mit der Feder oft stundenlang Designs auf Papier. Es dauert, bis er das Gefühl hat, die perfekte Linie oder das perfekte Design gefunden zu haben

»Es ist eine Reise, auf der ich mich befinde, im realen Leben und im metaphorischen Sinne. Ich übertrete Grenzen sowohl zwischen Ländern als auch zwischen Stilen und Kulturen«, erklärt er. Die Entscheidung, on the road zu arbeiten, hat er vor sechs Jahren nicht bewusst getroffen. Stattdessen zwang ihn die Wirtschaftskrise in seinem Heimatland zu diesem Schritt, um weiterhin als Tätowierer arbeiten zu können. Anfangs tätowierte der auf Letterings spezialisierte junge Tätowierer im Umkreis von Lissabon, dann empfahl ihm ein Kollege das Studio Inkvaders von Christian Nguyen in Genf, da dort die Nachfrage nach dieser Art Tätowierungen sehr groß sei. »Christian und ich fanden uns beide sofort sympathisch und er wurde ein Freund und zu einer der wichtigsten Personen in meinem Leben. Er hat mir sehr geholfen und ich konnte jeden Monat für zwei Wochen in Genf arbeiten.« Danach erweiterte sich der Kreis der Guestspots.

Mittlerweile hat der 33-Jährige seine Basis in London, wo er nicht nur viele Kunden habe, sondern von wo aus das Reisen günstig und gut zu organisieren sei. Allerdings habe er dort auch viel zu tun. »Wenn ich in Lissabon bin, habe ich mehr Zeit. Ich gehe in meine Heimat, um mich zu entspannen, dort kann ich in Ruhe malen, Maschinen bauen, kochen, Freunde und Familie treffen. All die Dinge tun, für die auf Reisen keine Zeit bleibt.«

Auf der einen Seite Pinselstrich, auf der anderen Seite wie mit einer Feder gezogen.

Vor allem in Großstädten findet er mit seinen eigenwilligen Designs die meisten Kunden. Erstaunlich ist es da, dass er regelmäßig in die Pfalz kommt. Der Grund: »Ich arbeite gerne in kleineren, privaten Studios. Ich finde es wichtig, mit den Kollegen Freundschaften aufzubauen, eine Art Familie zu sein, in der man sich untereinander hilft.«

Die Arbeit on the road erfordert ein hohes Maß an Energie und Disziplin. Nicht das Tätowieren selbst, sondern die Planung der Reisen und das Koordinieren der Guestspots. Und dann die Gelassenheit, wenn etwas nicht so klappt wie erwartet. »Ich komme aus einer Familie der oberen Mittelklasse. Mein Vater war sehr streng und dass man Disziplin zeigt, war ihm wichtig. In meiner Kindheit musste ich beispielsweise jeden Morgen sehr früh aufstehen, egal, ob ich erst später zur Schule musste. Das prägte natürlich. Ich habe glücklicherweise viel Energie und brauche wenig Schlaf, mir reichen fünf oder sechs Stunden. Täglich viele Stunden zu zeichnen und zu tätowieren, ist für mich auch keine Arbeit. Ich habe gefunden, nach was ich gesucht habe, und tue das, was ich sowieso tun würde.«

Wer Buchstaben zu entdecken glaubt, irrt, Gordo will nicht schreiben, sondern sieht seine Herausforderung darin, schöne Striche zu ziehen

Das Tätowieren erlernte Gordoletters in einem Bikershop, voraus ging ein Grafikdesignstudium. Die Arbeit am Computer befriedigte ihn aber wenig, viel zu sehr liebt er das Schaffen mit den eigenen Händen. Bis heute findet er große Befriedigung darin, sich seine eigenen Möbel oder Tattoomaschinen oder das Arbeitsmaterial für seine Malerei selbst zu bauen. Mit dieser Kunst beschäftigt er sich schon seit seinem vierzehnten Lebensjahr, wie auchmit Graffiti.

Mit dem Tätowieren seiner nicht-figurativen Tätowierungen, die weder typisches Blackwork noch Lettering sind, hat er eine kreative Ausdrucksmöglichkeit gefunden, auch, weil er nicht verharrt, sondern diesen Stil permanent weiterentwickelt. Ausgangspunkt seiner stilistischen Entwicklung waren tatsächlich Letterings, ursprünglich interessierte ihn der filigrane, reich verzierte Chicano-Style. Durch ein Missgeschick, nämlich den Fehlkauf von Kalligrafiefedern, fabrizierte er mit dem neu erworbenen Zeichengerät und Tusche anstatt fein geschwungener Linien nur breite, fettschwarze und feucht glänzende Striche auf dem Papier. Das war der Start für den typischen Tätowierstil von Pedro Cerqueira, so der bürgerliche Name Gordoletters, einem der zurzeit innovativsten Blackworker, dessen Arbeiten zwar weltweit Beachtung finden, aber bisher glücklicherweise noch nicht zu Tode kopiert wurden.

Wer Buchstaben zu entdecken glaubt, irrt, Gordo will nicht schreiben, sondern sieht seine Herausforderung darin, schöne Striche zu ziehen

Gordoletters arbeitet für die Zeichnungen mit der Bandzugfeder, auch Breitfeder genannt. Durch permanentes Üben versuchte er, der perfekt zu erlernen. Anfangs schrieb er mit seinem neuen Material stundenlang Buchstaben im Stil der gebrochenen Schriften, für die unscharferweise auch der Überbegriff Frakturschriften verwendet wird. Ihre Hauptmerkmale bilden heute die Grundlage von Gordoletters Tätowierstil: Durch die abrupten Richtungswechsel in der Strichführung kommt es zu Bogenbrechungen, womit eigentlich runde Formen zu kantigen Strichen werden. Zwar finden sich in seinen Designs auch die in der gebrochenen Schrift üblichen Fett-fein-Kontraste, aber er gestaltet die feinen Linien mit dynamischem Schwung, was die ursprüngliche Härte der Schrift mildert – seine Designs wirken dadurch regelrecht organisch und lebhaft.

Wer Buchstaben zu entdecken glaubt, irrt, Gordo will nicht schreiben, sondern sieht seine Herausforderung darin, schöne Striche zu ziehen

Die Inspiration für seine Variationen zog Gordoletters aus seinen unterschiedlichen Interessensgebieten, die von altägyptischer Kunst und Hieroglyphen bis zum Okkultismus, von Architektur über Malerei bis zu Graffiti reichen. So tauchen beispielsweise häufig zwei nach oben gehende, leicht geschwungene Linien in seinen Tätowierungen auf: Diese dekorativen Elemente fußen auf der Darstellung des Kopfschmucks des ägyptischen Königs Ra. Die seitlich weggehenden, sehr raumgreifenden Linien wiederum hat er aus dem Sprayen von Tags adaptiert.

Wer Buchstaben zu entdecken glaubt, irrt, Gordo will nicht schreiben, sondern sieht seine Herausforderung darin, schöne Striche zu ziehen

Gordoletters hat sogar einen Satz Schriftzeichen entwickelt. Jeden Buchstaben hat er nach seinen eigenen Regeln gestaltet, sodass er in der Lage ist, Wörter mehr oder weniger nach seinem Schema zu schreiben. Lesbar  wird alles erst nach einer Erklärung, und selbst dann, wenn man die Buchstaben des Gordoletters-Alphabets kennt, kann man sich nicht auf eine formalen Regeln folgende Aneinanderreihung verlassen – der dekorative Charakter des Wortes und die Anpassung der Zeichen an die Körperstelle haben Vorrang vor einer sprachlich sinnvollen Buchstabenreihung. Um ganze Körperstellen oder sogar Bodysuits tätowieren zu können, funktionieren standardisierte Letterings in Gordoletters Augen nämlich nicht, die formale Einschränkung sei zu groß: »Es braucht Freiheit, um einen Körper interessant zu gestalten.«

Ob als negativ angelegt, als Blast over oder sehr reduziert, mit seinem Stil gestaltet Gordoletters effektvoll ganze Körperstellen

Diese Offenheit in der Gestaltung ist gerade seinen jüngeren Arbeiten immer stärker anzusehen. Warum auch nicht, warum sollte er sich Regeln unterwerfen, die er selbst erstellt hat, und sie zu seinem kreativen Gefängnis machen? Das Übertragen der Zeichnung auf die Haut bezeichnet der Blackworker übrigens als Realismus: Er kopiert genau das, was er aufs Papier gebracht hat. Oder er zieht freehand mit kalligrafischen Werkzeugen das Design auf der Haut und akzeptiert dabei sogar Tuschesprengsel und Kleckse, die beim Ziehen der Bandzugfeder passieren. Das seien »Unfälle«, erklärt er, »keine Fehler.« »Ich arbeite auf einem lebendigen Organismus, der Haut, da gibt es Muskeln, Pickel, Narben und die Feder reagiert anders als auf Papier.«

Aus klassischer Kalligrafie, also der Kunst des Schönschreibens, hat Gordoletters eine ganz eigene Formensprache für Tätowierungen entwickelt, die bislang nur er so umsetzt.

Gordo zieht mit der Feder oft stundenlang Designs auf Papier. Es dauert, bis er das Gefühl hat, die perfekte Linie oder das perfekte Design gefunden zu haben

GordoLetters
on the road
E-Mail: gordoletters@gmail.com
IG: GordoLetters

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Stand:26 September 2018 03:07:41/t%C3%A4towierer/kalligrafische+ornament-tattoos+von+gordoletters_18515.html