Gino Gambino – Aus dem Milieu in die Tattooshops

18.05.2018  |  Text: Jula Reichard  |   Bilder: Gino Gambino (Tattoos), Ümüt Kasikci (Porträts)
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Gino Gambino – Aus dem Milieu in die Tattooshops
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Gino Gambino war ganz unten, als er eher zufällig zu tätowieren lernte. Im Interview spricht der Ex-Rapper über den Luxus, Tätowierer zu sein, und darüber, wie er seinen eigenen Muster-Mix-Stil fand.
Der Münchner Tätowierer Gino Gambino, der eigentlich Rocco heißt, versuchte sich als Musiker, geriet in Schwierigkeiten und fand per Zufall den Zugang ins Tattoobusiness. Ehrlich und unverblümt spricht der heute 33-Jährige über seine aufregende Geschichte. 

Tätowierer zu werden war nicht dein ursprünglicher Plan. Wie war das damals?
Nach einer Ausbildung zum Fremdsprachenkorrespondent bin ich bei der Sicherheit am Flughafen in München gelandet. Das hätte ich ein Leben lang machen können, aber ich wollte etwas anderes. Ich war damals in einer Rapkombo namens »Pöbelmuzik« und wir setzten alles daran, mit unserer Musik einmal Geld zu verdienen. Wir betrieben das so intensiv, dass wir allmählich den Bezug zur Realität verloren. Bei meinem Job wurde ich wegen zu vieler Krankheitstage gefeuert, denn Auftritte und Tonstudiosessions waren einfach wichtiger. Wenn man so lebt, geht die Spirale nach unten relativ schnell. 

Für das Shooting zum Interview ging Gino mit Fotograf Ümüt Kasikci zurück ins Milieu, wo er einst fiese Erfahrungen machte

Was ist dann passiert?
Ich fand mich nach meinem Rausschmiss im Nachtleben wieder und von dort war es nicht weit bis ins Milieu. Von dort war es wiederum nicht weit zum nächsten Ärger, und wenn man zu viel davon hat, tritt man die Flucht an.

Bist du auf der Flucht mit dem Tätowieren in Berührung gekommen?
Nein, erst nachdem ich allen Ärger aus der Welt geschafft hatte, konnte ich komplett von vorn anfangen. Ich hatte nichts. Weder Bezüge vom Amt, noch Erspartes, zeitweise auch kein eigenes Dach über dem Kopf. Mein Hab und Gut lag verteilt in Lagerräumen oder bei Freunden – ich hatte keine Ahnung, wie es weitergehen sollte. Eine ziemlich peinliche Situation. Denn auf der Straße kannten mich viele von meiner Musik, und die gingen davon aus, dass man ein ziemliches Business am Start haben muss, wenn man doch bei AggroTV und Konsorten zu sehen ist. In dieser Zeit traf ich einen alten Freund wieder, dem es nicht viel besser ging, und an ihm fiel mir auf, dass er ziemlich schlechte Tattoos trug. Er und seine Clique waren dabei, das Homescratcher-Ebay-Set auszutesten. Mein Kumpel lud mich in die Wohnung eines Freundes ein, in der sie nichts anderes taten, als sich zu betrinken, im Müll zu ersticken und sich eben gegenseitig zu tätowieren. Genau da habe ich auch das erste Mal so eine Maschine zu fassen bekommen.

Gino Gambino füllt seine Tattoomotive mit grafischen Mustern im Blackwork-Style. In seinen Augen ist das nicht nur platzsparend, sondern auch catchy

War das der Moment, in dem du zum ersten Mal tätowiert hast?
Ja, ich habe es versucht und hatte danach direkt so ein schlechtes Gewissen, dass ich das unbedingt besser machen wollte. Durch viele Zufälle, glückliche Umstände und die richtigen Leute hatte ich nach einiger Zeit ein Niveau erreicht, das akzeptabel war, und meine Reise zum Tätowiererdasein begann.

Was war ausschlaggebend für dich, diese Reise überhaupt anzutreten? 
Ich habe diesen Beruf nie aktiv gewählt. Ich bin da eher reingerutscht. Viele Leute beginnen heutzutage ihre Laufbahn auf diese Art, weil es schwierig ist, einen Ausbildungsplatz zu bekommen. Auf dem Weg zum Tätowierer gibt es viele Hürden. Man muss viel Kraft, Willen und Zeit investieren. Wenn man nach Tausenden Entbehrungen noch immer dahinter steht, weiß man: Okay, ich gehöre wohl dazu. So war es jedenfalls bei mir.
 
Gino Gambino füllt seine Tattoomotive mit grafischen Mustern im Blackwork-Style. In seinen Augen ist das nicht nur platzsparend, sondern auch catchy

Und die Musik? Bist du da am Ball geblieben? 
Durch meinen kurzen Exkurs in die Halbwelt habe ich den Kontakt zu den Musikleuten weitestgehend verloren. Es ist viel Zeit ins Land gegangen, bis ich wieder ein umgänglicher Mensch war, und das hat mir praktisch die Connections zu meiner Crew, aber auch die Freundschaften genommen. Es gab eine Zeit, in der ich noch nicht einmal Musik anhören konnte. Es hat mich traurig und auch eifersüchtig gemacht, andere das machen zu hören, was ich selbst gerne gemacht hätte. Aber so etwas kann man nicht lange sein lassen. Also, ja, ich schreibe seit einiger Zeit wieder Texte und ich habe nichts verlernt (lacht).

Mir hat ein Vögelchen gezwitschert, dass du auch was für YouTube planst? 
Ja, ich möchte eine Art Vlog machen, mit Videos von meinen Messebesuchen, coolen Tattoosessions, Guestspots und so weiter. 

Gino Gambino füllt seine Tattoomotive mit grafischen Mustern im Blackwork-Style. In seinen Augen ist das nicht nur platzsparend, sondern auch catchy

Wie fühlt sich das an, sich aus dem Milieu heraus von ganz unten zum Tätowierer zu mausern, der seine Rechnungen zahlen kann?
Ich bin immer ein Fan dieses ganzen Tattoodings geblieben. Ich liebe es, wenn Materialbestellungen ankommen, und feiere das, als wären es Weihnachtsgeschenke. Das liegt vielleicht daran, dass es mir in der Vergangenheit ziemlich schlecht ging. Ich will ehrlich sein: Es ist doch ein Luxus, Tätowierer zu sein, oder nicht? Für mich ist es unglaublich, dass mir Kollegen, die ich selbst abfeiere, sagen, sie kennen mich und finden meine Arbeit cool. Auch, dass ich dieses Interview hier führe, ist heftig und für mich nicht zu fassen, nach allem, was früher so passiert ist.

Hast du manchmal Angst, der Traum könnte schnell wieder vorbei sein?
Ja, jeden Tag habe ich Angst davor. Ich bin ehrlich, mein Terminkalender ist alles andere als voll. Das steht nicht ganz in Relation zu der Anerkennung von Kollegen und den positiven Reaktionen, die ich durch Magazine erfahre. Da fragt man sich schon, wie lange es noch gut geht. Aber ich habe sehr gute Freunde in der Szene gefunden, die jederzeit mit Rat und Tat zur Seite stehen – und einer wie ich kommt immer irgendwie durch. Momentan bereite ich außerdem einen neuen Imagefilm vor. Es wird eine Mischung aus Musikvideo und Tattoo-Timelapse sein. So kann ich den Kreis zur Musik schließen und mit etwas Neuem aufwarten, das mir vielleicht einen Vorteil in Sachen Promo verschafft. Was ich vor allem versuche, ist, meine Geschichte zu erzählen und so viel Persönlichkeit und Kraft wie möglich in die Tattoos zu legen. Ich glaube, meine Kunden spüren das und sind deshalb so loyal zu mir.

Die Handschrift von Gino Gambino wird auch hier deutlich: Glühbirnen, Blitze, Messer und Frauenbeine gefüllt mit Mustern oder weiteren Motiven. Fette Outlines sichern die Haltbarkeit

Wo arbeitest du zurzeit? 
Ich bin aktuell on the road. Ich habe mein schnuckeliges Atelier in Stuttgart verlassen, weil ich dort 
nach einiger Zeit keinen Input mehr hatte und mich fast schon isoliert fühlte. 

Wie hast du herausgefunden, welcher Stil dir am besten liegt?
Mein Stil ist aktuell wohl so ein Mix aus Neo-, Traditional und Blackwork. Ich verzichte allerdings darauf, die klassischen feststehenden Motive lediglich zu adaptieren. Trotz aller Begeisterung für die traditionellen westlichen Tattoos fühlte ich mich nicht wohl dabei. Ich habe die für mich wichtigen Merkmale dieser Stile zusammengefasst und gebe sie mit meiner eigenen Handschrift wieder. Wichtig ist mir vor allem die Haltbarkeit der Tattoos, daher auch die festen, dicken Linien und die vielen schwarzen Flächen.

Die Handschrift von Gino Gambino wird auch hier deutlich: Glühbirnen, Blitze, Messer und Frauenbeine gefüllt mit Mustern oder weiteren Motiven. Fette Outlines sichern die Haltbarkeit

Was macht deine Handschrift aus?
Ich arbeite sehr gerne mit »Inlays«, ich packe also gerne Muster und Motive in übergeordnete Motive, was platzsparend ist und außerdem ein super Eyecatcher sein kann. Grafische Muster und das momentan sehr moderne Pepper-Shading machen den Blackwork-Anteil meiner Arbeiten aus.

Was inspiriert dich zu deinem Motive-Mix?
Als ich für mich selbst begriffen habe, dass ich mir einen eigenen Stil zurechtgelegt habe, war plötzlich alles neu für mich und es öffnete sich eine Tür. Ich hatte tonnenweise Material und habe es immer noch. Ich denke mir »Wow, wie wird das wohl aussehen, wenn ich das nochmal umzeichne?«. So gehen mir nie die Ideen aus. Zum Kreativsein benötige ich nur das Verständnis, dass es alles andere schon gibt. So jage ich Ideen durch meinen eigenen Filter und schon habe ich meinen Stil.

Die Handschrift von Gino Gambino wird auch hier deutlich: Glühbirnen, Blitze, Messer und Frauenbeine gefüllt mit Mustern oder weiteren Motiven. Fette Outlines sichern die Haltbarkeit

Wie sollen dich Kunden am besten kontaktieren und wie sieht bei dir das Prozedere bis zum eigentlichen Tattootermin aus?
Sehr gerne können mich die Leute über die sozialen Medien kontaktieren oder über die Studios, in denen ich jeweils zu Gast bin. Einfach den Motivwunsch oder das Wanna-do sowie alle weiteren Details nennen. Dann die Anzahlung leisten und los geht die wilde Fahrt.

Wo kann man dich denn finden? 
Ich werde in Hanau bei Living Lines zu Gast sein. Außerdem bei Bad Habits Tattoo in Gelnhausen, Atelier Tietchen in Hamburg, Melt Art in München und bald auch regelmäßig bei BustArt Tattoo in Esslingen. Conventiontechnisch lasse ich es gern noch auf mich zukommen und halte mir da einiges offen. Fest stehen bisher die Convention in Wuppertal und zum Jahresende die in Schweinfurt.

Gino Gambino ist Autodidakt, brachte sich fast alles selbst bei. Eine Lehrfigur, die sich seiner künstlerisch annimmt, fehle ihm bis heute

Hast du noch unerreichte Ziele auf deiner Tattooreise? 
Ich möchte kein One-Hit-Wonder und nur für eine Sache bekannt sein. Ich bin, ehrlich gesagt, auf der Suche nach einem Studio, in dem ich vieles über klassisches Black-and-Grey lernen kann. Ich hatte nie diese Lehrerfigur, die sich künstlerisch meiner annimmt und mich aus meiner Komfortzone jagt, wenn es sein muss. Das ist schon etwas, was mich beschäftigt. Also, fühlt euch gerne angesprochen, mich zu kontaktieren. Ansonsten das Übliche: Geld, Frauen und Preise auf Conventions (lacht).

Für das Shooting zum Interview ging Gino mit Fotograf Ümüt Kasikci zurück ins Milieu, wo er einst fiese Erfahrungen machte

Gino Gambino
facebook: rocco.dervierte 
instagram: gambino_tattoo
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Stand:21 July 2018 02:24:25/t%C3%A4towierer/gino+gambino+-+aus+dem+milieu+in+die+tattooshops_18515.html