Was sind Traditionals? Drei Tätowierer erklären

28.11.2017  |  Text: Dirk-Boris Rödel  |   Bilder: Han, Julian Sautter, Philipp Ohme
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Was sind Traditionals? Drei Tätowierer erklären
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Beim Begriff Traditional-Tattoos hat man schnell Bilder im Kopf: Satte Linien, Motive aus der Seefahrt, Pin-up-Ladys, blutrote Rosen. Dochwas versteht man darunter? Die Tattooartists Han, Julian Sautter und Philipp Ohme erklären ihren Ansatz, Traditionals umzusetzen.

Was sind Traditionals?

Traditional, Old School – jeder hat dazu sofort Bilder im Kopf, aber was versteht man darunter eigentlich genau? Ist »Traditional« eine Frage der Technik oder eine Sache des Motivs? Wie modern darf ein Traditional sein und warum muss es nicht dringend bleistiftdicke Outlines haben? Unsere drei Traditional-Tattoo-Experten geben uns ihre Einschätzung zu diesen Fragen. Außerdem wird klar: Das, was heute als »Traditional« angeboten wird, ist eigentlich viel zu schön, zu harmonisch und an unseren modernen Geschmack und unsere Ästhetik angepasst, so ungefähr, wie das Essen im Chinarestaurant kaum noch etwas mit der authentischen Küche in Sichuan zu tun hat. »Echte« Traditionals, wie sie Karl Finke, Herbert Hoffmann, Bert Grimm oder Samy Streckenbach gestochen haben, würde heute gar keiner mehr haben wollen, da sie viel zu derb und plump waren. Doch wie kann man die grobe Art alter Motive und Designs heute reproduzieren, ohne gekünstelt zu wirken? 

Han


Han


Was so vermeintlich einfach aussieht wie Traditionals, ist nach Hans Meinung eher schwierig: »Es ist nicht leicht, etwas schlicht aussehen zu lassen, wenn man viel weniger Linien, Farbflächen und Verläufe zur Verfügung hat.« Meine Tattoos sind ja nicht ganz so, wie man es früher gemacht hat, sie tragen ja doch meine eigene Handschrift«, erklärt Han vom »King of Kings Tattoo« gleich zu Beginn. »Die Zeichnungen und Vorlagen von früher, die sind ja wirklich oft etwas primitiv, und die Kunden heutzutage möchten schon etwas besser Gezeichnetes haben. Aber, dass die Zeichnungen nicht alle so ganz stimmen, das hat ja eigentlich auch einen eigenen Charme. Dadurch unterscheidet sich dieser Stil ja auch von anderen Tätowierungen. Ich versuche daher, bei meinen Arbeiten alles zu reduzieren, auf sehr einfache Bilder. Und die können auch zwanzig, dreißig Jahre überdauern.«

Traditional-Tattoo von Han.

Denn dass die Haut sich verändert, Linien dadurch breiter werden und Kontraste abnehmen können, das muss man bei einer Tätowierung natürlich stets berücksichtigen. »Wenn man da zu viel reinsteckt, dann sieht man irgendwann gar nicht mehr, was das ist. Und wenn ich mich in die Zukunft orientiere und möchte, dass es auch dann noch eine vernünftige Tätowierung ist, dann muss es heute sehr einfach gestochen werden.« Paradoxerweise ist es aber nicht leichter, etwas schlicht und einfach aussehen zu lassen, denn man hat ja viel weniger Linien, Farbflächen und Verläufe zur Verfügung, um etwas darzustellen. »Eigentlich ist es am Ende schwieriger, mit wenigen Linien ein gutes Motiv darzustellen.

Ein Traditional muss klar und sofort lesbar sein, meint Han. Dazu ist es nötig, es so weit wie möglich zu reduzieren und verzichtbare Details wegzulassen.

Das gilt auch nicht nur für Oldschool, dasselbe trifft auch auf Stile wie Japanisch oder Maori zu. Es muss kräftig und simpel gezeichnet sein und die Linien dürfen nicht zu nah beieinander stehen.« Han empfindet es durchaus so, dass der reduzierte Stil auch eine künstlerische Einschränkung mit sich bringt, doch lasse es die Haut eben einfach nicht zu, sich zu sehr in Details zu verlieren. Han plädiert auch grundsätzlich für kräftige schwarze Outlines, »aber selbst wenn man ohne Lines arbeitet, muss genug Schwarz und genug Kontrast drin sein.« Die Lesbarkeit spielt für Han dabei eine große Rolle: »Ich bin immer begeistert, wenn ich ein Tattoo sehe und sofort alles erkennen kann. Wenn ich aus einem Abstand von zwei, drei Metern auf die Haut schaue und nicht alles erkennen kann, dann finde ich das schon problematisch.«

Traditional-Tattoo von Han.

Bei der Frage, ob sich der Traditional-Stil eher über die Technik oder eher über die Motive definiert, ist Han zwar der Meinung, dass beides eine Rolle spielt, misst aber der Technik mehr Bedeutung zu. »Was die Motive angeht – ich mache ja, wie gesagt, nicht genau das Gleiche, was man früher gemacht hat. Es ist schon eher so, dass der Tätowierprozess und die Technik sich gleichen. Ich sehe das Tätowieren da auch mehr als Handwerk.« Ist also auch die berühmte Waschmaschine im Traditional-Stil ein Oldschool-Tattoo? »Ja klar, auch moderne Objekte kann man auf traditionelle Art tätowieren, da bin ich ganz offen. Da kommt es wirklich mehr auf die traditionelle Umsetzung an. Man kann ja auch nicht nur die Motive von früher tätowieren, die Seemannsmotive wie Schiffe und so. Die meisten sind ja heute keine Seeleute mehr. Für die Leute heutzutage sind andere Sachen relevanter, aber auch die kann man ja in traditioneller Weise darstellen.«

Traditional-Tattoo von Han.

Han
King of Kings Tattoo
Middelhoven 15a
6071 PE Swalmen (Niederlande)
info@kingofkingstattoo.nl
www.kingofkingstattoo.nl
IG: hankingofkings
FB: King of Kings Tattoo


Julian Sautter


Julian Sautter


Die Motive in Julians Portfolio wirken alle sehr traditionell, aber auch zeitgenössische Designs sind für ihn nicht tabu: »Mit der entsprechenden Farbgebung und Stilelementen kann man aus jedem Motiv ein Traditional machen«, meint er. Für Julian war schon zu Beginn seiner Tätowiererkarriere klar, dass er die traditionelle Richtung einschlagen würde: »Schon mit 14 waren für mich Tattoos eben Bilder wie Schiffe, Schwalben, Anker …, deshalb hab ich von Anfang an Motive gezeichnet, die in diese Richtung gingen.« Beim Begriff Traditional unterscheidet Julian die Art der Motive, also die Klassiker, die man in alten Vorlagenalben findet, und die Herangehensweise und die technische Umsetzung, die man auch auf andere Motive übertragen kann: »Dazu gehört die passende Linienstärke, ausreichend Kontrast und die Haltbarkeit.« 

Traditional-Tattoo von Julian Sautter.

In puncto Linienstärke übertreibt es Julian allerdings nicht, auch wenn man bei Traditionals eher »bold lines« erwartet: »Ich versuche, für einen traditionellen Look immer einen Mittelweg zu finden. Ich denke, zu dicke Linien nehmen manchen Motiven eher etwas von diesem klassischen Look. Wenn man sich alte Bücher anschaut mit Tattoos aus den 30ern und 40ern, da sieht man, dass die damals die Linien auch nicht mit offenen 12er-Nadeln gezogen haben, sondern mit 5ern oder 7ern. Das altert ja auch und geht mit der Zeit eh noch auf. Aber ein großes, einfaches Motiv darf auch stabile Linien haben – es muss eben zum Motiv passen, man kann das nicht pauschal sagen.« 
Wichtig bei einem Traditional ist für Julian auch die Kontrastwirkung: »Egal ob Farbe oder Black-and-Grey, es braucht immer einen guten Mix aus Schwarz, Grau und Haut. Das gibt dann diesen typischen Look, den ich versuche umzusetzen.« Bei Julians Arbeiten sieht man größtenteils die ganz klassischen Farben: Rot, Grün, Gelb, Blau, Braun. Wären für ihn Farben wie Mintgrün oder Türkis in einem Traditional ein No-Go? »Nein, auf keinen Fall. Es kommt ja immer drauf an, welchen Look man verfolgen möchte. Man kann Sachen ja auch neu interpretieren.« 

Traditional-Tattoo von Julian Sautter.

In Julians Online-Portfolio sieht man nahezu nur alte Klassiker. »Rose of No Man’s Land«, »Pharaoh’s Horses«, Rosen, Anker, Adler … Sind Motive jenseits der überlieferten Designs für den Traditional-Stil tabu? »Nein – die Sachen im Portfolio, das sind natürlich Arbeiten, mit denen ich mich präsentieren will, aber das heißt nicht, dass nur das für mich traditionelle Motive
sind. Mit der entsprechenden Farbgebung und Stilelementen kann man aus jedem Motiv ein Traditional machen.«

Traditional-Tattoo von Julian Sautter.

Bei seinem Stil orientiert sich Julian zwar auch an alten Meistern wie Christian Warlich oder Sailor Jerry Collins, im Arbeitsalltag relevanter ist für ihn aber, wie Kollegen heute diesen Stil weiterführen und interpretieren: »Wie man damals Motive kombiniert hat, die Komposition, den Aufbau, so etwas schaue ich mir schon an, und an einer Schwalbe oder einem Schiff von Sailor Jerry gibt es nichts auszusetzen, aber im Arbeitsalltag, da tätowiert man halt eher keine alten Christian-Warlich-Vorlagen. Man muss ja auch bedenken, dass viele Tätowierer früher gar nicht selbst zeichnen konnten und einfach Motive von anderen kopiert haben. Und das war dann eben wie stille Post, irgendwann hatten die Panther nach der soundsovielten Kopie dann eben alle einen Silberblick und waren auch nicht mehr ganz so schön wie das Original. Das hat schon seinen Reiz, aber ich versuche dann schon eher, das neu zu interpretieren, etwas Eigenes zu machen, bei dem ich dennoch versuche, das Traditionelle zu bewahren.«

Traditionelle Motive waren das Erste, was Julian Sautter mit »Tattoo« in Verbindung brachte. Im Portfolio hat er vor allem klassische Motive, findet aber, dass man auch andere Designs im Stil eines Traditionals interpretieren kann.

Julian Sautter
Team Fullgas
Radolfzeller Straße 46
78467 Konstanz
www.teamfullgas.de
IG: followtheserpent
FB: Julian Sautter Tätowierungen 

Philip Ohme


Philipp Ohme


Für Philipp ist es wichtig, dass ein Tattoo auf den Betrachter wirkt: »Es sollte Power haben und etwas mit einem machen. Früher hat man über Tattoos ja auch Dinge nach außen kommuniziert und mitgeteilt.« Warum Philipp Ohme sich gerade für die Traditional-Richtung entschieden hat, kann er gar nicht mehr so genau sagen. »Vielleicht, weil man es einfach sofort erkennt. Aber es war das Erste, was überhaupt mein Interesse für Tattoos geweckt hat.« Danach gefragt, ob er Traditional eher mit der Technik oder mit den klassischen Motiven verbindet, plädiert Philipp dafür, in Bezug auf Motive offener zu sein und auch moderne zeitgenössische Bilder im Traditional-Stil umzusetzen: »Ein Segelschiff ist ja cool und hat Power, aber die wenigsten, die sich eins stechen lassen, haben damit ja wirklich was zu tun. Früher hat das wirklich die Lebenswelt der Menschen wiedergegeben.«

Traditional-Tattoo von Philip Ohme.

Wäre heute also ein Gameboy als Traditional vorstellbar, der für den Kunden eben relevanter ist als ein Dreimaster? »Ja, genau, auch den kann man ja traditionell umsetzen. Denn das kommt ja mehr über das Handwerkliche als übers Motiv. Dazu bricht man die Sachen runter und reduziert sie aufs Wesentliche, was bei einem Gameboy ja nicht so schwer ist, weil da eh nicht viel dran ist. Außerdem gehört für mich zum Traditional: Eine Linienstärke und eine gute Lesbarkeit des Motivs. Simple Schattierungen, keine drei Millionen Farbschattierungen … einfach und gut lesbar muss es sein.« Nun sind in vielen wirklich alten Tattoovorlagen ja ganz streng genommen auch »Fehler« wie falsche Schatten, unmögliche Körperhaltungen, unlogischer Faltenwurf – sind solche Fehler gewollt und nötig, um einen traditionellen Effekt zu erhalten? »In vielen alten Vorlagen sind schon Fehler drin, wo man sich heute fragt, wie die damals so was nicht erkennen oder bemerken konnten. Ich würde nicht sagen, dass man heute deswegen absichtlich Fehler machen muss, aber ich finde, das gibt dem Ganzen schon auch einen gewissen Charme. Und da kann man schon mal was einbauen, wo der Betrachter dann denkt, nanu, was ist denn da los?« Und – seien wir mal ehrlich – Sachen wie die Vorlagen von Herbert Hoffmann, die schon teilweise etwas plump und grob sind, die würde sich in dieser Art heute doch niemand mehr stechen lassen.

Traditional-Tattoo von Philip Ohme.
»Traditional wird heute schon oft zu schön umgesetzt, denke ich. Es ist schon toll, dass man heute so schön tätowieren kann, aber ich finde es auch ganz cool, wenn die Sachen ein bisschen krude aussehen, so wie früher. Aber damals hatten die ja auch einen anderen Ansatz, wir sind heute einfach mit einer völlig anderen Ästhetik aufgewachsen. Man muss da wirklich lernen, dass man heute solche Motive so krude wie damals zeichnen kann, ohne dass es aussieht, wie von einem Kleinkind gemalt.« 

Traditionals können ruhig kleine »Fehler« haben, meint Philipp Ohme – so dass beispielsweise das Hinterteil des Tigers komplett hinter einer dünnen Palme verschwindet oder dass viel zu große Blutstropfen aus dem gekreuzigten Jesus fließen.

Bei Philipp hängen auch noch – wie früher – die Flashs im Studio aus. Und es gibt auch durchaus Kunden, die einen Termin vereinbaren, ohne ein Motiv zu haben, und die sich dann vor Ort etwas aussuchen – wie man das damals eben gemacht hat. »Aber auch solche Motive macht man ja jedes Mal ein bisschen anders, so dass letzten Endes jeder dennoch ein Unikat bekommt.« 

Traditional-Tattoo von Philip Ohme.

Und was ist das Essentielle an einem Traditional-Tattoo? »Ein Traditional sollte gut altern, ein traditionelles Tattoo lebt auch viel von der Silhouette. Auch wenn es gealtert ist, sollte es immer noch eine interessante Außenlinie haben. Das wird bei feineren Tattoos mit vielen Schattierungen und Details dann nach einiger Zeit natürlich schwieriger. Und wenn man das Motiv anschaut, dann sollte es Power haben, es sollte etwas mit einem machen, eine Stimmung wiedergeben, je nach Motiv, Ernsthaftigkeit, Fröhlichkeit … Heute ist ein Tattoo ja mehr Schmuck, aber früher hat man ja auch über Tattoos Dinge nach außen kommuniziert und mitgeteilt, sei es als Reisesouvenir, als Liebesversprechen oder was auch immer.«

Traditional-Tattoo von Philip Ohme.

Philipp Ohme Tätowierungen
Metzgergasse 2
96450 Coburg
philippxohme@gmail.com
IG: philippohme
FB: Tätowierungen Philipp Ohme
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Stand:18 August 2018 14:40:31/t%C3%A4towierer/drei+verschiedene+taetowierer+ein+gemeinsamer+sti+diesmal+traditionals_171023.html