Die fantastischen Vier von Blackheart Tattoo

Die fantastischen Vier von Blackheart Tattoo
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Jeff Rassier, Tim Lehi, Jeff Whitehead und Scott Sylvia haben Blackheart gegründen. Schön, wenn es da nicht ein ungeschriebenes Gesetz in San Francisco gäbe: die Eröffnen eines neuen Studios darf nicht auf Kosten der bereits bestehenden gehen.
Als sich im September 2004 vier von San Franciscos besten Tätowierern selbstständig machten, stand die Tattoo-Community Kopf. Aber längst nicht alle vor Begeisterung – haben die Guys von Blackheart Tattoo wirklich Verrat an der Szene begangen?

Jeff Rassier, Tim Lehi, Jeff Whitehead und Scott Sylvia bringen es gemeinsam auf mehr als 60 Jahre praktische Tätowier-Erfahrung. Ein guter Grund, sich zusammen zu tun und Blackheart zu gründen. An sich kein Problem, hätten sich die vier nicht gerade in Kalifornieren, genauer gesagt, San Francisco befunden – eine Stadt, wo es quasi an jeder Ecke einen Tattoo-Shop gibt. Ein ungeschriebenes Gesetz der Szene besagt allerdings, dass das Eröffnen eines neuen Studios nicht auf Kosten der bereits bestehenden gehen darf. Heißt im Klartext, sich weit genug von allen ansiedeln zu müssen – fast unmöglich, zumal es kaum bezahlbare Locations gibt. Ebenfalls »verboten« ist es, sich in der Nachbarschaft des »Lehrherren« anzusiedeln. Eine haarige Sache, denn der ehemalige Brötchengeber von Tim Lehi und Jeff Whitehead ist nicht irgendwer; es handelt sich um Ed Hardy, Besitzer von Tattoo City und einer der berühmtesten Tätowierer der Welt. Hardy fand es überhaupt nicht gut, zwei seiner fähigsten Leute zu verlieren. Zudem gab es Gerüchte, dass die beiden Blackheart parallel zu ihrem Job betrieben. Der Ex-Chef reagierte extrem sauer, obwohl an der Geschichte gar nichts dran war: »Dass wir neben Tattoo City unseren eigenen Laden hatten, ist totaler Humbug«, ärgert sich Lehi. »Was stimmt ist, dass wir einfach die Nase voll hatten und was Neues gründen wollten, aber wir fanden einfach keine passende Location.« »Klar kann ich tätowieren« – eine Lüge! Tatsächlich dauerte es vier statt der geplanten zwei Monate, bis die fantastischen Vier die aktuelle Stätte ihres Wirkens beziehen konnten. Blackheart liegt im Zentrum San Franciscos im Mission District. Strategisch günstig neben der hippen Bar »Zeitgeist« und gegenüber einer Bahai-Kirche. Das Studio sieht aus wie eines der typischen Straßengeschäfte. Doch obwohl die optische Gestaltung eigentlich Laufkundschaft anzieht, gehen viele Passanten vorbei. »Wir haben uns besonders bei großen Tattoos einen Namen gemacht«, erklärt Jeff Rassier. »Deshalb trauen sich viele nicht, spontan vorbeizuschauen für eine kleine, schnelle Tätowierung. Das ist aber Quatsch, wenn wir Zeit haben, machen wir so was echt gern.«


Tattoos von Jeff Rassier

Dem gelernten Grafikdesigner Jeff
wurde nach seiner Ausbildung schnell klar, dass viele seiner Fähigkeiten schon bald durch den Einsatz von Computern unnötig würden. »Zudem liegt mein künstlerischer Background im echten Punkrock. Da kann man sich vorstellen, dass mich die Aussicht, bis ans Lebensende Firmenlogos zu entwerfen, nicht wirklich reizte.« Nachdem er dann seinen Job geschmissen hatte, ging er bei einem Tattoo Studio in Santa Barbara vorbei. Der Besitzer fragte ihn, ob er tätowieren könne. »Klar kann ich«, antwortete Jeff Rassier – eine Lüge. Im gleichen Moment kam ein Mädel rein und wollte das Wort »Dirt« auf ihren Hintern gestochen haben. Jeffs erster Job – und er kriegte es problemlos hin. »Das nächste, an das ich mich erinnere, ist dass ich auf einmal an sieben Tagen in der Woche tätowierte«, grinst er heute. Top-Adressen stehen in seinem Lebenslauf – er tätowierte bei Primal Urge, 222 und Freddy Corbin’s Temple Tattoo, bis er Jeff Whitehead, Scott Sylvia und Tim Lehi traf – und die Idee »Blackheart« geboren wurde. Wie schon beschrieben, verlief der Start des Studios nicht gerade einfach. Die Gerüchteküche kochte, und der Abschied von Tattoo City verlief alles andere als freundlich. Tim Lehi: »In den ersten Jahren hab’ ich dort echt gern gearbeitet, aber zum Ende hin war ich richtig sauer und ausgelaugt.« Auch Jeff Whitehead tendierte nicht grundlos zum eigenen Laden. »Ed war wütend, weil er dachte, dass wir Blackheart hinter seinem Rücken eröffnet hatten. Das ist Old-School-Ethik, finde ich in Ordnung und kann ich nachvollziehen. Was ich aber überhaupt nicht verstehe ist, warum jemand einen anderen inspiriert, begeistert, beim Aufbau hilft, aber absolut überhaupt nicht erwartet, dass derjenige irgendwann vielleicht weiterziehen und sein eigenes Ding machen will.«


Tattoos von Jeff Whitehead

Trotz des Ärgers zollen beide Ed Hardy Respekt. »Ich hasse ihn nicht, da habe ich gar nicht die Zeit zu«, erklärt Jeff Whitehead. »Er hat mir unheimlich geholfen, viele Chancen gegeben. Aber die Entscheidung, Tattoo City zu verlassen und das hier aufzubauen war das beste, was ich bisher in meinem Leben getan habe!« Lehi sieht es ähnlich: »Die Sache ist für mich so was von vorbei – ich bin gut gebucht und habe eine Riesensammlung an Kunden. So wie es heute für mich läuft, fühle ich mich erheblich wohler.« »Nicht 100 Prozent normal« »Je länger man tätowiert, um so weniger scheint man sich zu spezialisieren«, meint Jeff Rassier. »Und wenn man es doch tut, dann macht man nur noch das eine; tagein, tagaus nichts anderes mehr und irgendwann wird es total langweilig.« Wie die meisten wirklich guten Tätowierer beherrschen deshalb auch die Guys von Blackheart konsequenterweise alle wichtigen Tattoo-Stile: Jeder von ihnen ist in der Lage, ebenso exzellente amerikanische Traditionals zu stechen wie Japanisches, Keltisches, Mexikanisches oder eben all das, wonach die Kunden fragen. Ebenso verbringen alle vier eine Menge Zeit mit Zeichnen und Malen, versuchen, neuen Wind in etablierte Styles zu bringen. Denn Tätowieren ist genauso wie beispielsweise Musik einer stetigen Veränderung unterworfen.


Tattoos von Tim Lehi

Einer der Vorlieben im Hause Blackheart, sind Horror-Images – faszinierend dunkle, grausame und blutige Motive. Alle »Schwarzen Herzen« fühlen sich von diesem Stil angezogen, aber in Lehis Arbeiten finden sich die blutrünstigsten Bilder. Lehis Ansicht nach ist seine Grusel-Begeisterung durch seine Kindheit begründet, in der er nie Horrorfilme schauen durfte. Was auch immer die Faszination ausmacht, alle vier Artists sind der Meinung, dass die dunklen Motive grafisch eine viel stärkere Ausdruckskraft besitzen. »Stilistisch gesehen hat eine böse schwarze Krähe eine einprägsamere Wirkung als eine weiße Taube«, erklärt Scott Sylvia. »Und für viele geht es halt eher um die Wirkung als um die Message.« Der Tätowierer gibt sich auch keinerlei Illusionen über die Motivation vieler Kunden hin, die sich solche Tattoos stechen lassen: »Ich glaube, dass sich viele das Zeug tätowieren lassen, um Aufmerksamkeit zu erregen. Sie verehren nicht Satan oder so, sie wollen bloß schocken. Ob sie dann in 20 Jahren auch noch glücklich damit sind und dahinter stehen, ist eine ganz andere Frage …« Augenzwinkernd gibt er zu, das ein großer Teil »der krass Tätowierten nicht 100 Prozent normal« seien.


Tattoos von Scott Sylvia

»Unnötig elitäres Denken«
Scott Sylvia kommt eigentlich aus dem Handwerksbereich, sein Vater war ein Zimmermann. Vielleicht ein Grund, warum er größenwahnsinnige Tätowierer nicht ausstehen kann, besonders solche, die sich für Picasso halten. »Ich hasse es, wenn sie sich wie Rockstars oder große Künstler benehmen. So ein Quatsch! Ein Tätowierer ist nichts anderes oder Besseres als ein Klempner. Jemand fragt nach einer Dienstleistung und wir bieten sie an. Punkt.« Deshalb findet er auch klasse, dass Blackheart wie ein ganz normales Ladenlokal daher kommt: »Es ist nicht wie bei diesen Privatstudios, wo du erstmal einen Hürdenlauf bewältigen musst, um ein Tattoo zu kriegen. Ich glaub einfach nicht an diesen Mist.« Sylvia spart auch nicht an Seitenhieben Richtung Ed Hardy, den er als mitverantwortlich ansieht, »unnötig elitäres Denken in der Tattooszene zu etablieren«. »Den Leuten wird ein völlig falsches Bild von Wichtigkeit vermittelt. Es handelt sich um Tätowierungen, das sollte man sich immer vor Augen halten. Ich bin kein Therapeut, kein Traumdeuter. Ich bin hier, um meinen Job zu machen.« Blackhearts größter Kritiker steht also selbst im Kreuzfeuer seiner Gegner. Eine erhebliche Anzahl von Menschen in der Tattoo-Welt meint, er hätte wichtige Werte verraten – radikale Kreativität, freies Denken, Unabhängigkeit. Scott Sylvia sieht’s profaner. »Er ist mittlerweile ein alter Mann und will so viel Kohle wie möglich für seine Rente ranschaffen. Geh mal auf seine Homepage, da verkauft er Ed Hardy-Energydrinks. Es ist doch pure Ironie – er ist weltberühmt dafür, Tattoo-Kunst hoffähig gemacht zu haben und jetzt verkauft er irgendwelchen kommerziellen Scheiß.« Äußerst bedauerlich, findet Scott Sylvia. Dennoch profitiert er von Hardys früherem Einsatz: »Es gab eine Zeit, da galten Tattoos als furchteinflößend und stark Tätowierte wurden wie Aussätzige behandelt. Heute tätowiere ich Architekten und Anwälte. Angst muss man vor denen wirklich nicht haben – es sei denn, sie ziehen dich vor Gericht!«


Blackheart Tattoo
177 Valencia St
San Francisco, CA USA
1 – 415 – 431 21 00
http://www.blackhearttattoosf.com


Text: Tim Coleman • Übersetzung: Stephanie • Fotos: Tim Coleman, Blackheart Tattoo
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