Der Ausnahme-Allrounder: Tätowierer Ralph Miller

20.07.2018  |  Text: Dirk-Boris Rödel  |   Bilder: RAWphoto
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Der Ausnahme-Allrounder: Tätowierer Ralph Miller
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Immer wieder hypen Tätowierer und Tätowierte die Arbeiten von Ralph Miller. Doch wer ist der Mann, der mit seinen grundverschiedenen Tattoos haufenweise Likes und Shares einheimst? Besuch bei einem Tattoo-Allrounder in seinem Studio »The Mess« in Wiener Neustadt
Nein, da ist kein L in ›Mittere Gasse‹«, das dürfte der Satz sein, den Ralph Miller wahrscheinlich am häufigsten zu sagen hat, seit er vor zirka einem Jahr sein Studio in Wiener Neustadt eröffnete – in einem vierhundert Jahre alten Gebäude, das von außen nicht erkennen lässt, dass sich ein urgemütliches Tattoostudio darin verbirgt. Ralph arbeitet nur auf Termin und auch nur mit einem Kunden pro Tag – da braucht’s kein Neon-Reklameschild und kein aufwendig dekoriertes Schaufenster. »Ich hab das hier so gemacht, damit ich den Kunden mehr Zeit widmen, ihnen besser zuhören kann«, erklärt Ralph das Konzept seines Studios, das er »The Mess« genannt hat. Ein unpassender Name, denkt man unwillkürlich, wenn man das Studio betritt, denn es sieht weder chaotisch noch unordentlich aus. Trotzdem hat der Name seine Berechtigung, wie Ralph später noch erklären wird.

Realistic, Neotraditional, Grafik: Was aussieht, wie das vielfältige Portfolio eines Studios mit drei Artists, stammt alles aus der Nadel eines Tätowierers

Viele werden den Namen Ralph Miller noch mit dem Rothwerk im österreichischen Eisenstadt verbinden, wo er vor fünfeinhalb Jahren begann. Gelernt hat er ebenda, bei Simon, allerdings hatte er es nie darauf angelegt, Tätowierer zu werden. »Ich war Grafiker und Simon brauchte mich für das Geschäft mit Holzplugs aus Amerika. Und dann hat er eben irgendwann mal Skizzen von mir entdeckt.« Die Vorstellung liegt nahe, dass ein Grafiker, der für ein Tattoostudio arbeitet, irgendwann von sich aus zur Nadel greift, doch Ralph verneint: »Ich musste in die Richtung gestoßen werden. Ich konnte mir das gar nicht vorstellen, auch dass man dabei Leuten weh tut, wie das funktioniert und alles.« Doch kaum hatte er sich selbst das erste Tattoo gestochen, war er auch schon fasziniert.

Was Ralph von vielen anderen jungen Tätowierern abhebt, die über eine Grafikausbildung zum Tätowieren gekommen sind, ist, dass er keinen eigenen, festgelegten Stil tätowiert. »Ich denke, das ist schwierig, wenn man selbst einen Shop betreibt. Stell dir vor, ich hab hier in Wiener Neustadt mit 40000 Einwohnern einen Shop, in dem ich nur Blackwork anbiete – das würde nicht funktionieren. Aber ich wollte ohnehin von Anfang an alles tätowieren und nicht Gefangener eines Trends werden.« Werbemäßig hätte er es damit allerdings schwerer als Tätowierer, die sich spezialisieren, meint Ralph: »Du vertraust einem Dönerladen vielleicht auch nicht so sehr, wenn der auch noch Pizza, Schnitzel und alles Mögliche auf der Karte hat. Da sind die Leute gerade beim Tätowieren ebenfalls oft skeptisch, wenn man mehrere Stile anbietet.« Diese Vorbehalte nimmt Ralph aber nicht nur der Wirtschaftlichkeit wegen, sondern auch zugunsten der eigenen Abwechslung gern in Kauf: »Wenn ich jemand wäre, der nur Mandalas stechen wollte, dann hätte ich nach ein paar Jahren doch auch genug davon oder der Trend wäre vorbei.« Und sich dann als Tätowierer komplett neu zu erfinden, ist eben eine Kunst, die auch nur wenigen gelingt. »Wenn man in einem Stil festgefahren ist und sich dann mal verändern will – das ist oft sehr schwierig, dass die Leute das dann mitmachen und annehmen«, erklärt er. »Bei Peter Aurisch hat das geklappt, der hat sich in eine sehr schöne Richtung verändert, was ich sehr abgefeiert habe, oder Mark Halbstark, der von Farbe ins grobe, große Schwarze ging – aber bei denen sieht man eben auch wirklich Entwicklung, nicht nur Veränderung. Und ich denke, das klappt, die Leute nehmen das an.«

Realistic, Neotraditional, Grafik: Was aussieht, wie das vielfältige Portfolio eines Studios mit drei Artists, stammt alles aus der Nadel eines Tätowierers

Nachgehakt, ob er nicht doch irgendwo einen eigenen Stil hat, zumindest eine Art roten Faden, grübelt Ralph kurz. »Ich mag es, viele dünne Linien zu ziehen, auch allein schon vom Gefühl her, wie die Haut dabei vibriert, wenn etwas einen Flow hat. Das hat man ja beim Schattieren nicht, da rührt man eher in der Haut rum. Aber Linien, die ziehe ich ohne Abzusetzen von oben bis unten durch – da darf der Fluss nicht unterbrochen werden.« Wenn man Ralph zuhört, könnte man beinahe denken, er spräche nicht vom Tätowieren, sondern von japanischer Kalligraphie. »Ich denke, die Japaner machen da einiges richtig«, sagt er, »da haben ja auch die Ganzkörpertattoos einen schönen Flow, ebenso wie die Zeichnungen. Auch die Körperlinien haben einen Fluss, und wenn man sie berücksichtigt, dann sitzt das Tattoo auch.«

Trotz des breiten Spektrums, das Ralph anbietet, gibt es auch Stile, bei denen er abwinkt: »Bei Aquarell ist einfach die Haltbarkeit das Problem. Auch Maori oder Tribe-Tattoos und traditionelle japanische Tätowierungen würde ich nie machen. Sie haben eine Geschichte, bedeuten etwas, da steckt was dahinter, das überlasse ich denen, die sich damit wirklich auskennen.« Tatsächlich nimmt Ralph nur etwa fünfzig Prozent der Anfragen an – die andere Hälfte verweist er gerne an Kollegen, die ihm für den gewünschten Stil oder das entsprechende Motiv geeigneter erscheinen.  »Ich sage den Kunden auch ganz klar: Wenn ich nicht wirklich dahinter stehe, dann wird’s nur etwas Halbherziges. Das verstehen alle. Und oft kommen die Leute später trotzdem zu mir und wollen eben doch noch was von mir.« So haben die Kunden die Gewissheit, dass Ralph wirklich nur solche Tattoos sticht, die ihm liegen, und dass er keine Kompromisse aus den falschen Gründen eingeht. »Aber grundsätzlich denke ich, den meisten Spaß haben alle Allrounder. Denen wird nie langweilig.«

Realistic, Neotraditional, Grafik: Was aussieht, wie das vielfältige Portfolio eines Studios mit drei Artists, stammt alles aus der Nadel eines Tätowierers

Während andere Tätowierer oder Grafiker eine Nähe zwischen beiden Tätigkeiten erkennen, sieht Ralph diese gar nicht so deutlich. »Als Grafiker befasst du dich mit Designs auf flachem Untergrund, das ist beim Tätowieren ganz anders, da hast du den Körper mit Rundungen. Das merkt man schnell, wenn man ein Porträt auf den Oberarm setzen will und der Kopf dann ganz groß wird. Oder wenn sich das Design verzerrt, sobald jemand den Arm hebt. Um all so etwas muss man sich als Grafiker keine Gedanken machen.« Dennoch war die Grafikerausbildung nicht sinnlos für seine heutige Tätigkeit: »Als Grafiker lernt man Komposition, Farbenlehre, das ist natürlich auch fürs Tätowieren relevant.« Eher bemerkt Ralph aber anders herum den Einfluss des Tätowierens auf seine grafischen Arbeiten: »Das Tätowieren schwingt jetzt schon immer mit. Man denkt nicht mehr so flach, man denkt plötzlich eher in 3D. Und ich erwische mich immer mehr dabei, dass ich bei grafischen Arbeiten am Computer die weiße Fläche erst mal ein klein wenig grau oder gelb töne. Und gerade bei Logogestaltungen achte ich nun immer darauf, dass ein Flow darin ist.«

»Schöner wohnen« statt steriler Studio-atmosphäre: In Ralphs Atelier sollen sich die Kunden vor allem wohlfühlen. Zeitdruck gibt’s hier nicht

Dass Ralph sich mit seinem Stil oder auch Nicht-Stil auf dem richtigen Kurs befindet, fand er neulich auf der renommierten Krakau-Convention bestätigt, wo ein Tattoo, das er seiner Freundin gestochen hatte, bei »Small Black-and-Grey« mit einem zweiten Platz belohnt wurde. »Ich wollte gar nicht, dass sie es anmeldet«, erzählt Ralph, »ich habe gerade mal eine Stunde daran gearbeitet, während es da auch Leute gibt, die neun Stunden an einem kleinen Tattoo sitzen. Und es gab neunzig Anmeldungen. Also habe ich zu Claudia gesagt: ›Geh auf keinen Fall auf die Bühne‹ Krakau ist eine Convention, bei der ich mich ganz klein fühle, weil das Level so dermaßen hoch ist. Aber dann hat Claudia mich doch in die richtige Richtung gepusht.« Dabei geht Ralph gar nicht oft auf Conventions, bisher zwei oder drei pro Jahr – zunächst muss er sein junges Studio in Wiener Neustadt etablieren. Wenn er jedoch auf Conventions geht, vereinbart er vorab keine Termine, um für Besucher mit spontanen Tattoowünschen verfügbar zu sein. »Ich gehe nicht in erster Linie hin, um Geld zu verdienen. Und wenn man vorab schon ausgebucht ist, geht für mich der Spirit verloren.«

»Schöner wohnen« statt steriler Studio-atmosphäre: In Ralphs Atelier sollen sich die Kunden vor allem wohlfühlen. Zeitdruck gibt’s hier nicht

Die meisten seiner Kunden, sagt Ralph, kämen aus Wien – erstaunlich, wenn man bedenkt, dass es in der österreichischen Hauptstadt massenweise Tattoostudios für jeden Geschmack gibt. Es ist aber ein Kompliment an Ralphs Arbeit und an die Art und Weise, wie er sein Studio führt. Darin hat der Kunde direkt beim Eintreten nämlich das Gefühl, in einem gemütlichen Wohnzimmer zu sitzen. »Wenn die Kunden reinkommen, ist dadurch schon jede Aufregung weg. Sie können sich erst einmal setzen, eine Runde Nintendo zocken oder Uno spielen. Und sie sind beim Prozess dabei, in dem ihr Tattoo entsteht – es ist nicht so, dass ein Kunde reinkommt und das Design schon fertig ist.

Deshalb auch der Name »The Mess«, denn vor jedem Tattoo entsteht hier erst mal richtiges Chaos: Berge von Ausdrucken in vierhundert Varianten – in Farben, Größen – und ich finde es schön, wenn der Kunde das sieht, dass durch ihn erst mal dieses Chaos entsteht, bevor er dann am Schluss ein schönes Tattoo bekommt.« Was natürlich auch noch zum Tattooerlebnis bei The Mess dazukommt, ist, dass es durch die Eine-Person-pro-Tag-Regelung absolut keinen Zeitdruck gibt. »Es kommt oft vor, dass ein Tattoo um sechs oder sieben fertig ist und wir hier dann noch bis um zehn zusammensitzen und quatschen«, erzählt Ralph – in anderen Studios wäre das gar nicht möglich. »Die Kunden können mir zuschauen, wie ihr Design entsteht, können Gitarre spielen, sich in der Küche etwas zu essen machen, sie können sich also völlig frei bewegen, sie verbringen schließlich ihren ganzen Tag hier. Und ich möchte, dass sie den so gut wie möglich genießen und hier im Studio einen genauso coolen Tag haben wie ich.« Diese gemütliche Art, ein Studio zu führen, war für Ralph eine bewusste Entscheidung, denn er wolle seine Streetshop-Erfahrungen zwar nicht missen, aber für sich nicht umsetzen: »Im Streetshop geht es natürlich kaum, dass man über das Design diskutiert und Elemente abändert. Diese Zeit, die ich hier mit den Kunden verbringen und mir fürs Design nehmen kann, ist schon Luxus.« Der komme dem Kunden zugute. Aber auch für ihn sei es ein Luxus, eine Tätowierung zu seiner eigenen Zufriedenheit gestochen zu haben: »Ich denke, wenn ich mit dem Design zufrieden bin, dann gebe ich beim Tätowieren mein Bestes und mache das genau so, wie ich mir das vorstelle.«



KONTAKT
Ralph Miller
Mittere Gasse 1
2700 Wiener Neustadt
Österreich
+43 677 62563578
FB: themesstattoo
IG: ralph_miller_tattoo

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Stand:13 December 2018 18:42:10/t%C3%A4towierer/der+ausnahme-allrounder+taetowierer+ralph+miller+_18716.html