Boris Backert, Wegbereiter des Skizzen-Stils

20.07.2018  |  Text: Dirk-Boris  |   Bilder: Boris Backert
Boris Backert, Wegbereiter des Skizzen-Stils Boris Backert, Wegbereiter des Skizzen-Stils Boris Backert, Wegbereiter des Skizzen-Stils Boris Backert, Wegbereiter des Skizzen-Stils Boris Backert, Wegbereiter des Skizzen-Stils Boris Backert, Wegbereiter des Skizzen-Stils Boris Backert, Wegbereiter des Skizzen-Stils Boris Backert, Wegbereiter des Skizzen-Stils Boris Backert, Wegbereiter des Skizzen-Stils Boris Backert, Wegbereiter des Skizzen-Stils Boris Backert, Wegbereiter des Skizzen-Stils Boris Backert, Wegbereiter des Skizzen-Stils Boris Backert, Wegbereiter des Skizzen-Stils Boris Backert, Wegbereiter des Skizzen-Stils Boris Backert, Wegbereiter des Skizzen-Stils Boris Backert, Wegbereiter des Skizzen-Stils Boris Backert, Wegbereiter des Skizzen-Stils Boris Backert, Wegbereiter des Skizzen-Stils
Boris Backert, Wegbereiter des Skizzen-Stils
Alle Bilder »
Boris Backert lernte das Tätowieren zu einer Zeit, als es noch eine Angelegenheit der Subkulturen war. Er war einer der Ersten, der die Grenzen überschritt, die damals durch die Ästhetik der Punkrock-, Skinhead- und Bikerszene vorgegeben waren
Ganz historisch-altertümlich wird einem, wenn man sich im schwäbischen Ravensburg aufmacht zum Mahakala Tattoo, das letztes Jahr zwanzigjähriges Jubiläum feierte. Als Wegweiser zu diesem Tattooshop direkt am Obertor der alten Stadtmauer, der in einem uralten Ravensburger Stadthaus mit tollem Mauerwerk und alten Balken liegt, dient der »Mehlsack«, der auffälligste und größte der mittelalterlichen Türme, die Ravensburgs Altstadt zieren. Hier arbeitet aber kein »Traditionalist«, auch kein Nostalgiker – Boris Backert kann man wohl mit Fug und Recht eher als Revolutionär der Tattooszene beschreiben.

Teils arbeitet Boris mit der Körperform, teils auch dagegen. In jedem Fall entsteht jedoch ein Unikat

Dabei ist er eigentlich noch ein Tätowierer aus der »alten Zeit«, die gerne heute von vielen romantisiert und verklärt wird. »Ich wurde aufgrund meiner Tattoos damals mal aus einem Benetton-Shop hinausgeworfen«, erinnert sich Boris aber auch an die Schattenseiten dieser Zeit, »was ja insofern interessant ist, als Benetton kurz darauf die erste Modemarke war, die Tattoos in ihrer Werbung instrumentalisierte.« Es war auch die Zeit, als man die Tür vor der Nase zugeschlagen bekam, wenn man es wagte, irgendwo um eine Lehrstelle als Tätowierer zu fragen, und in der man – wenn einem denn je mal einer was gezeigt hat – sein Studio gefälligst außerhalb eines Respektradius von mindestens fünfzig Kilometer vom Shop des Lehrmeisters eröffnete. Dass die Ausbildung eine ganze Stange Geld kostete, war sowieso klar.

Die Unvorhersehbarkeit des Ewigen: Weder Kunde noch Boris wissen zu Beginn einer Tattoosession so ganz genau, wie das Ergebnis ausfallen wird

Boris lernte bei Didi in Ulm, einem Rocker der alten Schule, der wohl das Talent bei Boris erkannte. »Ein ganz toller Charakter, sehr ehrlich, für den würde ich heute noch mein letztes Hemd geben«, schwärmt Boris von seinem Lehrer. Er selbst kam aus der Psychobilly-Ecke, eine der anderen Subkulturen, in denen das Tätowieren vor über zwanzig Jahren verwurzelt war. Und natürlich war Boris am Anfang weit davon entfernt, die künstlerischen Designs zu stechen, für die er heute bekannt ist. »Ich hab damals alles gemacht – wobei ›alles‹ zur damaligen Zeit natürlich ziemlich eingeschränkt war. Die kleinen Teufelchen waren damals sehr angesagt und während meiner Ausbildung kamen auch die Chinazeichen in Mode, davon habe ich einige in meiner Lehre gemacht.« Dann fing langsam die Zeit an, in der künstlerisch und kreativ begabtere Tätowierer Vorlagensets erstellten, die sogenannten »Flashes«, die gehandelt, getauscht und kopiert wurden. Mit diesen Vorlagensets entstand bereits eine gewisse Vielfalt an Designs und auch Stilen – dennoch waren die meisten Tätowierer wie auch ihre Vorlagen immer noch tief in der Ikonografie und Ästhetik der Subkulturen verankert, in die sich das Tätowieren in den späten 70er und 80er Jahren eingenistet hatte.

Wirklich mal etwas anderes auszuprobieren – das war in der Tattooszene nicht erwünscht. »Es gab da einige Anfeindungen gegen mich«, erinnert sich Boris an die Zeit, als er damit begann, ausgetretene Pfade in der Tattoowelt zu verlassen, »denn was der Bauer nicht kennt, frisst er nicht, dieses schwäbische Sprichwort gilt auch für die Tattooszene.« Dass Boris schließlich völlig neue Wege einschlug, führt er darauf zurück, dass er relativ schnell von Dingen gelangweilt ist. »Es gab Realistic, Traditional, Japanisch … und das war’s auch schon. Das fand ich sehr öde. Und in der bildenden Kunst gab es so viele Möglichkeiten – da dachte ich, das muss doch auch unter der Haut möglich sein.«

Die Unvorhersehbarkeit des Ewigen: Weder Kunde noch Boris wissen zu Beginn einer Tattoosession so ganz genau, wie das Ergebnis ausfallen wird

Mit diesem Anspruch und dieser Motivation entfernte sich Boris von den Tätowierern, die in der Vergangenheit hängen blieben, die Dinge tun, weil sie eben immer schon so gemacht wurden und die auf die heutige Szene schimpfen, weil sie selbst den Anschluss verpasst haben. Boris lebt nicht in der Vergangenheit, sondern im Jetzt: »Dass die jungen Tätowierer von heute nicht mehr das mitbekommen haben, was wir noch erlebt haben, ist schade, aber muss ja überhaupt nicht schlecht sein. Ich mag es ja, wenn sich was bewegt. Stillstand ist Tod.«

Das Kundengespräch ist für Boris ein wichtiger Input zur Motivfindung. Pro Tag hat er nur einen Kunden

Dass Boris ein Mensch ist, der voll und ganz in der Gegenwart lebt, zeigt sich auch in dem Stil, den er schließlich als für seine Tätowierarbeiten geeignet fand: »Ich hab dann experimentiert, mit Stilrichtungen wie Aquarell, Kohle, Öl – einmal und nie wieder –, und hab versucht, diese Effekte in der Haut zu erzeugen. Und ich war eben immer auch schon ein großer Fan der Skizze. Ich schaue mir auch von namhaften Künstlern lieber Skizzen als das fertige Kunstwerk an. Das finde ich am ehrlichsten.« Skizzen definiert Boris auch selbst als Formfindung und Vorbereitung – aber widerspricht dieser eher unverbindliche und flüchtige Charakter der Skizze, die man jederzeit verwerfen kann, nicht der sehr verbindlichen Natur eines Tattoos? »Da muss man einen Mittelweg finden. Die Skizze im Tattoo ist ja auch in dem Sinne keine Skizze mehr, das ist ja schon wieder konzipiert. Aber ihr Charakter ist noch da.« Wenig Verständnis hat er für diejenigen, die auf einen vermeintlichen Trend aufspringen, ohne die stilbildenden Merkmale wirklich verstanden haben:  »Auch in der Skizze braucht es eine Harmonie. Viele denken ja, dass lediglich ein paar überkreuzte Striche und Zickzacklinien schon eine Skizze ergeben.« Dass Boris’ Tätowierungen im Gegensatz zu skizzen-ähnlichen Designs tatsächlich den Geist einer freien Skizze in sich tragen, wird auch aus seiner wahrscheinlich unter Tätowierern sehr seltenen Arbeitsweise deutlich: »Ich weiß meistens morgens, wenn ich ins Studio gehe, noch nicht, was ich machen werde. Wenn ich etwas am Tag zuvor vorbereiten würde, hätte ich darauf am nächsten Tag mit Sicherheit keine Lust mehr.« Auch hier zeigt sich bei Boris wieder: Um Zukünftiges macht er sich keinen Kopf und auf bereits Dagewesenes hat er keine Lust. »Ich müsste ja erst ein Design machen, dann ein Stencil und es dann schließlich tätowieren – also dann hätte ich es am Ende drei Mal gemacht«, beschreibt er mit Unverständnis das, was die meisten anderen Tätowierer als normal empfinden. »Viele brauchen das auch als Sicherheit, zu wissen, was sie machen. Aber mich verunsichert es, wenn ich das dann so machen ›muss‹ – ich hab wohl das Anti-muss-Gen. Ein Stencil ist eine Vorgabe, das will ich nicht, das stört mich«, sagt er. »Ich unterhalte mich mit dem Kunden, ich hab auch nur einen Kunden am Tag, das heißt, es gibt nie Zeitdruck. Und mit dem, was der Kunde mir erzählt, damit arbeite ich, daraus mache ich einen groben Entwurf.« Was aber am Ende als Tattoo herauskommt, weiß auch Boris nicht, denn oft weicht er auch noch während des Tätowierens vom Entwurf ab. »Manchmal bemerke ich im Tattoo Dinge, die beim Abwischen sichtbar werden und die ich dann ausarbeite. Und oft habe ich auch gar keinen Einfluss auf meine Bewegungen. Ich will etwas machen, aber meine Hand macht eine andere Bewegung, fährt vielleicht mit der Magnum direkt runter … es ist reine Improvisation, ich bekomme die Idee erst beim Arbeiten.«  Für seine Kunden ist das kein Problem, sie sind auf diese Arbeitsweise vorbereitet und suchen Boris auch genau deswegen auf – aber erfordert das nicht auch eine sehr große Selbstsicherheit, so ohne Netz und doppelten Boden zu tätowieren? »Das höre ich immer wieder von anderen, aber da es für mich die normale Art zu arbeiten ist, denke ich da überhaupt nicht drüber nach. Ich fang einfach an zu tätowieren und habe Spaß. Es wird bei mir auch viel gelacht beim Tätowieren, es ist alles sehr frei.« Frei auch in Bezug auf Platzierung und das Beachten der Körperformen und Anatomie?

Die Unvorhersehbarkeit des Ewigen: Weder Kunde noch Boris wissen zu Beginn einer Tattoosession so ganz genau, wie das Ergebnis ausfallen wird

»Ich arbeite schon mit den Körperformen, aber an manchen Stellen auch mal bewusst dagegen. Eine Harmonie zum Körper brauche ich durchaus, sonst sieht es für mich falsch aus. Abe das kann man auch mit einer bewussten Disharmonie erreichen. Ich habe immer so eine Dualität in meinen Arbeiten: Ordnung und Chaos, Hell und Dunkel, ein bisschen wie Yin und Yang. Und mal ein Strich gegen die Körperform – das kann schön sein. Wenn’s klappt«, sagt Boris und lacht.

Dass sich sein Stil – den er selbst gar nicht als solchen ansieht – kontinuierlich verändert, ist bei seiner Grundeinstellung kein Wunder: »Alles, was schon da war und was ich schon mal gemacht hab, langweilt mich, das will ich nicht noch mal machen. Ich könnte keine Partnertattoos stechen. Zweimal dasselbe Tattoo, dazu müsste ich mich regelrecht zwingen. Ich mag neue Dinge. Insofern verändert sich das, was ich mache, automatisch. Ich würde gar nicht sagen, dass ich mich weiterentwickle, aber ich versuche ständig, etwas Neues zu machen. Deshalb hab ich ja einen künstlerischen Beruf, um mich auszudrücken, und ich hab ja nicht jeden Tag dieselbe Laune. Auch ein Strichmännchen sieht bei mir jeden Tag anders aus.«

Die Unvorhersehbarkeit des Ewigen: Weder Kunde noch Boris wissen zu Beginn einer Tattoosession so ganz genau, wie das Ergebnis ausfallen wird

Wenn Boris auch sieht, wie viele Tätowierer es heute gibt, ist das für ihn kein Grund zu nörgeln, im Gegenteil: »Es gibt wahnsinnig talentierte Leute, die oft noch gar nicht so lange tätowieren. Wenn ich mir das im Internet anschaue, bewundere ich das und freue mich tierisch. Wenn ich so viele neue Ideen von jungen Leuten sehe, geht mir das Herz auf.« Davon ausgehend könnte sich Boris auch vorstellen, einen Lehrling aufzunehmen – Talent vorausgesetzt, denn »ich will verantworten können, dass derjenige damit später auch Arbeit findet, immerhin werden viele mit dem Tätowieren auch auf der Strecke bleiben.«

Weitergabe von Wissen, Austausch von Ideen und Kreativität sind Boris in seiner Arbeit also wichtig. So lud er auch schon früh ausgewählte Künstler zu sich nach Ravensburg ein, die sich in der kreativen Atmosphäre seines Ateliers gegenseitig inspirieren konnten. »Da waren Leute wie Lehel Nyeste aus Ungarn oder Uncle Paul aus Griechenland dabei, die alle voneinander gelernt haben. Auch tolle Freundschaften sind so entstanden. Mir ging es bei dem Projekt aber auch darum, alte Werte zu vermitteln, um den Respekt vor dem Kunden und um das Runterfahren des eigenen Egos. Heute ist vieles reine Selbstdarstellung, es muss ein tolles Bild ins Portfolio, ganz egal, wie das in zehn Jahren aussieht. Ich überlege mir, so ein Projekt noch mal zu starten, mit jungen Künstlern. Oft fragen mich junge Tätowierer auch um Rat, und ich möchte einfach auch etwas zurückgeben.«


Boris Backert
Mahakala Tattoo
Marktstraße 40
88212 Ravensburg
Tel.: 0751 3526111
www.mahakala-tattoo.com

  Teilen
Topseller im Shop
Stand:17 October 2018 02:54:53/t%C3%A4towierer/boris+backert+wegbereiter+des+skizzen-stils+_18612.html