Zwei Typen, zwei Bekleidungsmarken: Seemannstod und Rock ’N’ Owl

19.10.2018  |  Text: Boris »Bobs« Glatthaar   |   Bilder: DR Photoperformance
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Zwei Typen, zwei Bekleidungsmarken: Seemannstod und Rock ’N’ Owl
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Die Gründer und Macher der Independet-Labels Seemannstod und Rock 'n' Owl beweisen, dass Start-ups durch gegenseitige Unterstützung weiter kommen als durch harten Konkurrenzkampf. Auch vom Geben und Nehmen in der Tattooszene können manch andere Branchen etwas lernen
Die Siegelringe sind an diesem Tag im Spätsommer 2018 Nils’ neuester Stolz: Es gibt sie in Messingoptik und aus blankem Stahl, sie schillern edel golden und silbrig, zeigen ein Ankerkreuz mit Lorbeerkranz und sind für die Größe erstaunlich präzise gearbeitet. »War gar nicht so einfach, den richtigen Produzenten zu finden, aber ich wollte sie unbedingt im Sortiment haben«, sagt der Gründer, Chef und Mädchen für alles von Seemannstod. Das Label mit Klamotten und Accessoires steht für traditionellen Hafenchic – für ein romantisches Lebensgefühl zwischen matrosenhafter Raubeinigkeit und galantem Kapitänsauftritt. Das Ankerkreuz dient als Bekenntnis zu diesem Stil, ist zugleich Markensignet und geht nicht nur als Relief auf dem Siegelring, sondern vor allem als Textilprint und Aufkleberdruck über die Theke.

Nils beim Verkauf auf einem Event

Nils, das mag verwundern, ist kein Jung von der Waterkant, sondern stammt aus Fulda. Anfang April 2017 gründete der gelernte Bankkaufmann das Label Seemannstod, nachdem er sein Studium der Digitalen Medien wegen einer inzwischen erfolgreich bekämpften Angststörung hatte abbrechen müssen. »Die Idee hinter Seemannstod ist zum einen, meinen eigenen ›Seemannstod‹ in genau das Gegenteil umzukehren, nämlich ein Projekt, das inspiriert und allen Menschen, die ein Teil davon sind, Kraft spendet und Lust auf das Leben macht«, sagt Nils. »Zum anderen ist das Design und damit das Fundament meiner Marke meine Hommage an die traditionelle Tätowierkunst der Seefahrer. Die klassischen Old-School-Motive sind kein temporärer Trend, sondern zeitlose Kunst.«

Ralle beim Verkauf auf einem Event

Der 28-Jährige ließ sich sein erstes Tattoo mit achtzehn stechen – ein »Weirdo«-Männchen auf dem Oberarm. Inzwischen ist er sehr stark tätowiert und die Szene ihm und seiner Marke ein Zuhause geworden: »Ich merke einfach, wie ähnlich ich mit vielen dieser tollen Menschen ticke«, sagt Nils. »Ähnliche Vorlieben für gewisse Tattoostile sind häufig ein Indikator für weitere Gemeinsamkeiten.« Er freut sich, dass er aus der Szene heraus nicht nur Zuspruch für seine Kollektionen erfährt, sondern auch Unterstützung beim Aufbau seines Businesses: Tattoomodels lassen sich für Social-Media-Marketing und den umsatztreibenden Onlineshop ablichten, Freunde und Bekannte aus der Szene stellen sich auch gern mal hinter den Verkaufstisch, wenn Nils auf Conventions eine Pause macht. Auf die Unterstützung befreundeter Fotografen aus der Szene kann er außerdem zählen. Aber auch die Familie bildet ein wichtiges Standbein des jungen Unternehmens: »Meine Eltern und meine Freundin unterstützen mich, wo sie können, und ich bin ihnen unsagbar dankbar.«

Dass alles so harmonisch läuft, hatte Nils anfangs nicht erwartet. »Bevor ich mich selbstständig gemacht habe, wurde mir ein wahres Haifischbecken versprochen, wo keiner dem anderen etwas gönnt«, sagt er. »Ich habe das aber komplett anders kennengelernt. Wir hier in Deutschland haben eine tolle Independent-Streetwear-Szene, in der jeder seine ganz eigene Geschichte erzählt. Und das bringt mir persönlich und meiner Marke unheimlich viel. Vor allem mit Ralle von Rock ’n’ Owl hat sich über diverse gemeinsam geschlagene Schlachten auf den Tattooconventions eine tolle Freundschaft entwickelt.«

»Beide Labels sind viel zu individuell, als dass sie Konkurrenz sein könnten«

Ralle ist schon länger dabei. Anders als Nils machte er sich mit seiner Bekleidungsmarke nicht von jetzt auf gleich hauptberuflich selbstständig, sondern wuchs mit der Zeit. 2012 startete der heute 41-Jährige neben seiner Arbeit als Heilerziehungspfleger offiziell das Label Rock ’n’ Owl – eine Anspielung auf seine Freude an Rock-’n’-Roll-Lifestyle und Eulenabbildungen. Die spielen in zahlreichen seiner rund fünfzig verschiedenen Motive auf T-Shirts, Hoodies und anderer Streetwear eine Rolle. Mit seinen Kollektionen und seit Kurzem in einem robusten Verkaufs­wagen ist Ralle die meisten Wochenenden des Jahres auf Musikfestivals und Tattooconventions unterwegs – diese Events bilden den Schwerpunkt seines Verkaufs. »Ich war gerade wieder fünf, sechs Wochen on Tour. Allein 2015, 2016 hatte ich dreißig bis vierzig Termine im Jahr.« Dafür ging früher immer der komplette Jahresurlaub drauf, aber nachdem Ralle seine Arbeitsstunden in der Behinderten­einrichtung zunächst reduzierte, widmet er sich inzwischen beruflich ausschließlich seinem Geschäft.

Das besteht nicht nur aus eigenen Designs für die Marke Rock ’n’ Owl. In seiner Siebdruckwerkstatt produziert Ralle auch im Auftrag anderer Labels – so zum Beispiel für Seemannstod. Damit sich Fremdaufträge, Eigenpoduktion und Vertrieb stemmen lassen, kann auch Ralle auf viel Unterstützung zurückgreifen: Aus der Familie gibt es tatkräftige Hilfe bei der Herstellung, Freunde und Leute aus der Tattoo- und Musikszene helfen ihm bei Werbung und Vor-Ort-Verkauf bei Events wie Conventions. »Es ist zum Beispiel total toll, dass mich Tattoomodels so stark supportet haben, das hat ganz sicher zum Erfolg beigetragen«, sagt Ralle, der sich vor rund zwanzig Jahren sein erstes Tattoo stechen ließ, nachdem er beim Skaten von einem Typen mit knallig farbigen Beinen geflasht war. »Ich mag, dass Leute, die Tattoos tragen, ganz häufig einfach ihr eigenes Ding machen.« Das wirke sich auch auf Geschäfte wie Rock ’n’ Owl und Seemannstod aus: »Beides ist viel zu individuell, als dass es Konkurrenz sein könnte.«   
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Stand:16 December 2018 18:10:49/szene/zwei+typen+zwei+bekleidungsmarken+seemannstod+und+rock+n+owl_181011.html