Zu früh zuhacken

26.01.2018  |  Text: Mimi Erhardt  |   Bilder: Marlene Fulde
Zu früh zuhacken
Zu früh zuhacken
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In ihrer monatlichen Kolumne »Die Kippe danach« schreibt Autorin Mimi Erhardt, Boss Lady des Sexblogs Mimi&Käthe, über kuriose Geschichten und Beobachtungen aus ihrem Leben als junge, tätowierte und selbstbewusste Frau.
Lange habe ich überlegt, ob ich dieses Thema anschneiden soll, mich dann aber – offensichtlich – dafür entschieden: Ist es in Ordnung, sich als sehr junger Mensch bereits komplett zuhacken zu lassen?

Eine Zeit lang geisterte dieses Meme durch die sozialen Medien, auf dem zwei Männer nebeneinander stehen. Der erste hat Rücken, Brust, Bauch, Oberschenkel und Oberarme tätowiert, Stellen also, die nicht zu sehen sind, wenn er bekleidet ist. Der andere Mann dagegen trägt seine Tätowierungen gut sichtbar zur Schau: Gesicht, Hals, Hände, Unterarme, Unterschenkel, der Rest ist blank. Die Aussage: Früher tätowierte man sich für sich selbst, heute sind Tätowierungen in erster Linie da, um von anderen gesehen zu werden.

Ja, die Entwicklung gibt es durchaus, dem stimme ich zu. Das liegt allerdings nicht daran, dass wir damals so viel gelassener und uns die bewundernden oder schockierten Blicke der anderen peng waren. Schön wär’s. Vor allem lag es daran, dass Mama und Papa uns wahlweise enterbt oder gleich einen Kopf kürzer gemacht hätten, wenn sie uns mit Sternchentattoo in der Leiste erwischt hätten. Die Tattooakzeptanz der meisten Eltern in den Neunzigern lag bei minus 80, also wurden die ersten Bilder gerne dort platziert, wo die Sonne niemals scheinen würde. 

Ein weiteres Problem: der Job. 1998 war es schon hart, eine Ausbildung zu finden, bei der man seinen Nasen- oder Augenbrauenring weiterhin tragen konnte. Hätte man nun noch geblackworkte Unterarme und mit kryptischen Symbolen zugehackte Hände gehabt und Vor- und Zunamen der kleinen Geschwister in Frakturschrift auf die Schläfen tätowiert, wäre man vermutlich nie auch nur in die Nähe eines Personalerbüros gekommen.

Das vorab, Boys und Girls: Wenn die Großen euch auslachen, weil ihr so ausseht, wie oben beschrieben, lasst euch nichts erzählen. Hätten wir damals die Möglichkeiten oder einfach nur die Eier gehabt, hätten wir uns auch gleich mal Kehle und Handinnenflächen tätowieren lassen und auf die chinesischen Schriftzeichen am unteren Rücken geschissen. Natürlich ist das Thema »Arbeit finden als Volltätowierter« noch immer schwierig, wenngleich sich viel getan hat, gerade in kreativen Berufen. Da wir aber nicht alle selbst Tätowierer, Piercer, Tattoomodel oder Alternative-Lifestyle-Blogger sein und auch nicht alle unser eigenes Start-up gründen können, solltet ihr es langsam angehen lassen. Findet erst einmal heraus, in welche berufliche Richtung es für euch gehen soll. Es ist durchaus möglich, dass ihr euren Traumjob in eher konventionellen Gefilden findet, in denen eure Körperkunst (noch) nicht akzeptiert wird. Dann müsst ihr euch eventuell entscheiden. Leider. Doch hat so ein menschlicher Körper durchaus mehr Platz für Tätowierungen zu bieten als nur Hände, Gesicht und Unterschenkel. Denkt nur an das Meme. Wägt es ab und lasst euch von niemandem reinreden.

Wozu ich euch jedoch in jedem Fall rate – ganz gleich, an welcher Stelle ihr euch tätowieren lasst: Nehmt euch Zeit. Sammelt Eindrücke, Inspirationen, lernt verschiedene Stile und Tattookünstler kennen. Entscheidet in Ruhe und ohne Druck von außen, welche Körperstelle ihr wie verziert haben möchtet. Ihr gehört auch dann noch zu den coolen Kids, wenn eure ersten Tattoos nicht gleich im Gesicht oder auf den Seiten eures Halses prangen. Sich tätowieren zu lassen, kann eine entspannte, lebenslange Reise sein. Oder ein hektischer Wochenendtrip. Ihr entscheidet. 

Eure Mimi 


Mimi Erhardt


Die Kolumnistin

Mimi Erhardt ist freie Journalistin und stammt ursprünglich aus dem Ruhrpott. Sie arbeitete unter anderem schon als Ghost-Bloggerin für Pornodarstellerinnen, Autorin für verschiedene Porno-Magazine und ist Bosslady beim Porno-Blog »Mimi&Käthe« (mimiundkaethe.com). Berührungsängste hat sie keine, so schrieb Mimi auch schon für das »Jungsheft«, einem Pornoheft für Frauen, oder berichtete für VICE.com über ungewöhnliche Fetische.
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