Tor Ola Svennevig, ein Chronist für Seemannstattoos

20.07.2018  |  Text: Dirk-Boris Rödel  |   Bilder: Dirk Behlau (Tor Ola Svennevig), diverse
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Tor Ola Svennevig, ein Chronist für Seemannstattoos
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Mehrere Jahre dauerte die Arbeit am Buch Norwegian Sailors’ Tattoos. Tätowierer Tor Ola Svennevig dokumentiert darin die Geschichte des Tätowierens in Norwegen im letzten Jahrhundert
Zur Zeit der Segelschiffe gab es klare Regeln. Für eine Schwalbe auf der Brust musstest du 5000 Seemeilen gefahren sein, für ein Neptuntattoo auf dem Rücken musstest du den Äquator passiert haben.« Tor Ola Svennevig weiß, wovon er da spricht. Der Norweger aus Fredrikstad ist nicht nur Tätowierer, sondern auch Autor des Buches »Norske sjømannstatoveringer« – »Norwegische Seemannstätowierungen«. Seinen Recherchen nach haben die nordischen Seefahrer damit nicht nur die Tattookunst selbst von polynesischen Völkern übernommen, sondern auch deren System, wonach der Erwerb einzelner Tattoosymbole an bestimmte Bedingungen geknüpft war. »Seeleute hatten großen Respekt vor diesen Regeln und der talismanartigen Funktion ihrer Tattoos – ihr Aberglaube hätte sie davon abgehalten, sich mit Motiven zu schmücken, die ihnen nicht zustehen.« Dadurch, dass es diese klare Bedeutungszuweisung gab, konnte man in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts quasi einem Seemann von der Haut ablesen, wo er unterwegs gewesen war, wie viel Erfahrung auf See, was er erlebt hatte. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg wurden diese Regeln nach und nach aufgeweicht: »Ab den Fünfzigern, Sechzigern kann man sagen, dass diese Tradition immer mehr in den Hintergrund trat. Da ließen sich dann auch viele ein Segelschiff tätowieren, die nie auf einem zur See gefahren sind. Das heißt, bereits die Seeleute aus der Generation, die ich interviewt habe, romantisierten die alte Seefahrerzeit.«

© Dirk »The Pixeleye« Behlau. Tätowierer Tor Ola Svennevig erforscht die Tattoogeschichte Norwegens.

Um die Protagonisten für sein erstes Buch zu finden, sprach Tor Ola teils alte Leute auf der Straße an und bat sie, Aufnahmen von ihren Tattoos machen zu dürfen. Außerdem wendete er sich an Gewerkschaften für Seeleute, über die er mit weiteren alten Seefahrern in Kontakt kam. Dennoch dauerte es einige Jahre, bis er genug Material für das Buch gesammelt hatte. »Einige hatten zwar Bedenken und scheuten sich, darüber zu reden, aber viele freuten sich auch, dass sich jemand für sie und ihre Geschichte interessierte«, sagt Tor Ola. »Und wenn sie dir erzählen, wo überall auf der Welt sie schon waren, wo sie sich haben tätowieren lassen, wie es da zuging – Mann, das ist faszinierend!«

Mit den Jahrzehnten wurden aus Seefahrertattoos mit Bedeutung für ihre Träger mehr und mehr auch lebendige Bilderschauen, die einen Eindruck davon gaben, was in Sachen Tätowierkultur in aller Welt los war: »Manche kamen aus der Südsee zurück und waren komplett tätowiert wie ein Polynesier, andere ließen sich in Jerusalem Pilgertattoos stechen oder bekamen handgestochene Tätowierungen in Indien oder magische Tattoos aus Algerien.« Zusätzlich gab es in allen großen Häfen der Welt berühmte Tattoostudios: »In Kopenhagen war es Ole Hansen und Tattoo Jack, in Hamburg war es Herbert Hoffmann, dann war da Johnny Two Thumbs. Diese Leute waren berühmt und einige Seeleute reisten weit, um sich von bestimmten Tätowierern stechen zu lassen. Besonders Tattoo Jack war für seine dauerhaft haltenden Farben bekannt.« Das sei früher nicht selbstverständlich gewesen, denn viele Tätowierer hätten ihre eigenen Farbrezepte gehabt und manchmal mit Absicht minderwertige Produkte hergestellt – für den Verkauf an ihre Konkurrenten.

© Hvalfangstmuseet, Sanderfjord, Theodor Andersson. Auch unter Walfängern waren Tattoos sehr beliebt, wie das obige Foto belegt, auf dem Tätowierer, Kunden und Banjospieler für eine hübsche Aufnahme posen.

Mit dem Werk »Norwegische Seemannstätowierungen« ist Tor Ola bereits ein Stück in die Geschichte des Tätowierens in Norwegen zurückgereist. »Aber derzeit arbeite ich an einem weiteren Buch, das die Zeit davor behandeln wird.« Der Autor wird sich mit Johan Fredrik Knudsen beschäftigen, einem Tätowierer, den heute praktisch niemand mehr kennt, obwohl er eine zentrale Rolle in der Geschichte der skandinavischen wie auch europäischen Tattoogeschichte spielte. »Er wurde 1885 geboren und stammt aus Frederikstad im Süden Norwegens. Er war Schiffszimmermann, arbeitete in Werften in Brooklyn, Südafrika und in der Karibik und tätowierte ungefähr von 1900 bis 1935 sowohl von Hand als auch mit der Maschine. Damit ist er ein wichtiger Repräsentant in dieser Zeit des Übergangs.« Inspiriert haben Knudsen nicht nur skandinavische Tätowierer. »An den Motiven lässt sich seine internationale Tätigkeit ablesen; da gibt es einen Feuerwehrhelm mit der Aufschrift ›Brooklyn‹, dann wieder Designs, die den südafrikanischen Burenkrieg thematisieren, es gibt Piratensymbole, auch der japanische Einfluss ist sehr stark, obwohl Knudsen wohl selbst nie dort war.«

© Ellin Hansson. Für sein Buch interviewte Tor Ola Svennevig alte Seebären wie Helge Kolstad und erfuhr spannende Geschichten darüber, was, wie und warum man sich früher tätowieren ließ

Zu diesem Rechercheprojekt kam Tor Ola per Zufall: Noch während er an seinem ersten Buch arbeitete, trat Knudsens Enkel mit ihm in Kontakt: »Von ihm bekam ich vier Vorlagenbücher, von Johan Knudsen selbst gezeichnet. Und dazu noch jede Menge Stencils mit den Linien, Knudsens Handwerkzeuge und seine Maschinen.« Ein echter Schatz – und für Tor Ola ein Auftrag, sich eingehend mit der Person Johan Fredrik Knudsen zu beschäftigen. »Ich beschloss zusammen mit meinem Verleger, dass wir Knudsen ein eigenes Buch widmen müssen.« Drei Jahre forschte er zu Knudsen unter anderem in den Archiven der Reedereien und Hafenbehörden.

Doch auch bei diesem zweiten Buch will es Tor Ola nicht belassen. Weil sein größtes Interesse den Tattoos der Wikingerzeit gilt, recherchiert er auch dazu.
 

© Dirk »The Pixeleye« Behlau.


TOR OLA SVENNEVIG

Tor Ola Svennevig ist Tätowierer im Ihuda Tattoo, Fredrikstad, Norwegen, und insbesondere für seine alt-skandinavischen Runen und Symbolen aus der Wikingerzeit bekannt. Er ist verantwortlich für das große Adlertattoo des Wardruna-Sängers Einar Selvik und designt T-Shirts für die Band, die seit ihrer Beteiligung am Soundtrack für die Fernsehserie »Vikings« Kultstatus genießt. 

Dass sich Tor Ola mit alten norwegischen Seemannstätowierungen befasst, obwohl sich diese stilistisch nicht in seinen Tattooarbeiten wiederfinden, mag überraschen, aber: »Ich interessiere mich generell für alle Aspekte der Tattoogeschichte. Und letzten Endes bin ich ja auch über die Seemannstattoos selbst zum Tätowieren gekommen, denn als Kind war ich fasziniert von diesen blauen Armen der alten Seeleute.« Als Tor Ola klar wurde, dass mit jedem dieser alten Seebären, die nach und nach starben, auch ein Teil Tattoogeschichte unwiederbringlich verschwand, beschloss er zu handeln und sich der Dokumentation der Motive wie auch der Geschichten zu widmen.

Tattoo von Tor Ola Svennevig




Norske sjømannstatoveringer/Norwegian Sailors’ Tattoos

Norske Sjømannstatoveringer/Norwegian Sailors’ Tattoos
Tor Ola Svennevig, Marit Sunnana Aalrust, Elin Hansson,
Magikon Forlag
zweisprachig norwegisch/englisch
Hardcover, 20 x 26 cm, 324 Seiten,
498 Kr, ISBN 9788292863657
www.magikon.no
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Stand:13 December 2018 19:31:51/szene/tor+ola+svennevig+ein+chronist+fuer+seemannstattoos_18613.html