Tattooliebhaberin Linda Marlen Runge: Zwischen GZSZ und Punk-Karriere

21.09.2018  |  Text: Dirk-Boris Rödel  |   Bilder: attoo- und Porträt-Fotos: Sebastian Geyer
Tattooliebhaberin Linda Marlen Runge: Zwischen GZSZ und Punk-Karriere Tattooliebhaberin Linda Marlen Runge: Zwischen GZSZ und Punk-Karriere Tattooliebhaberin Linda Marlen Runge: Zwischen GZSZ und Punk-Karriere Tattooliebhaberin Linda Marlen Runge: Zwischen GZSZ und Punk-Karriere Tattooliebhaberin Linda Marlen Runge: Zwischen GZSZ und Punk-Karriere Tattooliebhaberin Linda Marlen Runge: Zwischen GZSZ und Punk-Karriere
Tattooliebhaberin Linda Marlen Runge: Zwischen GZSZ und Punk-Karriere
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Ihre Religion sei Rock ’n’ Roll und ihre Tattoos seien unterirdisch punkig,
sagt Schauspielerin Linda Marlen Runge. Fünf Jahre lang spielte sie bei der RTL-Soap »Gute Zeiten, schlechte Zeiten« mit. Wie passt das denn zusammen?
Das war der reine Zufall«, erinnert sich Linda daran, wie ihre Schauspieler-Laufbahn bei »Gute Zeiten, schlechte Zeiten« begann. »Ich hatte einen der Autoren von GZSZ, den ich eigentlich nur über eine Facebook-Gruppe meiner Heimatstadt Marburg kannte, angehauen, ob er mir nicht eine Komparsenrolle besorgen könnte – ich lebte damals in Mexiko, machte dort Musik mit meiner Band »Lejana« und dachte, ich könnte mir damit mein Flugticket nach Deutschland finanzieren.« Zunächst bekam Linda keine Antwort auf ihre Anfrage: »Ich dachte, ich hätte es verkackt, weil ich wieder mal mit der Tür ins Haus gefallen bin.« Doch als sie wieder in Deutschland war, erhielt sie eine Nachricht, die Rolle sei nun fertig und sie möge sich in Berlin zum Casting einfinden. »Casting für eine Komparsenrolle?«, fragte Linda, der das übertrieben erschien. Doch man hatte bereits an einer Hauptrolle geschrieben. 

»Ja, ich hab viele schlechte Tattoos, ist mir aber komplett Latte, ich find die geil so, wie sie sind«

Schräge Zufälle – oder schicksalhafte Fügungen? – spielen ohnehin eine Rolle in Lindas Vita, denn auch, dass sie in Mexiko landete und dort eine Band gründete, war nicht geplant. »Mir ging es mit Anfang zwanzig ziemlich schlecht, ich war sehr krank. Aber eines Abends spielte meine Lieblingsband, Tito and Tarantula, in Marburg, und trotz Krankheit und Medikamenten hab ich mich dann dorthin geschleppt.« Dass Linda bei der Gelegenheit die Band kennenlernen würde, wusste sie natürlich vorher nicht, auch nicht, dass Gitarrist Steven Hufsteter – heute ihr bester Freund – sich ihr und ihrer Krankheit annehmen würde. Was eigentlich jetzt schon wie eine Art modernes Märchen klingt, ging weiter: »Steven brachte mich zu einigen Homöopathen, die mich tatsächlich gesund machen konnten, was keiner erwartet hätte. Als er danach noch eine Überraschung für mich hatte und meinte, wir sollten mal Urlaub machen und wo ich denn hin wolle, antwortete ich wie aus der Pistole geschossen: Mexiko!« Zu diesem Land hat Linda ein enges Verhältnis, weil ihr Großvater viele Jahre in Mexiko City lebte und auch ihr Vater dort aufwuchs. »Als wir dann dort waren und auch da ein Konzert besuchten, feierten wir im Anschluss mit der Band, und einer der Musiker lud uns im Suff zu sich nach Hause ein, nach Guadalajara. Den Musiker bezeichnet Linda heute als ihren Bruder: Er ist inzwischen Gitarrist ihrer Band »Lejana«, mit der sie soeben das zweite Album veröffentlichte.
 
»In Deutschland sollte ein Schauspieler eine weiße Leinwand sein und natürlich möglichst untätowiert«, erklärt Linda. »International ist man da entspannter, so ist zum Beispiel Lena Headey, die Darstellerin von Cersei Lannister bei Game of Thrones ziemlich tätowiert – aber da sie immer lange Roben trägt, sieht man das ja nicht«

So sah die Welt aus, aus der Linda kam, bevor sie bei GZSZ in ein völlig anderes Universum eintauchte. Dazu beigetragen, dass Linda die Herausforderung annahm, hat sicher die Tatsache, dass ihre Rolle eine ist, in der sie sich wieder findet und mit der sie auch etwas bewegen kann: »Anni ist eine lesbische Frau, ein Freigeist, tätowiert, von ihren Eltern abgelehnt, weil sie unangepasst ist. Und es war auch tatsächlich so, dass ich von Anfang an Zuschriften von Frauen bekam, die sich bei mir bedankt haben und schrieben, ›meine Mutter schaut seit zwanzig Jahren GZSZ und hatte immer ein Problem mit Homosexualität, aber Anni findet sie cool, und deshalb hab ich jetzt den Mut, ihr zu sagen, dass ich auch auf Frauen stehe!‹« Linda habe sich immer gefragt, ob sie überhaupt in ein Format wie die RTL-Soap passe, und das für sich eigentlich mit »nein« beantwortet. Aber wenn sie über so ein Mainstream-Medium etwas in den Köpfen der Leute bewirken und zeigen könne, dass es okay ist, anders zu sein, dann »hab ich da Bock drauf«.
 
Dass Linda tätowiert ist, passte prima auf die Rolle der Anni. Doch im Gegensatz zu einer Kollegin, die an jedem Drehtag ihr Tattoo aufgeklebt bekommt, sind Lindas Hautbilder echt – und haben für sie als Privatperson eine Bedeutung. »Es gab tatsächlich mal eine Situation, in der eines meiner Tattoos in die Handlung eingebaut werden sollte. Da hab ich gesagt, ne, das geht nicht, dieses Tattoo will ich dafür nicht herzeigen.«
Irritierend findet Linda es auch, wenn Fans sich Zeichnungen tätowieren lassen, die sie irgendwann mal bei Facebook hochgeladen hat oder sogar ihr Porträt. »Wenn dir jemand ein Bild mit deinem Porträt als Tattoo schickt, finde ich es schon krass, was das für manche Menschen für eine Bedeutung hat.« 
 
»In Deutschland sollte ein Schauspieler eine weiße Leinwand sein und natürlich möglichst untätowiert«, erklärt Linda. »International ist man da entspannter, so ist zum Beispiel Lena Headey, die Darstellerin von Cersei Lannister bei Game of Thrones ziemlich tätowiert – aber da sie immer lange Roben trägt, sieht man das ja nicht«

Von sich selbst sagt Linda, dass sie bei der Wahl ihrer Tattoos oder Tätowierer überhaupt kein Konzept hat. »Ich hab auch völlig ohne Plan mit sechzehn angefangen, und ja, ich hab viele schlechte Tattoos. Das ist mir aber komplett latte, ich find die geil, wie sie sind.«
Wenn man Linda live erlebt, kann man sich auch schlecht vorstellen, dass sie der Typ ist, der sich ein durchgestyltes Konzepttattoo entwerfen und dann stechen ließe. »Ich bewundere es bei anderen, wenn sie Meisterwerke tätowiert haben, und denke mir: Wie kann man nur so toll tätowieren? Aber für mich find ich eher so Knast-Style gut, räudig und dirty. Tattoos müssen so ein Outlaw-Ding sein, das ist Punk.« Kein Zweifel: Linda lebt Rock ’n’ Roll, und das drückt sich eben auch in ihren Tattoos aus – und trotzdem hat sie fünf Jahre lang in einer Vorabendsoap gespielt hat, bevor sie kürzlich Ihren Ausstieg bekanntgab?
 
»Die fünf Jahre gingen rum wie nix, was auch daran liegt, dass die Arbeit im Team von GZSZ unendlich viel Spaß macht. Es gibt da so eine Art unausgesprochene Grundvoraussetzung, dass jeder, der dort arbeitet, im positivsten Sinne ordentlich einen an der Waffel haben muss. Und die Rolle ermöglichte mir, auch Dinge zu tun, die ich vorher nicht tun konnte, mir zum Beispiel einfach mal eine Gitarre zu kaufen, die ich haben wollte. Aber ich wusste von Anfang an, dass ich das auch maximal fünf Jahre machen wollte.«
 
Foto: © Esteban TucciLindas Band: Lejana

Nun möchte sie sich stärker auf die Musik konzentrieren. Im August erschien das Album, an dem sie zusammen mit ihrer Band »Lejana« seit vier Jahren gearbeitet hat. »Und dann geht’s erst mal auf Tour, und mit nem Fulltimejob wäre das eben nicht gegangen.« Bisher hatte Linda jeden Urlaub dafür genutzt, um mit der Band in Mexiko oder Los Angeles ins Studio zu gehen: »Jetzt war die Zeit, diesen Dingen mehr Raum zu geben.« Ihre Band existiert inzwischen seit zehn Jahren und der Versuch, sie stilistisch einzuordnen, erweist sich so schwierig, als wolle man einen Pudding  an die Wand nageln. »Indie-mexican Dessert-Rock mixed mit Punk«, beschreibt Linda die Richtung. »Da sind Sachen von Mariachi meets Guns ’n’ Roses bis zu Punkrock dabei. Und ein bisschen Neue Deutsche Welle vielleicht …«  Besonders kommerziell ist der Band-Stil nicht. »Nein«, sagt Linda. »Meine Mutter feiert das, aber meine Großeltern meinen, ich sei doch fünf Jahre lang versorgt gewesen und das müsse doch jetzt nicht sein. Aber doch, es muss sein. Ich kann auch nicht sagen, warum.«

Fans von Lindas Rolle Anni bei GZSZ müssen aber nicht verzweifeln: Dass Anni irgendwann womöglich mal wieder in der Serie auftaucht, hält zumindest die Schauspielerin selbst nicht für ausgeschlossen. »Das macht ja auch Spaß und offenbar bin ich darin nicht so scheiße. Eine Schauspielschule habe ich zwar nie besucht, aber fünf Jahre GZSZ mit großem Pensum und einer Vielfalt an Geschichten waren keine schlechte Ausbildung.«

 
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Stand:19 November 2018 10:08:34/szene/tattooliebhaberin+linda+marlen+runge+zwischen+gzsz+und+punk-karriere_18914.html