Tattooärger mit den Eltern

22.06.2018  |  Text: Diana Ringelsiep  |   Bilder: DR Photoperformance
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Tattooärger mit den Eltern
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Wer sich ein Tattoo stechen lässt, riskiert oft ärgerliche Auseinandersetzungen mit den Eltern – selbst als Erwachsener. Dahinter stecken nachvollziehbare wie unbegründete Sorgen, unerkannte Missverständnisse und unterschiedliche Lebensentwürfe. Doch es gibt Möglichkeiten, Mütter und Väter für Tätowierungen zugänglicher zu machen
Krystina ist siebzehn Jahre alt, als sie beginnt, sich für Tattoos zu interessieren. Doch ihre Eltern teilen die Begeisterung für die drei Sterne nicht, die ihre Tochter sich auf den Bauch stechen lassen möchte. In der Hoffnung, dass es sich nur um eine Phase handelt, verweigern sie Krystina ihre schriftliche Einverständniserklärung. Eine Entscheidung, für die die 28-Jährige ihren Eltern rückblickend dankbar ist. Denn heute weiß sie, dass sie damals bloß einen Trend mitmachen wollte. »Als ich schließlich volljährig war, habe ich mir erst mal die Lippe piercen lassen«, erinnert sich die inzwischen stark tätowierte Berlinerin zurück. »Danach war das Eis gebrochen und es kamen immer mehr Piercings dazu, bis ich allein zwölf im Gesicht hatte.«

Selbst die stark tätowierte Krystina hat es vor kurzem wieder geschafft, ihre Mutter zu schocken und noch einen draufzusetzen – denn ihr neuestes Tattoo ist ein Spinnennetz an der Schläfe. Zitat der Mutter: »Ich bin wirklich erschüttert, denn Gesichtstattoos sind für mich ein absolutes No-Go!«

Im Alter von zwanzig Jahren kehrt der Wunsch nach einem Tattoo zurück. Krystina entscheidet sich für ein Zitat ihrer damaligen Lieblingsband Bring Me The Horizon und lässt sich den Schriftzug »Diamonds aren’t forever« ins Dekolleté tätowieren. Als innerhalb kürzester Zeit weitere Motive an Armen und Hals hinzukommen, werden die Bedenken ihrer Mutter immer größer. »Reicht es nicht langsam?«, fragt sie ihre Tochter nach jedem Studiobesuch. Doch die denkt gar nicht daran damit aufzuhören, sich tätowieren zu lassen. »Zu Beginn habe ich mir große Sorgen um ihre berufliche Zukunft gemacht, denn mir war klar, dass sie aufgrund ihrer Tattoos auf Vorurteile stoßen wird«, erklärt Mama Karin. Doch entgegen allen Befürchtungen geht Krystina ihren Weg. 

Mittlerweile arbeitet sie seit zehn Jahren bei einem Friseur in Berlin-Charlottenburg. Erfahrungen hat sie in all der Zeit fast ausschließlich positive gesammelt. Die meisten ihrer Kunden sind sogar sehr interessiert und fragen sie nach der Bedeutung ihrer Tattoos. Doch Ausnahmen bestätigen die Regel. »Einmal hatte ich eine Kundin, zu der der Funke von Anfang an nicht übergesprungen ist«, berichtet die Coloristin. »Sie hat mich von oben bis unten gemustert und war die ganze Zeit über sehr distanziert. Doch am Ende war sie von dem Ergebnis total begeistert und hat zugegeben, dass sie aufgrund meines Äußeren erst Vorurteile hatte. Über diese Erkenntnis war sie dann selbst ganz erschrocken und nahm sich vor, künftig nicht mehr so vorschnell über Menschen zu urteilen.« 
Aus beruflicher Sicht scheinen Krystina ihre Tätowierungen demnach nicht im Weg zu stehen. Welche Bedenken stecken also wirklich hinter der anhaltenden Ablehnung ihrer Mutter? »Im Sommer geht meine Mama nicht mehr gerne mit mir vor die Tür«, berichtet die 28-Jährige. »Wahrscheinlich ist es ihr irgendwie unangenehm, mit mir gesehen zu werden.« Karin atmet tief durch, als sie später mit den Worten ihrer Tochter konfrontiert wird. Dann gibt sie den wahren Grund preis: »Ich sehe, wie die Leute auf der Straße hinter Krystinas Rücken tuscheln und ich sehe auch die Blicke der Männer, wenn sie an ihnen vorbeigeht. Sie merkt es ja nicht mal, doch sie tut mir leid. Denn anders als ein auffälliges Kleidungsstück wird sie ihre Tattoos nie mehr ablegen können.« 

Manchmal wird es Karin im wahrsten Sinne des Wortes zu bunt. Dann fragt sie die tuschelnden Passanten, ob sie sich endlich an ihrer Tochter sattgesehen haben. »Es muss anstrengend sein, immer alle Blicke auf sich zu ziehen«, fährt die Berlinerin fort. »Um ehrlich zu sein, hätte ich lieber ein unauffälliges Kind. Dann müsste ich mir weniger Sorgen machen, wenn es nachts allein mit der U-Bahn unterwegs ist.« 

© Hanja Li. Saras Mutter ist selbstständige Fotografin und mittlerweile sehr stolz auf ihre tätowierte Tochter. Nach anfänglichen Schwierigkeiten hat sie Sara inzwischen einige Male fotografiert und stellt die Fotos in ihrem Schaufenster aus

Auch die 34-jährige Sara aus Oberhausen und ihre Mutter Elvira haben in der Vergangenheit bereits einige hitzige Diskussionen in Sachen Körperschmuck geführt. Als die beiden zum ersten Mal wegen eines Piercings aneinandergeraten, ist Sara gerade mal acht Jahre alt. »Es war plötzlich so ruhig im Kinderzimmer«, erinnert sich ihre Mutter an den besagten Nachmittag zurück. »Als ich die Tür öffnete, traute ich meinen Augen nicht. Sara war gerade dabei, ihrem Zwillingsbruder ein Ohrloch mit einer Stricknadel zu stechen. Er blutete und biss auf einen Bleistift, um nicht zu schreien.« Der darauffolgende Ärger ist groß – und Saras Interesse geweckt. Mit dreizehn beginnt sie auf dem Schulhof, ihren Freundinnen Bauchnabelpiercings zu stechen und auch sie lässt sich von einer Mitschülerin eins machen. Als es sich kurz darauf entzündet, weiht sie ihre Oma ein, die ihr kurzerhand eine Wunddesinfektionslösung aus der Apotheke besorgt. Das Piercing verheilt und bleibt das Geheimnis der beiden. »Ich habe davon erst Jahre später erfahren«, erklärt Mama Elvira. »Mittlerweile kann ich darüber schmunzeln und bin froh, dass sie in ihrer Oma zumindest eine vernünftige Komplizin gefunden hat.«
 
Als die Zwillinge vierzehn Jahre alt sind, wünscht sich Saras Bruder zwei Piercings in der Unterlippe. Sara zerbricht eine CD-Hülle, die sie ihm zum Schutz des Zahnfleisches hinter die Lippe klemmt, und macht sich an die Arbeit. Als die Geschwister ihre Mutter mit dem Ergebnis konfrontieren, bekommt diese einen Tobsuchtsanfall. »Während der Pubertät stand ich mit den Zwillingen auf Kriegsfuß«, bestätigt Elvira. »Das Schlimmste war, dass sie permanent meine Autorität als Mutter untergraben haben und dabei gesundheitliche Risiken eingegangen sind. Ganz ehrlich, hätte man mich damals gefragt, ob ich meine Kinder liebe, hätte ich ›meistens‹ antworten müssen.«

Saras Mutter ist selbstständige Fotografin und mittlerweile sehr stolz auf ihre tätowierte Tochter. Nach anfänglichen Schwierigkeiten hat sie Sara inzwischen einige Male fotografiert und stellt die Fotos in ihrem Schaufenster aus

Besonders Sara macht es ihrer Mutter nicht leicht. Mit vierzehn Jahren begleitet sie einen Freund zu dessen Tätowierer, um sich ihr erstes Tattoo stechen zu lassen. Das »Studio« mit dem muffigen Hochflor-Teppich entpuppt sich als dessen Schlafzimmer. Während Sara sich für ein Motiv entscheidet, dreht sich der Tätowierer einen Joint. »Ist schon okay«, versichert ihr ihre Begleitung. »Dann hat er ein ruhigeres Händchen.« Monate später erfährt die 14-Jährige, dass es sich bei ihrem »schnörkeligen Tribal« um ein Om-Zeichen handelt. Ihrer Mutter erzählt sie von dem Tattoo nichts, aber der nächste Ärger steht bereits ins Haus. Als Sara sich ohne Erlaubnis ein Septum-Piercing stechen lässt, droht Elvira, das Studio ausfindig zu machen und die Inhaber anzuzeigen. Doch Sara hält dicht und ihrer Mutter sind die Hände gebunden. Dann eskaliert der Konflikt zwischen Mutter und Tochter komplett. »Im Grunde habe ich ja bereits bei dem Stricknadel-Massaker im Kinderzimmer meine Leidenschaft fürs Piercen entdeckt«, erklärt Sara. »So kam es, dass ich ein halbes Jahr bevor ich mein Fachabi in der Tasche hatte, die Schule schmiss, um in dem Studio, das meine Mutter verklagen wollte, in die Lehre zu gehen.«
Elvira ist entsetzt, als sie von den Plänen ihrer Tochter erfährt. Als sie sich nicht mehr anders zu helfen weiß, streicht sie Sara das Kindergeld und hofft auf deren Vernunft. Doch Sara zieht sich weiter von ihr zurück. »Heute verstehe ich, dass meine Mutter verzweifelt war, weil sie glaubte, dass ich meine Zukunft wegwerfe«, resümiert sie. »Doch für mich fühlte es sich so an, als hätte ich von einem Tag auf den anderen keine Eltern mehr. Ich war auf mich allein gestellt und wusste, dass ich die Konsequenzen tragen und erwachsen werden musste.« Für Elvira gleicht das Umfeld, in dem Sara sich fortan bewegt, einer anderen Welt. »Ich hatte damals wahnsinnige Angst, den Anschluss zu meiner Tochter zu verlieren und zugegebenermaßen auch große Vorurteile gegenüber der Tattoo- und Piercingszene«, blickt die Fotografin heute auf das düsterste aller Kapitel zurück. 

Mittlerweile haben sich die Wogen geglättet. Seit 2010 ist Sara als selbstständige Piercerin, Beauty-Expertin und Micropigmentistin tätig – und sogar ihrer Mama durfte sie bereits ein Permanent-Make-up machen. »Sara ist unglaublich talentiert, daher habe ich mir von ihr die Augenbrauen und einen Lidstrich machen lassen«, erzählt Elvira nicht ohne Stolz. »Rückblickend halte ich mich selbst für ziemlich verklemmt. Daher bin ich Sara heute sehr dankbar dafür, dass ich durch sie gezwungen war, mich ihrem Milieu zu öffnen. Hätte es sie nicht gegeben, würde ich tätowierte und gepiercte Menschen wahrscheinlich heute noch in eine asoziale Schublade stecken.«

Kathis Mutter war schon gegen den Nasenring ihrer Tochter. Deren Entscheidung zu Tattoos war ihr da überhauprt nicht recht

Dass mitunter auch ein Nasenring und ein kleines Tattoo für große Aufregung sorgen können, weiß die 22-jährige Kathi aus Koblenz. Schon als Teenagerin wünscht sie sich ein Nasenpiercing, doch ihre Mutter ist strikt dagegen. »Sie hat sich geweigert, mir ihre Unterschrift zu geben, und mich immer wieder auf das kleine Loch hingewiesen, das für immer an meinem Nasenflügel zurückbleiben würde«, erinnert sich die angehende Grundschullehrerin. Ihr Vater hingegen ist das komplette Gegenteil. Einmal kommt Kathi nach Hause und merkt sofort, dass etwas nicht stimmt. »Mama hat geschmollt und Papa saß grinsend in der Ecke. Später an dem Nachmittag haben sie mir dann erzählt, dass er sich aus einer Laune heraus den Nippel hatte piercen lassen – er brauchte offensichtlich keine Einverständniserklärung.«
Obwohl Kathi glaubt, dass sie die Unterschrift von ihrem Vater bekommen würde, wartet sie ihrer Mutter zuliebe bis zu ihrem achtzehnten Geburtstag. Doch als der langersehnte Termin gekommen ist, traut sie sich nicht. Allerdings ist die Erleichterung ihrer Mutter nur von kurzer Dauer, denn Kathi hat bereits neue Pläne – sie möchte sich einen Kompass auf den Unterarm tätowieren lassen. Als sie ihren Eltern davon berichtet, kommt es zu einer Grundsatzdiskussion. »Was mich an Tätowierungen stört, ist die Bindung für die Ewigkeit«, erklärt Mama Steffi. »Ich habe Hochachtung vor der Arbeit guter Tätowierer, doch als Mutter weiß ich auch, dass ein Körper sich über die Jahre verändert und aus einer frischen Rosenblüte mitunter ein verwelktes Stiefmütterchen werden kann.« Dass runzlige Haut ohne Tattoos schöner ist, wagt Kathi zu bezweifeln, und auch in Hinblick auf ihren Beruf macht sie sich keinerlei Sorgen. »Es ist mein Körper und ich bin mir der damit verbundenen Probleme durchaus bewusst«, sagt die Studentin bestimmt. »In einem Schulbetrieb, der meine Tätowierung über meine Kompetenz stellt, möchte ich ohnehin nicht arbeiten.«

Ihre Tattoos, wie den Kompass am Unterarm, widmet Kathi ihrer Familie. Doch erst durch ein persönliches Gedicht (Auszug rechts) erkannte Mutter Steffi, welche Bedeutung die Tätowierung für ihre Tochter hat

Als der Kompass unter der Haut ist, ist auch das langersehnte Piercing keine große Sache mehr – diesmal traut sie sich. Kathi ist glücklich, ihre Mutter nicht. Doch das ändert sich kurze Zeit später. »Kathi ist eine begabte Poetry-Slammerin und an meinem Geburtstag hat sie mir einen ganz persönlichen Text gewidmet«, berichtet Steffi noch immer gerührt. »In dem Text ging es um unsere Familie und darum, dass wir ihr Kompass sind, den sie immer bei sich trägt. Erst da wurde mir die Bedeutung ihres Tattoos bewusst und ich war wirklich ergriffen.« Während ihre Mutter sich gerade versöhnlich zeigt, plant Kathi bereits ihr zweites Tattoo. Diesmal sollen es Pfingstrosen werden – Steffis Lieblingsblumen. Doch die ist alles andere als begeistert. »Diese zusammenhangslosen Motive erinnern mich immer an Abziehbilder aus dem Kaugummiautomat«, erklärt sie ihre Skepsis. »Klar, beruflich werden Tattoos schon bald keine Hürde mehr darstellen. Aber unsere Gesellschaft ist dennoch sehr auf Äußerlichkeiten fixiert und bei tätowierten Menschen wird einfach genauer hingeschaut. Ich habe keine Vorurteile, doch stark gepiercten oder tätowierten Leuten bin ich erst mal skeptisch gegenüber.« Die Worte schweben für einen Moment im Raum. »Oh, offenbar habe ich doch Vorurteile.«

Ihre Tattoos, wie den Kompass am Unterarm, widmet Kathi ihrer Familie. Doch erst durch ein persönliches Gedicht (Auszug rechts) erkannte Mutter Steffi, welche Bedeutung die Tätowierung für ihre Tochter hat

Mittlerweile schmücken die Pfingstrosen schon eine Weile die Innenseite von Kathis Oberarm und zwei Schriftzüge in den Handschriften ihrer Eltern sind in Planung. Doch warum widmet man ausgerechnet der Frau, mit der über jedes Tattoo diskutiert werden muss, gleich drei Motive? »Für mich sind diese Tätowierungen keine Provokation, sondern die schönste und ehrlichste Liebeserklärung, die ich meinen Eltern machen kann«, erklärt Kathi. »Mein Vater versteht das, doch meiner Mutter wäre es lieber, ich würde meine Liebe anders ausdrücken.«

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Auszug aus Kathis Poetry-Slam-Gedicht


Ich packe meinen Koffer. 
Ich packe manche Dinge von meinem Koffer in mein Herz, 
unter meine Haut, 
und das seid ihr und ich nehme euch mit, 
wo auch immer ich hingehe, 
wo immer ich stehe, 
wo immer ich hinfalle,
oder mich um mich selbst drehe und den Ausgang nicht mehr finde. 
Ihr seid mein Koffer, mein Kompass, 
ihr seid mein Schatz, den ich in meinem Herz vergraben hab. 
Und meinen Kompass hab ich unter der Haut, 
immer nah bei mir.
Zuhause mag das Herz sein, 
doch meine Heimat, 
das seid ihr. 


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Dr. Frank Berzbach: Das erste Tattoo ist mit Ängsten verbunden

© Bjørn Fehl. Dr. Frank Berzbach unterrichtet Psychologie an der ecosign/Akademie für Gestaltung und Kulturpädagogik an der Technischen Hochschule Köln. Er ist selbst tätowiert und hat mehrere Bücher  über Psychologie und Kreativität, Design, Kunst und Ästhetik geschrieben.

Ist es für Eltern eine besondere Erfahrung, wenn sich das eigene Kind tätowieren lässt?
Dr. Frank Berzbach: Definitiv. Das ist nicht zuletzt das große Zeichen des Erwachsenwerdens. Kinder und Jugendliche machen heute alles, aber sie sind in der Regel nicht tätowiert. Das ist ein Raum für Erwachsene, den sie da betreten.

Warum soll man mit seinen Eltern über seinen Tattoowunsch sprechen?
Erstens ist es eine Sache des Vertrauens, so eine Entscheidung nicht zu verschweigen. Zweitens haben sie, auch wenn sie Skeptiker sein sollten, vielleicht auch gute Einwände.

»Hast du dir das auch gut überlegt?« – ist das ein guter Einwand?
Tatsächlich! Das klingt altväterlich, ist aber genauso, wie wenn man Leute darauf hinweist, dass sie vorsichtig Auto fahren sollen. Das klingt im ersten Moment sehr abgedroschen und bevormundend, dahinter verbirgt sich aber eine echte Sorge.

Sollte man seine Eltern, wenn sie gegen ein Tattoo sind, konkret fragen, wovor sie eigentlich genau Angst haben?
Ja. Man kann sie erzählen lassen und sich mit den Gründen auseinandersetzen. Vielleicht sagt man, okay, ich habe mir das angehört, ich mache es jetzt trotzdem, weil es mein Körper ist und ich auch eine andere Zukunft habe als meine Eltern. Oder aber man erhält wichtige Impulse, die man bislang noch nicht hatte und die einen die Entscheidung zur Tätowierung oder ihrer Art und Weise noch einmal überdenken lassen.

Wovor haben Eltern Angst, wenn es um Tattoos geht?
In erster Linie haben sie Angst davor, dass die Kinder sich die Zukunft verbauen. Sie haben Angst davor, dass die Kinder Motive wählen, zu denen sie später nicht mehr stehen. Sie haben Angst davor, dass der Körper des Kindes versehrt wird und dass es gesundheitliche Probleme geben könnte. Sie haben auch heute noch Angst davor, dass das Kind in eine unseriöse Szene abrutschen könnte.

Wie kann man die Ängste seiner Eltern vor einer Tätowierung im Voraus abbauen? Ist es eine gute Idee, sie mit zu einer Convention zu nehmen?
Das, was ahnungslose Eltern auf einer Convention sehen, ist für sie wahrscheinlich der Albtraum. Da sehen sie nicht den kleinen Stern am Handgelenk, sondern große Tätowierungen und stark tätowierte Menschen. Das könnte sie überfordern. Aber mit den Eltern in ein gutes Studio zu gehen, kann helfen, Vertrauen in den Tätowierer und die ganze Szene aufzubauen. Wenn man Eltern zeigt, wie professionell, hygienisch und dienstleistungsorientiert es in vielen Studios heute zugeht und dass diejenigen, die da arbeiten, sympathisch und nicht auf den Kopf gefallen sind, nimmt das den Eltern sicherlich etwas von ihrer Angst. Denn die beruht auf Vorurteilen. 

Wie würdest du ein Gespräch mit den Eltern angehen?
Ich würde das erst nebenbei fallen lassen und dann die Reaktion abwarten. Und wenn man merkt, das wird schwierig, kann man sagen, dass man darüber gern mal in Ruhe sprechen würde. 

Und was ist mit der Methode, einfach Fakten zu schaffen und tätowiert nach Hause zu kommen? 
Das halte ich für die letzte Möglichkeit – vor allem dann, wenn man sich sicher ist, dass es eh kein Drama gibt. Auch bei Leuten, die sich längst abgenabelt haben und komplett ihr eigenes Leben führen, wäre es wohl übertrieben, vor einem Tattoo noch zu den Eltern zu gehen. Wenn wir aber über junge Erwachsene reden, die noch eine große Nähe zu Mutter und Vater haben und womöglich noch bei ihnen wohnen, also eng in den Familienkontext eingebunden sind, würde ich das vorherige Gespräch empfehlen. 

Es passiert aber sehr oft, dass Eltern vor Tattootatsachen gestellt werden.
Das stimmt. Weil man Angst hat zu reden. 

Vielleicht auch Angst davor, von seinem Wunsch abgebracht zu werden?
Vielleicht auch. Diese Angst ist aber in den meisten Fällen nur dann begründet, wenn Eltern wirklich stichhaltige Argumente gegen ein Tattoo haben oder der Wunsch danach doch gar nicht so groß ist. Insofern wirkt auch hier das Gespräch noch einmal wie ein Filter.

Manche Tätowierten berichten, ihre Eltern hätten sich im Gespräch über Tattoos erstaunlich offen gezeigt.
Ja, immer wieder finden Eltern das auch toll, sind neugierig und lassen sich manchmal dann sogar selbst tätowieren. Sie trauen sich das dann, weil die Kinder sich trauen. Ich kenne einen Fall, da haben sich Mutter, Vater und Tochter alle dasselbe Motiv stechen lassen. Das ist doch toll, denn Partnertattoos sind eben auch in der Familie möglich.

Wie begegne ich der Aussage von Eltern »Denk doch mal an deinen Beruf!«?
Selbst junge Erwachsene wissen eigentlich schon ganz gut, ob sie Stewardess oder Restaurantfachmann werden möchten oder nicht und selbst dann muss man sich fragen, ob die Tätowierung wirklich ein Job-Stopper wäre. Das sind heute ja die wenigsten Tätowierungen. In einer Bank arbeitet niemand ohne Hemd, da hat man keine freien Arme und könnte theoretisch sogar da tätowiert sein. Hände, Hals und Gesicht sind aber immer noch sehr drastische Stellen, von denen ich für die ersten Tattoos ganz klar abraten würde. Zum Glück sehen das auch viele Tätowierer so und lehnen es ab, Neulinge an diesen Körperstellen zu tätowieren. Auch da ist die Branche viel moralischer, als ihr Ruf es verkündet.

Dr. Frank Berzbach unterrichtet Psychologie an der ecosign/Akademie für Gestaltung und Kulturpädagogik an der Technischen Hochschule Köln. Er ist selbst tätowiert und hat mehrere Bücher  über Psychologie und Kreativität, Design, Kunst und Ästhetik geschrieben.
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Stand:17 October 2018 02:39:05/szene/tattooaerger+mit+den+eltern_18613.html