Tattoo-Contests: Echter Leistungsvergleich oder Teil der Show?

23.03.2018  |  Text: Dirk-Boris Rödel  |   Bilder: Robin Brecht
Tattoo-Contests: Echter Leistungsvergleich oder Teil der Show?
Tattoo-Contests: Echter Leistungsvergleich oder Teil der Show?
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Kolumnist Dirk-Boris Rödel zweifelt an der Objektivität und Nachvollziehbarkeit von Entscheidungen bei Tattoocontests.
Ich sitze oft bei Tattoocontests in der Jury, obwohl ich zu diesen Wettbewerben ein ziemlich ambivalentes Verhältnis habe. Ich finde sie als Teil der Show völlig okay, denn sie bieten den anwesenden Tätowierern die Möglichkeit, ihre Arbeiten auf der Bühne zu präsentieren und den Besuchern die Gelegenheit, in Ruhe das zu betrachten, was den Tag über auf der Convention entstand. Das ist eine gute Sache.

Nicht so glücklich bin ich mit dem eigentlichen Kern der Contests, der Bewertung. Es muss jedem klar sein: Wenn man die Juroren auf der Bühne durch andere Jurymitglieder ersetzen würde, bekäme man in den meisten Fällen ein anderes Ergebnis. Ja, es gab verschiedene Ansätze, das Ergebnis objektiver zu machen, beispielsweise dadurch, dass ein Juror jeweils nur die Linien, der nächste nur die Schattierungen und der dritte nur die Farben beurteilen sollte – wozu das dann bei einem Samoa-Tribal ohne Farbe und Schattierungen oder einem Aquarell-Tattoo ohne Linien führt, kann man sich ja denken. Der Versuch, Tattoos in objektivierbare Bestandteile zu zerlegen, resultiert darin, dass manche Tattoos durchs Raster einer zu starren Bewertungsvorgabe fallen. 

Das größte Problem ist aber die Jury. Wenn man denn einen Contest veranstalten möchte (das ist übrigens kein Muss, es gibt durchaus auch Conventions ohne Contests), dann halte ich es für zwingend erforderlich, dass die Jury aus kompetenten, renommierten Tätowierern mit möglichst langjähriger Erfahrung besteht. Ich finde es unmöglich, wenn man Tattoomodels, Fotografen oder Schauspieler über Arbeiten von Spitzentätowierern urteilen lässt. Beim Eiskunstlauf sitzen ja auch nicht der Hausmeister und der Parkwächter in der Jury. 

Ich selbst saß oft genug in Jurys, in denen neben mir Juroren höchste Punktzahlen beispielsweise für katastrophal schlecht gestochene Bud-Spencer-Porträts oder Metallica-Schriftzüge vergeben haben, weil sie eben Fan waren und nicht verstanden haben, dass es um die Qualität der Tattoos geht. Wenn ein Conventionveranstalter rechtzeitig vor der Messe Juroren mit echtem Sachverstand und auch mit Integrität auswählt, zeigt das Respekt vor der Arbeit der Teilnehmer seines Events. Tatsächlich ist es aber oft so, dass noch während der Show hastig die Jury zusammengetrommelt wird. Auf die Bank darf, wer von den anwesenden Tätowierern gerade nichts zu tun hat. 

Sicher, auch wenn nur internationale Top-Künstler mit mindestens zehn Jahren Berufserfahrung auf der Bank sitzen, ist nicht ausgeschlossen, dass ein Tattoo auf dem knackigen Hintern einer jungen Frau mehr Punkte erhält, als dieselbe Tätowierung auf dem Oberarm eines Kerls bekommen würde. Aber zumindest ist dann die Voraussetzung gegeben, dass die Juroren die Qualität eines Tattoos überhaupt einschätzen könn(t)en. 

Und dann gibt es noch die Möglichkeit, dass Tattoos auch bei absolut sauberem Contest-Prozedere nicht gewinnen können, obwohl sie absolut tadellos sind. So einen Fall hatte ich neulich erst: ein supersauberes Mandala, präzise gestochen, schöne Linien, gute Größe, interessante Struktur. Es gab nichts an dem Teil, wo man noch mehr hätte herausholen können. Gewonnen hat es beim Contest trotzdem nicht, ganz einfach, weil einige andere Tattoos mit Lichteffekten, Schattenwurf, knalligen Farben und Plastizität neben der technischen Perfektion eben auch beeindruckender waren. Ist das gerecht? Schwer zu sagen, frustrierend für den Tätowierer ist es auf alle Fälle, denn der hat ja nichts falsch gemacht und das für dieses Motiv bestmögliche Ergebnis abgeliefert. 

Man kann es drehen und wenden, wie man will: Man wird keinen Contest hinbekommen, der zu einhundert Prozent fair, objektiv und nachvollziehbar ist. Juryentscheidungen sind Momentaufnahmen in Relation zu den Verhältnissen der jeweiligen Veranstaltungen – nicht weniger, aber eben auch nicht mehr. Wer damit klarkommt, sollte daran teilnehmen, wer davon aber absolute und objektive Bewertungen erwartet, wird unvermeidlich enttäuscht werden. 
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Stand:16 February 2019 08:58:58/szene/tattoo-contests+echter+leistungsvergleich+oder+teil+der+show_18216.html