Mimi Erhardts Kolumne: »Wie findest du eigentlich meine Tattoos?«

27.11.2017  |  Text: Mimi Erhardt  |   Bilder: Marlene Fulde
Mimi Erhardts Kolumne: »Wie findest du eigentlich meine Tattoos?«
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In ihrer monatlichen Kolumne »Die Kippe danach« schreibt Autorin Mimi Erhardt, Boss Lady des Sexblogs Mimi&Käthe, über kuriose Geschichten und Beobachtungen aus ihrem Leben als junge, tätowierte und selbstbewusste Frau. Das ist meistens ziemlich unterhaltsam und immer erfrischend ehrlich ...
An alle stark tätowierten Leser: Werdet ihr auch so gerne um eure Meinung zu den Tattoos anderer gefragt? Bei mir ist das der Fall – und wenn ich ehrlich bin, weiß ich nicht so recht, wie ich das finden soll. Wir alle wissen seit der »Gurke des Monats«, dass wir Tätowierten nicht nur Kunstwerke auf unserer Haut tragen. Und zahlreiche »Taff«-Beiträge mit Titeln wie »Wer hat das fieseste Arschgeweih?« oder TV-Shows wie »Horror Tattoos – Deutschland, wir retten deine Haut« zeigen: Ganz schön viel Tattooschrott da draußen. Mal liegt das an den mangelnden handwerklichen Fähigkeiten des Tätowierers, mal am – für andere – nicht vorhandenen ästhetischen Verständnis des Tätowierten.



Freunde. Es ist mir egal, was ihr euch stechen lasst. Wenn ihr es schön findet, es euch glücklich macht, dann ist das das Wichtigste. Denn darum geht es beim Tätowiertwerden doch: Sich selbst ein Geschenk zu machen. Was die anderen denken, sollte da peng sein. Warum aber fragen wir so oft andere nach ihrer Meinung zu den Bildern, mit denen wir durch die Weltgeschichte spazieren? Und warum fragen immer alle MICH?

Neulich war ich mit meiner Mama shoppen. Wir stöberten uns durch die Shops und kamen schließlich an einer Parfümerie vorbei. Während Mama sich von einer Verkäuferin zum Thema »Bodylotions, die NICHT kleben« beraten ließ, erspähte ich aus dem Augenwinkel, dass sich jemand von hinten näherte. Groß, dunkel, gut duftend. Der Security-Mann.

»Hallo, sie haben sehr schöne Tattoos«, sagte er und wiegelte gleich ab: »Ich hoffe, es ist in Ordnung, dass ich sie anspreche, aber ich musste das unbedingt loswerden.« Was für ein netter Mann! »Kein Problem, das ist doch ein sehr schönes Kompliment, vielen Dank!« Ich freute mich aufrichtig, denn ich bekomme gerne Komplimente. »Darf ich Ihnen mal ein Tattoo von mir zeigen?« Oah nee, dachte ich, sagte aber: »Na gerne doch.« Er schaute sich schnell um, ob ihn auch niemand beobachtete, dann schob er den Ärmel seines Hemdes hoch und zeigte mir einen Schriftzug knapp über seinem Handgelenk. »Family for always«. Ja, puh. Ich wollte gerade fragen, ob das ein Insider sei, da es ja »Family forever« heißen müsse, da sah ich sein strahlendes Lachen. »Hab ich mir für meine Frau und unseren Sohn stechen lassen«, sagte er. »Das bedeutet mir echt sehr viel. Wie finden Sie es?«

»Family for always«


Was sollte ich denn da sagen? Dass nicht nur das Englisch eine Katastrophe, sondern dass diese Gurke auch noch unter aller Kanone gestochen war? Sollte ich fragen, ob der Tätowierer volltrunken war, als er dieses Tattooverbrechen beging? Ich wollte den Mann schütteln, ihn anschreien, sagen: »Mach das weg, Freund! Ehrlich! Weglasern, covern, von mir aus bewirb dich bei ›Horror Tattoos‹, aber um Himmels willen nimm das Dingen aus meinem Gesicht!« Er strahlte mich noch immer an, mich, die vermeintliche, da zugehackte Tattooexpertin und wartete freudig auf meine Reaktion. »Das ist wirklich sehr schön«, sagte ich und ohrfeigte mich innerlich für diese Lüge, »ihre Frau hat sich bestimmt sehr darüber gefreut.« »Ja«, antwortete der Security-Mann, »sie hat vor Freude ein bisschen geweint.« Mir war auch nach Weinen zumute.

Warum ich dem Mann nicht die Wahrheit gesagt habe? Weil ich ihm die Freude über seinen tätowierten Liebesbeweis nicht kaputt machen wollte. Wenn es ihm und seiner Familie gefällt, ist das alles, was zählt. Was soll er denn mit meiner Kritik anfangen? Eine Tätowierung ist schließlich kein Haarschnitt, den man retten kann, wenn er doof aussieht.

Solltet ihr mich also jemals um meine Meinung zu euren Tattoos fragen, seid euch bewusst, dass ich euch möglicherweise knallhart ins Gesicht lügen werde. Ich bin zu höflich, um Menschen, die ich nicht kenne, die Wahrheit zu sagen, das dürfen deren Freunde übernehmen. Oder Frau und Sohn.

Family for always.
Eure Mimi 
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Stand:19 July 2018 19:38:51/szene/mimi+erhardts+kolumne+wie+findest+du+eigentlich+meine+tattoos_171023.html