Die Desasterkids über Tattoos und Homophobie

24.08.2018  |  Text: Interview: Boris Horn  |   Bilder: Angela Regenbrecht
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Die Desasterkids über Tattoos und Homophobie
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In diesem Jahr ließ die Berliner Metal-Kombo Desasterkids die Bombe platzen und sagte mit dem Coming-out ihres Sängers Andi der Homophobie den Kampf an. Warum die immer noch ein Problem ist und warum die Musiker so krass tätowiert sind, erzählten sie uns 
im Interview.
Andi, ihr habt mit eurem letzten Video zu »Oxygen« ein klares Statement zu Homosexualität gesetzt, indem sich am Ende des Clips zwei Männer küssen. Dazu gab es zum Beispiel auf YouTube auch negative Kommentare. Wie nimmst du das als schwuler Mann auf?
ANDI: Ich habe solche Kommentare erwartet und mich schon irgendwie darauf gefreut. Es ist sehr unterhaltsam, dumme, homophobe Menschen dabei zu beobachten, wie sie versuchen zu rechtfertigen, dass Homosexualität nicht in Ordnung sei, teilweise sehr rational, teilweise einfach beleidigend. Ich kann darüber nur lachen und vielleicht sogar etwas Mitleid dafür verspüren, in was für einer begrenzten Welt diese Leute leben.

Würdest du sagen, dass die Metal- und Hardcoreszene etwas toleranter ist? Wenn ich an Reggae oder Black Music denke, sieht das noch mal ganz anders aus mit der Homophobie, oder?
ANDI: Ich kann leider nur für die Metal- und Hardcoreszene reden, da ich mich, ehrlich gesagt, noch nie mit Reggae oder Black Music und schon gar nicht mit deren Szenen auseinandergesetzt habe. In unserer Szene sind die Leute schon sehr tolerant, vielleicht sogar mehr als früher, weil sich allgemein die Akzeptanz für LGBT und queere Menschen über die Jahre gesteigert hat. Ich versuche, auch mit meiner Person das Weltbild der Szene auf Homosexualität zu lockern, wenn auch nur indirekt, denn es gibt nicht nur Stereotypen auf dem anderen Ufer.



Ich habe gelesen, dass euch vor ein paar Jahren von Businesspartnern noch dazu geraten wurde, das Ganze aus Marketinggründen am besten hinterm Berg zu halten. Hattet ihr nun die Faxen einfach dicke oder was hat euch dazu bewegt, nun so offensiv an die Sache heranzugehen?
ANDI: Es war kein Verbot, denn so etwas kam niemals vom Label oder Management. Es war vielmehr ein Ratschlag. Ich hatte schon immer den Wunsch, meine Sexualität in die Visualisierung unserer Musik miteinzubringen. Als wir gerade erst angefangen hatten, wussten wir nicht genau, wie das ankommen würde, und deshalb wollten wir lieber auf Nummer sicher gehen. Nach einer EP und einem Album und einigen Jahren auf Shows und Festivals wurde es langsam Zeit für das zweite Album und wir wollten reifer und persönlicher daran gehen. Da Homosexualität schon immer Teil der Band war, fühlte es sich einfach an, als sei es an der Zeit, das auch öffentlich zu machen. Wer weiß, vielleicht machen wir demnächst ein Homo-Sadomaso-Gang-Bang-Musikvideo, wie ich es mir schon seit einiger Zeit wünsche (lacht).

Musikalisch könnte man sagen, dass ihr euch ein wenig vom »Party-Image« wegbewegt habt und nun etwas ernsthafter beziehungsweise erwachsener klingt. Wie kam es dazu?
ANDI: Das rührt einfacherweise aus der Tatsache, dass wir alle privat kaum noch solche Musik hören. Wir sind alle fünf Jahre älter und reifer und so verändert sich auch unsere Musik. Damals, zu Anfang der Band, waren wir alle noch sehr jung, teilweise nicht mal achtzehn Jahre alt, und das war unser Leben. Party und Rock ’n’ Roll, das hat auch unsere Musik beeinflusst. Wir stehen dazu und spielen auch gern mal einige alte Songs live auf der Bühne, so war nunmal die Zeit damals. Schon kurz nach der ersten EP »Sex, Beer & Breakdowns« wurde uns klar, dass wir eigentlich ernstere Themen ansprechen und unseren Songs tiefere Bedeutung geben wollen, die den Hörern helfen sollten, gewisse Situationen im Leben zu meistern.

Tommy, du hast ein sehr eindrucksvolles Ganzkörpertattoo. Wie bist du auf die Idee gekommen, welcher Künstler hat das umgesetzt und wie lange hat das alles gedauert?
TOMMY: Mein ganzer Körper wurde von Reeni und Ela bei Pechschwarz Tätowierungen gestaltet. Ich hab mir das irgendwann alles mal ausgedacht und dann mit den Mädels zusammen geplant. Wir haben vier Jahre lang mindestens einmal im Monat daran gearbeitet. Das war wohl die schlimmste Zeit meines Lebens. Man ist dauernd krank, hat Schmerzen und vor allem das Gefühl, es wird niemals fertig sein.



Du modelst auch wie kam es dazu?
TOMMY: Ich war schon immer begeistert von der Idee, irgendwann mal zu modeln, hätte aber nie gedacht, dass ich das Zeug dafür habe. Letztes Jahr wurde ich dann bei Instagram entdeckt und habe seit dem Jobs für Hugo Boss, Diesel, Levi’s, Michalsky, Pro7, tigha, Asos und viele mehr gemacht.



Andi, deine Tattoos sehen ebenfalls sehr »zusammenhängend« aus. Wer hat sie gestochen?
ANDI: Ich war bei vielen verschiedenen Tattookünstlern, je nachdem wo ich gerade gewohnt habe. Einige sind weggezogen, weshalb ich mir dann neue Tätowierer suchen musste. Ich hatte von Anfang an vor, Arme, Brust, Hals und Rücken komplett zu tätowieren, habe deshalb jeden Bereich als ganzes, einheitliches Bild geplant. Ich bin auch noch nicht fertig.



Habt ihr denn Tattoos mit einer tieferen Bedeutung?
ANDI: Die Tattoos an meinen Armen haben eine tiefere Bedeutung: Der rechte Arm steht mit dem Phoenix für Wiedergeburt und Reinkarnation, was für mich das Nie-Aufgeben symbolisiert, die Pfingstrosen für Familienmitglieder und die bewölkte Sonne auf meiner Hand dafür, dass selbst dunkle Zeiten irgendwann vorübergehen und alles wieder gut wird. Den linken Arm habe ich meinem Lieblingsroman gewidmet »His Dark Materials«. Ich kann die Reihe nur empfehlen. Bandgebundene Tattoos haben wir noch nicht, aber vielleicht bald.

Wer in der Band hat mit Tattoos angefangen hat und was war das für ein Tattoo?
TOMMY: Als ich mit siebzehn in die Band kam, war Andi mein großes Vorbild in Sachen Tattoos.
ANDI: Ich hatte bereits den einen Arm und die Hand tätowiert, als wir die Band gegründet haben. Ich erinnere mich noch, dass Tommy davon sehr »impressed« war. Damals war er noch siebzehn Jahre alt. Innerhalb von zwei bis drei Jahren hatte er mich dann allerdings weit überholt und ist inzwischen fast komplett tätowiert. Heute bin ich derjenige, der impressed ist.

Andi, was bedeuten beispielsweise deine Tattoos auf den Fingerknöcheln?
ANDI: Auf meinen Fingern steht »invictus«, was »unbezwungen« bedeutet. Auch das steht dafür, niemals aufzugeben, bis man an sein Ziel angekommen ist.



Wie sieht eure Tattoozukunft aus, was wird da noch passieren?
ANDI: Ich werde demnächst den ganzen Rücken machen lassen, wofür ich allerdings wieder einen neuen Tätowierer suchen muss. Auch muss ich einige Sachen nachstechen lassen, wie die Finger zum Beispiel. Danach werde ich aber erst mal eine kleine Inspirationspause einlegen, bevor es mit den Beinen weitergeht.
TOMMY: Ich habe nur noch meine Oberschenkel frei, deshalb überlege ich mir sehr genau, was dort drauf soll. Ich denke aber, dass es noch dieses Jahr so weit sein wird.



DESASTERKIDS – Superhuman
Das aktuelle Studioalbum der DESASTERKIDS erschien im August 2018.



www.desasterkids.com
Tommy auf Instagram: @tommyhey
Andi auf Instagram: @thefancyvillain
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Stand:26 September 2018 03:44:05/szene/metal-band+desasterkids_18815.html