25% Günstiger im Printabo!
Wir feiern 25 Jahre TätowierMagazin und alle profitieren
Jubiläums
Aktion
€72,-
€53,-

Ein Kreuzzug für die Tattookunst - Kult-Tätowierer Don Ed Hardy

21.07.2016  |  Text: Pacal Bagot, Übersetzung: Dirk-Boris  |   Bilder: Pacal Bagot
Ein Kreuzzug  für die Tattookunst - Kult-Tätowierer Don Ed Hardy Ein Kreuzzug  für die Tattookunst - Kult-Tätowierer Don Ed Hardy Ein Kreuzzug  für die Tattookunst - Kult-Tätowierer Don Ed Hardy Ein Kreuzzug  für die Tattookunst - Kult-Tätowierer Don Ed Hardy Ein Kreuzzug  für die Tattookunst - Kult-Tätowierer Don Ed Hardy Ein Kreuzzug  für die Tattookunst - Kult-Tätowierer Don Ed Hardy Ein Kreuzzug  für die Tattookunst - Kult-Tätowierer Don Ed Hardy
Ein Kreuzzug  für die Tattookunst - Kult-Tätowierer Don Ed Hardy
Alle Bilder »
Dass heute beim Namen Ed Hardy viele nur an die kitschigen T-Shirts und Basecaps denken, die der Designer Christian Audigier unter dem Namen des kalifornischen Tätowierers vermarktete, wird dem Mann nicht gerecht. Wahrscheinlich hatte kaum ein anderer Tattookünstler so großen und konstruktiven Einfluss auf die heutige Tätowierkunst wie er.
Ed Hardy ist eine echte Tattoolegende – und eine lebende noch dazu. Auch wenn der mittlerweile 71-Jährige sich seit einigen Jahren im Ruhestand befindet, erzählt er immer noch mit großem Enthusiasmus die Geschichten aus den alten Tagen, die sein Leben erfüllen. In seinem Atelier in San Francisco berichtet er von seiner Leidenschaft für das Tätowieren, die immer noch in ihm glüht, und wie sich die ganze Sache hier, in der »Golden City«, langsam aus dem Dunkel hervortastete und eine historische Entwicklung nahm.

Für jeden, der ein echtes Interesse am Tätowiererhandwerk hat, sind Episoden aus dem Leben von DETH (Donald Edward Hardy Talbot) wahre Juwelen. Der englische Tätowierer und Namensvetter Lal Hardy, selbst eine Tattoolegende, fasst die Bedeutung Ed Hardys für seine Generation kurz und knapp zusammen: »Ed war Gott!«. So einfach ist das. 

Don Ed Hardy in seinem Atelier in San Francisco – mit Ed-Hardy-Shirt.
 
Aber das muss man dem Mann aus Kalifornien schon zugestehen, der sein Leben als Tätowierer mit einer beispiellosen Intensität und Hingabe zu einem Kreuzzug für die Anerkennung des Mediums Tattoo gemacht hat.

Und dabei feuerte er aus allen Rohren: Er war der Erste, der ein Studio eröffnete, in dem ausschließlich Customwork angeboten wurde. Er sprengte das eingeschränkte Repertoire traditioneller Tattoomotive und stach Tätowierungen, die man niemals zuvor gesehen hatte. Er trug maßgeblich dazu bei, traditionelle Formen des Tätowierens wiederzubeleben, vor allem traditionell japanische. Er organisierte 1982 auf der Queen Mary eine der ersten internationalen Tattooconventions. Er brachte die Buchserie »Tattoo Time« mit Berichten über und Bildern von innovativen Künstlern heraus, die einen Meilenstein in der Tattoogeschichte darstellt. 

Ed Hardy hinterließ nicht nur Spuren in der Tattooszene, er ebnete Wege mit seinem Engagement. Dass junge Tätowierer heute volle künstlerische Freiheit genießen und das Tätowieren nie geahnte Popularität erlangt hat, ist zu einem nicht geringen Teil diesem Mann zu verdanken. 

Inzwischen tätowiert er nicht mehr und pendelt zwischen Honolulu und San Francisco. Wir trafen ihn in seinem Atelier und ließen ihn erzählen.

In seinem Customshop »Tattoo City« ermutigte Don Ed Hardy die Kunden, sich nicht nur an  traditionellen Motiven zu orientieren, sondern vollkommen frei zu denken.
 
Was machst du zurzeit?
Ich konzentriere mich auf meine Gemälde, das ist die Art von Kunst, die mir am meisten bedeutet. Ich habe mich immer leidenschaftlich für Kunstgeschichte interessiert. Über die japanische Tattookunst bin ich damals auch auf den japanischen Farbholzschnitt, Ukiyo-e, aufmerksam geworden, und darauf habe ich mich lange Zeit konzentriert, bis ich schließlich so weit war, Herrn Oguri (Tätowiermeister Horihide, Anm. der Red.) in Japan zu besuchen und mit ihm zu arbeiten. Aber jetzt konzentriere ich mich vor allem auf meine persönliche Kunst, das habe ich sehr lange nicht gemacht, ich war völlig damit beschäftigt, immer nur zu tätowieren. 

Wann hast du das Tätowieren an den Nagel gehängt?
Das war 2008. Die Leute fragen mich immer noch, aber dann sage ich: »Ich war doch so lange da, du hättest die ganze Zeit vorbeikommen können!« Früher sagten die Leute zu mir: »Du bist der Einzige, der das machen kann!« Aber jetzt? Jetzt gibt es doch tausende, die das ebensogut können!

Entspricht die Tattooszene heute dem, was du dir vor zwanzig Jahren erhofft hast?
Es geht weit, weit darüber hinaus, was ich mir hätte vorstellen können! Früher dachte ich: »Wäre das nicht cool, wenn alle japanische Tätowierungen haben wollten!«, weil ich darauf eben Lust hatte. Das war die Herausforderung. Aber heute bin ich völlig baff, wenn ich mir das Level des Tätowierens anschaue, wie rasend schnell es sich entwickelt hat! Ich bin bloß froh, dass ich mich heute nicht mehr gegen diese Konkurrenz durchsetzen muss (lacht)! Tätowieren ist heute eine echte kulturelle Option, und das war das Ziel meines Kreuzzuges, genau das. Damals war Gleichberechtigung von Mann und Frau, von Schwarz und Weiß ein Thema, all sowas. Aber ich dachte mir immer, was ist denn am Tätowieren falsch, dass die Leute es so verachten? Schon als Kind dachte ich: Warum hassen die Leute Tattoos? Früher hatten die Leute ja regelrecht Angst davor.

Na ja, aber ich denke, ich hab meine Arbeit inzwischen erledigt, ich kann mich also zurücklehnen und mich meiner Kunst widmen, bei ein paar Shows teilnehmen … ich glaub, das hab ich mir verdient. Ich fühl mich nicht schlecht, weil ich nicht mehr tätowiere. Es ist schmeichelhaft, dass Leute immer noch Tattoos von mir wollen, aber diese Zeit gehört jetzt mir. 

Ed Hardys Begeisterung galt vor allem asiatischen Tätowierungen.
 
Hat es dich frustriert, dass du dich in der Zeit, in der du tätowiert hast, nicht deiner Kunst widmen konntest?
Nein, nicht wirklich, ich war ja ausgefüllt mit dem, was zum Tätowieren nötig war. Das hat mich sehr in Anspruch genommen, insbesondere als ich auf dem Level war, die Leute herauszufordern, mit eigenen Ideen zu mir zu kommen. Da waren einige epische Arbeiten dabei, wirklich fantastische Sachen. Und ich machte ja auch viele japanische Arbeiten, die ich so sehr liebe. Und in der Zeit habe ich auch zu viel getrunken, das heißt, in der restlichen Zeit war ich eh durch (lacht). Ich hab geackert, danach eine Line gezogen, eine Tüte geraucht und dazu noch ein Sixpack Bier getrunken. Das war’s, so hab ich damals gelebt. Aber ich hab nie tätowiert, wenn ich vorher irgendwas genommen hab. 

Und woran arbeitest du gerade?
Ich habe ein Gemälde in Honolulu begonnen, inspiriert von Hokusai, aber ich stresse mich nicht damit, es zu beenden. Ich hab durch das Tätowieren immer noch das Gefühl, dass ich Sachen so bald wie möglich beenden muss, aber dem Papier, der Leinwand, ist es egal, ob du daran weitermachst, ich kann es einfach auch mal ’ne Woche liegen lassen. Es ist sehr befreiend, auf etwas Unbelebtem zu arbeiten, man muss nicht denken: Passt das nun zu dieser Person? Beim Tätowieren war es toll für mich, mit welchen Ideen die Kunden ankamen.

Wie hast du zu deiner persönlichen Kunst gefunden?
Zuerst wusste ich nicht, wie ich das anstellen sollte, was mich wirklich ängstigte. Mir wurde klar, wie abhängig ich davon geworden war, dass Kunden die Ideen brachten, und oft nicht nur ein Thema, sondern auch die Art, wie sie etwas haben wollten, sie hatten genaue Vorstellungen davon, wie es aussehen sollte. Viele frühen Arbeiten waren ja auch sehr abstrakt, das waren Sachen, die es nie zuvor als Tattoo gegeben hatte. Und das waren alles Ideen meiner Kunden. 

Du hast dann auch angefangen, Tattoodesigns zu malen, anstatt sie zu tätowieren. 
Als ich nach Honolulu zog, wurde mir klar, dass ich nun Zeit zum Denken habe, und dass ich die Art von Kunst machen kann, die mir selbst gefiel. Ich hab mir dann selbst eine Regel gesetzt: Es soll nicht wie ein Tattoo aussehen, ich will mich nicht auf Tattooreferenzen beziehen. Aber es war zum Verzweifeln, wie sollte ich das angehen? Ich begann zum Beispiel damit, Gorillas zu zeichnen und dachte »Das ist doch blöd, ich schränke mich selbst ein, wenn ich das male, wo ich doch einfach alles malen könnte!«

Also arbeitete ich mich vorsichtig vor, ich begann unbewusster zu arbeiteten, ohne zu planen. Ich malte kleine Arbeiten mit Aquarellfarben, ich bewegte den Pinsel und beobachtete, was dabei entstand. Mir wurde dabei klar, dass die Bewegungen von tausenden von Zeichnungen, die ich über die Jahre gemacht hatte, in meinen Muskeln gespeichert waren. Es war sehr interessant  festzustellen, dass all diese Bewegungen und Formen Teil von mir und meinem Unterbewusstsein waren. 

Dann begann ich damit, Stile zu vermischen und neu zu konfigurieren. Es war wie ein Musikstück zu komponieren oder ein Buch zu schreiben; man nimmt dieses Wort und jenes Wort, stellt alles neu zusammen, und es entsteht etwas Neues, was vorher noch nie jemand gesehen hat. Es ist wie visuelle Poesie. 

Ausgehend von den Ideen des Kunden schuf Don Ed Hardy individuelle Tattoomotive.
 
In einem Interview in dem Buch »Modern Primitives« hast du gesagt: »Ich kann mein ganzes Leben damit zubringen, über Tätowierungen nachzudenken, denn Tätowieren ist lediglich ein Medium, das man nicht einkapseln kann.« Ist es auch jetzt, nach deiner Pensionierung, noch eine starke Quelle der Inspiration?
Ich kann mich vom Tätowieren nicht scheiden lassen. Es wird mich beschäftigen bis zu dem Tag, an dem ich sterbe. Damals, als ich dieses Interview gab, hatte ich noch keine Beziehung zu meiner persönlichen Kunst aufgebaut. Ich hab noch gezeichnet, viele Unikate, aber das waren alles Kundenaufträge – was natürlich schon toll war. Das hat meine Perspektive enorm erweitert. Heute denke ich oft, ich hätte noch weiter kommen können, aber ich hab es bis an den Punkt gebracht, an den ich es eben bringen konnte. Die Tätowierungen, die ich gemacht habe, gab es vorher nicht: Tattoos nur aus Farben, abstrakte Arbeiten … sich der Vorstellungskraft der Kunden, ihren Ideen zu öffnen, das hat die Lunte gezündet für die Tattooszene, die wir heute haben. Das hatte eine große Wirkung.

Du hast damals erkannt, dass die Tattoomotive, die es seit Jahrzehnten gab, nicht mehr den Wünschen und Erwartungen der Kunden entsprachen. Aber wie gelang es dir, die Leute dazu zu bringen, selbst neue Ideen zu entwickeln?
Es war nur logisch, etwas so eingeengtes zu öffnen. Ich dachte, es würde bestimmt neue Wege eröffnen, wenn ich Leute für Tattoos interessieren könnte, die ohnehin schon ein alternatives Bewusstsein hatten. Um diese Leute zu erreichen und für Tattoos anzusprechen, schienen mir San Francisco, Los Angeles und auch New York über einen ausreichend hohen Prozentsatz an Einwohnern mit einer gewissen Sensibilität für Kultur zu verfügen. Ich habe mich dann für San Francisco entschieden und hier 1974 das Realistic eröffnet. Die Stadt hat eine sehr lange Tradition von alternativen Menschen, die einzigartig sind und sich nicht der Gesellschaft anpassen.

Ich wollte dort zu der Zeit keine traditionellen Tätowierungen machen, es gab damals ja noch nicht diese nostalgische Liebe zu diesen Motiven wie heute. Zu Bob Roberts, der damals für mich im Realistic arbeitete, sagte ich eines Tages: »Wir müssen Sachen machen, die absolut einzigartig sind!« An dem Tag kam eine Punkerin rein und Bob machte ihr einen schwarzen Panther auf den Arm. Als ich davon hörte, fragte ich ihn: »Hat sie das gewollt?«, und Bob sagte: »Das ist doch ein klasse Design, Mann, genau so sollte ein Tattoo aussehen!« Bob ist ein toller Künstler und ein großartiger Tätowierer, aber ich war stinksauer und brüllte: »Du kannst verflucht noch mal nicht jemandem ein Tattoo aufschwatzen, weil du es toll findest, darum geht es doch hier in diesem Shop! Du musst dir die Mühe machen ’rauszufinden, was die Leute wirklich wollen und dann musst du es zeichnen!« Natürlich wusste ich, dass solche Motive richtig kraftvolles Zeug waren, schließlich hatte ich früher selbst solche Designs tätowiert, aber mir war klar, dass wir aus dieser traditionellen Weise, über Tätowierungen zu denken, ausbrechen mussten. 

Ich wollte, dass die Leute begreifen, dass sie selbst etwas kreieren konnten, was es noch nicht gab. Das war wichtig, es ging ja um sie selbst! Sie sollten damit einen Identitätsabdruck erschaffen, der ihr Bewusstsein widerspiegelte. Das ist die kraftvollste Art sich auszudrücken, die wir als menschliche Spezies haben, und nun, da das Tätowieren dieses Level erreicht hat, wird es auch nie wieder verschwinden. 


Don Ed Hardy mit seinem heiß geliebten Hund.
 
Aber wie bist du das angegangen, die Tattoos deiner Kunden zu personalisieren?
Das war schon eine Herausforderung. Ich hab mich da oft so gefühlt wie ein Polizist, der ein Phantombild erstellt, während er Zeugen befragt: »Wie sah die Person aus? Wie groß war er? Sahen seine Augen so aus …?«, und dann versucht man davon eine Zeichnung zu erstellen. Und genau so habe ich das eben auch gemacht, ich habe den Ideen der Kunden, die teils sehr konkret, teils ganz allgemein waren, eine Gestalt verliehen. Und oft waren das ja Leute, die nicht besonders visuell dachten. Ich habe mich dann jeweils auf die Person eingestimmt und versucht, über das reine Bild hinaus zu verstehen, warum jemand gerade dieses Tattoo haben wollte. Wenn mir das gelang und die Kunden beim Anblick der Skizze sagten: »Das ist genau das, was ich mir vorgestellt habe!«, dann hab ich mich wirklich gefreut.

Das erfordert eine Menge Arbeit.
Ja, ich hab morgens gezeichnet, ich hab in der Nacht gezeichnet – ich war ja nicht jede Nacht betrunken (lacht). Ich versuchte herauszufinden, wofür sich die Leute interessierten. Ich recherchierte viel und versuchte, das Konzept der Kunden noch weiterzuentwickeln. 1987 hatte ich einen Kunden, einen Arzt, der besessen war von Richard Wagner. Er wollte ein Ganzkörpertattoo mit Motiven aus dem »Ring des Nibelungen«. Ich fand das großartig und dachte, zu so einer berühmten Oper sollte es ja jede Menge Bilder und Illustrationen geben. Ich sagte ihm also zu und fand – gar nichts. Und ich hatte ja auch keine Ahnung, wie die entsprechenden Kostüme aussehen sollten, was dazu passen könnte oder so.

Im letzten Moment stieß ich dann auf ein Buch, das jede Menge Illustrationen zu dieser Oper hatte, es zeigte die ganzen Darsteller, die mit Seilen gebunden waren, die die Schicksalsfäden darstellten. Diese Idee der Schicksalsfäden, die alles verbinden, nahm ich dann auch im Tattoo auf und ich las viel über die Mythologie, um die es in dieser Oper geht. Letzten Endes wurde es ein tolles Tattoo, ich konnte das umsetzen, was der Kunde haben wollte, aber ich war eben immer darauf angewiesen, dass ich mir woanders Inspiration und Referenzen holen konnte. 

Hat dich diese neue Herangehensweise nur in künstlerischer Hinsicht gefordert oder auch in technischer Hinsicht?
In technischer Hinsicht war die Auswahl an Farben die größte Herausforderung. Wir hatten damals kein allzu großes Farbrepertoire. Als ich das erste Mal Zeke Owen in seinem Shop in Seattle besuchte, stand da auf einem Schild: »Tattoos in acht Farben«. Das war damals eine ganze Menge. Sailor Jerry entdeckte damals als Erster ein Violettpigment. So etwas hatte nicht jeder und die ganze Farbsache umgab etwas Geheimes, Mysteriöses. Aber je größer die Farbpalette, umso mehr Möglichkeiten hatte man, etwas Neues zu schaffen. Ich hab deshalb schon früh damit begonnen, Farben zu mischen oder abzuschattieren. Das hatte aber auch seine Haken. 1973 bekam ich damit bei einem Tattoo wirklich Schwierigkeiten, als ich mit Kazuo Oguri (Horihide) zusammenarbeitete. Er stach den Kunden die Outlines, ich kolorierte. Bei einem Kunden arbeiteten wir an einem Rückentattoo, und als er zur nächsten Sitzung kam, versuchte ich, wieder die Farbe zu mischen, die ich das letzte Mal verwendet hatte. Später sagte mir Oguri: »Du kannst die Farben nicht verändern, die Farbe muss über das ganze Tattoo völlig gleichmäßig sein!« Und natürlich hatte er recht. Ich war daran gewohnt, kleine Tattoos zu stechen, die man in einer Sitzung fertigstellen konnte, und da war es okay, Farben zu mischen. Aber das funktioniert eben nicht bei den großen Ganzkörpertattoos, wie man sie in Japan trägt. 

Du publizierst ja nach wie vor über deinen eigenen Verlag Hardy Marks Publications, dein letztes Buch hat den Titel »Drawings for Tattoos«.
Im November letzten Jahres, als ich auf Hawaii war, hatte ich irgendwie keine Inspiration und ging meine ganzen alten Portfolios mit meinen Zeichnungen durch, teilweise noch mit Sachen aus meiner Studentenzeit. Ich fand, dass da einige echt coole Stücke dabei waren und so kam die Idee auf, daraus ein Buch zu machen. Viele Tätowierer haben ja all die Jahre meine Zeichnungen gekauft, und ich dachte, es ist vielleicht interessant zu sehen, wie sich das alles entwickelt hat. Es sind Zeichnungen dabei, die hab ich im Alter von drei Jahren gemacht, Radierungen aus meinen Studententagen, frühe japanische Sachen … diese Sachen haben irgendwie ihr eigenes Leben. Ich habe hunderte von Zeichnungen, ich könnte vier oder fünf Bücher machen. 

Der mittlerweile 71-Jährige kann bereits auf ein beeindruckendes Lebenswerk zurückblicken.
 
Wie wichtig ist es dir, die Tattookultur zu dokumentieren?
Mir war es immer wichtig, Erzählungen zu dokumentieren, denn früher gab es keine Bücher zu dem Thema und niemand bewahrte historische Artefakte der Tattookultur auf. Als ich 1991 in San Francisco das »Tattoo City« auf der Columbus Avenue eröffnete, war praktisch gegenüber Lyle Tuttles Shop (Lyle Tuttle war wohl neben Ed Hardy der wichtigste Tätowierer, der daran beteiligt war, Tattoos bekannt und populär zu machen. Anm. d. Red.). Ich bin zwei, drei Mal zu ihm rüber mit einem Diktiergerät, und wollte ihn ein bisschen ausquetschen, aber er schweifte ständig ab. Er war damals ständig auf Speed und irgendwann dachte ich mir, ich kann doch nicht mein Leben lang drauf warten, bis der mir endlich erzählt, was ich wissen will! Ich meine, er wollte nicht fies sein oder so, er war eben einfach nur ständig drauf … Ich hab ihm auch gesagt, dass wir unbedingt ein Buch über sein Leben machen müssen und seine Antwort war: »Aber ich hab es doch schon gelebt. Ich muss das nicht noch mal erzählen.« Das ist wirklich zu schade, denn er kennt so viele Geschichten von früher. Er hat hier in den 40ern angefangen. Als ich ihn das erste Mal traf, hat er für Bert Grimm in Long Beach gearbeitet, das war wohl ’55 oder ’56. Ich glaube, er ist zwölf Jahre älter als ich. Er hat schon sehr jung mit dem Tätowieren angefangen, ich glaube mit 16, und dann ist er zum Militär gegangen und war im Koreakrieg.

Wie wichtig war Lyle Tuttle für die Entwicklung der Tattooszene?
Lyle war nie ein besonders guter Tätowierer, aber er war wichtig, weil er die Medien sehr intelligent für seine Zwecke benutzte. Als er 1970 auf dem Cover des Rolling-Stone-Magazins war, war er damit der Erste, der das Tätowieren in die moderne Gesellschaft gebracht hatte. Lyle war sich der Macht der Medien bewusst und es war ihm auch klar, in was für einem idealen Umfeld er da im San Francisco der 1970er saß. Er erkannte, dass das ideale Startbedingungen für das Tätowieren waren, denn zunächst war es auch in der Hippie-Zeit sehr ungewöhnlich, Tattoos zu haben. Ich lebte so um 1966 in Haight Ashbury und hatte sehr kurze Haare, trug verspiegelte Sonnenbrillen und hatte Tattoos auf den Unterarmen – die Leute hielten mich deshalb für einen Cop. Lyle hatte seinen Shop damals an der Bushaltestelle, wo die Greyhound-Busse abfuhren und wo immer viel los war. Und er ist ein begnadeter Geschichtenerzähler;  um als Tätowierer Erfolg zu haben, war es wichtig, mit den Leuten quatschen zu können und darin ist Lyle einfach perfekt. Er hat keine besondere Bildung – wahrscheinlich hat er die High School abgeschlossen, aber er ist bestimmt nicht zum College gegangen. Aber er ist sehr intelligent und hat sicher einen hohen IQ. Ich wünschte nur, er würde das alles mal dokumentieren! Ich sollte ihn mal wieder besuchen, ab und zu fahr ich raus zu ihm und dann gehen wir zusammen essen. 

Aber Lyle ist ja auch ein leidenschaftlicher Sammler.
Er ist überall herumgereist und hat erkannt, wie wichtig es ist, diese Sachen zu sammeln. Als George Burchett, ein berühmter Tätowierer in London, gestorben war, und Lyle davon hörte, dass dessen Familie Georges ganze Sammlung hatte, flog er nach London und kaufte alles. Wahrscheinlich für einen Appel und ein Ei. Lyles Sammlung ist enorm, er hat sogar Tattooartefakte aus dem 19. Jahrhundert. Früher wollte er mir das oft verkaufen, er sagte immer »Eine Million Dollar und es gehört dir!« Die Sachen sind nicht im besten Zustand, nicht archiviert, liegen in einer Garage. Er lebt zwei Stunden nördlich von San Francisco, da ist es halt recht feucht … So wie ich mich für japanische Tätowierkunst begeisterte, hatten es Lyle die Tattookulturen der pazifischen Inseln angetan. Er war der Erste, der diese Tattootraditionen wirklich beachtet hat, er reiste schon sehr früh deswegen nach Samoa. 

Du bist 1974 mit großen Ambitionen nach San Francisco gekommen, aber zu der Zeit war Lyle Tuttle ja schon eine große Nummer. Wie standet ihr da zueinander?
Wir waren totale Konkurrenten, und ich hatte null Respekt für ihn als Tätowierer. Ich war noch sehr jung und hatte ein Riesen-Ego. Ich war ja auch sehr mit Sailor Jerry befreundet, und Jerry hasste Lyle. Früher waren Konkurrenzkämpfe heftig und man »erbte« Rivalitäten von Freunden, nach dem Motto: »Wenn es dein Feind ist, ist es auch mein Feind!« Jerry hat mir viel geholfen und als er hörte, dass ich zurück nach San Francisco wollte, sagte er mir nur: »Mach Lyle Tuttle fertig!« Ich war deshalb sehr voreingenommen gegenüber Lyle und dachte nur: »Das ist nicht in Ordnung, er bekommt die ganze Aufmerksamkeit und tätowiert noch nicht mal besonders gut!«

Aber eure Beziehung hat sich dann geändert, im Laufe der Jahre?
Ich hatte eigentlich immer das Gefühl, dass wir viel gemeinsam haben und uns austauschen könnten, wenn wir uns nur mal treffen würden, und das ist dann auch eines Tages passiert. Kunden von mir aus London besuchten mich Ende der 70er Jahre und sie kannten auch Lyle sehr gut, also brachten sie uns zusammen. Und dann fanden wir an dem Abend heraus, dass wir wirklich viel gemeinsam hatten, wir stammen beide aus Iowa, und mir wurde klar, dass ich Lyle schon viel früher bereits getroffen hatte, nämlich als ich zehn Jahre alt war und Lyle in Long Beach im Laden von Bert Grimm gearbeitet hatte. Es war ein winzig kleiner Laden, mehr wie ein Schrank, mit einem riesigen Ladenschild. Ich kann mich daran gut erinnern, weil Lyle der erste Typ war, an dem ich komplette Sleeves gesehen habe. Als ich damals den Shop betrat, hat er mich rausgeschmissen und gesagt, »Raus hier, du bist noch keine 18!«

Woher kam Sailor Jerrys Hass auf Lyle Tuttle?
Weil Lyle mit den Medien sprach. Über Sailor Jerry hatte es nie einen Artikel gegeben, auch kein Interview, weil Sailor Jerry die Leute nämlich immer sofort rausschmiss. Die Menschen hatten damals keine gute Meinung über Tätowierer, also blieben die unter sich und schotteten sich ab. Es gab da zum Beispiel Chris Nelson, einen Seemann, der nicht weit von Lyles Shop tätowierte. Und auf einem Stuhl neben seinem Arbeitsbereich lag immer eine Papiertüte. Eines Tages fragte Lyle ihn: »Wofür ist denn die Papiertüte?«, und Nelson antwortete: »Wenn mich jemand während des Tätowierens mit Fragen nervt, also was in den Farben drin ist oder wie die Maschine funktioniert, dann sag ich ihm zuerst: »Du kannst hier keine Fragen stellen, ich beantworte nichts.« Aber wenn die Leute weiter Fragen stellten, dann nahm er die Papiertüte, stülpte sie ihnen über den Kopf und beendete das Tattoo. Ich glaub, das ist die beste Story, die ich je übers Tätowieren gehört hab, wenn man sich das nur vorstellt … (lacht) Das würde ein tolles Bild abgeben. Aber so war das damals. Man gab seine Geheimnisse nicht preis. Sailor Jerry steckte viel Arbeit in seine Tattoopigmente, aber wenn man ihn danach fragte, dann log er einen an. 

Die Zusammenarbeit mit dem Designer Christian Audigier war jedoch nur eine Episode in Ed Hardys  Leben und verstellt oft den Blick auf seine Leistungen und Verdienste für die Tattooszene.
  Teilen
Topseller im Shop
Stand:23 April 2019 06:04:46/szene/ein+kreuzzug++fuer+die+tattookunst_167.html