Drangsal, Zores und Tattoos

20.04.2018  |  Text: Jula Reichard  |   Bilder: Gili Shani
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Drangsal, Zores und Tattoos
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Vom Pfälzer Weirdo zum Postpunk-Popstar, dessen Songs bei Rosins Restaurant im Hintergrund laufen: Drangsal veröffentlicht jetzt sein zweites Album »Zores« und spricht darüber, wie Tattoos und Musik irgendwie schon immer da waren und sich früh in seine Hirnrinde eingebrannt haben
»Ich wollte immer Sänger sein und auf der Bühne stehen. Ich habe jahrelang drauf gewartet, dass einer anklopft und mir die ganzen geilen Songs vorbeibringt. Mit dreizehn, vierzehn Jahren habe ich dann gerafft, dass das nicht passieren wird. Also habe ich die Sache selbst in die Hand genommen«, erzählt Drangsal. Zum Interviewtermin in Berlin-Kreuzberg erscheint der großgewachsene, schlaksige Musiker, der mit bürgerlichem Namen Max Gruber heißt, komplett in schwarzem Cord gekleidet. Er könnte ein Kumpel des jungen Dave Gahan sein oder so gerade von einem Shooting der Vogue kommen. 

Er könnte ein Kumpel des jungen Dave Gahan sein oder so gerade von einem Shooting der Vogue kommen

Drangsal ist keines dieser neumodernen Musikprojekte, das ausgeklügelt und aus dem Nichts fett produziert und gepusht wurde. Dahinter steht der 24-jährige Max aus der Pfalz, ein Kind musikbegeisterter, offener Eltern. Ein echter »Dorftrottel«, wie er sagt, den seine Herkunft sehr geprägt hat. Ohne den Ort Herxheim gäbe es vermutlich auch Drangsal nicht. Max erzählt, wie er zu Hause aufgewachsen ist: »Da war immer Musik. Meine Mama hörte im oberen Stockwerk solche Sachen wie Genesis, mein Dad im Keller lauten Rock. Ted Nugent und so’n Zeug. Ich war dazwischen und bekam die volle Breitseite ab. In der Zeit, in der du als Kind sehr beeinflussbar bist und sich Sachen leicht in deine Hirnrinde einbrennen, war da eben die Musik meiner Eltern.« Gegen sie zu rebellieren, sei schier unmöglich gewesen, denn die Sachen, die Max gerne hörte, gefielen auch seinen Eltern. 

»Ich mag es, wenn Tattoos ein bisschen crappy aussehen«, sagt Max. Fast alle seine Tattoos haben einen Musikbezug. Die anderen haben keine tiefe Bedeutung, sie gefallen einfach. Wie die Frau, die in den Schädel pinkelt, oder das McDonald’s-Logo

Er wollte trotzdem immer anders sein, anecken. »Ich hatte lange, schwarzgefärbte Haare, trug rosa Nagellack und manchmal auch Frauenkleider. Ich wollte ein Außenseiter sein.« Anders als man vermuten möchte, sorgte das aber nicht dafür, dass sich Max zurückzog. »Ich hab das eher bedauert, wenn mich einer ›Schwuchtel‹ genannt hat. Ich war nie der Typ, der sich dann weggesperrt und traurige Gedichte geschrieben hat. Ich hab denen dann halt aufs Maul gehauen.« So hat Max schon früh ein beispielloses Selbstbewusstsein entwickelt. »Egal wie absurd das für andere ist, was ich mache. Ich kann dahinterstehen. Wenn ich hier in Berlin aufgewachsen wäre, würde ich sicher nicht dasselbe machen. Da wäre ich nie so krass aufgefallen. Im Dorf anzuecken, ist eben doch einfacher.« 

Der Umzug nach Berlin war lediglich eine logische Konsequenz für Max, die Musikkarriere von Drangsal in die richtigen Bahnen zu lenken und voranzutreiben. »Aus Herxheim heraus zu agieren, ist eben ein bisschen schwierig.« Anders als andere Dorfkinder, die mit 24 Jahren nach Berlin kommen, verzichtet Max auf durchzechte Nächte. Er ist gerne Stubenhocker.

»Ich mag es, wenn Tattoos ein bisschen crappy aussehen«, sagt Max. Fast alle seine Tattoos haben einen Musikbezug. Die anderen haben keine tiefe Bedeutung, sie gefallen einfach. Wie die Frau, die in den Schädel pinkelt, oder das McDonald’s-Logo

Als Drangsal vor ziemlich genau zwei Jahren mit seinem Debüt-Album »Harieschaim« auf der Bildfläche auftauchte, rief sein außergewöhnlicher 80er-Sound versierte Musikkritiker auf den Plan. Drangsal klingt nach Post-Punk und New Wave, triggert Fans von Bands wie The Smiths, The Cure, Prefab Sprout und ähnlichem. Jetzt bringt der »Legendäre Pfalzpunker«, wie sich Max auf seinem Instagram-Account ironisch selbst betitelt, sein zweites Album mit dem Titel »Zores« raus – ein Begriff, hinter dem sich keine hipsteresque Berliner Worterfindung versteckt. »Zores, das steht dort, wo ich herkomme, für Stress und Streit. Und für eine Gruppe von Leuten, von denen du dich besser fernhältst.« Schon bei »Harieschaim« rätselten die Kritiker und interpretierten sich die Hirnzellen wund, obwohl das lediglich die pfälzische Aussprache des Herxheimer Ortsnamens ist.

Das Cover von »Zores« zeigt einen schwarzgekleideten Mann, der ein Maschinengewehr im Anschlag hält. Außerdem ein junges Mädchen und eine Frau im weißen Kleid, die einen kleinen Jungen auf dem Arm hält. Alles an dem Bild wirkt surreal. 

»Ich mag es, wenn Tattoos ein bisschen crappy aussehen«, sagt Max. Fast alle seine Tattoos haben einen Musikbezug. Die anderen haben keine tiefe Bedeutung, sie gefallen einfach. Wie die Frau, die in den Schädel pinkelt, oder das McDonald’s-Logo

Ein Plakat des Albums, das Werbung für die Veröffentlichung macht, hängt im Fenster des Labels, unter dem Drangsal erscheint. Während Max von seinen Eltern erzählt, zeigt er an einer Stelle zum Fenster: »Das mit dem Gewehr ist mein Vater. Und das andere sind meine Schwester, meine Mutter und ich. Das hängt als Polaroid bei uns zu Hause am Kühlschrank. Meine Mama hat es sogar als Profilbild bei Facebook.« Keine künstliche Imagekampagne, sondern eine Szene aus Max echtem Leben. Die Geschichte dazu will er nicht verraten. »Dann wäre das Bild doch kein so gutes Bild mehr!«

Eine ganz normale Familienszene im Hause Gruber. Die Aufnahme wurde das Cover von Drangsals neuem Album »Zores«. Es hängt seit Jahren am Kühlschrank von Max’ Eltern

So selbstverständlich wie Musik in Max Leben waren auch schon immer Tattoos. Bereits als Kind ging er mit seinen Eltern in Landau zur Tattooconvention. »Alles, was anders war, abseits der Normalität, hat mich immer so krass fasziniert. Und außerdem gehen Musik und Tattoo ja irgendwie immer einher. Wo Musik ist, dort sind auch Tattoos.« Jeder, den Max gut fand – seien es Marilyn Manson, Gigi Allin oder der Turbonegro-Sänger Hank von Helvete – war tätowiert. Max wusste, sobald er alt genug sein würde, geht’s zum Tätowierer. Mit siebzehn Jahren gab es dann mit Mutti-Zettel das erste Tattoo. Auf die Brust ließ Max sich den Schriftzug »Viva Hate« tätowieren. »Es lebe der Hass. Ein Albumtitel von Morrissey« – aus einer Zeit, in der er noch erträglich gewesen sei. »Fast alle Tattoos, die ich trage, haben einen Musikbezug.« Das gilt sogar für die Umrisse von Texas über Max Hosenbund. »Texas is the reason«, sagt er und zitiert damit eine Textstelle aus dem Misfits-Song ›Bullet‹.
Max liebt Tattoos und er kennt kaum Grenzen. »Ich glaube, ich würde mir jedes Körperteil tätowieren. Ich finde es auch total geil, wenn Frauen oder Männer den Intimbereich volltätowiert haben. Lass’ dir von mir aus das Arschloch tätowieren, ich find’s super.«

»Ich mag es, wenn Tattoos ein bisschen crappy aussehen«, sagt Max. Fast alle seine Tattoos haben einen Musikbezug. Die anderen haben keine tiefe Bedeutung, sie gefallen einfach. Wie die Frau, die in den Schädel pinkelt, oder das McDonald’s-Logo

Max hat viele seiner Tattoos im Tattoostudio AKA Berlin machen lassen. Ihm gefallen schwarze, filligrane Tattoos. »Ich könnte mir vorstellen, das werden die Arschgeweihe und Engelsflügel der 2030er Jahre.« Dass bei Tätowierungen heute so vieles möglich scheint, gefällt Max. »Es ist wie in der Musik, da wird es auch immer die Puristen geben, doch mehr oder minder geht heute alles.« Perfekt müssen Max Tattoos nicht sein. Er mag den Ignorant-Style, wenn es so ein bisschen »crappy« aussieht. Seine Tattoos erzählen Geschichten. Es sind welche, die ihm am Herzen liegen, auch wenn es oft keine tiefere Bedeutung gibt. Lebhaft erklärt er Motiv für Motiv. So richtig bereuen oder ändern würde er keines seiner Tätowierungen. »Tattoos sind wie Fotos. Wenn du dir heute Fotos von vor zehn Jahren anguckst und denkst ›Was hatte ich da für eine Frisur?‹, dann bist das ja trotzdem immer noch du.«

Er könnte ein Kumpel des jungen Dave Gahan sein oder so gerade von einem Shooting der Vogue kommen

Drangsal
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Stand:18 August 2018 14:37:14/szene/drangsal+zores+und+tattoos_18411.html