Dirk-Boris Rödel über Tattooverbote und Sommerloch-Themen

21.09.2018  |  Text: Dirk-Boris Rödel  |   Bilder: Tobias Kirchner
Dirk-Boris Rödel über Tattooverbote und Sommerloch-Themen
Dirk-Boris Rödel über Tattooverbote und Sommerloch-Themen
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In seiner monatlichen Kolumne nimmt Dirk-Boris Rödel dieses Mal die Idee hinter dem geforderten Verbot von Spontan-Tattoos aufs Korn. Und wie könnte er auch anders. Seiner Ansicht nach passen die Vorstellungen mancher CDU-Politiker doch eher in die Seemannstattoostuben der Zwanzigerjahre. Erfahrt hier mehr über Gruppenzwang-Tattoopraktiken unter Alkoholeinfluss und was das Sommerloch damit zu tun hat.
»Die CDU-Fraktionsvize im Bundestag, Gitta Connemann, hat neulich, wie man las, ein Verbot von spontanen Tattoos ins Gerede gebracht. Ihre Forderung, dass es Tätowierungen ohne Einhaltung von Beratungsfristen nicht geben dürfe und man junge Menschen vor übereilten Tattoos unter Gruppenzwang und Alkoholeinfluss schützen müsse, läuft letztlich darauf hinaus. Wir müssen an dieser Stelle nicht darüber sprechen, dass so ein Ver- oder Gebot rechtlich fraglich ist. Wohl kann man aber darüber sprechen, welch realitätsferne Vorstellungen von der Tattooszene hinter solch einer Idee stecken. Spontantattoos unter Gruppenzwang und Alkoholeinfluss? Das kennen wir ja alle, nicht wahr? Erst lässt man sich Samstagabend ungehemmt volllaufen, dann zieht man sich in der Clique gegenseitig damit auf, wer sich traut, sich einen Pimmel auf die Stirn tätowieren zu lassen. Ich weiß gar nicht, wo ich bei dieser abstrusen Vorstellung ansetzen soll. Zunächst einmal schließen die allermeisten Tattooshops, die ich kenne, spätestens um sieben. Ich weiß nicht, wie das bei euch aussieht, aber um die Zeit bin ich meistens noch relativ nüchtern. Und die Shops, die vielleicht eine Stunde länger geöffnet haben, warten eigentlich auch nicht auf zugesoffene Kundschaft, die ihnen beim ersten Stich über die Füße kotzt. Aber, okay, gehen wir mal davon aus, ein paar junge Leute, die sich ordentlich betrunken haben und nun gegenseitig ein wenig Gruppenzwang ausüben, stolpern in ein Tattoostudio, das noch geöffnet ist. Und wie geht’s jetzt weiter? Sagt das Alphamännchen in der Gruppe sowas wie: »Jede Wette, du traust dich nicht, dir einen Fuchs mit Perlenkette in hippen Pastellfarben oder eine Mandala-Eule im Dotwork-Stil stechen zu lassen!«? Der Tätowierer, der natürlich keine Wartezeiten oder gar Terminkalender und den ganzen Tag auf besoffene Opfer gewartet hat, krallt sich dann rasch das alkoholisierteste Mitglied der Clique und zimmert ihm das Neo-traditional- oder Handpoke-Teil auf den Oberarm, bevor es ausnüchtert und sich womöglich zur Wehr setzen kann. Eine Zeichnung oder gar Vorbereitung braucht der Tätowierer dazu ebenfalls nicht, das liegt immer alles schon fertig bereit, was wir ja spätestens seit »Miami Ink« wissen. Und einige hundert Euro für spontane Tattoos hat sowieso jeder stets im Portemonnaie. 
Ja, das ist polemisch, aber wie soll man denn nicht polemisch werden, bei Ansichten, die vielleicht noch aufs Hafenviertel von Rotterdam in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts, kaum aber auf die aktuelle Tattooszene in Deutschland zutreffen? Heute, wo man ohnehin kaum ein Studio findet, das Wartezeiten unter einem Monat hat? Aber wo wir eh gerade bei Polemik sind – wie wäre denn folgender Vorschlag: Bevor Politiker in Zukunft auf Klischees, Vorurteilen und Hörensagen basierende Regulierungsideen herausposaunen, müsste es Fristen geben, innerhalb derer sie zunächst ordentlich zu ihrem Thema recherchieren und mit kompetenen Fachleuten aus dem jeweiligen Bereich Rücksprache halten. Wie man hört, holt Frau Connemann das inzwischen immerhin nach, indem sie mit Tattooverbänden spricht und auch im Tätowierstudio war. Ach ja, in der ganzen Sommerlochdiskussion um ein Verbot von Spontan-Tattoos habe man sie übrigens einfach missverstanden.«

Gestochen Scharf 
Der Fachbuchautor, Conventionmoderator und ehemalige TM-Chefredakteur Dirk-Boris Rödel ist seit mehr als einem Vierteljahrhundert in der Tattooszene aktiv. In seiner Kolumne macht er sich Gedanken über Entwicklungen in der Szene.
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Stand:19 November 2018 10:12:14/szene/dirk-boris+roedel+ueber+tattooverbote+und+sommerloch-themen_18914.html