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Dirk-Boris Rödel über die Identitätskrise der Tattooszene

26.01.2017  |  Text: Dirk-Boris Rödel  |   Bilder: Tobias Kirchner
Dirk-Boris Rödel über die Identitätskrise der Tattooszene
Dirk-Boris Rödel über die Identitätskrise der Tattooszene
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Gestochen Scharf! Der Fachbuchautor, Conventionmoderator und ehemalige TM-Chefredakteur Dirk-Boris ist seit mehr als einem Vierteljahrhundert in der Tattooszene aktiv. In seiner Kolumne macht er sich Gedanken über Entwicklungen in der Szene.
Wäre man Psychologe, dann würde man der Tattooszene wahrscheinlich eine ordentliche Persönlichkeitsstörung attestieren. Rebellisch? Ja, sicher, aber bitte ohne deshalb diskriminiert zu werden, wenn man sich um einen Job oder eine Wohnung bewirbt. Individuell? Unbedingt! Auch, wenn bei jedem neuen Trend wie Sugar-Skulls, Eulen und Mandalas die jeweils angesagten Designs hundert- und tausendfach gestochen werden. Sauber, hygienisch, modern? Natürlich! Aber dann beklagt man den Charme der alten Studios, wo nur wenige ganz harte Typen die Eier hatten, sich zwischen Aschenbechern und öligen Harley-Motoren mit Rotring-Tusche tätowieren zu lassen. Volle Auftragsbücher und Terminkalender? Ja, gerne! Aber ist doch irgendwie auch voll scheiße, dass inzwischen jeder tätowiert ist … Dieses »Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass«-Prinzip zieht sich wie ein roter Faden durch die Tattooszene, die stellenweise große Mühe damit hat, ihre Entwicklung der letzten Jahrzehnte zu verarbeiten. 

Meiner bescheidenen Meinung nach sind diese Missverständnisse und unterschiedlichen Einschätzungen dessen, was Tattoos sind oder sein sollen, nämlich die Folge einer historischen Ausnahmeentwicklung in unseren westlichen Kulturen. Am besten erkennt man dies, wenn man sich anschaut, was Tätowieren in nahezu allen anderen Kulturen der Welt ursprünglich bedeutete: Praktisch überall war es vollkommen üblich, tätowiert zu sein. Tattoos kennzeichneten eben gerade nicht die individuellen Außenseiter, sondern waren Standard. Sie regelten das gesellschaftliche Leben, gaben Auskunft über Stammeszugehörigkeit, sozialen Status, besondere Verdienste. Tätowiert zu sein war normal, wer tätowiert war, gehörte zum Clan, zum Stamm, zur Familie – nicht-tätowiert zu sein führte dagegen zu sozialer Ausgrenzung. Nur in den Bereichen unserer westlichen, monotheistisch geprägten Religionen, die allesamt das Tätowieren ablehnten, konnten sich Tattoos zu einem Zeichen des »Andersseins« entwickeln, das gerne von Subkulturen wie Punks, Rockern, Skins und Rockabillies als Symbol der Abgrenzung von der Gesellschaft genutzt wurde. 

»Ich glaube, dass dem Tätowieren eine sehr starke Kraft innewohnt, dass es ein Urbedürfnis des Menschen ist, sich zu tätowieren.«

Ich persönlich glaube, dass dem Tätowieren eine sehr starke Kraft innewohnt, dass es ein Urbedürfnis des Menschen ist, sich zu tätowieren, denn es ist überall auf der Welt zu finden und lässt sich mit keinem Verbot unterbinden. Um es mit den Worten meines geschätzten Freundes Dr. Mark Benecke zu sagen: Tätowiert zu sein ist der Normalzustand des Menschen. Und ich glaube, dass das Tätowieren sich aus diesem Grund momentan wieder zu dem entwickelt, was es schon immer war: Zu einer völlig natürlichen, normalen und für das Wohlbefinden des Menschen wichtigen und unerlässlichen kulturellen Äußerung. Das ist gut. Es steht aber im Widerspruch zu jener Auffassung von Tattoos, von dem viele noch in den 80ern und 90ern geprägt wurden, als Tätowierungen – wenn auch nur für eine relativ kurze Zeitspanne in unserer Kultur – die genau gegenteilige Bedeutung hatten. 

Die Übergangsperiode, in der Tattoos wieder mehr und mehr zu der Normalität werden, die sie eigentlich immer schon waren, während ihnen immer noch der Geschmack der Rebellion anhängt, wird noch eine ganze Weile andauern. Derweil muss man es aushalten, dass Tätowierungen in unserer Gesellschaft sehr widersprüchlich interpretiert werden. 

Wie man damit umgeht, dafür habe ich auch kein Patentrezept. Letzten Endes muss jeder selbst wissen und entscheiden, was Tattoos für ihn bedeuten – aber das Wissen darum, woher Diskrepanzen in der Wahrnehmung entstehen, hilft vielleicht schon ein wenig dabei, Missverständnisse zu vermeiden oder doch zumindest ihren Grund zu verstehen. 

Kolumnist Dirk-Boris Rödel


Der Kolumnist

Der Fachbuchautor, Conventionmoderator und ehemalige TM-Chefredakteur Dirk-Boris ist seit mehr als einem Vierteljahrhundert in der Tattooszene aktiv. In seiner Kolumne macht er sich Gedanken über Entwicklungen in der Szene.
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Stand:23 April 2019 06:32:06/szene/dirk-boris+roedel+ueber+die+identitaetskrise+der+tattooszene_171213.html