Dirk-Boris Rödel: Die neue Prüderie

20.04.2018  |  Text: Dirk-Boris Rödel  |   Bilder: Tobias Kirchner
Dirk-Boris Rödel: Die neue Prüderie
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Gestochen scharf! Der Fachbuchautor, Conventionmoderator und ehemalige TM-Chefredakteur Dirk-Boris ist seit mehr als einem Vierteljahrhundert in der Tattooszene aktiv. In seiner Kolumne »Gestochen scharf« macht er sich Gedanken über Entwicklungen in der Szene.
Tätowierungen sind Bilder auf der Haut – meinetwegen auch in der Haut, da will ich jetzt nicht pingelig sein, da kommt’s jetzt auch nicht drauf an. Aber um Tattoos zu zeigen, muss man zwingend auch Haut zeigen, können wir uns darauf einigen? Gut, danke. Und wenn man Haut sehen will, sind Klamotten im Weg, korrekt? Also ihr wisst schon langsam, worauf das hier rauslaufen soll: Tattoos haben ein Stück weit auch etwas mit Nacktheit zu tun. So weit, so gut – aber das zu zeigen, wird immer schwieriger.

Als ich vor 24 Jahren zunächst als freier Mitarbeiter beim TätowierMagazin anfing, da war das noch anders; wir zeigten immer mal wieder Nackte im Heft und auch auf dem Cover – nicht ständig und auch nicht, weil das TM damals ein Schmuddelheft gewesen wäre, aber manchmal war es einfach naheliegend, beispielsweise wenn man ein Ganzkörpertattoo komplett zeigen wollte. Und wir zeigten dabei Männer wie Frauen gleichermaßen; gerade bei Männern machte das dann Sinn, wenn jemand sich mit einem Elefanten- oder auch Pinocchio-Tattoo geschmückt hatte und der Rüssel bzw. die Nase so positioniert war, dass unter bestimmten Umständen ein (je nach Anatomie) relativ spektakulärer 3D-Effekt eintrat. Das skurrilste Tattoofoto dieser Art, an das ich mich da erinnere, war Gonzo aus der Sesamstraße. Wir fanden das damals schon zeigenswert, denn auch solche Albernheiten gehören zur Tattooszene. Es war damals kein Problem, Nacktheit zu zeigen, wenn es einen sinnvollen Grund dafür gab.

Neue Prüderie und übersteigerte Political Correctness verbinden sich zu einer Verkrampftheit, die kein normales Maß mehr kennt

Heute ist das nicht mehr ganz so einfach. Denn die Prüderie, die aus den USA zu uns rüber schwappt, nimmt immer groteskere Formen an. Gut, es gibt zwar immer mal wieder Leute, die sich noch über die alberne Nippelpolitik bei Facebook aufregen, aber grundsätzlich sickert diese Verklemmtheit immer mehr in alle Bereiche der Gesellschaft ein. Vor 18 Jahren hatte ich mir beispielsweise »Cherry«, eine Figur aus einem amerikanischen Comic, auf den Unterarm tätowieren lassen – dass sie halbnackt war, hat damals niemanden gejuckt. Inzwischen häufen sich jedoch Anmerkungen, auch aus meinem Bekanntenkreis, wie ich mir denn »so was« stechen lassen konnte. Das irritiert mich, vor allem wenn ich es vor dem Hintergrund aktueller Ereignisse aus dem Kunstbetrieb sehe. So hat die Manchester Art Gallery das Gemälde »Hylas und die Nymphen« (1896) – zumindest zwischenzeitlich – aus der Ausstellung entfernt, um eine Diskussion in Gang zu setzen, ob die Darstellung nackter Frauen im »Pursuit of Beauty«-Raum überholt sei. Eine Fachhochschule in Berlin ließ ein Gedicht des Lyrikers Eugen Gomringer an ihrer Fassade überstreichen – es wird neuerdings als sexistisch bewertet. Ich habe das Gefühl, diese neue Prüderie trifft auf grotesk übersteigerte Political Correctness und verbindet sich zu einer Verkrampftheit, die gar kein normales Maß mehr kennt. Und während es für Jugendliche einerseits schon normal ist, sich bereits im frühesten Alter Hardcore-Pornos anzuschauen, wird der Umgang mit normaler, natürlicher Nacktheit immer verklemmter.

Versteht mich nicht falsch, ich brauch nicht in jedem Heft Elefantenrüssel, Pinocchionasen oder tätowierte, weibliche Brüste. Und dass Tätowierer sich schon überlegen müssen, ob sie Zensurbalken auf die Brüste eines Meerjungfrauenmotivs montieren müssen, wenn sie es auf Facebook posten wollen, darüber wundert sich ja – leider – kaum noch jemand. Denn auch in die Tattooszene ist diese Prüderie schon tief eingesickert. Aber Tattoos sind nun mal etwas sehr Körperliches und haben eigentlich auch viel damit zu tun, sich und seinen Körper anzunehmen. Wäre da ein etwas entkrampfterer Umgang mit Nacktheit nicht ganz gesund? Ich bin bestimmt keiner, der ständig die guten alten Zeiten heraufbeschwört, aber diesbezüglich ging es in der DDR lockerer zu. Allzu sehr verklären kann man diese Zeit natürlich allein schon deshalb nicht, weil wiederum Tätowierungen tabu waren. Aber wenigstens, was den normalen Umgang mit dem Körper angeht, hätte man aus der DDR noch mehr rüber retten können als nur Rotkäppchensekt und das Ost-Sandmännchen.
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Stand:18 August 2018 14:37:18/szene/dirk-boris+roedel+die+neue+pruederie_18319.html