Dirk-Boris Rödel: Das Motiv hat nichts mit Qualität zu tun!

16.11.2018  |  Text: Dirk-Boris Rödel  |   Bilder: Tobias Kirchner
Dirk-Boris Rödel: Das Motiv hat nichts mit Qualität zu tun!
Dirk-Boris Rödel: Das Motiv hat nichts mit Qualität zu tun!
Alle Bilder »
Der Fachbuchautor, Conventionmoderator und ehemalige TM-Chefredakteur Dirk-Boris Rödel ist seit mehr als einem Vierteljahrhundert in der Tattooszene aktiv. In seiner Kolumne macht er sich Gedanken über Entwicklungen in der Szene.
»Boah, das ist ja voll super! Total klasse, Wahnsinn, abgefahren, du bist der Beste!« Das sind die üblichen Kommentare, die man beispielsweise bei Facebook unter allen möglichen Tattoos wie Pummeleinhörnern, Thorhämmern oder auch Porträts von Bud Spencer liest. Die Qualität des Tattoos ist dabei vollkommen egal. Die Schattierungen in Bud Spencers Porträt dürfen komplett willkürlich sein und jeder Logik von Lichteinfall und Schatten widersprechen, sein Bart darf aussehen wie eine Schüssel Spaghetti und das ganze Porträt bedarf keinerlei plastischer Wirkung. Das Pummeleinhorn darf verwackelte Linien haben und ob die Farben flächig drin sind, ist auch schnurzegal. Ein tätowierter Thorhammer, gepostet in einer Facebook-Wikinger-Gruppe, wird sofort abgefeiert und mit Lobeshymnen überschüttet, selbst wenn er komplett krumm ist und mehr einer Klobürste als der magischen Waffe des nordischen Donnergottes gleicht.

Nun könnte man denken, solche Kommentare kämen eben vom Tätowierer und seinen Kumpeln, also klassische Freundschaftsbewertungen. Bestimmt sind da auch einige dabei. Aber der eigentlich Grund für diese völlig unsinnig positiven Reaktionen selbst für miserable Tattoos ist: Sehr viele Menschen verwechseln Motiv- und Qualitätsbewertung. Bud Spencer findet jeder klasse, und es liegt nahe, jemanden abzufeiern, der sich ein Porträt des super sympathischen Schauspielers stechen lässt. Und diese Begeisterung lässt viele auch über derbste technische Mängel in einem Tattoo hinwegsehen.

Selbst in manchen Jurys bei Tattoowettbewerben habe ich schon erlebt, dass Juroren ihre Punkte nicht motivunabhängig nach der Qualität vergeben, sondern Tattoos danach beurteilen, ob ihnen der Inhalt gefällt: Auch ein verpfuschtes Lemmy-Porträt bekommt die Höchstpunktzahl, wenn der Juror Motörhead-Fan ist, ein supersauberer Leuchtturm geht hingegen leer aus, wenn jemand in der Jury mit diesem Seemannskram nix anfangen kann.

Auch der Zusammenhang zwischen Stil und Motiv ist vielen immer noch nicht klar. Wie oft habe ich schon erlebt, dass Besucher auf Tattooconventions enttäuscht von Stand zu Stand gehen, um dann zum Beispiel, nachdem sie Dutzende Mappen durchgeblättert haben, zur Erkenntnis zu kommen: »Die machen hier alle keine Schmetterlinge …« Viele verstehen nicht, dass jemand, der gut realistisch tätowiert, selbstverständlich auch einen realistischen Schmetterling tätowieren kann. Und dass jemand, der in Traditional fit ist, auch einen astreinen klassischen Schmetterling stechen kann, selbst wenn man keinen als Beispiel in der Fotomappe oder Slideshow auf dem Laptop findet.

Was soll ich dazu sagen? Soll ich sagen: Sucht euch euren Tätowierer nach der Qualität seiner Arbeiten und nach seinem Stil aus und nicht danach, ob er euer Lieblingsmotiv zufällig schon mal gestochen hat, egal wie gut oder schlecht? Ist das auch 2018 noch nötig? Offenbar ja.
  Teilen
Topseller im Shop
Stand:16 December 2018 18:58:08/szene/dirk-boris+roedel+das+motiv+hat+nichts+mit+qualitaet+zu+tun_181011.html