Dirk-Boris Rödel: Darf’s auch das zweitbeste Tattoo sein?

23.06.2018  |  Text: Dirk-Boris Rödel  |   Bilder: Tobias Kirchner
Dirk-Boris Rödel: Darf’s auch das zweitbeste Tattoo sein?
Dirk-Boris Rödel: Darf’s auch das zweitbeste Tattoo sein?
Alle Bilder »
Gestochen scharf! Der Fachbuchautor, Conventionmoderator und ehemalige TM-Chefredakteur Dirk-Boris ist seit mehr als einem Vierteljahrhundert in der Tattooszene aktiv. In seiner Kolumne »Gestochen scharf« macht er sich Gedanken über Entwicklungen in der Szene.
»Don’t go for second best!«, sang Madonna schon vor beinahe dreißig Jahren. Diesen Rat befolgt aber kaum jemand, und es ist schon erstaunlich, wie viele Menschen sich mit Mittelmäßigkeit zufriedengeben. Natürlich kann das Leben nicht ständig in der erste Klasse ablaufen. Man kann sich nicht jeden Tag zum Mittagessen ein mehrgängiges Menü vom Sternekoch auftischen lassen, sondern ist eben unter der Woche mit Kantinenessen oder Tiefkühlpizza zufrieden. Und selbst, wenn man jeden Tag wie Gott in Frankreich leben würde, wäre das irgendwann langweilig.

Aber das hat die Queen of Pop sowieso nicht gemeint. Ihr ging es darum, klarzumachen, dass man in Bereichen, in denen es wirklich darauf ankommt, keine faulen Kompromisse eingehen sollte. Überhaupt nicht nachvollziehen kann ich es daher, wenn Leute sich mit schlechten Tattoos zufriedengeben. Wenn mir das Essen in Restaurant X nicht schmeckt, geh ich eben das nächste Mal in ein besseres Restaurant. Meistens hat man ja die Gelegenheit, Fehlentscheidungen beim nächsten Mal besser zu treffen. Und bei Tattoos? Wenn sich jemand ein bestenfalls mittelmäßiges Teil auf den rechten Unterarm klatschen lässt, dann gibt’s für diese Stelle kein nächstes Mal, jeder hat nur einen rechten Unterarm. Und der ist dann eben versaut, lebenslang.

Aber selbst daraus lernen viele Leute mit schlechten oder mittelmäßigen Tattoos oft nicht. Sie sind stattdessen von Kopf bis Fuß mit unterdurchschnittlichen Tattoos vollgepflastert, ohne dass ersichtlich wäre, dass da jemals ein Umdenken oder eine Einsicht stattgefunden hätte. Und weil Tattoos eine Form der Kommunikation darstellen, mit der man seiner Umwelt etwas über sich mitteilt, fragt man sich: Was ist das im Falle von miesen Tattoos? Soll das dann heißen »Ich hab absolut keine Ansprüche, ich geb mich mit Schrott zufrieden, ich bin es mir noch nicht mal selbst wert, ein bisschen mehr Zeit und Aufwand in meine Tattoos zu investieren, die ich ein Leben lang tragen werde«?

Den Faktor Geld habe ich absichtlich noch nicht aufgeführt, denn es ist ein Märchen, dass gute Tattoos teurer seien als schlechte. Ja, es gibt ein paar Tattoostars, die es sich leisten können, sehr hohe Stundensätze aufzurufen, aber das sind Ausnahmen. Bei den allermeisten Toptätowierern kostet ein sehr gutes Tattoo nicht mehr als eine miserable Tätowierung im Studio um die Ecke – jedenfalls nicht mehr Geld, höchstens etwas mehr Zeit zur Recherche. Und wenn man sich ein wenig umschaut, merkt man auch, dass man für ein sehr gutes Tattoo noch nicht mal eine Weltreise unternehmen muss. Wirklich tolle Künstler findet man inzwischen nahezu in jeder Stadt.

Woran liegt es also, dass immer noch so viele Tattookunden mit B-Ware zufrieden sind, wo sie doch auch die erste Wahl bekommen könnten? Ehrlich gesagt ist mir das ein Rätsel. Eine Antwort darauf hab ich in all den Jahren, in denen ich mich mit Tattoos beschäftige, nicht wirklich gefunden. Insofern leihe ich mir den einzigen Rat, den ich in dieser Sache geben kann, auch hier von Madonna: Respect yourself!
  Teilen
Topseller im Shop
Stand:26 September 2018 02:58:39/szene/dirk-boris+roedel+darfs+auch+das+zweitbeste+tattoo+sein_18515.html