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Der Formbewusste: Dr. Frank Berzbach

23.03.2018  |  Text: Heide Heim  |   Bilder: Bjørn Fehl
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Der Formbewusste: Dr. Frank Berzbach
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Einleitung Dr. Frank Berzbach schreibt über Formbewusstsein und trägt selbst auch etwas krakelige Tattoos. Ein Widerspruch? Nein, weil es bei dem Begriff Formbewusstsein nicht um Äußerlichkeiten geht, sondern darum, dass wir unserem Leben eine Struktur, eine Form geben sollten, die uns selbstbestimmter und kreativer Leben lässt.
Schuh-Check: Aha, er trägt schwarze Adidas Campus, den Beastie-Boys-Sneaker. Schwarze Hose, weißes Hemd, dunkles Jackett. Am Handgelenk eine im Bauhaus-Stil designte Automatikuhr. In der ganzen Aufgeräumtheit seines Auftretens wirken die unter den Hemdmanschetten hervorschauenden Tätowierungen irritierend, und natürlich auch die an seinen Händen. Schwarzes Linework, zum Teil auch etwas krakelig, nicht alle Motive sind auf Anhieb zu dechiffrieren.

Äußerlichkeiten sollten egal sein, nicht jedoch im Fall von Dr. Frank Berzbach. Kleidung wie auch Tattoos zählt der Psychologe zu den nonverbalen Kommunikationsmitteln: Wir treten mit ihnen mehr oder weniger bewusst mit unserer Umwelt in Verbindung.

Der Interviewpartner hat sich am Morgen ganz bewusst so angezogen, dies sei sein »typischer Dress bei Lesungen und Interviews«. Es geht nicht um Außendarstellung, sondern er kleide sich so, weil er sich darin wohl und somit sicher fühle. Zumal, ein schwarzes T-Shirt schien ihm zu anbiedernd, ein Rollkragenpullover zu aufgesetzt intellektuell. Eigentlich liegt die Gedankenwelt, mit der Dr. Frank Berzbach sich in seinen Büchern auseinandersetzt, bereits in diesem Hemd, dieser Hose und diesen Schuhen. Und auch in seinen Tattoos.

»typischer Dress bei Lesungen und Interviews«

Dr. Frank Berzbach – geboren 1971 – lehrt Psychologie und Kulturpädagogik an der ecosign/Akademie für Gestaltung und an der Technischen Hochschule Köln und schreibt Sachbücher, in denen er sich mit Begriffen wie »achtsamkeitsbasierter Psychologie«, »Formbewusstsein« und »Spiritualität« auseinandersetzt, darüber hinaus schreibt er auch über Themen wie Mode, Musiker, Popkultur und Schuhe. Etwas schlicht zusammengefasst, geht es ihm in seinen Büchern darum, ein selbstbestimmtes, zufriedenes und kreativ-schöpferisches Leben zu führen. Er sieht sich eher als Übersetzer, der anhand buddhistischer, christlicher, philosophischer und psychologischer Quellen beim Leser ein Bewusstsein für die selbstbestimmte Gestaltung des eigenen Lebens schaffen möchte. Eine wesentliche Zielgruppe sind Menschen, die in kreativen Berufen arbeiten. Zumal er den Begriff »Kreative« viel weiter fasst, als das gemeinhin üblich ist. »Ich glaube nicht nur, dass jeder kreativ arbeiten kann, ich glaube auch, dass jeder Mensch kreativ ist. Da halte ich es wie Joseph Beuys: Der Mensch ist ein schöpferisches Wesen. Meine Steuerberaterin hält sich wahrscheinlich nicht für kreativ, ist es aber in ihrem Metier.«

Wer eintauchen möchte in Berzbachs Werk, dem seien seine Bücher empfohlen. Und um es vorweg zu nehmen, es geht nicht um Selbstoptimierung und er schwimmt auch nicht auf dem Wellness-Life-Work-Balance-Ratgeber-Trend.   

Es sind die täglichen Dinge, die er in den Fokus seiner Betrachtungen stellt. Ein Begriff, dem er ein ganzes Buch gewidmet hat, ist Formbewusstsein. Das Erledigen von Dingen quasi »nebenbei«, ohne Hinwendung, führt in seinen Augen zur Formlosigkeit und macht uns zu nicht selbstbestimmt agierenden Wesen. In der täglichen Routine heißt das für ihn, niemals zwei Dinge auf einmal zu tun. »Wenn ich beispielsweise Musik höre, dann lese ich dabei keine Zeitung, und wenn ich esse, sehe ich mir keinen Film an. Es geht um Präsenz und Konzentration, damit ich keinen Blödsinn mache.« Wenn wir also bewusst mit den ganz alltäglichen Dingen wie Medien, Ernährung, Kleidung und Besitz umgehen, ohne Ablenkung, fokussiert, dann geben wir unserem Handeln bewusst eine Form, wir entwickeln Formbewusstsein. Denn die Dinge des Alltags und ihre Vernetzung untereinander prägen unser Denken, Fühlen und Handeln.

Auf den Armen von Dr. Frank Berzbach zeigt sich eine beachtliche Tattoosammlung. Meist im illustrativen Stil gestochen, immer in Schwarz und jedes Motiv hat seine eigene Geschichte.

Ein anderer, damit eng zusammenhängender Begriff, ist der der Achtsamkeit, der aus dem Buddhismus stammt. »Darunter versteht man die Fähigkeit, mit der Wahrnehmung im gegenwärtigen Moment zu bleiben, und das, was man wahrnimmt, nicht zu bewerten, um währenddessen seine eigenen Gefühle und Gedanken beobachten zu können.« Aufgedröselt steht dahinter ein dreistufiger Prozess: Im ersten Schritt steht die Konzentration auf das Wahrgenommene. Im zweiten, das, was wir beobachten, nicht zu bewerten, sondern für sich stehen zu lassen. Und im letzten und schwierigsten Schritt, wahrzunehmen, was man denkt und fühlt, um diesen Gedanken und Emotionen nicht ausgeliefert zu sein.

Auch seine Tätowierungen, obwohl sie auf den ersten Blick wie ein Sammelsurium erscheinen, manche sogar etwas krakelig, andere wieder technisch sehr sauber ausgeführt, sind Ausdruck eines Formbewusstseins. Frank Berzbach ist recht nah am Thema Tätowieren, seine Frau Saskia Wragge ist nicht nur Illustratorin und Mitautorin des Buches »Die Sprache der Schuhe«, sondern auch Tätowiererin. Sein erstes Tattoo ließ sich der mittlerweile 46-Jährige vor circa zwanzig Jahren stechen, ein Partnertattoo, als Motiv wählte er einen Standard der Nullerjahre, einen Stern. Vor zehn Jahren wurde sein Interesse für Tattoos wieder geweckt, auf seinen Unterarmen und Händen sieht man eine sehr beachtliche Sammlung, die ihn auch mit Situationen konfrontiert, die überraschen. »Bei Lesungen erlebe ich nach wie vor witzige Geschichten. Die Vorstellung, dass ein Tätowierter auch ein Buch schreiben kann, ist noch nicht bei jedem angekommen, jedenfalls nicht beim Literaturpublikum. In Zürich sprach mich eine Frau an, die meine Bücher gar nicht kannte und zur Lesung kam, weil sie meine Tattoos auf dem Autorenfoto gesehen und sich gewundert hatte, dass so einer Bücher schreibt. Ich weiß nicht, ob sie meinte, da kommt jetzt jemand, der über seine Gefängniserfahrung spricht. Und am Bahnhof beschimpfte mich mal ein Obdachloser, weil ich ihm kein Geld gab, mit den Worten: Manno, du warst doch selbst im Knast, wieso gibst du mir nichts?«

Bei Vorlesungen in der Uni verdeckt er, so weit das mit denen auf seinen Fingern noch möglich ist, seine Tätowierungen. »Die Studenten sollen hier ja arbeiten und sich nicht meine Tattoos anschauen. Und manchmal werde ich mit der Frage nach der Bedeutung eines Motivs angesprochen. Das hält sich aber alles in Grenzen.«

Unter dem aufgekrempelten Ärmel schaut das Motiv eines Reclamheftes mit der Aufschrift »Kant« heraus. Es ist durch eine Linie mit einer Blechdose mit Kreuz verbunden: Philosophie und Kunst treffen auf dem Körper und in der Gedankenwelt des Psychologen aufeinander.

Dass sie Blicke auf ihn lenken, kann man sich gut vorstellen. Das ist wahrscheinlich auch eine Stilfrage. »Die gewachsenen Tätowierungen von Musikern wie Henry Rollins oder Mike Ness bewundere ich, das gefällt mir. Ich finde auch geschlossene Entwürfe schön, wie beispielsweise bei japanischen Tätowierungen. Meine Tätowierungen jedoch sind Einzelmotive und der Illustrations­stil ist der, den ich für mich für den passenden halte.« Zugegeben, seine sehr reduziert wirkenden Tätowierungen, die überwiegend aus Linework aufgebaut und prinzipiell nur in Schwarz gestochen sind, wirken selbst für viele Tätowierte eigenwillig.

Die Zusammenstellung der Tätowierungen unterliegt einem Konzept. Auf dem rechten Arm sind Motive, die seine Neigungen zu analoger Technik und auch für Bands beziehungsweise Musiker, wie Red Hot Chili Peppers, Beastie Boys und Prince spiegeln. Der linke Arm ist eher der Religion und Kunst vorbehalten. Unter seinem mittlerweile hochgekrempelten Hemdsärmel sieht man noch ein Reclamheft mit dem Titel Kant, das mittels einer Schnur mit einer Dose verbunden ist. Die Assoziation zu dem Kunstwerk von Joseph Beuys, »Telephon S–E«, ist natürlich kein Zufall: die Kunst und der Philosoph Kant stehen durch ein sogenanntes Kindertelefon in Kontakt.

»Ich bin ein Fan von Vinyl und bat eine Freundin, mir einen Plattenspieler zu zeichnen. Das krakelige Ding gefiel mir sofort und ich habe es mir genau so stechen lassen. Wie das bei einer dritten Person ankommt, ist mir nicht wichtig, und Perfektionismus lehne ich aus vielen Gründen ab. Ich hab kein Interesse an strengen, geometrischen Formen.«

Plattenspieler neben Red-Hot-Chili-Peppers-Logo. Mit Musik beschäftigt sich Dr. Franz Berzbach intensiv und schreibt beispielsweise auch Essays über Johnny Cash im Bookazine »Vinyl Stories«.

An seiner Handkante sind zwei Dreiecke tätowiert: das Symbol für den Tonarmlift eines Plattenspielers. »Normalerweise setzen Diane von Stigmata Inc. in Köln, meine Frau Saskia Wragge und Ada Romanova aus Hamburg die Zeichnungen um, und da meine Frau Saskia Illustratorin ist, hat sie viele entworfen, so wie meine Tochter. Die hat für mich einen Glücksbringer gezeichnet und der wurde genau so tätowiert, wie von ihr geplant. Zwei der Kreisviertel bekamen, wie die anderen, erst einen Punkt und dann wurden sie schwarz ausgefüllt.« Die Handtätowierung wollte keine der Tätowiererinnen stechen, eine Entscheidung, die Frank respektiert und auch gut findet. Daraufhin ging er zu einem Tätowierer, der sich auf Handtätowierungen spezialisiert hat.

Kryptisch ist das Lettering auf seinem linken Unterarm. »Darauf werde ich besonders häufig angesprochen, die Leute kommen mit der Typografie nicht klar, selbst Grafiker nicht. Die Schrift ist ein Nexus, der normalerweise keine Ligaturen kennt, bei meinem Tattoo sind die Buchstaben jedoch miteinander verbunden. Zu lesen ist s.f.t.g.f.o.p. und das beschreibt die höchste Teeblattqualität. Das haben bisher nur zwei Leute erkannt, eine davon war eine Teeverkäuferin.« Dass er ein leidenschaftlicher Teetrinker ist, sei nur der Vollständigkeit halber erwähnt.

Analoge Medien, die »alten Medien«, sind sein Steckenpferd. Nach wie vor schreibt er handschriftlich, so auch das Konzept für sein neues Buch, das er an die Wand geklebt hat. Als Tattoo spiegelt sich diese Leidenschaft in drei Motiven: der Schreibfeder, dem Briefumschlag und der Büroklammer auf seinen Fingern.

Weniger verschlüsselt sind seine Musiktattoos. »Tattoos zählen ja wie Kleidung zur nonverbalen Kommunikation«, so der Psychologe. Ein Sneaker ist nicht nur ein bequemer Schuh, sondern ein Sneaker-Head weiß genau, was hinter dem Adidas Campus steht, und kennt auch das Beastie-Boys-Album »Check your Head«. Wer die Schuhe sieht, weiß genau, was dahinter steht.«

Dass Berzbachs reduzierte Tätowierungen nicht perfekt umgesetzt sind, mag irritieren, noch dazu, wenn der Autor sich mit Formbewusstsein auseinandersetzt. Aber es geht nicht um das Oberflächliche, es geht um die bewusste Entscheidung für etwas, in dem eine Bedeutung, Tiefe und ein Bezug liegt. Und dass die Umsetzung trotz technisch ausgefeilterer Möglichkeiten genau so ausgefallen ist, ist nicht dem Zufall geschuldet, es ist eine bewusste Entscheidung. »Es gibt Menschen, die brechen die Regel, weil sie sie beherrschen, und andere, die Kennen die Regel nicht, und wenn die dann laissez-faire vorgehen, dann wiederholen sie Tradition in schlecht.« Frank Berzbach bricht ganz bewusst die Regeln, er ist sich aber der stilistischen Umsetzung und der motivischen Auswahl der Motive sehr bewusst. Er hat Formbewusstsein.


Bibliographie

Dr. Frank Berzbach, geboren 1971, unterrichtet Psychologie an der ecosign/Akademie für Gestaltung und Kulturpädagogik an der Technischen Hochschule Köln.

Seine Bücher, die auch in mehrere Fremdsprachen übersetzt sind:

2010
Kreativität aushalten. Psychologie für Designer
(5. Auflage)

2013
Die Kunst, ein kreatives Leben zu führen (10. Auflage)

2016
Formbewusstsein (3. Auflage)

2017
Die Sprache der Schuhe.  Eine Kooperation mit seiner Frau, der Illustratorin Saskia Wragge

2018
Sein aktuelles Buch »Die Form der Schönheit« erscheint am 29. März bei Eichborn, es hat 112 Seiten und kostet 20,00 Euro.

Sein aktuelles Buch »Die Form der Schönheit« erscheint am 29. März bei Eichborn
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Stand:25 April 2019 10:22:33/szene/der+formbewusste+dr+frank+berzbach_18215.html