Das große Special über Lettering-Tattoos (Teil 1)

21.09.2018  |  Text: Boris »Bobs« Glatthaar, Heide Heim, Dirk-Boris Rödel  |   Bilder: TM-Archiv
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Das große Special über Lettering-Tattoos (Teil 1)
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Vom gut lesbaren Namen des eigenen Kindes bis zum kunstvollen Buchstaben-Artwork – Lettering-Tattoos sind so beliebt wie nie zuvor. Doch zwischen Typografie und Tattootechnik müssen Kunden und Tätowierer viel beachten. Wir verraten, was.
Lettering Special Teil 2: Schriftstile
Lettering-Special Teil3: Lettering-Spezialisten

Kommunikation, das ist nicht nur Sprache, sondern dazu gehören auch Blicke, Gesten, Mimik und Körperhaltung. Auch darüber, wie wir uns kleiden, kommunizieren wir. Und auch Tätowierungen haben eine wichtige kommunikative Funktion, die weit darüber hinausgeht, sich selbst allein schon durch das offensichtliche Tätowiertsein einer Szene oder modischen Strömung zuzuordnen. Was nämlich zusätzlich zählt, ist der Aussagegehalt der einzelnen Tattoos. Während der in Motivtattoos häufig verborgen ist und symbolische Tätowierungen oft gar nicht von jedem auf den ersten Blick verstanden werden sollen, geht es bei Letterings oft ums Gegenteil: das plakative Statement. 

Kommunikation mit Tattoos. Living-True-Lettering von Christian Otto, Take it Easy, Stuttgart.
Kommunikation mit Tattoos. Living-True-Lettering von Christian Otto, Take it Easy, Stuttgart.

Dabei ist es egal, ob der Name und das Geburtsdatum des Kindes auf den Unterarm gestochen wurde oder ein Lebensmotto auf den Bauch: Schrifttattoos sind meist Botschaften von tiefer persönlicher Bedeutung. Der christliche Mystiker Heinrich Seuse stach sich im 14. Jahrhundert die Buchstaben IHS, das griechische Monogram für Jesus, auf die Brust, um seiner tief empfundenen Nähe zum Sohn Gottes Ausdruck zu verleihen. Jean Bernadotte, Offizier während der französischen Revolution, ließ sich ein unmissverständliches »Mort au Roi – Tod dem König« tätowieren – und lieferte damit wohl auch als Erster ein Beispiel für den großen Nachteil einer solch unauslöschbaren und kompromisslosen Aussage: 1818 wurde Bernadotte selbst als Karl XIV. Johann zum König von Schweden gekrönt. Tattoos sind eben manchmal dauerhafter als persönliche Überzeugungen.

Kommunikation mit Tattoos: Gruß mit einem einfachen YO! von Nick, Blaeckfisk Tattoo, Berlin.
Kommunikation mit Tattoos: Freundlicher Gruß mit einem einfachen YO! von Nick, Bläckfisk Tattoo Co., Berlin.


Auch in Gefängnissen hatten tätowierte Botschaften von jeher eine wichtige Bedeutung für die Insassen; anders als ihre Freiheit und ihren Besitz konnte den Gefangenen das Tattoo niemand nehmen und es war oft die einzige Möglichkeit des dauerhaften Protestausdruckes hinter Gittern. »Only God can judge me« oder ein trotziges »Cut here« unter dem Hals brachten die Verachtung gegenüber der Justiz zum Ausdruck, religiöse Botschaften gaben Halt und Hoffnung. Dass in Gefängnissen viel Zeit, aber kaum tätowiergeeignetes Gerät zur Verfügung stand, beeinflusste den Stil, in dem sich solche Schriften ab den 70er Jahren insbesondere im Südwesten der USA entwickelten. Es entstand der Fineline-Stil, oft mit Single-Needle und einfachsten Werkzeugen gestochen, aber dafür sehr elaboriert und kunstvoll. Als Chicano- oder Latino-Stil fand diese Art zu tätowieren rasch Einzug in die etablierten Tattoostudios der USA und verbreitete sich von dort in den letzten Jahrzehnten über die ganze Welt. Tatsächlich aber waren Schrifttattoos, bei denen es allein um die Aussage und nicht um typografische Kreativität ging, schon Anfang des 20. Jahrhunderts in Europa und den USA beinahe üblich, als sich Seeleute die Namen ihrer Frauen oder Bibelzitate wie »Glaube, Liebe, Hoffnung« stechen ließen. Später dann pervertierten Staatsgewalten die Anwendung von Schrifttattoos, als sie Straftätern als sichtbaren Ausdruck entzogener Menschen- und Bürgerrechte die entsprechenden Paragrafen oder ihren politischen Opfern in Konzentrationslagern eine individuelle Erkennungsnummer eintätowieren ließen. Andererseits ließen die Nationalsozialisten vielen SS-Männern ihre Blutgruppe einstechen, was für den Fall einer nötigen Blutzugabe nach Verwundung eine Art Lebensversicherung sein sollte; tatsächlich aber wurde das Merkmal nach dem Untergang Hitlerdeutschlands etlichen Kriegsverbrechern zum Verhängnis. 

Kommunikation mit Tattoos. Lettering von Bernhard Mitteregger, Vienna Electric Tattoo, Wien.
Kommunikation mit Tattoos. Lettering von Bernhard Mitteregger, Vienna Electric Tattoo, Wien.

Als Ausdruck persönlicher Überzeugungen, Zugehörigkeiten und Abgrenzung waren Schrifttattoos in den vergangenen Jahrzehnten vor allem in den kriminellen und eingeschworenen Milieus nord- und lateinamerikanischer Länder zu sehen. Viele der heute beliebten Letterings haben ihren Ursprung in den bandenbeherrschten Ghettos der USA und Mexikos. Aus ihnen entwickelten grafisch interessierte Tätowierer mehr und mehr Letteringstile, bei denen die reine Textaussage mit großer typografischer Raffinesse kombiniert wird. Inzwischen zeigen einige Tattoo-Artists bemerkenswerte Letterings, bei denen die Schrift kaum noch auf den ersten Blick zu entziffern ist und es vor allem um den visuellen Effekt geht. Dafür stehen heute mehr Schriftarten zur Verfügung als je zuvor und viele Tätowierer entwerfen sogar eigene Typografien. Letterings sind dadurch zu einer eigenen Kunst in der Tattooszene geworden und bieten so viele Möglichkeiten, wie kaum eine andere Tattoogattung.
 

Geeignete Körperstellen für Lettering-Tattoos

Letterings an den Händen, am Hals und im Gesicht sind beliebt. Was dabei zu beachten ist, weiß Jens Gössling vom Blue Harvest Tattoo in Bielefeld. Er tätowiert seit zwanzig Jahren und hat schon Chicano-Schriften gestochen, als die in Deutschland noch selten waren

TätowierMagazin: Gerade bei Letterings kommt es auf schöne Linien an. Jens, welche Körperstellen bergen deiner Erfahrung nach Schwierigkeiten bei der Heilung und Haltbarkeit? 
Jens Gössling: Dass die Handinnenflächen problematisch sein können, ist allgemein bekannt. Und Handkanten durch die permanente Faltenbildung bei der Handbewegung auch. Ich tätowiere diese Körperstelle bei Kunden, die bereits viele Tattoos tragen oder die selbst Tätowierer sind. Und das aus dem einfachen Grund: Diese Leute wissen, dass Tätowierungen an diesen Körperstellen nicht auf Dauer die Maßgaben nach Haltbarkeit erfüllen. Das liegt vor allem an der permanenten Beanspruchung der Hände. Wichtig ist mir, dass ich im Vorfeld mit dem Kunden abkläre, dass er nach dem Termin, insbesondere wenn er aus beruflichen Gründen mit Schmutz in Berührung kommt, sich drei bis fünf Tage frei nimmt. So kann das Tattoo zumindest schon mal oberflächlich abheilen. 

Tattoos an den Händen sind von der Haltbarkeit immer problematisch. Tattoo von Tom Dooley, Black Crown Tattoo, Leeds, UK.
Tattoos an den Händen sind von der Haltbarkeit eher problematisch und die Motive sollten nicht so detailliert gestochen werden. Tattoo von Tom Dooley, Black Crown Tattoo, Leeds, UK.


TM: Letterings auf den Fingern sind ja sehr beliebt. Wie sieht es da mit Blow-outs* aus?
Jens: Ob es zu Blow-outs an den Fingern kommt, ist aus meiner Erfahrung nicht berechenbar, die Wahrscheinlichkeit liegt aber wesentlich höher als bei einem Oberarmtattoo. Die Erklärung zum »Warum« haben mich alle nie richtig überzeugt. Ob es an der Durchblutung liegt oder ob jemand dicke Wurstfinger oder eher feingliedrige Pianistenhände hat, hat in meiner Praxis nie den Ausschlag gegeben. Ich arbeite nach Erfahrung und Gefühl, ob die Linien an den Fingern explodieren, ist jedoch nicht wirklich berechenbar. Manche Kunden halten bereits die Schatten in der Abheilphase für  Blow-outs und werden ganz nervös. Da kursiert im Netz viel Halbwissen.

TM: Wie sieht es mit dem Kopf und Gesicht aus?
Jens: Gesicht ist eigentlich kein Problem, außer für den Tätowierer beim Spannen der Haut. Die Kopfhaut ist relativ dünn, beim Tätowieren wird vor allem der Geräuschpegel als sehr unangenehm empfunden.

*Blow-outs: Wenn tätowierte Linien sich schattenartig verbreitern, spricht man von einem Blow-out. Als Ursache wird zu tiefes Stechen angesehen. Die Hautdicke variiert je nach Körperstelle und von Person zu Person. Je dünner die Haut ist, desto größer scheint das Risiko, dass sich Blow-outs bilden. Beim Menschen reicht die Spanne der Hautdicke von 0,5 mm bis 2,0 mm, Frauen haben eine signifikant dünnere Haut als Männer. Mit am dünnsten ist die Haut am Spann des Fußes.
 


Namen sind Schall und Rauch …

… es sei denn, sie sind tätowiert. Und wenn das Tattoo mit dem Namen der Freundin dauerhafter ist als die Beziehung? Der Werbespot einer Automarke schlägt vor, sich eine neue Partnerin gleichen Namens zu suchen, aber im realen Leben ist das eher unpraktikabel. Glücklicherweise sind solcherlei Schriftzüge meist nicht sehr massiv und können relativ gut mit einem Cover-up überdeckt werden. Im schlimmsten Fall helfen zwei, drei Behandlungen mit dem Laser, um sich nach einer Beziehung auch vom entsprechenden Namens-Tattoo zu verabschieden.
 
 

Arabisch, Chinesisch, Runen und Co.:
Die nicht-lateinischen Schriften

Bild links: Arabische Schrift von Janine, Trust (Mannheim). Bild rechts oben: Sanskrit von Monkeybars Tattoo (Wien). Bild rechts unten: Rune von Tor Ola, Ihuda Tattoo (Fredrikstad, NOR)

Manche Aussagen sind einem so wichtig, dass man sie deutlich bei sich tragen, aber nicht direkt mit der ganzen Welt teilen will. Dafür eignen sich vor allem Schriften, die nicht jeder kennt, zum Beispiel Chinesisch oder Sanskrit, alte Runen, schnörkelige arabische Schrift, russisch-kyrillische Lettern oder altägyptische Hieroglyphen – der Möglichkeiten gibt es viele. Zwar sind manche dieser Typografien für viele Menschen in unserer modernen Gesellschaft auch Alltagsschrift, aber die meisten Leute im deutschen Sprachraum sind doch mit lateinischen Buchstaben aufgewachsen.

Gerade weil exotisch wirkende Schrifttattoos nicht gleich für jeden lesbar sind, obwohl sie eine klare Aussage haben, sind sie beliebt. Eingeweihten sind sie ein Code, auf Außenstehende wirken sie geheimnisvoll, machen neugierig und bieten Stoff für Nachfragen. Ob er dann gar nichts, die Wahrheit oder lustige Fantasiegeschichten über sein Tattoo erzählen will, hat der Träger selbst in der Hand.

Zugleich verraten mehr oder weniger exotische Schriften allgemein etwas über den Träger, noch bevor sie entziffert sind. Runen-Tattoos sind seit der TV-Serie »Vikings« schwer angesagt und können Hinweis auf eine Affinität zum Germanischen sein, was nur im Einzelfall eine politische Instrumentalisierung der Symbolik beeinhaltet, oft stattdessen völlig frei von solchen Intentionen ist. Wer seine Chakren mit Sanskrit-Zeichen dekorieren lässt, dem kann man eine gewisse spirituelle Neigung unterstellen und eine Kartusche mit ägyptischen Hieroglyphen deutet auf ein Interesse an dieser alten Hochkultur am Nil oder das allgemein Mystische hin. Lediglich chinesische Schriftzeichen haben durch ihre inflationäre Verwendung als Tattoos seit den 1990er Jahren in unseren Breiten an fremdländischer Magie stark eingebüßt.

Und auch wenn nicht jeder vergessene Strich im chinesischen Zeichen aus »Liebe« gleich »Hühnchen« macht, sollte man vor dem Stechen Bedeutung und Schreibweise ganz genau checken.
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Stand:19 November 2018 10:58:06/szene/das+grosse+special+ueber+lettering-tattoos_18918.html