Dirk-Boris Rödel: Convention-No-Go: Der Abbau vor dem Ende

20.07.2018  |  Text: Dirk-Boris Rödel  |   Bilder: Tobias Kircher
Dirk-Boris Rödel: Convention-No-Go: Der Abbau vor dem Ende
Dirk-Boris Rödel: Convention-No-Go: Der Abbau vor dem Ende
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Der Fachbuchautor, Conventionmoderator und ehemalige TM-Chefredakteur Dirk-Boris Rödel ist seit mehr als einem Vierteljahrhundert in der Tattooszene aktiv. In seiner Kolumne macht er sich Gedanken über Entwicklungen in der Szene.
Sonntagnachmittag, irgendwo in Deutschland. Der Sonntagsbraten ist verzehrt, der Pflichtbesuch bei den Schwiegereltern wurde absolviert und es bleiben noch einige Stunden zu überbrücken, bevor der Tatort anfängt. Also, was tun? Zoo, Freizeitpark? Hey, waren da nicht überall diese Plakate der Tattooconvention? Das wäre doch mal ein interessantes Sonntagsprogramm! Es ist zwar schon kurz nach vier, aber die Convention hat ja bis abends um acht geöffnet – das sollte doch wohl reichen.

Doch dann an der Halle: Tätowierer, die geschäftig zu ihren Autos laufen, ihr Equipment in Boxen abtransportieren. Aussteller, die ihre T-Shirt-Kollektion oder ihr Schmucksortiment im Kombi verstauen. Auch in der Halle großes Wuseln an vielen Ständen, wo Banner abgehängt und Mülltüten geschnürt werden, andere Stände sind bereits verwaist. Immerhin den Tattoocontest kann man sich vielleicht noch anschauen. Der ist leider aber auch nicht so prickelnd, weil jeder zweite aufgerufene, eigentlich teilnehmende Tätowierer nicht erscheint – es sind wohl schon einige abgereist. Dass bei gar nicht wenigen Veranstaltungen am Sonntag eh oft schon mal ein großer Teil der Stände erst gar nicht besetzt ist, weil die entsprechenden Tätowierer bis zum Nachmittag ihren Rausch von der Aftershowparty am Samstagabend ausschlafen müssen, ist sowieso schon ein Unding.

Ich seh sowas seit Jahren und bin immer wieder erstaunt, dass Besucher sich sowas gefallen lassen. Auch ich schätze einen gemütlichen Sonntagabend auf der Couch vorm Fernseher und bin froh, wenn ich da nicht erst mitten in der Nacht nach Hause komme. Aber wenn ich mich dazu entschließe, als Aussteller oder Tätowierer an einer Tattooconvention teilzunehmen, dann weiß ich schon vorher, dass ich da hin- und wieder zurückfahren muss und kann das einplanen. Und wenn es mir Sonntagabend zu knapp wird, fahr ich eben am Montag. Ja, ich höre schon die Argumente, dass ja dann noch ein Tag drauf geht, dass man dann ja noch mal ’ne Übernachtung im Hotel zahlen muss – ja und? Dann fährt man eben nicht auf Conventions! Denn die Besucher zahlen auch am Sonntagnachmittag noch gutes Geld, um sich eine Tattoomesse anzuschauen und nicht, um in ’ner halbleeren Halle im Weg zu stehen. Die Lösung einiger Conventions, ab Sonntagnachmittag nur noch reduzierten Eintritt zu verlangen, ist gut gemeint, aber auch nicht der große Wurf.

Mal im Ernst: Was ist denn so schwer daran, bei Tattooconventions dieselben Maßstäbe anzulegen wie bei anderen Veranstaltungen? Auf der Cebit bleibt doch der Stand von SAP auch nicht am Sonntag unbesetzt, weil die Aussteller Samstagnacht Party gemacht haben. Auf der IAA fängt man bei VW auch nicht ab Sonntagnachmittag an abzubauen, weil man ja noch bis Wolfsburg fahren muss. Seit Jahrzehnten höre ich von Tätowierern, dass sie sich wünschen, dass ihr Tätigkeit als seriöser und professioneller Beruf wie jeder andere akzeptiert wird. Aber wenn’s dann darum geht, professionell aufzutreten, ist an manchen Stellen eben doch noch ziemlich Luft nach oben.
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Stand:17 October 2018 03:37:21/szene/convention-no-go+der+abbau+vor+dem+ende_18613.html