25 Jahre Tattooszene in Deutschland

14.12.2018  |  Text: Dirk-Boris Rödel  |   Bilder: TM-Archiv
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25 Jahre Tattooszene in Deutschland
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Wie sich die Szene von den düsteren Tattooshops in den Hinterzimmern von Rockerclubs zu den hellen Ateliers kreativer Tattoo-Artists entwickelte. Blickt mit uns auf 25 Jahre Tattooszene in Deutschland
Die  damals noch überschaubare und klar abgesteckte Tattooszene war bei Erscheinen des ersten TätowierMagazins 1994 fest in Rockerhand. Auch bei Punks, Skinheads oder Rockabillys waren Tattoos ein Thema, aber im Gegensatz zu diesen Subkulturen verfügten die Rocker mit ihren Motorradclubs über Strukturen, die mit dem Tätowieren gut kompatibel waren. In den Clubhäusern hatte man einen Arbeitsplatz für den Tätowierer, Clubmitglieder und deren Freunde und Freundinnen waren die Kundschaft und über Kontakt zu anderen Clubs fand der Austausch statt.

Wie sich die Szene von den düsteren Tattooshops in den Hinterzimmern von Rockerclubs zu den hellen Ateliers kreativer Tattoo-Artists entwickelte

In den 90ern kamen Tattoos an die Oberfläche

Warum ein zaghaftes Aufkeimen der Tattoo-Subkultur in Deutschland erst ab den frühen 90ern stattfand und nicht schon zehn Jahre zuvor, als Subkulturen wie Punks und Rocker sich gerade etablierten, ist schwer zu sagen. Aber in den 90ern kamen diese ersten vorsichtigen Schritte der Tätowierer ins Licht der Öffentlichkeit – auch wenn die wenigen Tattooconventions damals oft gerade mal dreißig Stände zählten und die Besucher alles andere als Mainstream-Publikum war – gerade recht, um sich für die erste kleine Tattoorevolution zu positionieren, die durch den Sendestart von MTV eintrat. Denn plötzlich sah man ab 1997 auf MTV Tätowierte im Fernsehen; und als Tattoo war selbst so etwas wie das Mini-Superman-Logo auf Jon Bon Jovis Oberarm aufsehenerregend. Komplett tätowierte Sleeves wie der eines amerikanischen Moderators der Sendung »Headbanger’s Ball« waren einfach absolut spektakulär. Je öfter Tattoos im Fernsehen zu sehen waren – nicht nur bei Heavy-Metal-Stars wie Rob Halford von Judas Priest oder Vince Neil und Tommy Lee von Mötley Crüe, sondern auch bei Schauspielern wie Pamela Anderson oder Pop-Sängerinnen wie Björk – umso mehr wuchs auch beim jungen Fernsehpublikum die Nachfrage nach Tattoos. Das waren in der Hauptsache natürlich Personen, die zum einen einen Draht zu den Medien hatten, in denen sich Tattoos vor allem präsentierten – eben Musiksender –, und die zum anderen auch kein Problem damit hatten, dass die Motive, die zur Verfügung standen, auch auf dieses Klientel abgestimmt waren: Sensenmänner und Drachen, Schädel, Zauberer mit Kristallkugel, Skorpione. Extrawünsche wurden damals lange Zeit bestenfalls mit einem Achselzucken quittiert. Zwar nahm um die Jahrtausendwende die Motivvielfalt durch das Aufkommen von Flash-Sheets, also Vorlagebogen mit Designs unterschiedlichster Stilrichtungen, enorm zu, doch am Grundprinzip, dass der Kunde sich sein Motiv aus einer Sammlung von Vorlagen aussuchte, änderte sich zunächst noch nicht viel.

Flashs von Bernie Luther und Co. unter Tätowierern heiß begehrt

Der Stolz jedes Tätowierers war es, stets die neuesten Sheets von Flash-Künstlern wie Mauricio, Bernie Luther oder Zele aus Zagreb vorweisen zu können. Es gab eine gewisse Anzahl von kreativen Köpfen, die solche Sheets zeichnete, den anderen Tätowierern kam die Aufgabe zu, die Motive dieser Vorlagebogen technisch möglichst perfekt auf die Haut zu bringen. Tätowierer, die individuelle Unikate und Custom-Tattoos anboten, gab es bereits vereinzelt – doch das waren seltene Ausnahmen.

Ein Tattoo-Flash von Bernie Luther

Immerhin mussten sich die Kunden inzwischen nicht mehr in die schummrigen Hinterzimmer von Rockerclubs wagen, denn viele Tätowierer hatten sich mittlerweile in die Innenstädte vorgetastet und helle Studios mit großen Schaufenstern wirkten auch auf die neuen Kunden einladend, die nichts mit Punk und Heavy Metal am Hut hatten. Aber auch, wenn die Kundschaft divers und heterogener wurde, kamen die Tätowierer nach wie vor entweder direkt aus einer der klassischen Subkulturen oder hatten zumindest über ein, zwei Ecken einen Bezug dazu, weswegen sich auch stilistisch zunächst nicht allzu viel tat. Nur langsam tauchten nach und nach Spezialisten auf, die sich auf einen Stil beschränkten, so wie Paul Booth auf Horror oder Fiona Long auf bunte Fantasy. Die Qualität verbesserte sich zwar deutlich und unter dem Auge der Öffentlichkeit auch die Hygiene, aber irgendwie rührte man doch noch immer im selben Motivbrei, ohne den großen Schritt nach vorn zu tun.

Paul Booth auf der Tattooconvention Berlin, 1997


Tätowierer Paul Booth auf der Tattooconvention Berlin im Jahr 1997

Der große Knall kam mit dem DMAX-Format »Miami Ink«, gefolgt von »L.A. Ink« und der deutschen Version »Tattoo – eine Familie sticht zu«. Denn hier sah man Tattoos im Fernsehen und konnte sich aus sicherer Entfernung im Sessel anschauen, wie der gesamte Tattooprozess abläuft. Auch wenn in diesen Scripted-Reality-Formaten alles absurd verkürzt war, die Dialoge vorgefertigt und die Kunden sorgfältig aussortiert waren, verfehlten die Formate nicht ihre Wirkung. Viele Menschen außerhalb der klassischen Subkulturen, von denen viele vorher nie ernsthaft ein Tattoo in Erwägung gezogen hätten, weil ihnen das Potenzial dieser Kunstform zuvor gar nicht bewusst war, entdeckten nun das Tätowieren für sich – sei es als Kunde oder eben auch als Tätowierer. Das Tätowierhandwerk explodierte förmlich und viele befürchteten – nicht ganz zu Unrecht –, dass das vormals als Stigma der Subkulturen gepflegte Image des tätowierten Außenseiters mit dieser Entwicklung nun völlig im Mainstream aufgehen würde.

Eine Subkultur in der Tattoos an der Tagesordnung waren: Punks

Mit der neuen Kundschaft, die nach neuen Stilen und Motiven fragte, entstand auch eine neue Art von Tätowierern. Sie kamen oft von Kunstschulen, hatten grafische Ausbildungen absolviert oder sich in anderer Weise bereits mit Kunst beschäftigt und sahen Tätowieren als eine von vielen Möglichkeiten an, sich künstlerisch auszudrücken. Diese jungen Künstler konnten auch deshalb völlig neue Stile und Herangehensweisen in der Tätowierkunst kreieren und in sie einbringen, weil sie nicht über die bisherige subkulturelle Schiene zum Tätowieren gekommen waren und dadurch auch in keiner Weise durch klassische Motive und tradierte Ikonographie vorbelastet waren. Plötzlich war alles, was man visuell darstellen konnte, auch als Tattoo möglich, womit diese Ausdrucksform ein weiteres Mal für diejenigen interessant wurde, die mit dem klassischen Tätowieren nichts anfangen konnten.

Horiyoshi III auf der Tattooconvention Berlin, 1999

Der japanische Tätowierer Horiyoshi III auf der Tattooconvention Berlin im Jahr 1999

Allerdings: Wenn man den frühen 2010er Jahren ein Label geben müsste, so waren sie geprägt von »Versuch und Irrtum« – es wurde viel experimentiert, doch nicht alles, was tätowiert wurde, war auch für das Medium Tattoo geeignet. Insbesondere die Dauer­haftigkeit und Haltbarkeit wurde bei neuen Tattoo-Experimenten wie Aquarell oder Farbrealistic oft dem kurzfristigen Effekt geopfert, wodurch sich Traditionalisten in ihrer Skepsis gegenüber den neuen Entwicklungen bestätigt sahen. Aber es entstanden auch viele neue Konzepte und Stilrichtungen wie beispielsweise New Black, Dotwork, Graphic oder Mandala, die die stilistische Vielfalt des Tätowierens bereicherten und zugleich den technischen, auf Haltbarkeit ausgelegten Anforderungen des Tätowierens Rechnung trugen.

Ebenfalls eine Subkultur, die sich auf Tattoos verstand: Biker

Derzeit hat man den Eindruck, dass sich junge Tätowierer nach einigen – oft auch unsinnigen – künstlerischen Experimenten der letzten Jahre wieder mehr auf technische Aspekte zurückbesinnen, ganz unabhängig vom jeweiligen Stil. Der Allrounder, bis zur Jahrtausendwende praktisch der Normalfall im Tattoostudio, ist jedoch inzwischen nahezu ausgestorben; stilistische Vielfalt innerhalb eines Studios kann heutzutage eigentlich nur noch über unterschiedlich interessierte Tätowierer im Team angeboten werden. Die zunehmende Spezialisierung und immer weiter voranschreitende Ausbildung ganz individueller Stile nimmt auch immer mehr den Kunden in die Pflicht, sich noch intensiver mit dem Angebot zu befassen, um den zu ihm passenden Stil und Künstler zu finden. Teilweise dazu gegenläufig ist der Trend der »Wanna-do«-Angebote, vorgefertigter Motive, aus denen sich der Kunde einfach eines aussucht, was ihn selbst von kreativer Arbeit entbindet und sich von den Flash-Sheets der 1990er nur dadurch entscheidet, dass ein Wanna-do nicht beliebig oft reproduziert wird.  

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