25 Jahre Tätowiermagazin – wie alles begann

14.12.2018  |  Text: Boris »Bobs« Glatthaar  |   Bilder: Tobias Kircher
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25 Jahre Tätowiermagazin – wie alles begann
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Vor 25 Jahren noch laienhaft, improvisiert und am Rand der Gesellschaft, inzwischen längst professionell, organisiert und in allen sozialen Milieus ein Thema: das TätowierMagazin feiert seinen 25. Geburtstag! Aus diesem Anlass diskutieren die ehemaligen Chefredakteure Heide Heim und Dirk-Boris Rödel mit ihrem aktuellen Nachfolger Boris »Bobs« Glatthaar
Vor 25 Jahren noch laienhaft, improvisiert und am Rand der Gesellschaft, inzwischen längst professionell, organisiert und in allen sozialen Milieus ein Thema: Die Entwicklung des TätowierMagazins seit der Erstausgabe im April 1994 verlief auffallend ähnlich zu der der Tattoostudios in Deutschland. Kein Wunder, ist das Magazin doch seit Beginn ein Teil der Szene, zu deren Entstehung es selbst auch noch beitrug. Kompliziert? Kein Problem: Im Gespräch mit TM-Chefredakteur Bobs sprechen seine beiden Vorgänger, Heide Heim und Dirk-Boris Rödel, Klartext über die wirren Anfangsjahre des Magazins.

Drei Generationen TätowierMagazin-Chefredakteure an einem Tisch: Heide Heim, Boris Glatthaar und Dirk Boris Rödel
Bobs: Heide, du bist die erste Chefredakteurin des TM, die erste Ausgabe erschien 1994. Wie fing das an?

Heide: Tja, wie fing das an … Dazu gibt es ja mehrere Geschichten. Meine lautet so: Günther »Fips« Brecht, der 1980 die Bikers News gegründet hatte und noch heute unser Verleger ist, war ja schon immer sehr USA-affin. Da drüben hat er gesehen, dass es neben Bikermagazinen auch schon Tattoohefte gab, und als er von einer Tour aus den Staaten zurückkam, brachte er die Idee mit, das auch in Deutschland zu machen. Gemeinsam mit Doc Baumann hat er das Thema Tattoo dann ins Visier genommen.

Bobs: Doc Baumann leitete damals die Bikers News und war schon 1984 einer der Ersten überhaupt, die sich mit Bildbearbeitung am Computer und digitalen Fotomontagen beschäftigte. Der spätere Mitbegründer der Zeitschrift Docma gilt heute als Photoshop-Papst. Mitte der 90er aber profitierte zunächst noch das TätowierMagazin von seinem Können am damals noch klobigen Macintosh-Rechner …

So sah das erste TätowierMagazin 1994 aus – ein bisschen anders als heute ...

Heide: Tatsächlich! Doc Baumanns digitale Freisteller auf dem Cover waren erste Sahne. Allerdings standen die Leute auf dem Titelbild mehrere Jahre lang bei jeder Ausgabe vor einem eintönigen, lilafarbenen Hintergrund. Im Verlag witzelte man, das sei die Farbe der Kirche, der Frauenbewegung und der Schizophrenie und dass das ja wohl nicht die richtige Farbe fürs TätowierMagazin sei.

Bobs (lacht): Immerhin habt ihr euch ­behauptet – und die Farbe ab 1999 auch mal gegen andere getauscht, bevor später Strukturen, Verläufe, andere Designsünden und 2005 nach und nach echte Fotos kamen. Aber zurück: Fips kam also mit der Tattoo­heft-Idee aus den USA zu Doc Baumann. Wann kamst du ins Spiel?

Heide: Einige Zeit vorher hatte ich mein Studium von Gartenbau und Politikwissenschaften geschmissen und war bei der Bikers News gelandet. Fips und Doc Baumann wollten dann testen, wie das Thema Tattoos ankommt, und veranstalteten einen »Tattoocontest« in der Bikers News. Die Resonanz war aus meiner Sicht damals riesig. Die Verkündung der Gewinner haben wir dann direkt in die erste Ausgabe eines neuen TätowierMagazins ausgelagert.

Dirk-Boris: Zu dieser Zeit, Anfang der 90er, hatte es gerade auch die ersten Tattooconventions in Deutschland gegeben, das Thema kam also gerade hoch.
Heide: Ja, die deutschsprachige Szene formte sich gerade – es ist auffällig, dass auch viele etablierte Tätowierer und Studios um das Jahr 2018 herum ihr 25. Jubiläum feiern. Damals kam alles zusammen: Immer mehr Tätowierer, Veranstaltungen und dann ein Medium, das für sie professionell gestaltet und gemacht war (lacht).

Bobs: Das amüsiert dich!

Heide: Ja, klar! Das war ultralustig. Es war ja kein Profi dabei, sondern vor allem viel Spaß und Neugier. Wir wollten einfach ein geiles Heft für Tattoointeressierte herausgeben.



Dirk-Boris: Es war wirklich an der Zeit dafür. Man darf nicht vergessen, dass das TätowierMagazin diese interessierten Menschen auch mit Tattoostudios zusammenbrachte: Mitte der 90er gab es noch keine Möglichkeit für Tätowierer, im Internet um Kunden zu werben, da war das Printheft echt eine Brücke.

Bobs: Wie bist du an Bord gekommen, Dirk-Boris?

Dirk-Boris: 1989 habe ich mir mein erstes Tattooheft gekauft, ein amerikanisches Magazin, ich interessierte mich sehr für Tätowierungen. Für mein Japanologie-Studium war ich in Japan und habe die dortige Tätowiertradition untersucht und als ich 1995 zurückkam, habe ich am Kiosk das TätowierMagazin gesehen. Ich dachte nur: Boah, endlich ein deutsches Tattooheft! Darin gab es dann gleich auch ein »Japan-Special«.

Heide (lacht): … das sogenannte »Japan-Special«.

Dirk-Boris: Ja, das sogenannte »Japan-Special«. Es baute nämlich komplett auf ein Tattoo auf, das sich ein deutscher Kunde bei einem deutschen Tätowierer hatte stechen lassen. Das war aus meiner Sicht, der sich gerade ein Jahr lang in Japan mit japanischer Tätowierkunst beschäftigt hatte, echt ein Graus. Also habe ich mir überlegt, ob ich jetzt einfach einen Leserbrief schreiben und mich beklagen oder einen konstruktiveren Weg wählen sollte – ich habe der Redaktion also vernünftige Texte und eigene Fotos angeboten.

Bobs: Wie hat die Redaktion reagiert?

Dirk-Boris: Daraus ist sofort ein Dreiteiler geworden: Erst die Geschichte der japanischen Tätowierkunst, dann traditionelle und schließlich moderne Tätowierer in Japan. Damit war ich ein halbes Jahr beschäftigt. Anschließend hatte ich relativ schnell in jedem Heft ein, zwei, drei Artikel. Am Ende meines Studiums wollte ich eigentlich zur Dissertation nach Tokio, aber dann hat mir das TätowierMagazin eine Redaktionsstelle angeboten. Eine richtige Stelle, ohne jemals eine Bewerbung geschrieben zu haben! Das habe ich dann gemacht.  

Dirk-Boris Rödel leitete als Chefredakteur die Redaktion des TätowierMagazins viele Jahre lang

Heide: Und kurz darauf warst du Chefredakteur.

Bobs: Das war 2000, als du, Heide, wegen der Geburt deines Sohnes weniger im Verlag gearbeitet hast. Wie seid ihr damals, in den Anfangsjahren, eigentlich an die Themen gekommen?

Heide: So umfangreich war das Themenspektrum nicht, da mussten wir nicht viel suchen. Es waren Studios, es war Musik, ein bisschen Bücher …

Dirk-Boris: Im Rückblick empfinde ich es auch so, dass es früher einfacher war, geeignete Tätowierer für einen Bericht im Magazin zu finden. Übertrieben gesprochen: Wenn früher jemand ein Studio hatte und man erkennen konnte, was seine Tätowierung darstellte, war der einen Artikel wert. Da hast du dir das angeschaut und gesagt: Guck mal, der macht Comic! Und schon war der im Heft, es gab ja keine anderen. Dasselbe galt für Conventions: Eine neue Tattoomesse? Rein ins Heft!

Bobs: Das wäre heute tatsächlich undenkbar. Heute müssen wir in unserer Auswahl der Themen viel, viel mehr abwägen. Nicht nur, weil es inzwischen so viele Tätowierer und Conventions gibt, sondern auch, weil das Qualitätsspektrum extrem breit und die Varietät sehr groß geworden ist.
 
Dirk-Boris: Und wir konnten in den frühen Jahren auch viel mehr experimentieren. Da gab es Themen, die ausgesprochen weit über unseren Tellerrand hinausgingen, die aber sonst nirgendwo stattfinden konnten. Also alles eigentlich, was unsere Leser irgendwie auch nur annähernd interessieren würde, auch wenn man es nicht in einer Fachzeitschrift fürs Tätowieren erwarten würde. Geht heute auch nicht mehr, wäre Platzverschwendung.

Heide: Richtig einen Namen gemacht haben wir uns aber vor allem mit den Ethno-Themen, die unter anderem von Travelingmic, Lars Krutak und Chris Wroblewski kamen. Die sind zu tätowierten Stammes-Völkern in aller Welt gereist, haben sie interviewt und fotografiert, über sie geschrieben und uns das Material angeboten. Dadurch haben viele Leser einen Einblick in die weltweite Tradition des Tätowierens bekommen.

Heide Heim ist gewissermaßen die Frau der ersten Stunde: Sie gründete das Magazin vor 25 Jahren mit Doc Baumann

Dirk-Boris: Es waren spannende Beiträge. Trotzdem war mir immer bewusst, dass es eine Menge Leute gibt, die das überblättern, weil sie lieber Rockabilly-Tattoos sehen wollen. Trotzdem fand ich die Ethno-Themen sehr wichtig, weil sie dabei halfen, Tattoos gesellschaftlich zu legitimieren. Man konnte auf den Artikel verweisen und sagen: Ja, Tattoos sind bei uns ungewöhnlich, aber in vielen Gesellschaften sind sie das überhaupt nicht, sondern haben Tradition.

Heide: Wenn Leute das TätowierMagazin in die Hand bekamen, die nicht in der Szene waren, haben sie gerade die Ethno-Beiträge immer sehr goutiert. Es hat auch ihnen einen Horizont eröffnet, war mein Gefühl, und sie teilweise auch anders über die Tattooszene denken lassen. Horizonte erweitern: Das war tatsächlich immer unser Anspruch. Und er ist es bis heute.

Bobs: Das ist er. Heide, Dirk-Boris: Vielen Dank!

Die Zukunft des TMs
Nach 25 Jahren TätowierMagazin gehören Heide Heim und Dirk-Boris Rödel der festen Redaktion des TätowierMagazins inzwischen nicht mehr an. Mit ihrem Wissen und ihrer Erfahrung wirken beide aber weiterhin am Magazin mit – sei es beratend oder in freier Autorenschaft.

Dirk-Boris Rödel über 25 Jahre Tattooszene im Tattoocast
Mehr zur Entwicklung des TätowierMagazins, der Tattooszene in den vergangenen 25 Jahren und über Dirk-Boris’ Erfahrungen hört ihr im TätowierMagazin-Podcast TATTOOCAST Episode 6
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