Tätowierer D-GRRR widmet sich Kunstprojekt

22.12.2017  |  Text: Pascal Bagot   |   Bilder: D-GRRR, Pascal Bagot
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 Tätowierer D-GRRR widmet sich Kunstprojekt
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D-GRRR aus Paris macht Pause: Der bekannte französische Tätowierer gab dem Drang nach, sich wieder stärker auf seine Ursprünge zu besinnen, die in der Illustration liegen. Für ein Buchprojekt zum 100. Jahrestag des Endes des Ersten Weltkriegs nahm er sich ein Jahr lang Urlaub vom Tätowieren.
Du hast im Sommer dieses Jahres in der Boucherie Moderne in Brüssel eine Ausstellung zum Thema Tod gehabt. Wie kam es dazu?
Die Idee dazu hatte ich vor einem Jahr, als Guyom Butcher, Chef der Boucherie Moderne, mir sagte, dass er einen Ausstellungsraum zur Verfügung hätte, da habe ich gleich »Tod« als Thema vorgeschlagen. Ich bin da ganz bei Salvador Dali, der schon sagte »der Tod fasziniert mich!«. Ich bin davon regelrecht besessen, wie von Sex. Ich denke ständig daran. Das hat auch nichts damit zu tun, dass ich älter werde. Mit dieser Ausstellung hatte ich schon das Gefühl, dass ich mich zu meinen Wurzeln zurück begebe, ich hatte 1994 schon eine Zusammenarbeit mit der Rockband La Muerte. Für die Ausstellung habe ich zwanzig Arbeiten zusammengestellt, wovon fünfzehn bislang unveröffentlicht waren. 

D-GRRR aus Paris macht Pause: Der bekannte französische Tätowierer gab dem Drang nach, sich wieder stärker auf seine Ursprünge zu besinnen, die in der Illustration liegen.

Du hast dabei ja auf sehr unterschiedlichen Medien gearbeitet. 
Seit ungefähr zwei Jahren arbeite ich mit Bic-Kugelschreibern, schwarz und rot. Das dauert zwar, aber paradoxerweise gefällt mir daran die Unmittelbarkeit. Davor hab ich Illustrationen mit Acryl auf A4 gemacht, da habe ich mich weniger frei gefühlt. Jetzt lege ich einfach los, ich plane nichts. Sobald ich eine Idee hab, geht’s los. Ich muss es sofort ausspucken. Und wie bei einem Tattoo lässt sich auch der Bic-Kuli nicht korrigieren. Ich mag die Einfachheit dieses Mediums, das hat so etwas von Working Class. Wenn jemandem die Art und Weise besser gefiel, in der ich früher gearbeitet hab – die Welt verändert sich eben, aber der Spirit ist ja noch derselbe: Ich heiße immer noch GRRR und ich bin immer noch zoRRRnig!  

Die Arbeiten mit dem Bic-Kuli erinnern ein wenig an Radierungen. 
Als ich für Fanzines gearbeitet hab, habe ich einen speziellen Pinselstrich verwendet, der den Formen der Körper etwas mehr Gewicht verschaffte. Der Bic ist in gewisser Weise eine Erweiterung dieser Technik. Und man kann damit messerscharfe Linien ziehen, es ermöglicht ein instinktiveres Arbeiten, etwas, was mit dem Bleistift so nicht möglich ist. Mir gefallen besonders die deutschen, flämischen und auch die französischen Radierungen vom 14. bis 17. Jahrhundert, für mich ist das so etwas wie das goldene Zeitalter. Die mittelalterliche Periode ist auch sehr interessant. Die Arbeiten aus dieser Zeit sind sehr einfach und grob, teilweise beinahe kindlich und dadurch sehr tätowierbar, aber dennoch raffiniert. Am liebsten sind mir Arbeiten von Goltzius, Holbein, Schongauer, Baldung Grien.

Wütender gehts kaum: GRRR interpretiert die biblische Todsünde Jähzorn (lateinisch »Ira«) als waffenschwingenden, zähnefletschenden mehrköpfigen Dämon, der aufgrund der Kugelschreibertechnik und der generellen Ästhetik der Zeichnung an 80er-Jahre-Metal/Hardcore-DIY-Fanzines erinnert.

Widmest du dich neben neuen Techniken auch neuen Themen?
Ja, insbesondere mit dem roten Bic arbeite ich an einer kleinen Serie im Stil des berühmten französischen Autors Francois Rabelais (16. Jhd.) und seines Illustrators, Francois Desprez, der Pantagruel gezeichnet hat, einen der Charaktere aus Rabelais Werken. Ich fühle mich Rabelais sehr nahe. Wie ich kam auch er aus Touraine, er war antiklerikal, ein Bonvivant und exzessiv, was Essen und Trinken betrifft. Der rote Bic kommt der roten Tusche sehr nahe, die die Künstler damals für ihre Skizzen und Studien verwendet haben. Ich habe mich auch dem Thema »Wunderheilmittel« zugewandt und hab mich besonders von den Arbeiten Jacques Callots inspirieren lassen, einem Künstler des 17. Jahrhunderts. Mich haben immer schon die ungeschönten Seiten unserer Welt angezogen, die Prostitution, die Außenseiter, Randgesellschaften. 

Du hast in diesem Jahr beschlossen, deine Arbeit als Tätowierer einzustellen – warum? 
Es frustrierte mich, dass ich einfach keine Zeit mehr hatte, mich persönlichen Projekten zu widmen, Ausstellungen zu planen und Ähnliches. Beispielsweise hatte ich da ein Projekt zum Ersten Weltkrieg, das ich den französischen Redakteuren von Timeless Editions vorgeschlagen hatte. Ich hab da schon viel dran gearbeitet, ungefähr die Hälfte der Illustrationen ist fertig, aber ich muss es noch beenden. Also hab ich beschlossen, die Tattooprojekte, an denen ich gearbeitet habe, noch zu beenden und dann ein Jahr freizunehmen. Das Buch muss zum 11. November 2018 herauskommen, dem Gedenktag zum Ende des Ersten Weltkriegs. 

Der gruselige Wikingerschädel scheint schallend zu lachen.

Du bist ja eher bekannt für deine Arbeiten zu fantastischen, dämonischen, antiklerikalen oder pornografischen Sujets  – wie kommst du zu einem historischen Thema wie dem Ersten Weltkrieg?
Mein Großvater gehörte dem Fluggeschwader Cigognes an. Ich habe ein altes Fotoalbum von ihm gefunden, in dem man ihn zusammen mit Kameraden vor einem Flieger sieht. Und dann kam alles zusammen: 2014 gab es ja Gedenkveranstaltungen zum Beginn des Ersten Weltkriegs, und ich war fasziniert von den Arbeiten der Künstler und Kriegsveteranen Otto Dix und Georges Grosz. Mit diesem Buchprojekt fügte sich alles zu einem Ganzen und ich dachte mir, »los geht’s!«. Im Zuge meiner Recherchen stieß ich dann auf historische Figuren wie den furchtlosen Charles Nungesser, einen der besten Piloten in der Geschichte der französischen Luftwaffe. 
 

D-GRRR macht Buchprojekt zum 100. Jahrestag des Endes des Ersten Weltkriegs

Eine beeindruckend detaillierte Illustration eines Skelett-Soldaten, die einen Vorgeschmack auf das kommende Buch-projekt bildet. Die Umsetzung von derart komplexen Kugelschreiber-zeichnungen ist anspruchsvoll, da kaum Korrekturen möglich sind.

Wie kann man sich das Endprodukt vorstellen?
Timeless Editions plant ein Album im Format A3 mit dickem Papier und 24 Illustrationen. Die Hälfte ist bereits fertig. In den nächsten Arbeiten werde ich mich mehr auf die erotische und pornografische Atmosphäre konzentrieren und einen Blick in die Hurenhäuser werfen, in denen die verstümmelten Veteranen sich rumtrieben, wobei ich da auch auf das Thema Prothesen-Fetisch eingehen werde – mit einer Brise schwarzen Humors. 

Bevor du als Tätowierer gearbeitet hast, warst du Illustrator – wie wichtig war diese Zeit für dich? 
Ich will sie nicht missen. Es ist für mich wichtig, Spuren zu hinterlassen, eine Art Vermächtnis. Man bewundert ja heute noch die Kunst großer Meister – natürlich will ich mich nicht mit ihnen vergleichen. Aber bevor ich gehe, kann ich mir sagen, dass vielleicht eines Tages jemand meine Arbeiten sieht und sie mag.

Der Caballero de la Noche - der Reiter der Nacht: Böse geht immer!

Deine Karriere als Illustrator begann ja mit Albumcovers wie zum Beispiel für die französische Hardcore-Band MST oder die finnische Extreme-Metal-Band Impaled Nazarene. Machst du sowas noch?
Ja, gerade eben erst habe ich eine Arbeit für die Metal-Band Anksunamon aus Lyon gemacht. Es gibt eine große Szene in Lyon, und wenn ich keine Albumcover mache, tätowiere ich die Bandmitglieder. Eine andere Coverarbeit, die ich neulich gemacht habe, war für Powerfuel, eine Slayer-Tribute-Band. Albumcover sind nicht veraltet, es ist einfach mal was anderes als diese gephotoshoppten Bilder, die man überall sieht. Die Scheiben von Bands wie High on Fire oder Doom- riders (american Sludge) finde ich cool, weil die ihre Illustratoren einfach mal etwas anderes machen ließen. Punk, Psycho oder Metal sind ein sehr gutes Umfeld, in dem sich Illustrationen entwickeln können.  

Und wann bist du zum Tätowieren umgeschwenkt?
In den 80ern habe ich das als Außenseiter beobachtet und glaubte nicht daran, dass ich in der Welt des Tätowierens etwas erreichen könnte. Ich hatte mit Christian vom Pariser Studio Arche de Morphée gesprochen, wo ich mich auch selbst tätowieren ließ. Er erklärte mir, wie schwierig das alles sei, dass ich eine Lehre machen müsse, ohne Bezahlung … das machte mir Angst. Wovon hätte ich dann leben sollen? Also blieb ich zunächst bei den Illustrationen, das war einfacher. Erst bei den Mondials du Tatouage 1999 und 2000, als ich viele internationale Tätowierer traf, wurde mir klar, dass es da eine Zukunft für mich in diesem Beruf geben könnte. 

Illustration von D-GRRR.

Waren die Leute in deinem Umfeld stark tätowiert?
Manche, je nachdem wie viel Geld sie hatten. Ich hatte ein paar. Das erste Tattoo habe ich mir mit Nadel und Tusche selber gestochen. Das hat Christian aber schon 1987 gecovert. Ich hatte damals auch schon probiert, eine Maschine aus einem Kuli und einem Walkman zu basteln. Die Tattooszene war damals sehr überschaubar. Und Ende der 80er ließen sich nicht viele in Paris tätowieren; Rocker, Punks, Skinheads … jeder kannte da jeden. Und es ging auch anders zu als heute. Unter meinen Freunden, da hatte das eine Bedeutung, einen Wert. Punks ließen sich die Arme, Brust oder den Rücken tätowieren, nur ganz selten Hals oder Hände – heute ist es gerade anders rum. Und natürlich war es sehr schwer, an Maschinen zu kommen. 

Vor zehn Jahren hast du mir gesagt, Tätowieren sei ein faszinierendes Abenteuer. Wie siehst du das heute?
Ich habe das Gefühl, als ob es ein wenig stagniert, obwohl es neue und talentierte Künstler gibt. Es gibt neue Trends, sehr grafisch. Aber paradoxerweise bleiben die guten alten Themen nach wie vor erhalten. Ich geh nicht mehr auf allzu viele Conventions, sie sind so ermüdend, insbesondere wenn man wie ich so gern Party macht. Ich lass es jetzt einfach ruhiger angehen, mit einem Minimum an Druck. Aber ich lass mich noch tätowieren, von Anthony von Quimper, Just, Mister Biz und Sylvain Leborgne. 

Mittelalterliche, morbide Themen passen natürlich perfekt zu GRRRs Stil, wie hier beispielsweise der mit einer Schnabelmaske ausgestattete Pestdoktor, der die von der Pest befallene Stadt verlässt.

Kontakt

D-GRRR
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Stand:19 July 2018 19:39:04/szene/+taetowierer+d-grrr+widmet+sich+kunstprojekt_171123.html