Tribal-Special – Das Revival der Stammes-Tattoos

16.11.2018  |  Text: Dr. Lars Krutak   |   Übersetzung: Heide Heim Bilder: siehe Einzelnachweis
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Tribal-Special – Das Revival der Stammes-Tattoos
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Tribal-Tattoos feiern ihr Comeback, es entwickeln sich neue, beeindruckende Stile. Sie aber kann nur verstehen, wer ihre spannende, uralte Geschichte kennt. Spurensuche vom eisigen Norden bis in die warme Südsee.
Von den abgelegensten Inseln Polynesiens über die Regenwälder Borneos bis hin zu den schroffen Bergregionen Nordafrikas sind Tribals ein künstlerisches Vermächtnis der Menschheit. Beinahe im 20. Jahrhundert ausgestorben, erlebten Stammestätowierungen in den letzten zwei Jahrzehnten ein Revival, wurden zum Zeichen der Rückbesinnung auf die jeweils eigene Kultur. Unterstützt wurde dieser Prozess durch den interkulturellen Austausch weltweit. Von Berlin über Sydney bis nach New York sind Tribal-Tätowierungen heute allgegenwärtig, bekommen große mediale Aufmerksamkeit, wenn sie auf dem Körper prominenter Künstler zu sehen sind: Sänger Robbie Williams mit seinem von den Maoris inspirierten Oberarmtattoo, Anthony Kiedis von den Red Hot Chili Peppers mit seinem Rücken im Haida-Stil und das Marquesas-Style-Schultertattoo des Wrestlers und Schauspielers »The Rock«. Aber egal wo und auf wem sie zu sehen sind: Tribals sind die mit Tusche in die Haut geschriebene Geschichte der Menschheit, die bis heute fortgeschrieben wird.

Auf der Suche nach ihrer philippinischen Identität lässt sich vor allem in Nordamerika die filipino-amerikanische Bevölkerung mit geometrischen Elementen wie Linien und Kreisen und stark stilisierten Mustern, abgeleitet von Tieren und Himmelskörpern, tätowieren. Die Tätowierer Elle und Zel Festin haben es sich in ihrem kalifornischen Studio Spiritual Journey Tattoo & Tribal Gallery zur Aufgabe gemacht, die vorkoloniale philippinische Kultur wieder aufleben zu lassen (Foto: Joe Ash)

Tribal-Tattoos von den Philippinen: Alte Hände, neue Farbe

Das Kalinga-Dorf Buscalan auf der philippinischen Insel Luzon ist die Heimat der ältesten praktizierenden traditionellen Tätowiererin: Whang-Od Oggay. Mittlerweile über einhundert Jahre alt, schlagen sie und ihre weitaus jüngere weibliche Auszubildende traditionelle und moderne Muster in die Haut. Sie ist Ziel von Tausenden Touristen und gilt in ihrer Heimat als lebender Kulturschatz. Achtzig Jahre früher waren die Kalinga-Tattoos den Kriegern und den Frauen als Zeichen des Erwachsenwerdens vorbehalten. Noch zu Lebzeiten erzählte der damals 93-jährige Lakay Miguel Fang-id, dass er sein großes Brust- und Rückentattoo vor dem Zweiten Weltkrieg  für Verdienste im Kampf gegen rivalisierende Dörfer erworben habe – und in den frühen 1940er Jahren für erbeutete Köpfe japanischer Soldaten. Heute stechen eine Reihe junger Tätowierer die von den Kalinga inspirierten Designs, wie beispielsweise der US-amerikanische Künstler Elle Festin. Er und seine Frau haben mittlerweile Hunderte entsprechender Motive gestochen und ziehen für ihre Entwürfe nicht nur die Designs der Kalinga, sondern auch die anderer Stämme heran.

Die älteste noch lebende Kalinga-Tätowiererin wurde 1917 geboren. 
Zu ihrem Heimatdorf Buscalan pilgern mittlerweile die Touristen, um sich von ihr tätowieren zu lassen 
(Foto: Lars Krutak)
 

Tribal-Tattoos aus Polynesien: Farbe der Vorfahren

Polynesien (übersetzt: die vielen Inseln), ist sowohl eine gigantisch große Inselregion in der Südsee als auch vielfältiges Kulturareal. Ein Dreieck formend, bilden Hawaii im Norden, Neuseeland im Westen und die Osterinseln im Osten die Eckpunkte. Über Hunderte von Jahren haben sich fast alle Bewohner mit Handinstrumenten und Ruß schwarze Tätowierungen in die Haut geschlagen. Die Polynesier teilen den Glauben, dass das Universum von unsichtbaren Kräften regiert wird, die das Leben der Menschen oder ihre Bestimmung festlegen und kontrollieren. Priester haben die Macht, mit diesen wichtigen Göttern in Kontakt zu treten, aber auch Künstler und Tätowierer, die unter dem Schutz eines oder mehrerer dieser Götter arbeiten. Auch nur diese haben die Fähigkeit, die übernatürlichen Kräfte, »mana« genannt, zu kontrollieren, die sowohl den Objekten der unbelebten als auch Wesen der belebten Welt innewohnen. Mit den Tattoos, so die Vorstellung, könne Einfluss auf diese Kräfte ausgeübt werden.

Vor allem die Gesichtstätowierungen der Ureinwohner Neuseelands erregen bis heute große Aufmerksamkeit. Nirgendwo sonst auf den polynesischen Inseln wurden die schwarzen Muster so eindrucksvoll mit meißelartigen Instrumenten in die Gesichter geschlagen.
Abb. im Uhrzeigersinn: Postkarte, ca. 1906, Maori- Krieger, Neuseeland (Sammlung Krutak). Maori-Tätowierszene, ca. 1910 (Sammlung Krutak).Gesichts-»Ta moko« des Maori-Künstlers Arekatera »Katz« Maihi 
(Foto: Turumakina Duley)

Maoris auf Neuseeland
Komplexe Ornamente wurden in die Gesichtshaut der Männer und Frauen gemeißelt oder geschlagen, mit den schwarzen Verzierungen auf dem Körper wurden der soziale Status, die erworbenen Leistungen und auch die Familien- und Clanbeziehungen gewürdigt. Heute werden »Tā moko«, so die Bezeichnung für die Tätowierungen im Gesicht und auf dem Körper, als Übersetzung der Biografie des Trägers verstanden und als persönlicher Besitz angesehen. Diese Muster zu kopieren gilt als äußerst respektlos, es gehört alleine der Person, für die es gestaltet wurde. Der Maori-Tätowierer Turumakina Duley erklärt, dass »Tā moko« auf einem sehr alten Wissen beruhe und aus dem Zentrum des Bewusstseins und der spirituellen Weisheit stamme. Für Duley ist Tā moko »eine Reise der Selbstfindung, ein Symbol des Geistes, der Abstammung und vor allem der Lebenskraft.«

Vor allem die Gesichtstätowierungen der Ureinwohner Neuseelands erregen bis heute große Aufmerksamkeit. Nirgendwo sonst auf den polynesischen Inseln wurden die schwarzen Muster so eindrucksvoll mit meißelartigen Instrumenten in die Gesichter geschlagen.
Abb. im Uhrzeigersinn: Postkarte, ca. 1906, Maori- Krieger, Neuseeland (Sammlung Krutak). Maori-Tätowierszene, ca. 1910 (Sammlung Krutak).Gesichts-»Ta moko« des Maori-Künstlers Arekatera »Katz« Maihi 
(Foto: Turumakina Duley)

Samoa
Im Nordwesten Polynesiens, in Samoa, waren die Tätowierungen hochgestellten Persönlichkeiten vorbehalten. Nach Informationen des samoanischen Tätowiermeisters Su’a Sulu’ape Petelo war es ursprünglich nur den Söhnen und Töchtern der Häuptlinge erlaubt, sich tätowieren zu lassen. Die Tätowierung besteht aus einer Serie von räumlich voneinander abgegrenzten Zonen, die gefüllt werden mit aus der Natur kommenden, stark stilisierten Mustern. Als Vorlage waren Tausendfüßler, Muscheln, Vögel oder auch der samoanische Flughund. Einige dieser Tiere wurden als heilig angesehen, da sie die Geister der Ahnen verkörpern und als Tattoo auf der Haut umgesetzt, den Körper wie ein Schutzschild umhüllen. Samoanische Tätowierer werden als »Tufuga Ta Tatau« (tatau: richtig, kunstvoll gemacht) bezeichnet, ihre Fähigkeiten wurden danach bewertet, wie symmetrisch das Design, wie ausgewogen die Kompositionen und wie gerade die Linien ausgeführt waren.

 Das Foto von einer Tätowiersitzung auf Samoa stammt aus dem Jahr 1890.

Nach Auffassung von Su’a Sulu’ape Petelo und dessen verstorbenen, älteren Bruder Su’a Sulu’ape Paulo II, ist die Bedeutung aktueller samoanischer Tätowierungen offen für Interpretationen. Beispielsweise können gerade Linien sich auf die Vorfahren, auf bestandene Abenteuer und auch außergewöhnliche Leistungen beziehen. Geschwungene Linien hingegen können sowohl Aspekte des Seins umfassen, als auch für die ewige Verbindung zwischen dem Träger der Tätowierung und seinen Vorfahren stehen. Als Initiationsritus ist »tatau« nicht nur der Zeitpunkt des Übertritts vom Kindes- ins Erwachsenenalter, sondern auch eine Form, den Älteren seinen Respekt und seine Ehrerbietung zu zeigen.

Komplettes »p’ea« von Li’aifaiva Imo Levi (Foto: Tätowierer)

Marquesas-Inseln
Wahrscheinlich lebten die am stärksten tätowierten Polynesier auf den Marquesas-Inseln, dies legen zumindest die Aufzeichnungen eines Mannes nahe: Der deutsche Mediziner, Ethnologe und Forschungsreisende Karl von den Steinen bereiste von 1897 bis 1898 die Südseeinseln Marquesas und erfasste die Muster der von Kopf bis Fuß tätowierten Bewohner und listete über hundertsiebzig unterschiedliche Tattoomotive auf. Bereits fünfzig Jahre vor der Ankunft von den Steinens hatte die französische Regierung als Kolonialmacht das Tätowieren auf den Marquesas-Inseln verboten, sodass der Forscher selbst davon ausging, dass die Blütezeit bereits vorüber sei.

Tribal-Revival: Von Maori bis Modern Blackwork Tattoos - erfahrt im großen Special alles über Stammes-Tätowierungen früher und heute

Das Buch von Karl von den Steinen, »Die Marquesaner und ihre Kunst, Band I: Tatauierung«, strahlt noch bis heute nach, denn es diente unter anderen Quellen im gesamten polynesischen Raum als motivischer Vorlagengeber für das Tattoo-Revival, und wird auch von Tätowierern der westlichen Welt als Referenz herangezogen. Entgegen der Praxis in anderen polynesischen Gesellschaften waren auf den Marquesas die Tätowierungen wohl nicht den Angehörigen einer bestimmten Klasse vorbehalten. So soll so mancher Häuptling gar keine Tätowierung getragen haben. Die großflächig, den ganzen Körper schmückenden Tätowierungen trugen stattdessen all jene, die es sich leisten konnten, den Tätowierer zu bezahlen. Die Muster der marquesanischen Tätowierungen waren von Pflanzen und Tieren wie Eidechsen, Schildkröten und Haien abgeleitet und auch von menschenähnlichen Gestalten, den »tiki«, die eine wichtige Rolle in der marquesanischen Mythologie spielen. Einige dieser Motive wurden auch als Schutzgeister verehrt oder standen stellvertretend für vergötterte Ahnen.

Auf zahlreichen, großformatigen Skizzen benennt der Forschungsreisende Karl von den Steinen jedes Motiv der am ganzen Körper tätowierten Marquesaner

Hawaii
Auf der dritten Südseereise des englischen Seefahrers und Entdeckers James Cook Ende des 18. Jahrhunderts fertigte der Expeditionsmaler John Webber Skizzen an, auf der tätowierte Hawaiianer zu sehen waren. Es gab vor allem eine Auffälligkeit, die den dortigen Stil von anderen polynesischen Stilen unterschied: die Verteilung auf dem Körper war asymmetrisch, die Tätowierungen bedeckten also nur die Hälfte beispielsweise des Gesichts oder des Oberkörpers.  Das Tätowieren wurden auf Hawaii nur von den Männern ausgeführt und der Tätowierer (kahuna) genoss ein hohes Ansehen, das dem eines Priesters ähnelte. Die benutzten Handinstrumente (moli) waren aus den Flügelknochen eines Albatrosses gemacht, die Pigmente aus dem Ruß der Nüsse des Lichtnussbaums. Die Tattoos setzten sich aus unterschiedlichen Mustern zusammen. Dreiecke stellten stilisierte Haizähne dar, ihnen wurde eine Schutzwirkung zugesprochen. Bogen, die Federn symbolisierten, stellten sie mit dem Familiengott (aumakua) in Verbindung. »Aumakua« waren Götter oder gottgleich verehrte Vorfahren, die in Dingen lebten, beispielsweise in Steinen.

Den Skizzen des Expeditionsmalers John Webber, der James Cook auf seiner dritten Reise begleitete, verdanken wir die zahlreichen Belege für die hawaiianische Tätowierpraxis
 

Tribal-Tattoos aus Nordost-Indien, Naga: Identität bewahren

Wie bei den Kriegern der Kalinga zeugen auch die Tätowierungen der Männer des Naga-Volkes von ihren Leistungen bei der Kopfjagd. Die Naga, ein Sammelbegriff für über dreißig Volksgruppen, leben größtenteils im Nordosten Indiens und im Nordwesten Myanmars. Bevor die indische Regierung das Tätowieren Anfang der 1950er Jahre verbot, schlugen Frauen mit an Kämmen erinnernden Instrumenten verkohlten Baumharz in die Haut der Krieger, inklusive ihren Gesichtern. Die Frauen bekamen Stammeszeichen auf ihre Gesichter und Beine, die Tätowierungen an Armen und auf der Brust standen hingegen im Zusammenhang mit Initiationsriten wie dem Erreichen des Erwachsenenalters, der Hochzeit oder einer Geburt. Über zwanzig Naga-Gruppen kannten die Praxis des Tätowierens und fast alle von ihnen glaubten, dass die Tattoos wichtig für den Eintritt in das Totenreich seien.

Nokging Wangnao, Krieger des Naga-Stammes Konyak  aus dem indischen Dorf Hungphoi (Foto: Lars Krutak)

Heute tragen nur noch Frauen über siebzig die traditionellen Tattoos, es gibt jedoch einen Mann, der das ändern möchte: Moranngam Khaling, ein Mitglied des Uipo-Naga-Stammes, hat sich zur Aufgabe gemacht, die traditionelle Technik und die Designs zu bewahren. »Meine Naga-Kunden wollen ein Tattoo als Teil ihrer kulturellen Identität tragen«, erklärt Mo Naga. »Und ich will sicherstellen, dass die edlen Traditionen unserer Vorfahren nicht in Vergessenheit geraten.«

Der indische Tätowierer Mo Naga entwarf das Design nach Mustern traditioneller Webarbeiten der Naga-Frauen
(Foto: Mo Naga)
 

Tribal-Tattoos der Ureinwohner der kanadischen Nordwestküste: Geschichte und Vermächtnis

Wie viele andere Ureinwohner der kanadischen Nordwestküste auch, haben die Völker der Haida und Tlingit Tiere in ihren Familienwappen. Die Tiere waren auf Gegenständen wie Decken, Werkzeug, Waffen, Totem-Pfähle und Steinen, aber auch als Tattoo auf der Haut dargestellt. Die Handtätowierungen wurden sowohl von Männern als auch Frauen ausgeführt. Die Pigmente wurden aus Holzkohle und dem Mineral Hämatit gewonnen. Das Tätowieren war ein sehr teures Ritual, das sich nur die Mitglieder von hohem gesellschaftlichem Rang leisten konnten. Es gibt Hinweise darauf, dass die Haida und Tlingit die Pigmente mit Nadel und Faden in die Haut nähten – das lässt das Tlingit-Wort für Tätowieren vermuten. »Kuy-kay-chul« wird übersetzt mit »den Körper nähen«. Im 19. Jahrhundert befragte Mitglieder der Haida erinnerten sich ebenfalls an Geschichten über »Haut-Nähereien«.

Für den Tlingit-Tätowierer Nahan sind die Tätowierungen ein Symbol gegen koloniale Unterdrückung sowie ein Ausdruck des Stolzes und der Stärke der Ureinwohner in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

Da von den Wappentieren der Nordwestküsten-Indianer inspirierte Tattoos mittlerweile in der ganzen Welt eine gewisse Popularität haben, befürchtet der Tlingit-Tätowierer Nahaan, dass diese dadurch entwertet werden. Außenstehenden fehle das Wissen, für was diese Tiere stünden. Er ermutigt Tätowierer, sich über die unterschiedlichen Bedeutungen der Wappentiere schlau zu machen und sich darüber klar zu werden, was es bedeutet, wenn Nicht-Haida oder Nicht-Tlingit die Wappentiere auf ihrem Körper tragen.
 

Tribal-Tattoos der Ureinwohner Japans: Alte Tradition

Die japanische Ur- und Frühgeschichte ist geprägt von der Jōmon-Kultur, einer Epoche, die vor circa 15.000 v. Chr. begann und bis 300 v. Chr. andauerte. Ihren Namen verdankt sie der Schnurkeramik (Jōmon, jap. Schnurmuster), die die Bevölkerung herstellte: Gefäße und Figuren wurden durch in roten Ton gedrückte Schnüre kreativ verziert. Die Dekorationen auf den gefundenen Figuren könnten als Körperbemalung, Narbenzeichnungen oder auch Tätowierungen interpretiert werden, evidente Beweis für diese Theorie gibt es nicht. Die Vermutung, dass die Menschen ihren Körper ähnlich verzierten wie  Töpferwaren, wird genährt durch die Tätowierpraktiken der später auf Hokkaido lebenden Ainu und der auf der Südinsel lebenden Ryukyuan. Genetische und anthropologische Untersuchungen legen nahe, dass es sich bei den Ainu und Ryukyuan um Nachfahren der Jōmon-Kultur handelt.

Taku Oshima aus Tokio erweckt mit seinem Blackwork prähistorische Tätowierungen zum Leben. Der studierte Anthropologe lässt sich auch von der Schnurkeramik/Jomon-Kultur inspirieren 
(Foto: Ryoichi Keroppy Maeda)

Neben den Lippen-verbreiterungen der Ainu-Frauen haben sie eine Tätowierpraxis entwickelt, die den Zierfurchen auf der Jōmon-Keramik aus der Prähistorie ähneln. Die Funktion der Tätowierungen, die bis ins 20. Jahrhundert praktiziert wurden, reichten vom Schutz vor bösen Geistern bis zur Schmerztherapie, sie waren Zeichen der kulturellen Identität und wurden als notwendige Ausstattung im Reich der Toten angesehen. Die Tradition der japanischen Ureinwohner lebt heute weiter in den Blackwork-Designs des japanischen Tätowierers Taku Oshima.

... gestaltete Taku Oshima dieses Tribal (Foto: Taku Oshima)
 

Tribal-Tattoos aus Borneo: Tattoos für das Leben nach dem Tod

Die Iban sind die in der westlichen Welt bekannteste indigene Ethnie auf Borneo, die die Praxis des Tätowierens nach wie vor kennen. Dafür verantwortlich ist der US-amerikanische Tätowierer Leo Zulueta, der in den 1980er Jahren die Aufmerksamkeit der westlichen Tätowierszene auf die Muster aus Borneo, Polynesien und Mikronesien lenkte. Leo Zulueta zeichnete nach Originalvorlagen Flash-Sheets, die als Vorlagen verkauft und in Büchern veröffentlicht wurden. Bis heute tätowieren international bekannte Tätowierer diese Motive, sowohl mit der Maschine als auch mit Handinstrumenten. Einer der talentiertesten Iban-Tätowierer ist Herpianto Hendra, der am Oberlauf des Kapuas-Flusses in der indonesischen Provinz West-Kalimantan geboren wurde und aufgewachsen ist.

... Seinen Kunden tätowiert er in traditioneller Weise die überlieferten Muster in die Haut ...

Hendra erklärt, dass die tribalen Tätowierungen stark mit den religiösen Werten verbunden seien und auch mit dem »adat«, also der Gesamtheit der Normen, der Traditionen, dem Recht und den gesellschaftlichen Regeln, auf denen die Gesellschaft beruhe. »Auch kann man anhand der Tätowierungen die Lebensgeschichte der Person ablesen«, erklärt er. Die Tätowierungen an den Händen und Daumen der Iban-Frauen zeigen an, zu welcher Meisterschaft im Weben sie es gebracht haben und ob sie in der Lage sind, im spirituellen Sinne kraftvolle, in der Ikat-Webtechnik hergestellte, zeremonielle Baumwolltücher zu weben.

Tribal-Revival: Von Maori bis Modern Blackwork Tattoos - erfahrt im großen Special alles über Stammes-Tätowierungen früher und heute

Diese Tücher wurden von Schamanen getragen oder die bei der Kopfjagd erbeuteten Schädel darin eingewickelt. Zeichnete sich eine Frau durch weitere häusliche Fähigkeiten aus, durfte sie ein Zig-Zag-Band um ihren Unterarm tragen und erhöhte damit sichtbar ihren sozialen Status. Tierdarstellungen auf Händen und Fingern standen in Verbindung mit der Kopfjagd, kraftvoll-schwarze Muster auf dem Körper dienten dem Schutz vor Feinden und Geistern genauso wie sie den Lebensweg ihres Trägers anzeigten. Im religiösen Kontext waren sie vor allem für das Leben nach dem Tod wichtig. Es wurde angenommen, dass nur ein vollständig tätowierter Mann sicher ins Reich der Toten eintreten könne.


 

Tribal-Tattoos der Berberfrauen Nordafrikas: Schönheit und Schutz

Der Ausdruck Berber, auch Amazigh genannt, ist eine Sammelbezeichnung für bestimmte, seit Jahrtausenden in Nordafrika lebende indigenen Ethnien, die meist in den bergigen Regionen von Marokko, Algerien, Libyen und Tunesien beheimatet sind. Ihr Glaube ist geprägt von der Vorstellung, dass übernatürliche Kräfte (baraka) wirken und die Tätowierungen den Frauen Schutz vor diesen Kräften bieten. Zu diesem Zweck waren sie oft in der Nähe von Körperöffnungen wie den Augen, der Nase, dem Nabel und auch im Bereich der Vulva angebracht, aber auch an Stellen wie den Füßen, die im ständigen Kontakt mit der Erde standen und damit als besonders gefährdet angesehen wurden. Andere Tätowierungen wie das Rautenmotiv auf der Stirn sollten vor dem bösen Blick schützen, kleine Linien, die größeren entspringen, V-förmige Muster und solche, die die Form von Diamanten hatten, dienten dem gleichen Zweck. Kreuzförmige Tätowierungen zerstörten die Kraft der teuflischen Energie und zerstreuten sie in die vier Himmelsrichtungen.

Die Muster, die der Tätowierer Haivarasly heute für seine Tätowierungen verwendet, haben ihren Ursprung in den Tattoos der Berberfrauen, ... (Foto: Haivarasly)

Zudem gab es Motive, die aus Schönheitsgründen angebracht wurden oder die Fruchtbarkeit der Frauen erhöhen sollten – beispielsweise das Palmenmotiv oder auch das »Usham la-hmel«-Motiv, das Schwangerschaftstattoo, das auf dem Nacken getragen wurde. Bei den Berbern stachen ausschließlich die Frauen die Tätowierungen, die Motive wurden von den Müttern an die Töchter weitergegeben. Heute lassen sich zahlreiche Tätowierer von den kräftigen, geometrischen Mustern der Berberfrauen inspirieren, wie beispielsweise Haivarasly aus der littauischen Hauptstadt Vilnius.

... wie sie auch auf diesen Skizzen zweier algerischer Berberfrauen (um 1920) zu sehen sind.
 

Tribal-Tattoos aus Skandinavien: Germanische Kultur

Neo-Nordische Tätowierungen haben ihren Ursprung im künstlerischen und religiös-kulturellen Vermächtnis der Menschen aus der Vorzeit Skandinaviens und Nordeuropas. Eindeutige Beweise dafür, dass sich beispielsweise die Wikinger tätowiert haben, gibt es nicht, Anhaltspunkte aber schon. Petroglyphen (in Stein geritzte Bilder) aus der Bronzezeit, Runen-Schriftzeichen der Germanen, Schmuckgegenstände der Wikinger und Schnitzereien auf alten Stabkirchen aus dem 12. und 13. Jahrhundert dienen unter anderem als Inspiration und Vorlage für Tätowierungen, mit denen heute viele Menschen eine Verbindung mit denn nordischen Vorfahren herstellen möchten.

Keltischer Lebensbaum 
(Crann Bethadh), mit der Maschine tätowiert von 
Colin Dale
(Foto: Zarko Ivetic)

Der in Kanada geborene Colin Dale und der Deutsche Kai Uwe Faust gehören zu den führenden Tätowierern des Neo-Nordischen Stils. Die beiden arbeiten unter anderem auch auf Wikinger-Märkten und auf Festivals, mit denen in den Sommermonaten das Leben der Menschen der Frühzeit nachgelebt wird. »Jeder Stich ist wie ein Flüstern aus der Vergangenheit und die haltbaren Muster transportieren die Menschen in eine andere Zeit und an einen anderen Ort«, ist sich Colin Dale sicher.

Handgestochene, naturalistische Rückentätowierung von 
Kai Uwe Faust. 
(Foto: Christina Henrich-Löw)

Aus heutiger Sicht: Tribal-Tattoos ohne Bedeutungsebene

»Wenn man bei Tribals nur an die klassischen 90er-Jahre-Tattoos denkt, dann glaube ich nicht, dass dieser Stil wieder populär wird. Wenn man allerdings auch polynesische Tattoos mit einbezieht, dann ist es seit ›The Rock‹ Johnson schon längst wieder eine Welle«, so der Eindruck von Thomas Kupfer (30). Thomas arbeitet seit 2012 als Tätowierer. Die Bedeutungsebene der Motive ist ihm nicht wichtig, was für ihn zählt, ist, dass das Tattoo dem Kunden gefällt und Tribals die gleichen Kriterien an eine haltbare Tätowierung erfüllen, wie er sie auch an Western Traditionals stellt: saubere Linien, viel Schwarz und eine kontrastreiche Wirkung auf der Haut. »Ich sehe kein Problem darin, Tätowierungen aus ihrem Kulturkreis und gesellschaftlichen Kontext herauszunehmen. Wichtig ist, dass man keine Kopie einer
existierenden Tätowierung macht, sondern das Tattoo selbst entwirft.«  Da er sich als Dienstleister versteht, setzt er auch Single-Spot-Tribals um, denn »ob ein Tribal auf dem Körper gut wirkt, ist nicht nur von der Größe abhängig, sondern hauptsächlich vom Kontrast.«

Solide Tätowierung – dafür steht Thomas Kupfer aus Hamburg. Solide, aber ohne tiefere geschichtliche Bedeutung ist auch das Tribal von ihm.
Solide Tätowierung – dafür steht Thomas Kupfer aus Hamburg. Solide, aber ohne tiefere geschichtliche Bedeutung ist auch das Tribal von ihm.
Thomas KST, Hamburg, @thomasks


Aus heutiger Sicht: Tribal-Trend mit Ironie

Um die Jahrtausendwende dominierten kleine, verschnörkelte Tribals den Tätowiereralltag, und wer sich heute über Unendlichkeitsschleifen beschwert, hat nur den Schimmer einer Ahnung, wie es damals war. Dennis Bebenroth (39) von Sorry Mom Tattoo in Braunschweig tätowiert seit circa fünfzehn Jahren und hat jetzt die schwarzen Schnörkel wieder auf seine Wanna-do-Liste gesetzt, lässt sie allerdings mit Comicfiguren wie Garfield und Homer Simpson interagieren. »Ich dachte mir schon lange, dass ein Comeback der Tribals längst überfällig ist und fragte mich, wann denn endlich einer mit der Nummer um die Ecke kommen würde. Das erste Comic-Tribal habe ich Lucas Wagner (Tätowierer aus Hamburg; Anm. d. Red.) tätowiert und es ist eher aus einer spontanen Laune heraus entstanden. Das Tattoo war witzig und traf den Nerv der Zeit, also machte ich einfach weiter.« Die oftmals im Zwist mit den Tribals stehenden Comicfiguren machen es älteren Tattoofans leicht, sich diese Motive stechen zu lassen. Aber auch jüngere, die die Tribalmanie nicht erlebt haben, stehen darauf.

Tribal-Tattoos mit Ironie von Dennis Bebenroth aus Braunschweig. Seine Tribals mit Comic-Charakteren haben bereits Kultstatus.Tribal-Tattoos mit Ironie von Dennis Bebenroth aus Braunschweig. Seine Tribals mit Comic-Charakteren haben bereits Kultstatus.
www.sorrymomtattoo.de, @sorrymomtattoobraunschweig, @dennisbebenroth

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Stand:16 December 2018 18:43:56/motive/tribal-special+-+das+revival+der+stammes-tattoos_181113.html