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Tod und Verderben als Tattoomotiv

23.06.2016  |  Text: Dirk-Boris   |   Bilder: Archiv TätowierMagazin
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Tod und Verderben als Tattoomotiv
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Zum Tod hat der Mensch ein ambivalentes Verhältnis; obgleich er ihn fürchtet, inspiriert er ihn von jeher zu kulturellen Meisterwerken. Die Auseinandersetzung mit dem Ende bot gleichermaßen Stoff für Angst und Verzweiflung wie auch für Kreativität und Erkenntnis.
Alles, was entsteht, ist wert, dass es zugrunde geht!«, spricht Mephisto in Goethes Drama »Faust« und bringt auf den Punkt, was dem Menschen Probleme bereitet, seit er ein Bewusstsein entwickelt hat; alles, was lebt, wird eines Tages sterben, also ist auch sein Dasein endlich.

So unerfreulich vielen der Gedanken an den Tod erscheint, so fruchtbar war doch über die Jahrtausende die Auseinandersetzung mit diesem unerschöpflichen, da unergründlichen Thema. Einige der größten kulturellen Leistungen der Menschheit sind direkt mit den Bemühungen verbunden, sich den Tod begreifbar zu machen oder ihn womöglich zu beherrschen; man denke nur an die Pyramiden der alten Ägypter, die letzten bis heute überdauernden Weltwunder der Antike, errichtet in der Hoffnung, den Tod zu überwinden. In der Kunst bildet die Sepulkralkunst, die sich mit Tod und Bestattung befasst, seit Jahrtausenden ein eigenständiges und ungemein vielfältiges Genre.

Ob Bischof oder Bauer, ob König oder Bettelmann: der Tod holt jeden. Totentanz-Tattoo von Marcin Pawlus vom Dwa Sledzie Studio in Polen.

Kein Grund zur Sorge

Auch die Philosophen, deren Aufgabe es ja ist, das Leben zu ergründen und zu erklären, widmeten sich von jeher dem Lebensende, und erklärten, dass das, wovor sich die meisten Menschen fürchten, dazu gar keinen Anlass bietet: »Der Tod hat einen schlechten Ruf. Doch keiner von denen, die ihn anklagen, hat ihn erfahren. Aber ist es nicht unsinnig, etwas zu verurteilen, was man nicht kennt? Und bedenke, für wie viele er nützlich ist, wie viele er von Qualen befreit, von Not, Klagen, Martern und Lebensüberdruss«, erklärte beispielsweise Seneca, ein Philosoph der Schule der Stoiker. Der Tod stellte für ihn nichts Negatives dar. Zudem betrachtete Seneca den Tod nicht als einmaliges Ereignis am Lebensende; Sterben war für ihn ein kontinuierlicher Prozess, der mit der Geburt beginnt. »Es ist ein Irrglaube, dass wir den Tod in der Zukunft erwarten, denn zu einem großen Teil ist er bereits geschehen; was von unserem Leben bereits verstrichen ist, gehört dem Tod.«

Kaum ein Bild erklärt diese Sichtweise besser als das der Sanduhr, eines der gängigsten Symbole für die Vergänglichkeit. Schon mit dem ersten Sandkorn, das nach unten fällt, beginnt das Dahinscheiden, und bevor die letzten Sandkörner verrinnen, liegt bereits der größte Teil in der unteren Kammer der Uhr, die für den Tod steht. Doch die Philosophie der Stoiker war keineswegs von Verbitterung oder Resignation geprägt. Vielmehr war die ständige Präsenz des Todes eine Mahnung, das Leben nicht zu vergeuden, wie Seneca in seiner Schrift »De brevitate vitae« (Von der Kürze des Lebens) ausführte.

Der Tod als Mahnung an die Lebenden

Ein Nachfolger Senecas in der Philosophie der Stoiker war Kaiser Marc Aurel. Auch für Marc Aurel war der Tod nichts Furchtbares, denn er sah in ihm etwas Natürliches und lediglich eine der konstanten Veränderungen in der Natur, die eine Sache verderben lassen, um etwas Neues daraus hervorzubringen. Und da der Tod nun mal unabwendbar ist und zudem ein Teil des natürlichen Verlaufs der Dinge, empfanden es die Stoiker als völlig unsinnig, sich dagegen zu sträuben. Doch auch für Marc Aurel bedeutete ein Akzeptieren der Vergänglichkeit keine Geringschätzung des Lebens, ganz im Gegenteil: »Nicht den Tod muss man fürchten«, erklärte er, »sondern dass man nie beginnen wird zu leben!«

»Memento Mori« mahnten entsprechend im Mittelalter Inschriften auf Grabsteinen die Lebenden; die verkürzte lateinische Aufforderung »Memento moriendum esse!«, zu Deutsch: »Gedenke, dass du sterblich bist!«. Oft in Kombination mit einem knöchernen Schädel, dem Todessymbol schlechthin, sollte dieser lateinische Sinnspruch keine Angst machen, sondern die Lebenden beständig daran erinnern, ihr Leben nicht zu verschwenden und gottesfürchtig zu leben.

 Über allem thront König Tod; Rückentattoo von Espen Morken aus Madison in Norwegen.
 

Der Sensenmann fährt die Ernte ein

Wenn auch der Tod zu allen Zeiten gegenwärtig war, erschien er zu Zeiten von Krieg und Epidemien besonders bedrohlich und angsteinflößend. Insbesondere bei Ausbrüchen der Pest, wenn Menschen, die zuvor noch kerngesund waren, oft innerhalb weniger Tage starben, noch dazu in Massen, war die oft verdrängte Auseinandersetzung mit dem Tod unvermeidbar. Die Darstellungen des Todes als ein Gerippe, das eine Sense schwingt und die Lebenden mäht wie ein Bauer das reife Getreide, stammt aus solchen Zeiten, in denen die Menschen starben wie die Fliegen.

Auch in Bilder wie denen vom »Totentanz« verarbeiteten die Menschen die traumatischen Ereignisse solcher Zeiten, die teilweise ganze Landstriche nahezu entvölkerten. Denn bei der Pest war es nicht nur der Tod von Familie, Freunden und Nachbarn, der den Einzelnen betraf. Der in manchen Gegenden enorme Bevölkerungsrückgang – in England sank die Einwohnerzahl Anfang des 16. Jahrhunderts infolge der Pest um sechzig Prozent – wirkte sich auch auf das Leben der Überlebenden aus, da im Nachbeben der Pestausbrüche oft ganze Wirtschaftssysteme, Handel und Landwirtschaft zusammenbrachen. Dass der Tod jeden zum Tanz aufforderte, ob jung oder alt, arm oder reich, war oft Thema der Totentanzdarstellungen, doch für die Betroffenen dürfte der Aspekt der Gleichbehandlung durch den Sensenmann nur wenig Tröstliches gehabt haben.

Vorbote der Apokalypse: die Pest

Die Pestärzte mit ihren gruselig anmutenden Schnabelmasken sind Sinnbild für die Hilflosigkeit gegenüber dem sogenannten schwarzen Tod; in die Schnäbel der Pestmasken wurden Kräuter gesteckt, sie sollten die Ausdünstungen der Todgeweihten filtern und den Pestarzt vor dem Pesthauch schützen – manche Ärzte hielten auch winzige, in der Luft schwebende Pestwürmchen für den Auslöser der Krankheit –, wahrscheinlich machten sie aber nur das Arbeiten im Pestgestank des Todes ein bisschen erträglicher. Wirkliche Therapien gab es nicht. Heilversuche wie das Besprenkeln von Pestopfern mit Essig blieben bestenfalls einfach wirkungslos, andere Praktiken wie das Aufschneiden von Pestbeulen vergrößerten eher noch die Infektionsgefahr für die behandelnden Ärzte, als dem Kranken Linderung zu verschaffen. Das Verbrennen der Kleidung von Pesttoten war prinzipiell zwar sinnvoll, doch wenn Gesunde beim Zusammensammeln der Kleider mit den Flöhen in Kontakt kamen, die den Pesterreger übertrugen, so steckten auch diese sich zwangsläufig an.

Die Menschen des Mittelalters, die nichts von moderner Medizin wussten, sahen in den oft lediglich im Abstand von ein paar Jahren ständig wiederkehrenden Pestausbrüchen Vorzeichen des jüngsten Gerichts. Bilder, wie Albrecht Dürers Holzschnitt der vier apokalyptischen Reiter, die über die Erde kommen, um die Menschheit zu richten und hinwegzufegen, verdeutlichen die Verzweiflung und Angst, die die Menschen empfanden.

Auch heute fühlt sich der Mensch dem Tod hilflos ausgeliefert, es gibt nichts, was er ihm entgegenzusetzen hätte. Vielleicht ist es einfach wirklich das Beste, auch hier dem Rat des Philosophen und Kaisers Marc Aurel zu folgen: »Der Tod lächelt jeden von uns an. Alles, was man tun kann, ist zurückzulächeln.«

»Flying doctors« mal anders: Ein Pestarztrabe von Steven Mostyn, Memories & Mischief Custom Tattoo (Tittling).
 

Der Tod als Muse - Das Museum für Sepulkralkultur in Kassel

Im Museum für Sepulkralkultur in Kassel wird der Umgang mit Sterben, Tod und Bestattung thematisiert. In der Dauerausstellung befinden sich Zeugnisse der Sepulkralkultur wie Särge und Leichenwagen, Grabsteine oder auch Trauerkleidung. Das Museum hält auch ein vielfältiges Programm für Kinder und Jugendliche bereit, beispielsweise Führungen über den Kassler Friedhof, Familiennachmittage oder die Projekttage »Abschied nehmen«, bei denen Kinder die Möglichkeit haben, Fragen zum Thema Tod zu stellen, die sie bewegen. Dass der Umgang mit dem Tod nicht immer tragisch und traurig sein muss, bewies das Museum eben erst mit der Sonderausstellung »Einer geht noch – Cartoons und Karikaturen auf Leben und Tod«.

Museum für Sepulkralkultur
Weinbergstraße 25
34117 Kassel  
www.sepulkralmuseum.de

 
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Stand:24 April 2019 18:39:38/motive/tod+und+verderben_166.html