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Tattoos auf Hals und Hand

26.06.2009  |  Text: Dirk-Boris, Jann  |   Bilder: TM-Archiv, Harald Benner
Tattoos auf Hals und Hand
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Gleich vorweg: Eine gefestigte Persönlichkeit zu sein ist selbst heutzutage noch unabdingbar, wenn man den Schritt wagt, sich an permanent sichtbaren Körperstellen wie der Hand oder dem Hals tätowieren zu lassen.
Diejenigen, die dies tun und ihr Handeln selbstbewusst vertreten können, leisten einen Beitrag zur Akzeptanz von Tätowierungen und der Tätowierten insgesamt, andere können sich damit aber auch in echte Schwierigkeiten begeben. Vorsicht ist die Mutter des »Tattoo-Outings«!


Als Tattoo, es ihn jetzt auch gibt: Jedi Yoda gestochen von Woody, Into You (London, UK)
Als Tattoo, es ihn jetzt auch gibt: Jedi Yoda gestochen von Woody, Into You (London, UK)


Die Stars von heute verstehen es, ihren Fans schmackhaft zu machen, überall sichtbar tätowiert zu sein. Unlängst traf sich Rapper Bushido für eine Reportage des Nachrichtenmagazins Stern (Ausgabe 17/2009) unrasiert, in Jogging-Baggies und in Sportjacke gekleidet, mit dem Berlin-Neuköllner SPD-Bürgermeister Heinz Buschkowsky zum gemeinsamen Interviewtermin. Deutlich sichtbar dabei Bushidos Tattoos auf dem Hals und dem rechten Handrücken. Seine Ellbogen sind tätowiert mit den Schriftzügen Electro (rechts) und Ghetto (links). Seine Gesprächspartner sind dagegen konservativ in schwarze Anzüge gehüllt und vermitteln Seriosität erster Güte. Trotz unterschiedlichen Aussehens, Backgrounds und Nationalität bespricht man sich auf Augenhöhe und mit gegenseitigem Respekt, da die Teilnehmer dieser gemischten Runde wissen, dass es Probleme zu lösen gilt. Zeit für Oberflächlichkeiten nimmt man sich nicht. Eine wünschenswerte und nahezu paradiesische Szenerie – doch leider nur eine Inszenierung für die Medien. Wie aber steht es um den Normalo, der keine Platin-Auszeichnungen in der Vitrine stehen hat, keinen VIP-Sonderstatus genießt und der sich die nächsten Jahrzehnte bis zur Rente finanziell über Wasser halten muss? Es gibt vielerlei zu berücksichtigen.

Symbolträchtiges Hand Tattoo von Knuckle Energy, Osaka, Japan
Symbolträchtiges Hand Tattoo von Knuckle Energy, Osaka, Japan


Im September 2006 erschien im TM die Titel-Story »Beruf & Tattoos: Kompetenz und Charme hebeln Vorurteile aus«, produziert von unserem Mitarbeiter Volker Müller-Veith. Die Aussagen vieler befragter Arbeitnehmer aus der Gastronomie, dem sozialen Bereich, der Medienbranche, der Medizin oder dem Handwerk, die Tattoos an Händen, Hals oder dem Kopf trugen, waren im Wechselspiel gezeichnet von Mut, Vernunft, Unvernunft, Bedenken und Selbstsicherheit. Manche berichteten, dass sie erhebliche Schwierigkeiten hatten, mit ihren sichtbaren Tattoo eine Arbeitsstelle zu finden. Immer wieder mussten nahezu alle Befragten Kompromisse mit ihren Vorgesetzten eingehen, beispielsweise bezüglich Kleiderordnung, insbesondere bei Kundenkontakt. Oft erforderte es viel Zeit, um Arbeitgeber, Kunden, Eltern oder Patienten von sich als Mensch zu überzeugen.

Unübersehbar, dieses Bombing von einem Halstattoo. Davee vom Tattoo Kult in Polen hat’s gemacht.
Unübersehbar, dieses Bombing von einem Halstattoo. Davee vom Tattoo Kult in Polen hat’s gemacht.


Da die Geschäfte laufen müssen, ist es für den Arbeitgeber wichtig, dass die Erscheinung des Arbeitnehmers diese nicht beeinträchtigt. Und bei sichtbaren Tattoos kann eben genau diese Befürchtung von der Arbeitgeberseite her bestehen. Nur in wenigen Ausnahmefällen können Tattoos beruflich von Vorteil sein,  beispielsweise wenn man Tätowierer werden will, ein Teenie-Musikidol ist oder als Redakteur beim TätowierMagazin arbeitet. An sichtbaren Stellen tätowiert zu sein erfordert viel Selbstvertrauen, aber auch Überzeugungskraft gegenüber der Umwelt. Wer sein Business in trockenen Tüchern hat, so gut qualifiziert ist dass sein äußeres Erscheinungsbild wirklich niemanden mehr interessiert oder schlichtweg im Lotto gewonnen oder reichlich geerbt hat, der kann sich dagegen natürlich bedenkenloser als andere zuhacken lassen.

Krasse Fäuste geinkt von Brandon Bond, All or Nothing Tattoo (Smyrna, GA, USA)
Krasse Fäuste geinkt von Brandon Bond, All or Nothing Tattoo (Smyrna, GA, USA)


Und wer sich nun tatsächlich dafür entschieden hat, jederzeit und für jedermann als Tätowierte/r erkennbar zu sein, ist gut damit beraten, sich eingehend Gedanken über das Motiv zu machen. Hätte man gerne eine Rose im Traditional-Style oder einen Totenschädel in Realistik auf dem Handrücken? Die Motivwahl ist nach der grundsätzlichen Entscheidung, sich dauerhaft sichtbar tätowieren zu lassen, die zweite Entscheidung von elementarer Bedeutung. Ein Schädel wirkt auf den Großteil der Gesellschaft bedrohlich und einschüchternd – eine Rose kann dagegen unter Umständen sogar positive Reaktionen bewirken. Man wird also als Tätowierter immer zweimal beurteilt; zunächst fällt die Tatsache ins Auge, dass jemand grundsätzlich tätowiert ist, danach werden die Motive beurteilt. Dass man nach seinen Tattoos beurteilt wird, kann man niemandem vorwerfen. Auch unabhängig von Tätowierungen beurteilen sich Menschen instinktiv und unbewusst nach dem Äußeren. Wer also zu der für viele extrem anmutenden Entscheidung, sich Hals oder Hände tätowieren zu lassen, nicht auch noch ein extremes Motiv wählt, kann den Eindruck nach außen möglicherweise abmildern und hat es so unter Umständen beim nächsten Vermieter nicht ganz so schwer, ihn davon zu überzeugen, einem die Traumwohnung zu überlassen. Andererseits sind Tattoos eben einfach nicht auf Kompromiss-Lösungen ausgelegt; wieso sollte man, wenn man diesen doch extremen Schritt wagt, nur den halben Weg gehen und sich statt des gewünschten Schädels ein harmloseres Motiv inken lassen? Sich tätowieren zu lassen bedeutet, dass man für seine Entscheidungen gerade stehen muss, mit allen Konsequenzen.

Nick (Austin, Texas) versteht den Umgang mit Farben wie kaum ein anderer, so sehen wir hier
Nick (Austin, Texas) versteht den Umgang mit Farben wie kaum ein anderer.


Weitere Überlegungen dürfen sich jedoch nicht nur auf das gewohnte Umfeld hierzulande beziehen. Wer hier einen aufgeschlossenen Freundeskreis und einen toleranten Arbeitgeber hat, sollte berücksichtigen, dass man außerhalb des bekannten Umfeldes auch auf ganz andere Sichtweise und Reaktionen zu deutlich sichtbaren Tattoos stoßen kann. Am deutlichsten wird das sicherlich im Urlaub; so kann man beispielsweise in Japan mit Tattoos unter anderem generell keine Badeanstalten besuchen. Auf Schildern wird dort darauf hingewiesen, dass »Betrunkene, Mitglieder gewaltbereiter Banden und Tätowierte unerwünscht« sind. Aber auch wer nicht vor hat, in Japan eine Sauna zu besuchen, wird in Kauf nehmen müssen, dass Menschen eingeschüchtert und ablehnend auf Tätowierte reagieren – wahrscheinlich nicht unbedingt die Reaktion, die man sich von der Bevölkerung des Reiselandes im Urlaub wünscht. Auch wer vor hat, islamische Länder zu bereisen, muss mancherorts mit negativen Reaktionen seitens der Bevölkerung rechnen. Besonders dann, wenn das Tattoo vielleicht sogar eine nackte Frau oder andere Motive darstellt, die bei uns kaum für Aufmerksamkeit sorgen, gemäß islamischer Moralvorstellungen aber hohes Konfliktpotenzial beinhalten. Aber selbst die Einreise in die USA kann mit Tattoos auf Hals und Händen zur Geduldsprobe werden. Natürlich gibt es gerade in den Staaten eine extrem weit entwickelte Tattoo-Szene, und sichtbare Tattoos sind in vielen Metropolen Amerikas absolut kein seltener Anblick. Doch was nützt euch das, wenn der Typ am Schalter der Einwanderungsbehörde ein konservativer und vorurteilsbeladener Bürokrat ist, der einfach keinen Bock drauf hat, »tätowiertes Gesindel« ins Land zu lassen?

Got Duff? Yeah, at any time! Paranoid Tattoo (Höchstädt, D)
Got Duff? Yeah, at any time! Paranoid Tattoo (Höchstädt, D)


Nicht nur Individualität und Selbstverwirklichung sind somit Teil des Tätowiertseins, sondern auch Ablehnung durch andere und Auseinandersetzungen mit Menschen, die nicht verstehen können, warum sich ein anderer tätowiert, die dies je nach kulturellem Hintergrund vielleicht sogar als Beleidigung und Affront auffassen. Für Fans, die sich Tattoos an Hals und Händen stechen lassen, ist es besonders wichtig, sich dessen bewusst zu sein. Dennoch sind Menschen auf der ganzen Welt dazu bereit ihre Persönlichkeit auszuleben, auch auf die Gefahr hin, diskriminiert zu werden. Das ist eine anerkennenswerte Haltung, welche weiter dazu beitragen kann, die Gesellschaft an den Anblick von Tattoos zu gewöhnen und sich damit auseinander zu setzen. Denn die Blockaden in den Köpfen der Menschen werden nicht dadurch aufgebrochen, dass man Tattoos vor ihnen versteckt. Wer sich Hals und Hände tätowieren lässt, betreibt Konfrontationstherapie gegenüber der Gesellschaft – und solche Therapien verlaufen nicht immer angenehm … In diesem Sinne: Tattooed People, stay strong!                                                             

Herbert Hoffmann zu Tattoos auf den Händen:
Herbert Hoffmann Hand Tattoo»Mit tätowierten Händen setzen die Träger sich manchen unliebsamen Situationen, manchem Unverständnis, manchen Angriffen und Anfeidnungen aus. Es gehört schon etwas Mut, Entschlossenheit, Standhaftigkeit, Durchsetzungsvermögen und Selbstsicherheit dazu, sich für sein ganzes Leben mit Hand-Tattoos zu zeichnen. Doch dieser Mut macht das Erlebnis »tätowierte Hände« so reizvoll. Ich habe noch die Zeiten erlebt, da man vor allem und am meisten die Hände tätowieren ließ. Ich habe sehr viele Leute kennengelernt, die ihre Hände mehr haben tätowieren lassen, als Körperflächen, die allgemein von der Kleidung verdeckt wurden. Zaghaft ließ ich mir anfangs den Körper tätowieren, aber mein Verlangen nach tätowierten Händen wurde zusehends stärker. Die anfängliche Furcht vor Nachteilen im Beruf und Leben verdrängte ich mehr und mehr. Ich fühlte mich befreit, nachdem meine Hände schließlich tätowiert waren: jetzt hatte ich das vollbracht, was ich mir sehnlichst gewünscht hatte. Das machte mich sehr glücklich, und so fühle ich mich bis heute. Ich liebe Tätowierungen, ich bin stolz auf sie und jeder soll sehen, dass ich tätowiert und ein leidenschaftlicher Verfechter des Tätowierbrauches bin.Mit meinen tätowierten Händen will ich bewirken, dass ich mein Leben im Einklang mit meinen natürlichen Bedürfnissen gestalte und ich will aussagen, dass ich entschlossen bin, mein Leben zu leben.«

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Stand:27 May 2019 12:15:30/motive/tattoos+auf+hals+und+hand_096.html