Spinnen

27.08.2010  |  Text: Dirk-Boris  |   Bilder: TM-Archiv
Spinnen
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Kaum ein Tier polarisiert so wie die Spinne; entweder ist man fasziniert von dem achtbeinigen Krabbeltier mit den sechs bzw. acht Augen oder man verabscheut sie. Und diejenigen, die sich von den Arachnidae (so der lateinische Name für Spinnentiere) faszinieren lassen, sind deutlich in der Minderheit …
Kaum ein Tier polarisiert so wie die Spinne; entweder ist man fasziniert von dem achtbeinigen Insekt mit den vielen Augen oder man verabscheut es. Und diejenigen, die sich von den Arachnidae (so der lateinische Name für Spinnentiere) faszinieren lassen, sind deutlich in der Minderheit …


Spinnen-Tattoo von Frenk, on the Road.

Der Schatten lässt die Spinne dreidimensional und lebensecht wirken. Tattoo von Frenk, on the Road.


Bei den meisten löst allein schon der Anblick von Spinnen Ekel aus, manche reagieren sogar mit Panik auf die Gliederfüßer: Arachnophobie, die Angst vor Spinnen, beschreibt eine Störung, bei der allein schon durch den Anblick einer Spinne unverhältnismäßige und rational unbegründete Angstreaktionen im Körper ausgelöst werden.
Warum gerade Spinnen beim Menschen eine derart ablehnende Reaktion hervorrufen, wird unter Psychologen, Soziologen und Naturwissenschaftlern kontrovers diskutiert. Die tatsächliche Gefährdung durch die nicht besonders großen Tiere kann zumindest in unserem Kulturkreis kaum für das schlechte Image verantwortlich gemacht werden; zwar gibt es mit Kreuzspinne, Wasserspinne und dem im Südwesten vorkommenden Dornfinger auch hierzulande Spinnen, deren Biss schmerzhaft sein kann und speziell beim Dornfinger unter Umständen sogar zu Übelkeit, Kopfschmerz und Fieber führen kann – lebensbedrohlich ist der Biss dieser heimischen Spinnen jedoch nicht.


Spinnen-Tattoo von Spinne von Matteo

Spinne von Matteo, mit dem typisch kugeligen Körper und spinnendürren Beinen.


Gegen die These, dass die Gefährlichkeit von Spinnen für die Ekelreaktion des Menschen verantwortlich ist, spricht auch die Tatsache, dass Spinnenphobie bei Naturvölkern, die tatsächlich oft mit stark giftigen Spinnen konfrontiert sind, völlig unbekannt ist. Ganz im Gegenteil gelten Spinnen in vielen Kulturen als Delikatesse und willkommene Bereicherung des Speiseplans – für Arachnophobiker ein unerträglicher und widerlicher Gedanke. Eher plausibel scheint da der Ansatz, dass ein Tier um so eher Ekel und Ablehnung hervorruft, je stärker es sich vom Menschen unterscheidet. Der zweigeteilte Körper, die acht dürren Beine, mit denen sich die Spinnen auf sehr eigentümliche Art fortbewegen, die absonderlichen Fresswerkzeuge und die zahlreichen Augen, mit denen das Insekt ausdruckslos seine Beute fixiert – das alles erscheint uns völlig bizarr und unreal, obwohl wir doch ständig von Spinnen umgeben sind und an den Anblick gewohnt sein müssten.


Oldschool-Spinne von Han, King Of Kings, Swalmen (NL)

Extrem verfremdete Traditional Spinnen-Motive von Han, King of Kings Tattoo, aus dem niederländischen Swalmen.


Gern unterstellt der Mensch Tieren bestimmte Charaktereigenschaften – und wie kaum anders zu erwarten, erscheint die Spinne auch hier in keinem vorteilhaften Licht. Die Lautlosigkeit, mit der sie ihrer Beute auflauert erscheint uns hinterhältig, ebenso wie ihr Netz, in dem sich ihre Opfer verfangen und hilflos zappeln, bevor sie vom lautlosen Jäger mit einem Giftbiss betäubt und anschließend verdaut und ausgesaugt werden. Der Todeskampf des im Netz zappelnden Insekts erregt unser Mitgefühl, während uns die Spinne, vom Schicksal des Opfers völlig ungerührt, grausam und kalt erscheint. Auch die Jagdmethoden anderer Spinnen erscheinen uns nicht sympathischer; manche springen ihre Opfer an, um ihnen dann Gift zu injizieren, andere schleudern klebrige Fäden auf ihre Opfer. Der Jagd eines Löwen auf eine Gazelle können wir noch so etwas wie den Anflug eines sportlichen Wettstreits abgewinnen, bei dem die Gazelle eine reelle Chance hat, mit dem Leben davon zu kommen, doch die Ausweglosigkeit der Spinnen-Beute lässt uns das kleine achtbeinige Monster als ein feiges Tier erscheinen, das mit unfairen Mitteln kämpft.


Spinnen-Tattoo von Danilo, Devil Ink (St. Gallen, CH)

Den kugeligen Körper von Spinnen im Traditional-Style zieren oft Totenschädel. Tattoo von Danilo, von Devil Ink aus dem schweizerischen St. Gallen.


Das Image der Spinne ist also ein denkbar ungünstiges, und diejenigen, denen sich beim Anblick dieser Tiere der Magen umdreht, sind auch mit faszinierenden Fakten zum Thema Spinne kaum davon zu überzeugen, dass man diesen Kreaturen auch Positives abgewinnen kann. Aber gerade die Spinnenseide, aus dem Webspinnen ihre Netze bauen, ist extrem interessant. Im Mittelalter diente das Gespinst bei kleineren Verletzungen als eine Art Bio-Pflaster, das die Wunde verschloss und Blutungen stoppte. Doch die feinen Fäden können noch viel mehr: Sie sind zehn Mal dünner als ein menschliches Haar, fünfmal so reißfest wie Stahl und zugleich auch noch dehnbar – kein von Menschen erschaffenes Material hat solche Eigenschaften. Gelänge es, dieses Material industriell in großen Mengen herzustellen, die Einsatzmöglichkeiten wären unbegrenzt: Von der Fahrzeugkarosserie bis zu kugelsicherer Alltagskleidung reichen die Fantasien der Forscher, die mit einem solchen Stoff wahre Wunder möglich machen könnten – Spiderman-Technologie würde in den Bereich des Machbaren rücken.
Auch für die Medizin wären Fäden aus künstlicher Spinnenseide zum Vernähen von OP-Wunden interessant, da die aus Eiweißmolekülen bestehenden Fäden nicht vom Körper abgestoßen werden – aber das wusste man ja auch schon im Mittelalter … Auch das Gift mancher Spinnen rückte in letzter Zeit in den Blickpunkt von Forschern; Anwendungsgebiete dafür könnten in der Behandlung bestimmter Krebsarten und Herzrhythmus-Erkrankungen liegen und auch bei Erektionsstörungen gibt es bereits hoffnungsvolle Ansätze durch die Behandlung mit Spinnengift. Wer allerdings glaubt, eine Tarantel im heimischen Terrarium würde eine Vorratspackung Viagra ersetzen, wird wohl eher enttäuscht werden – noch dazu, wenn die Partnerin angesichts des pelzigen Mitbewohners die Koffer packt und zum Austesten der Auswirkung der anregenden Giftwirkung nicht mehr bereit ist.


Oldschool-Spinne von Han, King Of Kings, Swalmen (NL)

Vogelspinnen, vor allem in dieser Größe, sind für viele Ekel pur! Tattoo von Daatzmann aus Reichenbach.


Bionik hin, Medizin her: Für die meisten Menschen bleiben Spinnen widerlich. Aber warum lässt man sie sich dann tätowieren? Tattoos müssen nicht immer attraktiv, lieblich und dekorativ sein – ganz im Gegenteil sind auch Rebellion, Provokation, Abschreckung und Einschüchterung mögliche Motivationen für Tattoos. Die Totenschädel, die früher vor allem in Biker-Kreisen üblich waren und die Ratten-Motive der Punks verdeutlichen diesen Ansatz. Und mit welchem Motiv könnte man wohl krassere Reaktionen provozieren als mit einer tätowierten Spinne?
Natürlich gibt es da Abstufungen; im Oldschool-Style tätowierte Spinnen sind so sehr vom lebendigen Vorbild entfernt und abstrahiert, dass selbst bei den schlimmsten Fällen von Spinnenphobie kaum noch nennenswerte Reaktionen auftreten. Bei fotorealistischen Tätowierungen sieht das aber schon wieder ganz anders aus; ein lebensecht wirkendes Spinnen-Tattoo, das auf dem Körper zu krabbeln scheint, wird mit Sicherheit für Irritationen bei Dritten sorgen. und ein riesiges Vogelspinnen-Tattoo auf dem Handrücken, bei dem sich die behaarten Spinnenbeine über sämtliche Finger erstrecken, lässt garantiert keinen kalt. Wer Aufsehen erregen will, ist mit einem Spinnen-Tattoo also in jedem Fall gut beraten – allerdings müssen Fans dieser Motive unter Umständen auch mit Ablehnung und Zurückweisung klar kommen. Denn wenn selbst bei konservativeren Berufszweigen eine kleine Blütenranke am Fußknöchel oder ein Schmetterling auf dem Schulterblatt inzwischen oft stillschweigend geduldet wird; mit einer fetten Spinne am Hinterkopf braucht man sich auf eine Bank-Lehre wohl erst gar nicht zu bewerben.

Den vollständigen Artikel und alle Bilder findet ihr in der September-Ausgabe 2010

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