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Asia-Tattoomotiv Oni: Ein Teufel mit Gefühlen

22.07.2016  |  Text: Dirk-Boris  |   Bilder: Archiv TätowierMagazin
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Asia-Tattoomotiv Oni: Ein Teufel mit Gefühlen
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Der japanische Oni ist ein klassisches Tattoomotiv und auch bei uns immer öfter zu sehen. Doch das gehörnte Wesen einfach als Dämon oder Teufel zu bezeichnen, wird dem vielschichtigen Burschen nicht gerecht.
Jochen Kübert hat Japanologie in Würzburg studiert. Seine Magisterarbeit hat er zum Thema Oni geschrieben, der Titel lautet »Trickster, Dämon, Scherzfigur – die Entwicklung des Oni im Wandel der Zeit«. Er ist damit wohl außerhalb Japans derjenige, der sich am besten mit den struppigen, gehörnten Wichten und Naturgeistern auskennt. TätowierMagazin-Chefredakteur Dirk-Boris, ebenfalls Japanologe, traf sich mit dem Oni-Experten zum Wissensaustausch.

Der Japanologe Jochen Kübert hat sich aus wissenschaftlicher Sicht mit der Gestalt des Oni befasst.

Ich kenne Oni eigentlich nur als diesen sehr bösartigen Dämon oder Teufel, der junge Frauen entführt, zerstückelt und auffrisst …
Da geht es dir wie den meisten Japanern. Aber da fangen die Probleme ja schon mit der Begriffsdefinition an: Was ist ein Dämon, was ist der Teufel? Denn dass man einen Dämon oder den Teufel als eine konkrete Person ansieht, ist eine relativ moderne Sichtweise. Früher sah man den Teufel eher als eine Personifizierung negativer Dinge an, für Katastrophen, Krankheiten oder Ähnliches. Und da kommt man schon ins Schleudern, wenn man bereits im Deutschen den Begriff nicht so klar definieren kann. Und auch die Oni sind ähnlich schwer zu definieren. In den frühesten Erwähnungen waren Oni relativ wertneutral. Da waren das eher Schutzgeister, die weniger eine physische Gestalt hatten, sondern teilweise eher einen metaphysischen, geisterhaften Charakter, teilweise waren es Erdwichtel, Erdwesen, also sehr naturverbunden. Mit dem bösen Image, das die Oni heute haben, hatten die erst mal gar nichts zu tun.

Kampflustiger Oni von Søren Lind, Enter the Dragon Tattoo, Kopenhagen, DK.

Diese ursprünglichen naturverbundenen Oni-Wesen, spiegeln die sich auch in den Wind- und Donnergöttern Fujin und Raijin, die ja auch in Oni-Gestalt dargestellt werden? Schließlich sind die beiden ja Götter – das beißt sich ja ein wenig mit der Vorstellung von Dämonen.
Könnte man so sehen, wobei ja aber auch bei uns der Teufel nicht nur als Widersacher Gottes angesehen wird, sondern auch als ein Aspekt Gottes, als eine richtende Instanz. Aber ja, ursprünglich waren die Oni nicht »böse«, dieser Aspekt kommt erst mit dem chinesischen Einfluss nach Japan. Der Buddhismus, der über China nach Japan gelangte, ging dort eine Symbiose mit der japanischen Naturreligion des Shintô ein, und infolge dieser Symbiose überlagerten sich auch verschiedene Gottheiten und Entitäten. Und es gab diese chinesischen Wesenheiten namens Goi, und die haben dieses rohe, gewalttätige und böse Image. Die sind dem Gott der Unterwelt, Emma-O, untergeordnet und sind dessen Foltermeister. Und obwohl die Oni recht unterschiedlich aussehen können – mit oder ohne Hörner, mit roter oder blauer Haut, es gibt männliche Oni oder auch weibliche wie die Hannya – weisen sie doch eine gewisse Ähnlichkeit zu den Goi auf und werden ab diesem Zeitpunkt oft mit ihnen gleichgesetzt. Das hat auch damit zu tun, dass die Japaner ja keine eigene Schrift hatten und auf die chinesische zurückgreifen mussten, und wenn sie eben »Oni« schreiben wollten, mussten sie auf ein Zeichen zurückgreifen, das am ehesten diesem Wesen entsprach, und das war eben das für die Goi. Und darüber übertrug sich dann nach und nach auch der Charakter der Goi auf die Oni.

Da muss ich gerade mal nachhaken. Du sagtest Hannya gehören auch zu den Oni? Ich war bisher davon ausgegangen, dass es sich dabei um eine andere Art von Dämonen handelt?
Doch ja, Hannya werden tatsächlich als Oni gehandhabt. Man hat eben immer dieses stereotype Bild vom roten Oni mit struppigem Fell und Stummelhörnern vor Augen, aber Hannya gehören auch dazu. Oni können ja auch menschliche Gestalt annehmen, und das kann die Hannya ja auch, beispielsweise in der Geschichte, in der der Samurai Minamoto no Yoritomo einer Hannya den Arm abschlägt, die ihn dann später in Gestalt seiner Tante aufsucht, um sich den Arm zurückzuholen. Es ist aber auch eine Verwandlung in die andere Richtung möglich, auch Menschen können zu Oni werden.

Der Samurai Minamoto no Yoritomo kämpft gegen eine Hannya. Tattoo von Foerdl, Vienna Electric Tattoo, Wien.

Das wäre dann zum Beispiel in der Geschichte von Kiyohime der Fall, dem jungen Mädchen, das sich aus Wut und Frust über die unerwiderte Liebe zu einem Mönch in eine Hannya-Dämonin verwandelt.
Genau, das ist eine Möglichkeit, es gibt aber auch zum Beispiel die Geschichte des Abtes Ryôgen der buddhistischen Tendai-Sekte, der ein so starkes Verlangen danach hatte, auch nach seinem Tod noch den Enryaku-Tempel zu beschützen, dass er sich nach seinem Tod in einen Oni verwandelt hat, um in dieser Gestalt über den Tempel zu wachen. Allgemein verband die Mönche dieses Tempels eine große Nähe und beinahe Freundschaft zu den Oni, woran man ja auch wieder sieht, dass die einfache Definition der Oni als Dämonen da nicht greift. Dämonen sind ja sozusagen vertikal orientiert, zwischen dieser Welt und der Unterwelt, und um sie zu bekämpfen, bedarf es eines Priesters, der sie in die Hölle zurückschickt oder verbannt, aber eben nicht töten kann. Oni dagegen sind in dieser Welt angesiedelt, sie stammen von der Oni-Insel, die sich in der diesseitigen Welt befindet, und können wie Menschen Gefühle haben, sie können beispielsweise um ihr Leben fürchten, denn man kann sie im Gegensatz zu Dämonen töten. Sie können auch Mitleid entwickeln, was ein Dämon nicht kann. Sie haben Ängste, Träume …

Viele Geschichten von Oni haben ja auch diesen buddhistischen Bezug, und diese menschlichen Eigenschaften des Oni eröffnen ihnen in diesem Kontext ja auch die Möglichkeit, dass ein Lebewesen, egal wie böse es ist, immer die Chance hat, sich letztlich doch zur Buddha-Natur zu vervollkommnen, zu Erleuchtung und Einsicht zu gelangen.
Ja, ganz klar.  Das lässt sich ja auch am Beispiel von Fudo Myôô nachvollziehen: Er ist einer der großen fünf Himmelskönige und war früher selbst ein Oni, wurde aber von Buddha bekehrt. Sein martialisches Äußeres ist immer noch das eines Oni, dennoch ist er eine Schutzgottheit des Buddhismus und er verteidigt die Gläubigen heute mit seinem Schwert und Seil gegen seine früheren Weggefährten.

Eine Hannya-Maske aus dem Nô-Theater, tätowiert von Marc, Private Gallerie Little Swastika, Tengen.

Von der ursprünglichen Gestalt eines Naturgeistes über die stereotype Dämonenähnliche Darstellung hat der Oni dann aber im Lauf der Geschichte noch eine weitere Wandlung vollzogen.
Mit der Entwicklung eines Bürgertums in der Tokugawa-Zeit (ab dem 17. Jahrhundert) und der weniger stark ausgeprägten Gläubigkeit und Religiosität verkommen auch die Oni beinahe zu Witzfiguren. Es ist dann nicht mehr diese furchtbare Gestalt, die in Glauben und Religion eine abschreckende Rolle spielt, sondern erhält beinahe eine unterhaltsame Funktion, beispielsweise in den Gruselgeschichten, die zu der Zeit sehr beliebt waren; in Gesellschaft erzählt man sich nach Einbruch der Dunkelheit reihum Schauergeschichten, von Geistern oder auch Oni, und nach jeder Geschichte wurde eine Kerze gelöscht. Aber man verwendete dann auch Oni für religiöse Karikaturen. In einem nächsten Schritt wurde die Gestalt des Oni dann auch politisch zur Propaganda instrumentalisiert; im Vorfeld des Kriegs zwischen Japan und China von 1894 bis 1895 gab es Karikaturen, die Oni in typisch chinesischer Kleidung zeigten.

Das ist ja historisch gesehen ein interessanter Bumerang, wenn man sich überlegt, dass der ursprüngliche Naturkobold, der vor über tausend Jahren durch den chinesisch-buddhistischen Einfluss ein Negativimage erhielt, dann Ende des 19. Jahrhunderts von den Japanern mit den Chinesen gleichgesetzt wurde.
Stimmt, da steckt schon eine gewisse Ironie drin! Weiterhin entwickelten sich zu dieser Zeit auch Amulette, Anhänger in Oni-Form, um andere Oni abzuschrecken, nach dem Motto: Schau mal, ich hab schon mal so einen wie dich besiegt. Aber das hat eher etwas Scherzhaftes, schon abschreckend, aber man hat es auch nicht mehr zu ernst genommen.

Erinnert mich ein bisschen an die Gargoyles von Notre-Dame: Dämonengestalten an einer Kirche, um andere Dämonen abzuschrecken.
Ja genau, aber genau so was gibt es ja auch in Japan, wo oft Abschlussziegel auf dem Dach die Form von Oni-Köpfen haben. Die sollten unter anderem auch gegen Blitze schützen, aber da genau diese Ziegel oft aus Metall waren, ging das oft auch nach hinten los …

Fujin und Raijin, die Götter für Wind und Donner, werden in der Gestalt von Oni dargestellt. Sie gehen auf die frühe Vorstellung von Oni als Naturgeister zurück.

Unnützes Oni-Wissen

Oni sind auch in japanische Sprichwörter eingegangen. Eines bezieht sich auf die typische Bewaffnung der gehörnten, struppigen Gestalten: »Oni ni kanabo«, dem Oni eine Eisenkeule geben. Es meint, dass man etwas, was ohnehin schon stark ist, noch stärker macht. Weitere Oni-Sprichwörter sind: »Oni no me nimo namida«, eine Träne im Auge eines Oni, das bringt selbst einen Oni zum Weinen, oder »Kokoro o Oni ni suru«, sein Herz zu einem Oni machen: sein Herz verschließen, hartherzig sein.

Oft sind Oni in Tigerfelle gekleidet. Da der Tiger als das stärkste Tier im asiatischen Raum angesehen wird, gilt natürlich jemand, der einen Tiger erlegen kann, als besonders mächtig. Das Tigerfell als Attribut unterstreicht also nochmal zusätzlich die körperliche Kraft der Oni.

Oni können unterschiedlichste Haut- oder Fellfarben haben: grün, blau, rot oder orange. Sie können zwei Hörner haben, eines oder auch gar keine Hörner; eine besondere Bedeutung hat das nicht, es handelt sich lediglich um lokale Ausprägungen verschiedener Oni-Gestalten.
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Stand:25 April 2019 09:57:04/motive/asia-tattoomotiv+oni+ein+teufel+mit+gefuehlen_18119.html