Abgetaucht

28.10.2011  |  Text: Heide Heim  |   Bilder: TM-Archiv
Abgetaucht
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Sucht man die Quelle des Tätowierens, wird man im Wasser fündig. Ein guter Grund fürs TätowierMagazin, einmal tief ins gar nicht so stille Wasser abzutauchen.
Wild brandet die Welle gegen die schroffen Felsen und zerbirst mit einem lauten Schlag in Gischt und Nebel. Ablaufend wird das Wasser vom nächsten auf das Land zurollenden Brecher mitgerissen, und baut sich erneut zu einer Wand auf. Wer jemals das Meer von einer felsigen Küste aus betrachtet hat, kommt sich sehr klein und schwach vor. Und spürt vor allem eines: Ehrfurcht.
Kaum ein Element beherrscht das Leben der Menschen so stark wie Wasser und begegnet ihm in so gegensätzlichen Formen. Wasser ist sowohl Lebensspender als auch tödliche Gefahr. Es bietet genauso Lebensraum für Tiere und Pflanzen wie für unheilbringende mythologische Wesen. Es ist gefährlicher Arbeitsplatz für Seeleute und bietet die Grundlage für die unterschiedlichsten Hobbys. Wasser ist ein Element, das viele Facetten hat, und das Leben ganz unterschiedlich prägt. 

Tattoos und Wasser gehören zusammen
Tattoos und Wasser gehören zusammen – nicht nur in vielen Tattoo-Motiven. Im Vorwort des Buches »Das Herz auf der Haut« bringen es die Herausgeber auf den Punkt: »Die Tätowierung ist gewissermaßen der Quastenflosser unter den europäischen Kulturtechniken. Im 18. Jahrhundert stieg sie (Anm. d. Verf.: die Kulturtechnik des Tätowierens) vom Meer an Land um dort ein eigenes buntes Leben zu entwickeln«. Den Landgang hat Kapitän Cook zu verantworten, der Seefahrer und Entdecker, der nicht nur das Wort »tatau« mit nach Europa brachte, sondern in Europa auch die Leidenschaft für das Tätowieren weckte. Wasser ist in der Tattoo-Kunst nicht nur dekorativer Hintergrundschmuck von Segelschiffen und japanischen Designs. Es ist als Tattoo-Motiv wie im richtigen Leben ein wahrer Zauberstoff und zeigt die unterschiedlichsten Facetten.

 Tattoo by Jeff KohlHokusai »Die große Welle von Kanagawa«
Tätowierter Ausschnitt und Farbholzschnitt von Hokusaia »Die große Welle von Kanagawa«. Tätowiert wurde die von Jeff Kohl, XIII Gallery, Edinburgh (UK).

Besonders in der japanischen Tätowierkunst hat das Wasser einen besonderen Stellenwert. Bei zahlreichen klassischen Motiven wie Drachen, Lotusblüten und Koi, sind die zentralen Hauptmotive in Wasser eingebettet. Das Wasser ist dabei nicht nur schöne Dekoration, sondern ist neben dem Hauptmotiv gleichberechtigt. Dynamisch formen die Wellenberge und -täler die Körperform und Muskelpartien nach. Zusammen mit der individuellen Ausarbeitung und dem samtigen Verlauf aller Wellenspitzen ist das ein wesentliches Qualitätsmerkmal einer japanischen Tätowierung.  
Ein interessantes Studienobjekt für die Darstellung von Wasser als Tätowierung ist sicherlich der berühmte Farbholzschnitt von Katsu- shika Hokusai (1760-1849), »Die große Welle von Kanagawa«. Die Umsetzung des aufschäumenden Wassers in diesem berühmten Bild erinnert sehr stark an das Wasser in Tätowierungen. Die tätowierten Wellen im japanische Stil sind wie die des Farbholzschnittes aufgebaut, nämlich als Umrisszeichnung. Die Zacken der Schaumkronen und selbst die Gischt sind keine Schleier, sondern klar strukturierte Bögen. Jede kleine Welle scheint eine Miniatur der großen zu sein. Im Bild »Die große Welle von Kanagawa« erscheint das Meer wie eine Klaue. Das Ungetüm aus Wasser baut sich bedrohlich vor den im Meer treibenden Booten auf. Ob sie diese ins Verderben reißt oder die Boote durch die Welle hindurchfahren können, bleibt offen. Viele Tattoo-Fans lassen sich dieses Bild in Ausschnitten oder auch als komplettes Tattoo stechen.

Glaube, Liebe, Hoffnung
Meterhohe Wellenberge, Strudel und ein Schiff, das sich wie die sprichwörtliche Nussschale in den grenzenlosen Weiten des Ozeans behaupten muss – ihr Arbeitsplatz mit seinen gigantischen Wassermassen verlangt Seeleuten noch heute einiges ab. Um wie viel gefährlicher war in früherer Zeit das Leben auf See, als die Mannschaft schutzlos dem Kapitän, dem Wind und dem Wasser ausgeliefert war.
Damit das Meer nicht zum Seemannsgrab wurde, vertrauten die abergläubischen Seeleute ihr Leben einem Schutzamulett an: »Glaube, Liebe Hoffnung«, symbolisiert durch das Kreuz, das Herz und den Anker, sollte die christlichen Seefahrer vor einer »Reise ohne Wiederkehr« oder »die letzte Reise« schützen.
Für einen echten Seebären war das Meer aber sicherlich nicht nur Gefahr, sondern es sicherte ihm das Einkommen und der Anblick eines voll unter Wäsche stehenden Segelschiffes, das gegen das Wasser ankämpft, erfüllte ihn mit großem Stolz.


Erlösung durch die Liebe   

Tattoo by Jerry Magni, Jerry Tattoo, Carvico (IT)
 Als wäre das Wasser nicht schon gefährlich genug, lauern darin auch noch tödliche Verführerinnen. Die Seejungfrau ist von von Jerry Magni, Jerry Tattoo, Carvico (IT) tätowiert. 


Als würde das Meerwasser nicht schon genug Gefahren bergen
, leben darin auch noch seltsame Wesen wie Nixen, Sirenen, Wasserfrauen, Meerjungfrauen, Nymphen und Wassermänner. Über sie wird in Sagen, Mythen und Märchen berichtet, sie gelten oft als Ursache für unerklärbare Erlebnisse. Diese Lebewesen sind nicht alle für den Menschen gefährlich. Meerjungfrauen warten nur auf ihre Erlösung durch die Liebe eines Mannes und Wassernymphen und Wasserfrauen symbolisieren häufig Fruchtbarkeit und Liebe, Schutz und Segen. Ganz anders als die Nixen. Von ihnen geht für die Seeleute eine ernsthafte Gefahr aus. So erzählt die Volkssage von der Loreley vom göttlichen Gesang der schönen Frau, von dem die Seeleute angelockt wurden, um dann an den Klippen zu zerschellten. Schon der Grieche Homer hat in seinem Heldenepos »Odysseus« bereits vor dieser Gefahr gewarnt. Diese Wesen, oftmals dargestellt als junge Frauenkörper mit Fischschwanz, bringen dem Menschen Tod und Verderben. Das männliche Pendant zu den bösen weiblichen Wassergeistern ist der Wassermann, der den Menschen auch nicht wohlgesonnen ist.

Als Tattoo-Motiv wird vor allem der erotische Aspekt dieser Wesen hervorgehoben. Die schlanken Frauenkörper mit üppiger Oberweite und geschuppten Fischschwanz sind eher Verführerin als Unheilbringende. Aber es gibt auch männliche Wesen. Als Tattoo findet sich recht häufig die Darstellung des Meeresgottes. Bei den Griechen hieß er Poseidon und bei den Römern Neptun, sie ähneln sich optisch. Meist trägt der Gott des Meeres einen Dreizack, manchmal ist er von Delfinen umringt, oder fährt mit seinem Streitwagen, der von große Hippokampen (Fabelwesen, die vorne Pferd sind und hinten Fisch) gezogen wird.


Den vollständigen Artikel und alle Bilder findet ihr in der November-Ausgabe 2011

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