Wie Tattoos auf Narben helfen, Wunden zu schließen

23.02.2018  |  Text: Diana Ringelsiep  |  
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Wie Tattoos auf Narben helfen, Wunden zu schließen
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Das Leben hinterlässt Narben. Manche tragen wir von Unfällen und Operationen davon, andere fügen wir uns selbst zu. Viele Menschen sind es leid, aufgrund alter Narben neugierige Blicke auf sich zu ziehen. Denn auf diese Weise werden sie täglich an die oftmals schmerzhafte Geschichte erinnert. Die Konsequenz: Immer mehr Betroffene entschließen sich zu einem Narben-Cover-up. Die Ergebnisse sind verblüffend und helfen, abzuschließen. Das TätowierMagazin spricht mit zwei Betroffenen, Tätowierer Daniel Mayerhofer, der sich spezialisiert hat und vor allem werden alle medizinischen Fragen zu den Narben-Tattoos geklärt.
Zeit für einen Neuanfang.

Xenia ist 17 Jahre alt, als sie sich zum ersten Mal selbst verletzt. Fünf Tage nach dem Tod ihrer Oma schließt sie sich in ihr Zimmer ein und greift zum Bastel-Skalpell. Doch diesmal ist es keine Fimo-Knete, die sie schneiden will. Diesmal schneidet sie sich selbst. Unter Tränen ritzt sie sich das Wort »Einsam« in den Unterarm. Ihr Plan geht auf: Der physische Schmerz gewinnt die Oberhand und lenkt sie von der unendlichen Traurigkeit in ihrem Herzen ab. 

Der Tod ihrer geliebten Oma bringt das Fass an jenem Tag lediglich zum Überlaufen, denn Xenia leidet zu diesem Zeitpunkt bereits seit mehreren Jahren an Depressionen. Obwohl die Scheidung ihrer Eltern schon lange zurückliegt, hat sie diese nie verwunden. Der neue Freund ihrer Mutter ist nett, dennoch kommt es zuhause immer öfter zu Streit. Die Wohnung ihres Vaters wird zum Zufluchtsort für das Papakind. Doch statt Wärme und Geborgenheit erfährt sie dort Ablehnung und körperliche Gewalt. »Er hat immer wieder betont, wie fett ich sei«, erinnert sich die mittlerweile 21-Jährige. »Als er mich dann eines Tages auch noch geschlagen hat, habe ich die Polizei gerufen.«

In seinen Fotos hält Kai-Hendrik Schroeder unter anderem den Prozess fest, in dem alte Wunden unter einem neuen Hautbild verschwinden. Der Fotograf verwirklicht gemeinsam mit dem Filmer Christian Verch und dem Tätowierer Daniel Bauermeister das Projekt »Überwunden«, das Mut machen und aufklären soll.

Narben auf der Seele

Das Cutten wird für Xenia zum Ventil. Schon wenige Tage nach dem ersten Mal, schneidet sie sich auch in die Oberschenkel. »Beim Ritzen geht es nicht bloß um den Moment des Verletzens, sondern auch um die Schmerzen danach«, erklärt die heutige Biologie-Studentin. Denn der Schmerz bleibt, auch wenn die Blutung längst gestoppt ist. »Manchmal konnte ich kaum laufen, weil die Jeans so sehr an meinen offenen Schenkeln gescheuert hat. Und auch beim Duschen haben die Wunden gebrannt wie Feuer.« Die körperlichen Qualen lenken Xenia damals von ihrer inneren Verzweiflung ab.

Gina hat sich über die Jahre viele Wunden zugefügt, die zu Narben geworden sind. Teilweise hat sie sie inzwischen mit Traditionals covern lassen, teilweise sind sie immer noch sichtbar.

Auch die heute 29-jährige Gina aus Berlin flüchtet sich jahrelang in physische Schmerzen, um ihren Depressionen zu entkommen. Schon im Alter von fünf Jahren beginnt sie, sich regelmäßig selbst wehzutun. Beim Spielen lässt sie sich absichtlich auf die nackten Knie fallen und wenn niemand hinsieht, schlägt sie sich selbst. Im Alter von zwölf Jahren liest Gina einen BRAVO-Artikel über Chester Bennington, der ihr Leben auf den Kopf stellt. »Es ging um das Borderline-Syndrom des Linkin-Park-Sängers«, erinnert sie sich zurück. »Doch anstatt mich abzuschrecken, inspirierte mich der Artikel dazu, die Klinge aus einem Einwegrasierer auszubauen und mich selbst zu schneiden.« In den folgenden Jahren macht Gina vor keinem Körperteil halt. Sie ritzt sich Beine, Arme, Brüste, Hände, Füße und sogar den Bauch auf – die immer tiefer werdenden Schnitte verschaffen ihr seelische Erleichterung. Zurück bleiben unzählige Narben.

Die 29-jährige Gina begannals Jugendliche, sich selbst zu verletzen. Die Schmerzen erleichterten ihre Seele. In ihren Tattoos, die teilweise starke Narben verdecken, erkennt sie heute vor allem eine konstruktive Körper-veränderung.

Professionelle Spurenbeseitigung durch Tattoos

Wie sehr viele Menschen unter ihren Narben leiden, weiß Tätowierer Daniel Mayerhofer aus Österreich: »Die Beweggründe dafür, sich eine Narbe covern zu lassen, sind sehr verschieden. Während einige meiner Kunden aus rein ästhetischen Gründen zu mir kommen, wollen andere durch ein Cover-up ein Stück Lebensqualität zurückgewinnen.« Verständlich, denn Narben sehen mitunter nicht nur unschön aus, sondern werfen auch Fragen auf, denen sich die Betroffenen ein Leben lang stellen müssen. Um diesen zu entgehen, nehmen viele von ihnen große Einschränkungen im Alltag in Kauf: lange Ärmel im Sommer, Verzicht auf Schwimmbadbesuche mit Freunden, Unwohlsein im eigenen Körper. Daniel freut sich, wenn er seinen Kunden wieder zu einem Stück Normalität verhelfen kann. Anfangs covert der Tattooartist, der aktuell bei Mario Barth Tattoo Austria in Graz tätig ist, bloß kleine Schnittnarben und Spuren von Muttermalbeseitigungen. Doch sein Können spricht sich schnell herum und so kommen mit der Zeit immer mehr Menschen zu ihm, die ihre Narben loswerden möchten. 

Daniel Mayerhofer tätowiert seit 15 Jahren und hat sich als Narbentattoo-Spezialist einen Namen gemacht. Er arbeitet im Grazer Studio von Realismus-Legende Mario Barth.

Zu Beginn hat er noch Bedenken: »Saubere Schnittnarben zu covern ist eine Sache, doch die zu überdeckenden Bereiche wurden immer größer. Es kamen Leute mit großflächigen Spuren langjähriger Borderline-Störungen zu mir, auf die sie nicht mehr angesprochen werden wollten. Andere hatten den Wunsch, ihre Kaiserschnittnarbe verschwinden zu lassen oder die Erinnerung an einen Unfall oder eine Krebserkrankung auszulöschen.« Doch Daniel wächst mit seinen Aufgaben und wird bald zum Spezialist auf dem Gebiet. Die größte Herausforderung besteht für ihn darin, trotz des mitunter stark vernarbten Gewebes schöne Linien zu ziehen und detailreich zu arbeiten. »Ich kann nicht alle Narben komplett verschwinden lassen«, erklärt der Österreicher. »Daher besteht die Kunst darin, den Blickpunkt auf eine andere Stelle zu lenken.«

Diese Narbe am Bein geht mit Deformation des Gewebes einher. Allein das stellte Tätowierer Daniel Mayerhofer vor große Herausforderungen, damit das Tattoo selbst nicht verformt wirkt. Eine weitere Schwierigkeit war, dass vernarbte Körperstellen meist schwieriger gleichmäßig zu tätowieren sind als intakte Haut. Insbesondere deshalb ist das Löwenporträt eine Meisterleistung.

Das Tattoo als magisches Mahnmal

Mit Anfang zwanzig hat Gina eine stabile Phase. Ihr damaliger Freund gibt ihr Kraft und sie beschließt, ihre auffälligsten Narben covern lassen. Doch ihre geschundenen Arme und Beine stellen aus Tätowierersicht eine echte Herausforderung dar. Schließlich traut sich Jakub Settgast aus Berlin an ihre Narben heran. »Ich stand schon immer auf traditionelle Seefahrermotive«, erklärt Gina ihre Wahl. »Etwas Filigraneres wäre bei den dicken Narben, die ich mir über die Jahre zugefügt habe, auch gar nicht möglich gewesen.

Xenia hatte da mehr Glück. Das Wort »Einsam«, das sie sich vor Jahren in den Unterarm geritzt hat, ist ebenmäßig verheilt und mit der Zeit immer blasser geworden. Dennoch war es ihr wichtig, die Narbe covern zu lassen: »Das Tattoo ist für mich ein Mahnmal, denn so etwas Schönes möchte ich auf keinen Fall wieder kaputt machen.«  Dank ihrer Tätowiererin Jools von 13 Needles in Wiesbaden ziert nun ein Hogwarts-Tattoo die Stelle, an der alles begann. »Die Harry-Potter-Bücher haben mich meine ganze Jugend über begleitet und oft war es diese Parallelwelt voller Magie, die mich während der düsteren Abschnitte meines Lebens gerettet hat«, erinnert sich Xenia. Mittlerweile hat sie sich bereits seit Ende 2015 nicht mehr geschnitten. Dafür kamen innerhalb eines Jahres zehn kleine Tattoos hinzu. »Das Tätowieren ist gewissermaßen zu einem Ersatzschmerz für mich geworden«, fasst die Studentin zusammen. »Doch ich muss immer erst einen Termin ausmachen und Geld dafür sparen – das macht das Ganze viel kontrollierbarer für mich. Und das Wichtigste ist: Im Gegensatz zum Ritzen führt dieser Schmerz am Ende zu etwas Schönem.«



Ein neues Kapitel

Geschichten wie die von Xenia und Gina gehen natürlich auch an den Tätowierern nicht spurlos vorbei, zumal diese bei einem Narben-Cover eine besonders hohe Verantwortung tragen. »Vor kurzem war ein Mädchen bei mir, das den Krebs besiegt hat«, berichtet Daniel Mayerhofer. »Sie war unfassbar lebensfroh und erzählte mir, während ich ihre OP-Narbe coverte, was sie bereits alles mitmachen und welche Schmerzen sie in ihrem jungen Leben schon ertragen musste. Das ging mir sehr nah, weil es mich auch über mein eigenes Leben nachdenken ließ.«

Auch Gina hat sich seit Dezember 2016 nicht mehr selbst verletzt und möchte mit ihrer Geschichte zum Nachdenken anregen. Seit einem Jahr geht die Journalistin und Copywriterin auf ihrem Instagram-Accout gini.eat.world sehr offen mit ihren Dämonen um und macht anderen Betroffenen Mut. »Meine Freunde waren anfangs skeptisch, weil sie befürchteten, dass ich potenzielle Arbeitgeber und künftige Partner oder Partnerinnen mit meinen Depressionen verschrecken könnte. Doch die Reaktionen sind bis auf wenige Ausnahmen durchweg positiv.« Von der Ersatzschmerz-Theorie möchte auch Gina sich nicht freisprechen, doch im Vordergrund sollte beim Tätowieren das Ergebnis stehen: »Ein Tattoo ist etwas so Schönes und Konstruktives, dass ich es nicht mehr nur für meine Krankheit missbrauchen will.«

Die 29-jährige Gina begannals Jugendliche, sich selbst zu verletzen. Die Schmerzen erleichterten ihre Seele. In ihren Tattoos, die teilweise starke Narben verdecken, erkennt sie heute vor allem eine konstruktive Körper-veränderung.

Medizinische Fakten zu Narben-Tattoos

Jede Narbe ist so einzigartig wie ihr Träger. Doch welche Typen gibt es und welche Wundmale eignen sich für ein Cover-up? Prof. Dr. med. Christian Raulin von der Facharztpraxis für Dermatologie in Karlsruhe hat uns im Gespräch einen Überblick verschafft.

Prof. Dr. med. Christian Raulin

Wir alle haben Narben, doch alle sehen anders aus – woran liegt das?
Zunächst einmal sehen frische Narben anders aus als alte. Doch auch in der Form gibt es Unterschiede. Nach Operationen kommt es beispielsweise häufig zu überschießenden Narben, die sich durch eine rötliche Färbung auszeichnen. Diese hypertrophen Narben tragen zu Beginn oft eine Entzündung in sich und können sich noch verändern. Im schlimmsten Fall führt das zu Keloiden, einem gestörten Heilungsprozess, bei dem es zu einer gutartigen überschießenden Wucherung kommt. Doch auch das Gegenteil kann der Fall sein und die Narbe sinkt in sich zusammen, wie man es von den typischen Akne-Dellen kennt. In dem Fall spricht man von atrophen Narben. Wie sich eine Wunde entwickelt, hängt letztendlich von unserem Immunsystem ab.
 
Inwiefern unterscheidet sich Narbengewebe von gesunder Haut?
Narbengewebe entsteht immer, wenn die tiefen Hautschichten in Mitleidenschaft gezogen und im Zuge der Regeneration durch minderwertiges Gewebe ersetzt werden. Letzteres ist weniger elastisch und nicht in der Lage, neue Talg- und Schweißdrüsen zu bilden. Ist von der Verletzung jedoch lediglich die oberste Hautschicht – die sogenannte Epidermis – betroffen, regeneriert sich die Haut auch wieder komplett. 

Was kann man bei der Wundpflege beachten, um für eine bestmögliche Heilung zu sorgen?
Am wichtigsten ist es, eine frische Wunde für einige Monate von der Sonne fernzuhalten. Sollte es direkt zu Beginn zu Wucherungen kommen, lässt sich die frische Narbe in der Regel auch gut mit einem Farbstofflaser behandeln. Das nimmt auch den Juckreiz. Zudem gibt es regenerierende Salben wie Contractubex und Dermatix, die die Narbe geschmeidig halten. Jedoch sollte man keine großen Wunder erwarten.

Spricht aus dermatologischer Sicht etwas dagegen, Narben mit einem Tattoo zu überdecken?
Wer sowieso ein Tattoo haben möchte, soll seine Narbe gerne übertätowieren lassen. Aus medizinischer Sicht spricht nichts dagegen. Wovon ich jedoch gar nichts halte, sind farbliche Anpassungen des Narbengewebes. Denn unsere Hautfarbe verändert sich ständig, daher tut man sich damit keinen Gefallen. Anders sieht es hingegen bei der Rekonstruktion von Brustwarzen aus – dabei können, wenn es gut gemacht wird, kosmetisch sehr ansprechende Ergebnisse erzielt werden.

Wie lange sollte man warten, bis man eine Narbe vom Tätowierer überarbeiten lässt?
Dafür gibt es keine Frist, doch das Narbengewebe ist anfangs noch aktiv – entweder in die eine oder in die andere Richtung. Das kann dem Tätowierer mitunter unnötig die Arbeit erschweren und im schlimmsten Fall leidet am Ende das Tattoo darunter. Daher empfiehlt es sich, bis zu zwei Jahren zu warten.

Ist es ratsam, vor einem Cover-up-Termin mit seiner Narbe beim Dermatologen vorstellig zu werden?
Prinzipiell ist ein Besuch beim Hautarzt natürlich nie verkehrt. Doch wenn es sich eindeutig um eine Narbe handelt und sich diese in den vergangenen zwei Jahren nicht mehr verändert hat, kann man sich den Besuch auch sparen.

In seinen Fotos hält Kai-Hendrik Schroeder unter anderem den Prozess fest, in dem alte Wunden unter einem neuen Hautbild verschwinden. Der Fotograf verwirklicht gemeinsam mit dem Filmer Christian Verch und dem Tätowierer Daniel Bauermeister das Projekt »Überwunden«, das Mut machen und aufklären soll.

Siehe auch:

ÜBERWUNDEN – Eine Dokumentation über selbstverletzendes Verhalten
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Stand:13 December 2018 18:45:11/blog/wie+tattoos+auf+narben+helfen+wunden+zu+schliessen_18215.html