25% Günstiger im Printabo!
Wir feiern 25 Jahre TätowierMagazin und alle profitieren
Jubiläums
Aktion
€72,-
€53,-

Tattoos im Zeichen persischer Poesie

25.02.2019  |  Text: Philipp Schaab  |   Bilder: privat
Tattoos im Zeichen persischer Poesie Tattoos im Zeichen persischer Poesie Tattoos im Zeichen persischer Poesie
Tattoos im Zeichen persischer Poesie
Alle Bilder »
Die gebürtige Iranerin Atosa lässt sich Verse des persischen Dichters Molānā tätowieren
»Ich wollte von Anfang an etwas einfaches, aber außergewöhnliches auf der Haut. Nicht nur ein Bild oder Muster«, erzählt Atosa. Die 34-jährige Berlinerin iranischer Herkunft, die als Friseurin und Visagistin arbeitet, hatte sich schon seit vielen Jahren für Tattoos begeistert. Für ihren Körper wünschte sie sich aber etwas besonderes. »Ich wollte Tattoos, die ihre Bedeutung auch nach vielen Jahren nicht verlieren.«

Atosa ließ sich auf ihre Arme eine persische Spruchweisheit über die Allgegenwart Gottes in der Welt in Nastaʿlīq, einer besonderen Stillart der persischen Kalligraphie, tätowieren

Es sollten also Tattoos sein, die eine Botschaft vermittelten, mit der sie sich dauerhaft identifizieren konnte. So verband sie ihre Begeisterung für Tattoos mit der Vorliebe für die Gedichte des persischen Sufi-Gelehrten Jalāl ad-Dīn Muḥammad Rūmī, der auch unter den Namen Rumi oder Molānā weltweit bekannt ist. Atosa beschreibt ihn als eine »freie Seele«, ein unorthodoxer Denker, in dessen Versen Gott als ganzheitliche, die Welt durchdringende Kraft beschrieben wird. Worte, die Atosa nicht nur tief berührten, sondern buchstäblich unter die Haut gingen. »Gott ist das Ganze und nicht nur ein alter Herr im Himmel«, so beschreibt Atosa Molānās Weltbild. Diese Botschaft wollte sie sich tätowieren lassen.

Das erste Tattoo, das sie sich vor zehn Jahren stechen ließ, war indes noch ein Steinbock, ihr Sternzeichen. Dann ließ sie sich auf ihrem Rücken eine persische Spruchweisheit über die Allgegenwart Gottes in der Welt in Nastaʿlīq, einer besonderen Stillart der persischen Kalligraphie, tätowieren. Es folgten schließlich die Verse Molānās. Bis dahin sei es, so Atosa, üblich gewesen, sich einzelne Worte in Nastaʿlīq tätowieren zu lassen, nicht aber ganze Verse. Sie betrat also Neuland.

Umgesetzt hat Atosa ihre Vision mit Mohsen Tighbakhsh oder kurz Tiba, der in Berlin seit 2006 das Tattoostudio Tiba betreibt. »Ich wollte vermeiden, dass beim tätowieren Fehler passieren, also bin ich zu Tiba gegangen, da er auch aus dem Iran stammt und Farsi spricht. Die Sprache, in der die Verse tätowiert werden sollten.« Tiba habe dann die Verse, die konkret tätowiert werden sollten, zu seinem Bruder geschickt, der die Kunst, Nastaʿlīq zu schreiben, beherrsche. Er schrieb die Vorlagen, die dann auf Atosas Arme und ihren Rücken tätowiert wurden.

Atosa ließ sich auf ihre Arme eine persische Spruchweisheit über die Allgegenwart Gottes in der Welt in Nastaʿlīq, einer besonderen Stillart der persischen Kalligraphie, tätowieren

Die junge Frau hatte ganz genaue Vorstellungen, wo sie ihre Tattoos positioniert haben wollte. »Als Stylistin war es für mich wichtig, dass es wirklich perfekt wird. Wenn die Zeichnung nur einen Millimeter von meinen Vorgaben abwich, haben wir wieder von vorne begonnen«, sagt sie lachend. Die Tattoos sollten so gestochen werden, dass sie aus verschiedenen Perspektiven gleichzeitig ihre Wirkung entfalten. Zehn Sitzungen habe es insgesamt gedauert, bis die Verse vollständig tätowiert waren. Für Atosa aber kein Problem. »Ich empfand das Stechen als angenehm, meine Schmerzgrenze ist hoch«,  sagt die junger Berlinerin.

Bisher habe sie nur positive Reaktionen auf ihre Tattoos bekommen. Viele seien neugierig und wollten wissen, was sie denn da für eine Botschaft auf dem Arm tätowiert habe. »Einige haben sich davon sogar zu eigenen Nastaʿlīq-Tattos inspirieren lassen.« Inzwischen seien  Nastaʿlīq-Verse als Tattoos bei vielen Künstlern in Berlin gefragt.

Auch mit religiösen Autoritäten hat die gebürtige Muslimin gesprochen - sie selbst praktiziert den Islam nicht, betrachtet sich aber als spirituelle Person. Während Vertreter des sunnitischen Islams Tattoos grundsätzlich als Sünde ablehnten, habe ein schiitischer Imam die Aufassung vertreten, ihre Tattoos seien akzeptabel, da sie Poesie und keine »sexistischen« oder »sektiererischen« Inhalte zeigten. Im schiitisch geprägten Iran werden Tattoos, die sich inhaltlich an diesen Regeln orientierten, laut Atosa inzwischen toleriert.

Beendet ist Atosas Weg noch nicht. Es solle noch mindestens ein Tattoo hinzukommen. »Entweder auf die Hände, den Hals oder in den Nacken.« Die Positionen an der Tattoos an Armen und Rücken sind von Atosa bewusst gewählt. »Dort werden die Tattoos auch in vielen Jahren noch wirken und schön aussehen.«

Komplett tätowieren lassen will sie sich nicht. Tattoos an Bauch oder Po machen für sie keinen Sinn, da sie dort in hohem Alter nicht mehr schön aussähen, außerdem wolle sie ihre Tattoos zeigen, ohne dabei nackt herumlaufen zu müssen. Bei den Motiven ist sie sich auch schon ziemlich sicher: »Entweder ein weiterer Vers von Molānā oder ein einzelner Buchstabe in Nastaʿlīq.« Die Faszination für die Lyrik Molānās werde sie ein Leben lang begleiten, da ist sich Atosa sicher.
 
  Teilen
Topseller im Shop
Stand:21 May 2019 23:15:17/blog/tattoos+im+zeichen+persischer+poesie_19222.html