Spontan-Tattoos, Tattoogipfel und mehr: Drei Fragen an Politikerin Gitta Connemann

16.08.2018  |  Text: Redaktion  |   Bilder: Gitta Connemann/Pexels.com
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Spontan-Tattoos, Tattoogipfel und mehr: Drei Fragen an Politikerin Gitta Connemann
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Die Politik fordert schon länger höhere Standards im Tattoobereich und eine Berufszugangsregelung für Tätowierer. Hierzu sprach Gitta Connemann, Vizevorsitzende der Unionsfraktion im Bundestag, bereits im Januar mit dem TätowierMagazin. Jetzt ist das Thema wieder aktuell. Und mehr noch: Sogar vom Verbot sogegannter Spontan-Tattoo sei die Rede. Doch ist da was dran?
»Für meine Fraktion steht fest, dass wir dieses wichtige Thema in der Legislaturperiode behandeln wollen und werden«, bestätigte die Vizevorsitzende der Union aus CDU und CSU im Bundestag, Gitta Connemann, auf unsere Nachfrage noch während der Sondierungsgespräche zur Regierungsbildung im Januar. Damit präzisierte sie ihre Äußerungen gegenüber der »BILD«-Zeitung, die zu Jahresbeginn von einer Forderung Connemanns nach einheitlichen Arbeits- und Hygienestandards, einer Fachkundeprüfung für Tätowierer und einem Genehmigungsverfahren für Tattoofarbe berichtet hatte.


»Jedem Volljährigen seien seine Tattoos gegönnt.«

Gitta Connemann ist Vizevorsitzende der Unionsfraktion im Bundestag.

Jetzt ist Gitta Connemann und ihre Fraktion mit den Tattoo-Plänen wieder in aller Munde, Schlagzeilen wie »CDU-Politikerin will Spontan-Tattoos verbieten lassen« beherrschen das Bild und sorgten schnell für fragende Gesichter unter Tattoofans und Tätowierern.

Wie bereits im Januar stand die Politikerin jetzt erneut dem TätowierMagazin Rede und Antwort. Was hinter den Schlagzeilen also wirklich steckt, lest ihr hier:
 

Drei Fragen an Gitta Connemann


1. Was steckt hinter der Idee eines »Tattoo-TÜV«, was über Ihre Vorstellungen aus Januar 2018 hinaus geht? Gibt es diesbezüglich Präzisierungen oder neue Entwicklungen? ( Hier unser Beitrag von Januar 2018 )

GITTA CONNEMANN: Der Grundtatbestand hat sich nicht geändert. Wir sind uns mit den Verbänden einig: wir brauchen eine Berufszugangsregelung. Und es fehlen verpflichtende einheitliche Hygiene- und Arbeitsstandards. Verdichtet hat sich der Handlungsbedarf in Sachen Farben. Bekanntlich existiert kein Zulassungsverfahren für Tätowiermittel. Die Tätowiermittelverordnung verbietet ja nur bestimmte Inhaltsstoffe auf einer Negativliste. Das Problem: nicht alle gefährlichen Stoffe sind dadurch reguliert. Für viele Stoffe fehlen zudem belastbare Daten für eine Sicherheitsbewertung.
Das Bundesinstitut für Risikobewertung schlägt deshalb in seiner neuesten Veröffentlichung Alarm. Es warnt, dass manche Farben sich im Extremfall in Blausäure und Benzol aufspalten. Einige Substanzen können möglicherweise Krebs auslösen. Die Langzeitwirkung im Körper ist aber noch nicht genau genug bekannt. Allerdings sind Lymphknoten von Tätowierten häufig vergrößert und farbig. Aber die wissenschaftliche Datenlage zur gesundheitlichen Bewertung von Tätowiermitteln reicht nicht aus.
Das Kosmetikrecht hilft hier nicht. Dieses sieht zwar vor, dass Inhaltsstoffe explizit zugelassen werden müssen und die Beweislast beim Hersteller liegt. Aber Tätowiermittel sind nach europäischem Recht keine Kosmetika, weil sie nicht auf die Hautoberfläche aufgetragen werden. Deshalb sind die Hersteller von Tätowiermitteln nicht verpflichtet, selbst nachzuweisen, dass ihre Farben ungiftig sind (toxikologischer Sicherheitsbericht). Hier stellt sich die Frage, wie die Sicherheit der Tätowiermittel hergestellt werden kann.


Tattoos bald nur noch nach sorgfältiger Beratung? Wenn es nach der Politikerin Gitta Connemann geht, könnte das bald zur Regel werden.

2. Was verbirgt sich hinter den Verlautbarungen über ein angedachtes Verbot von »Spontan-Tattoos«?

CONNEMANN: Das habe ich mich bei der einen oder anderen Verlautbarung auch gefragt. Es geht nicht um Verbote. Ich bin die letzte, die Menschen gängeln will. Die CDU ist keine Verbotspartei. Jeder/m Volljährigen seien ihre/seine Tattoos gegönnt.
Die Kunden müssen sich aber auf Sicherheitsstandards verlassen können. Dazu habe ich mich seitenlang gegenüber den Medien geäussert. Und dann habe ich am Rand darauf hingewiesen, dass zur Eigenverantwortung auch das Wissen um Risiken gehört.
Da sind wir dann bei der Frage der Beratung. Nun mal ehrlich: darum ist es nicht immer bestens bestellt. Natürlich gibt es viele, die ihre Kunden sorgfältig aufklären. Aber rein rechtlich ist ein Tätowierer derzeit nicht zur Risikoaufklärung verpflichtet. Es geht um die Frage, ob und wie eine Beratung vor einer Tätowierung erfolgen muss. Und dazu habe ich gesagt, dass wir über eine Einführung von Beratungsfristen sprechen müssen, auch um Spontantattoos zu verhindern. Daraus ist gleich ein Verbot geworden. Na ja. Darüber habe ich mich schon gewundert - wie übrigens auch über so manchen Kommentar.
Mir ist natürlich klar, dass da Sorge wegen der Tattoo-Conventions mitschwingt. Dort werden zwar viele Termine im Vorfeld vereinbart. Aber es gibt auch Spontantermine. Allerdings werden sich die Kunden, die sich dort ein Tattoo stechen lassen, vorher mit dieser Entscheidung auseinandergesetzt haben. Sie werden sich des Risikos bewusst sein, anders als diejenigen, die sich bei Weihnachtsfeiern, Betriebsjubiläen, Abendevents etc. stechen lassen, und das ggfs. unter Gruppendruck oder Alkohol.  Und wer jetzt sagt, dass es das nicht geben würde: ich habe das alles schon erlebt. Hier sehe ich ein Schutzbedürfnis. Für andere Vorschläge bin ich offen.


3. Wann, mit wem und mit welchen Inhalten soll der »Tattoo-Gipfel« stattfinden?

CONNEMANN: Angepeilt ist Anfang, Mitte November. Dazu eingeladen werden sollen Vertreter der Tattoo-Szene, also der Tattooverbände auf Bundesebene, Akademien, Hersteller von Farben, Wissenschaftler, Ministerien, Krankenkassen, Mediziner. Ziel ist es, zu gemeinsamen Handlungsempfehlungen wie zB in Sachen Berufszugang, Hygienestandards, Tätowiermittel, Wundbehandlung, Risikoaufklärung, Forschung etc. zu kommen. Dabei kann die Branche eine wichtige Rolle einnehmen.

Nur ein Beispiel: der Berufszugang. Jeder, der ein Gewerbe anmeldet, darf loslegen. Es gibt keine Ausbildung. Es muss kein Befähigungsnachweis vorgelegt werden. Die reine Anmeldung reicht. Glücklicherweise haben die meisten Tätowierer einen hohen Anspruch an sich selbst und Verantwortung gegenüber dem Kunden. Aber es gibt auch Schwarze Schafe ohne handwerkliche Kenntnisse, hygienische Anforderungen und künstlerische Fähigkeiten. Manchmal fehlt sogar die Gewerbeanmeldung und damit die Kontrolle durch das Gesundheitsamt. Deshalb fordert die Branche ja selbst eine Regelung. Es stellt sich aber die Frage, wie eine Zugangsregelung aussehen kann und soll. Soll Tätowieren ein Ausbildungsberuf werden? Ist eine duale Ausbildung wirklich mit der Praxis in einem Studio vereinbar? Oder soll Tätowieren genehmigungspflichtig werden? Soll die Genehmigung nur bei Vorliegen eines Sachkundenachweises erteilt werden? Was muss dieser Nachweis umfassen? Wer soll zuständig sein? Kann die Regelung in Österreich dafür Vorbild sein?


» Besonders in Sachen Berufszugangsregelung für Tätowierer bleibt es also noch weiter spannend. Wir werden für euch dran bleiben und euch auf dem Laufenden halten.
 
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Stand:26 September 2018 02:37:16/blog/spontan-tattoos+tattoogipfel+und+mehr+drei+fragen+an+cducsu+vizevorsitzende+gitta+connemann+-_18815.html