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SELF LOVE: Mit Tätowierungen zu neuem Körperbewusstsein

22.02.2019  |  Text: Boris »Bobs« Glatthaar  |   Bilder: Adobe Stock (rawpixel.com)
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SELF LOVE: Mit Tätowierungen zu neuem Körperbewusstsein
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Immer mehr Menschen besinnen sich auf einen achtsameren Umgang mit sich selbst, denn das tut Körper und Seele gut. Dabei gibt es viele Wege zu mehr Selbstliebe – einer führt über Tattoos
# selflove, #selfcare, #goodvibes: X-millionenfach werden Fotos auf Instagram mit solchen Hashtags beschrieben, und was sie zeigen, ist vielfältig: Menschen beim Yoga und im Fitnessstudio, beim gemütlichen Familienspaziergang in der Natur oder schweißtreibenden Outdoorsport, beim Relaxen auf der Couch und unter tropischer Sonne, bei Wellness und Körperpflege, beim Feiern mit Freunden, spiritueller Meditation ganz allein oder Kuscheln mit Partner, Tee und Buch, und oft geht es bei diesen Hashtags auch um gesundes Essen.

All diese Fotos erzählen Geschichten von Entschleunigung und Entspannung, von der Konzentration auf das Wesentliche, vom neuen Bewusstsein für den eigenen Körper und der Besinnung auf das eigene Ich mit all seinen Gefühlen, Wünschen und Sorgen. Selflove und alles drumherum ist dabei weit mehr als ein fancy Instagram-Trend. In all den Fotos und Hashtags schwingt die tiefe Sehnsucht mit, Ungesundes zu überwinden: nagende Selbstzweifel, erdrückende Erwartungen anderer, andauernder Stress, sozialmedialer Profilierungswahn, unerträglicher Leistungsdruck, ständige Verfügbarkeit, körperliche Lethargie und eine Ernährung voller Zusatzstoffe. Ich übernehme mehr Verantwortung für mich selbst: Mit dieser Aussage lassen sich all die Achtsamkeitsgeschichten zusammenfassen, die doch so individuell sind wie jeder Mensch einzigartig. Und auch diese Erkenntnis gehört zu dazu.

SELF LOVE: Mit Tätowierungen zu neuem Körperbewusstsein

Vielleicht ist die Suche nach Individualität der Grund dafür,  dass Tattoos im Zusammenhang mit #self-love auffällig oft eine Rolle spielen und sich Menschen aus der Tattooszene massiv mit einem gesünderen Selbst beschäftigen. Fakt ist jedenfalls, dass Tätowierungen auf ganz verschiedene Weise dabei helfen können, zu einem gesünderen Geist zu gelangen. Warum das so ist, erklärt auf den folgenden Seiten nicht nur Deutschlands renommiertester Wissenschaftler in Bezug auf den Zusammenhang von Bodymodifications und Selbstbewusstsein. Auch Tätowierte und Tätowierer erzählen, wie ihnen Tattoos zu mehr  #selflove verholfen haben. Take care!

 

Tattoos wirken positiv

TM-Chefredakteur Boris »Bobs« Glatthaar im Interview mit Psychologieprofessor Erich Kasten

SELF LOVE: Mit Tätowierungen zu neuem Körperbewusstsein. Psychologieprofessor Erich Kasten im Interview

Prof. DR. Erich Kasten
Erich Kasten wurde in Travemünde an der Ostseeküste geboren und wuchs dort auf. Er studierte in Kiel Psychologie und arbeitete später zunächst an den Universitäten Lübeck und Magdeburg im Bereich der medizinischen Psychologie. Um die Jahrtausendwende hatte er eine Gastprofessur an der Humboldt-Universität in Berlin, später war er außerplanmäßiger Professor an den Universitätskliniken Magdeburg, Lübeck und Göttingen. Seit 2013 ist er berufener Professor für Neurowissenschaften an der Medical School Hamburg. Sein spezielles wissenschaftliches Interesse gilt der Frage, wie das Gehirn ein Abbild des eigenen Körpers generiert – und was dabei alles schiefgehen kann. Zum Bereich der Bodymodifications hat er ein Buch und unzählige Fachartikel publiziert.

Wovon hängt es ab, ob wir Tätowierungen an uns oder anderen schön finden oder sie ablehnen? Oder, anders gefragt: Woraus speist sich unser subjektives Ästhetikempfinden?

Oh je … Da fangen wir gleich mit der schwierigsten Frage an. Jeder weiß intuitiv, was Schönheit ist, aber an der Aufgabe, Attraktivität wissenschaftlich zu definieren, beißen sich die Forscher bis heute die Zähne aus. Im Gehirn gibt es eine angeborene Basis dafür, was wir als schön empfinden. Die primitiven Urtriebe unseres Gehirns setzen Schönheit mit Gesundheit gleich; wenn man gesunde Nachkommen haben will, paart man sich also mit einem schönen Partner. Daher gibt es für jede Spezies allgemeine Grundsätze, was als schön empfunden wird. Die Basis dafür ist der Mittelwert des Aussehens der Population.

Dann müssten wir alle Tattoos lieben oder hassen, es gibt aber solche und solche Menschen.
Letztlich ist immer die Wahrnehmung des Gegenübers entscheidend dafür, wen wir als attraktiv empfinden. Und da gehen die Geschmäcker halt weit auseinander. Wir haben hier in Hamburg einmal eine Studie über weibliche Brüste gemacht und festgestellt, dass rund fünfundzwanzig Prozent der Männer kleine Brüste bevorzugen – das widerspricht dem üblichen Stereotyp. Solche unterschiedlichen Einstellungen spielen auch bei Bodymodifications eine Rolle. Wenn Otto Normalverbraucher diese Art von Körperveränderung generell ablehnt, wird er auch Schwierigkeiten haben, jemanden mit Piercings und Tattoos als attraktiv einzustufen. Man beurteilt einen fremden Menschen interessanterweise innerhalb der ersten drei bis fünf Sekunden. Hierbei dominiert das Aussehen und da fällt Körperschmuck natürlich sofort ins Auge.

Wie genau wirkt Körperschmuck auf den Betrachter?

In erster Linie gilt die Schönheit des Gesichts als wichtigster Prognosefaktor dafür, ob man jemanden spontan sympathisch findet, in zweiter Linie dann die Figur des Körpers, außerdem Gestik und Mimik. Erst danach fängt es an eine Rolle zu spielen, was ein Mensch sagt. Die Schönheitsforschung, das darf nicht unerwähnt bleiben, bezog sich lange Zeit fast nur auf Frauen. Schon im antiken Griechenland galt die Symmetrie als ein wichtiger Indikator für Attraktivität. Darunter verstanden sie die richtige Proportionierung. Die unterschiedlichen Abschnitte eines Gesichts sollten in einem bestimmten Verhältnis zueinanderstehen, damit die maximale Symmetrie erreicht werden konnte.

Neuere Forschung widerlegte diese Symmetrie-Hypothese allerdings. Supersymmetrische Gesichter, die durch die Spiegelung einer Gesichtshälfte generiert werden, wurden als nicht besonders attraktiv, manchmal sogar als beängstigend, fremdartig oder gar maskenhaft empfunden. Nach der Broken-Symmetry-Hypothese wird gerade eine gewisse Inkongruenz der Symmetrie als attraktiv wahrgenommen, da diese geringfügige Abweichung von der Perfektion das Interesse beziehungsweise die Aufmerksamkeit des Betrachters erweckt. Hier setzen zum Beispiel Piercings an, die ja in den meisten Fällen unsymmetrisch im Gesicht sind, aber gerade dadurch eine gewisse Spannung erzeugen.

Unser Stichwort soll zuerst »Self Love« sein: Unter welchen Umständen und auf welche Weise können Tätowierungen dazu beitragen, sich selbst mehr zu lieben?

Wenn man sich selbst nicht mag, wer soll einen dann lieben? Solange man nicht in Selbstliebe versinkt, gilt ein bisschen Narzissmus als durchaus gesund, und den kann man mit einem adretten Aussehen des eigenen Körpers dezent unterstreichen. Das gilt natürlich nicht nur für Körperschmuck. Ein schlanker, durchtrainierter und vielleicht sogar leicht gebräunter Körper wirkt auf unser limbisches System im Gehirn –
das ist der Ort, aus dem Gefühle und uralte Instinkte stammen –
immer positiv.

Das heißt, wer seinen Körper etwa durch Training oder Tattoos nach persönlichem Geschmack gestaltet, tut seiner eigenen Psyche gut. Gibt es dafür wissenschaftliche Belege?

Die Anzahl von wissenschaftlichen Studien aus aller Welt, die hierbei positive Aspekte von Bodymodifications nachgewiesen haben, lässt sich heute kaum noch zählen. Hier wurden insbesondere Erhöhung des Gefühls der Individualität, Selbstverwirklichung und Steigerung der Attraktivität angegeben. Der Sozialpsychologie-Professor Viren Swami von der Anglia-Ruskin-Universität in England fand zum Beispiel drei Wochen nach dem Stechen höhere Werte in der Körperwahrnehmung und im Selbstwertgefühl sowie geringere Werte von Angst und Unzufriedenheit. Die Kieler Psychosomatikerin Prof. Aglaja Stirn stellte in ihren Studien fest, dass Menschen eine Steigerung ihres Selbstwertgefühls durch das Anbringen von Piercings und Tattoos erfahren. Mein Leipziger Kollege Prof. Elmar Brähler fand als Hauptmotive für ein Tattoo die Einzigartigkeit, die Ästhetik wie auch den Wunsch nach Andersartigkeit.

In einer unserer eigenen Arbeiten, die ich mit der Ärztin Dr. Anika Wessel aus Hamburg gemacht habe, konnten wir als wichtige Gründe für Piercings mit 33,6 Prozent die Freude an Körperkunst, mit 30 Prozent das Unterstreichen der eigenen Identität und mit 14,3 Prozent die Steigerung der Attraktivität ermitteln. Durch die Piercings veränderten sich das Selbstbewusstsein, das Gefühl attraktiv zu sein und der Kontakt zur Bezugsgruppe. Ähnliche Ergebnisse fanden wir in den Daten meiner Mitarbeiterin Alyssa AlRayess, die in ihrer Arbeit positive Wirkungen durch das Tragen von Tattoos feststellte:  26,9 Prozent der Teilnehmer hatten eine Verbesserung der Sozialkontakte infolge der Tätowierung. Es lässt sich also wissenschaftlich untermauern, dass Tattoos dazu führen, sich selbst attraktiver zu fühlen, dadurch selbstsicherer zu werden und dann auch eine gesunde Selbstliebe zu entwickeln.

SELF LOVE: Mit Tätowierungen zu neuem Körperbewusstsein

Sie sprechen die Selbstsicherheit an. Tätowierten Menschen wird häufig unterstellt, es mangele ihnen genau daran. Wie sind die Fakten – sind tätowierte Menschen psychisch labiler oder stabiler als untätowierte Menschen?

Schon die Studien aus den 1990er Jahren, als die große Welle der Körpermodifizierungen anrollte, stellte man im psychopathologischen Sinn kaum Abweichungen fest. Gepiercte und Tätowierte waren nicht unbedingt »verrückter« als der Rest der Bevölkerung. Man stellte zwar dezente Trends in Hinblick auf höhere Risikofreudigkeit, mehr Schulprobleme, eine höhere Impulsivität, häufigere Essstörungen, öfteren Drogenkonsum, eher Gewalttätigkeiten, mehr Suizidversuche, früheren Geschlechtsverkehr und häufigeren Wechsel des Sexualpartners fest, die Unterschiede waren aber damals schon eher marginal. Andererseits fand man in Studien heraus, dass die Leute aus der »BodMod«-Szene abenteuerlustiger, kreativer und individualistischer sind.

Diese Studien sind nun schon einige Jahre alt …  

Ja, und diese älteren Daten haben sich selbst überrundet. Wir haben alleine in Deutschland mittlerweile fast zehn Millionen Menschen, die Tattoos tragen. Man kann nicht ernsthaft davon ausgehen, dass die alle psychisch gestört und emotional labil sind. Aber um auf die ursprüngliche Frage einzugehen: Es gibt beides. Menschen, die psychisch eher labil sind, können durch den deutlich sichtbaren Körperschmuck an Selbstsicherheit gewinnen. Andererseits ist den psychisch Stabilen die Meinung der Umwelt ziemlich wurscht und sie zögern dadurch nicht davor zurück, sich auch auffällige Tätowierungen anfertigen zu lassen.

Also, ganz klar: Es gibt keine feststellbar geringere Selbstsicherheit bei Tätowierten?

Ich kenne keine Studie, in der mit Sicherheit nachgewiesen wurde, dass tätowierte Menschen generell psychisch labiler sind.

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Stand:24 April 2019 18:33:27/blog/self+love_19214.html