Ink Anger Management: Das bisschen Schrift – die Leiden eines Lettering-Artists

20.09.2018  |  Text: Victoria Hiebsch  |   Bilder: Track 187, Hanna Heider
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Ink Anger Management: Das bisschen Schrift – die Leiden eines Lettering-Artists
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Tätowierer Track von 187 Ink in Hamburg fühlt sich als Graffiti- und Lettering-Artist häufig falsch verstanden. Es löst in ihm Brechreiz aus, wenn Kunden den Wert seiner Arbeit und das Maß an Kreativität nicht erkennen und anerkennen. Was ihm im täglichen Geschäft widerfährt, hat er Ink-Anger-Management Kolumnistin Victoria erzählt.
Häufig ist man der Auffassung, dass realistische Tattoos die Königsdisziplin des Tätowierhandwerks schlecht hin seien. Dreidimensionale, fast lebensechte Bilder auf der Haut begeistern, allein schon, weil es schwer vorstellbar ist wie man so etwas in Form eines Tattoos umsetzen kann. Auf unzähligen Tattoo-Blogs, in Magazinen und im Fernsehen kann sich der Otto Normalverbraucher davon überzeugen, dass ein Portrait eines Familienangehörigen, Partners oder Haustiers das Krasseste ist, was man unter die Haut bekommen kann. Zweifelsohne gibt es in diesem Bereich überragende Kunstwerke, jedoch nicht nur in diesem Stilbereich. Das wissen viele nicht – sehr zum Leidwesen von Letteringartist und Graffitikünstler Track aus dem Studio 187 Ink in Hamburg.
Nach zwanzig Jahren Graffiti taggen, Federmäppchen, Schultische und Rücksitze in öffentlichen Verkehrsmitteln bemalen, muss man nicht weiter betonen, wie sehr das Herz von Track an Buchstaben hängt. So lag es für ihn schließlich nahe, diese auch auf Menschen zu verewigen. Der Erfolg gibt ihm recht, doch wer seinem Instagram Account folgt weiß, es ist nicht immer alles Rolex was glänzt.


Track 187 würde sich freuen, wenn sich Kunden ganz normal an ihn wenden, Zeit mitbringen und offen nach Preisen und Terminen fragen.
 

Fasst euch ein Herz, fragt nach Preisen und Terminen


»Das Schlimmste ist tatsächlich, dass viele glauben das ich 10.000 Euro die Stunde nehme, unglaublich arrogant bin und bis 2034 ausgebucht. Nur die wenigsten verstehen, dass Instagram-Likes nicht den Wert deines Charakters zeigen. Davon bezahle ich nicht meine Miete. Ich habe keine dicke Uhr, kein dickes Auto und jede Woche drei Tage inklusive Sonntag frei, weil ich keine Termine habe. Klar, super Leben, aber was Leute dann nicht schnallen ist: Kein Kunde bedeutet kein Geld. Natürlich war es meine Entscheidung mich auf Schriften zu spezialisieren, aber nur weil die meisten Tätowierer denken sie wären Gott und unantastbar, heißt das ja nicht, das man mich nicht anschreiben könnte um mal nachzufragen wieviel etwas kostet und wann ich Zeit hätte. Fakt ist, es nervt, tut weh und ist kein Zeichen der Anerkennung meiner Kunst.«

»Wie heißt denn die Schriftart?«


Die am häufigsten gestellte und am meisten Brechreiz auslösende Frage ist die nach der Schriftart. »Warum muss alles einen Namen, eine Bedeutung oder eine Benennung bekommen um verwendet zu werden? Klar vereinfacht es die Sache, wenn man sagt: ich will Arial Black oder kursiv oder so wie Gzuz auf den Händen, aber dafür gibt es keinen direkten Namen. Dass sind Chicano-Criminal-Ghetto-Letters. Freie Schriftelemente, die sich aus Gang-Graffitti, politischen Statements und Unordnung mit unglaublicher Präzision zusammengesetzt haben. Es ist einfach mehr als nur ein Scheiß-Name für ›nur‹ eine Schrift. Jede Benennung würde der Schrift selbst nicht gerecht werden.«


Wie heißt denn diese Schrift? Eine Frage, die für Track 187 völlig egal ist. Denn es zählt doch kein verdammter Name, sondern die Kunst dahinter.
 

Diskussionen, die Track 187 leid hat


Gleichzeitig kommt laut Track folgendes Szenario immer wieder vor:

Kunde: Hey, ich hätte gern ein kleines Tattoo.
Ich: Was denn genau und wohin?
Kunde: Ist nur was Kleines.
Ich: Das freut mich für dich, aber was möchtest du haben?
Kunde: Nur eine kleine Schrift ...
(…)

»Das ist für mich und meine Arbeit so herablassend und löst eine Mischung aus Hass und Trauer in mir aus«, erklärt Track weiter. Wenn ihm das alles zu viel wird lenkt er sich gern ab. Gespräche mit Leidensgenossen, der Frau an seiner Seite oder viel Sex helfen Track abzuschalten. »Ich habe mich schon gebessert im Umgang mit der Enttäuschung und der Wut. Wenn mir heute einer absagt, gehe ich T-Shirt Motive oder Leinwände malen. Ich habe zurzeit eine kreative Hochphase und mehrere Projekte am Laufen, die meine Gedanken zerstreuen und meinem Kopf gut tun.«

Trotzdem wird er nicht müde, seinen Followern und Kunden zu erklären, worum es bei seiner Kunst geht. »Einfach mal mehr darüber nachdenken wie schön Schrift eigentlich ist und was man alles an einem Wort verändert das plötzlich kursiv oder fett geschrieben wird. Wenn ihr Dinge haben wollt die besonders sind, dann kommuniziert mit Tätowierern, die sich spezialisiert haben. Und hört nicht auf das was euch der Fernseher sagt. Ich wünsche mir einfach Verständnis und Zeit von meinen Kunden. Verständnis für die Arbeit und Zeit für das was immer bleibt.«

Mit Graffitis und anderen Projekten lenkt Track 187 sich besonders gerne vom Tattoofrust ab.


Grundsätzlich gilt:

Jede Stilrichtung in dieser bunten Welt hat ihre Daseinsberechtigung. Keine ist besser oder schlechter als die andere. Über die Qualität einer Tätowierung lässt sich natürlich streiten. Man sollte sich als Kunde jedoch erst mal damit auseinandersetzen was man für immer auf seinem Körper tragen möchte und damit wer eigentlich der Künstler sein soll, der es unter die Haut bringt. Ebenso gilt: Natürlich ist nicht alles und jeder schlecht, aber wir haben uns nun mal hier versammelt um mal kurz Dampf ablassen zu können. Den Rest haben wir selbstverständlich lieb!

Hier findet ihr Track 187 übrigens auf Instagram!



Bei Kolumnistin Victoria Hiebsch hat Track 187 mal ordentlich Dampf abgelassen.
 

Ihr wollt euren Tattoo-Kummer los werden?


Besonders freut sich Kolumnistin Vicky, wenn ihr euch direkt bei ihr mit Themen meldet, über die ihr gerne mal sprechen wollt. Sie behandelt euren Groll, eure Beichten und Geständnisse selbstverständlich auch vertraulich. Ehrensache.

Für Anregungen und Themenvorschläge oder wenn ihr einfach eine starke Schulter braucht, meldet euch bei ihr unter:


victoriahiebsch@gmail.com
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Stand:13 December 2018 18:32:26/blog/ink+anger+management+1+das+bisschen+schrift+-+die+leiden+eines+lettering-artists_18920.html