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Grob gestochen im Selbstversuch (Teil 1)

08.05.2019  |  Text: Stéphane Guillerme (Übersetzung: Judith Rohel)  |   Bilder: Stéphane Guillerme
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Grob gestochen im Selbstversuch (Teil 1)
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Stéphane Guillerme ist Indien-Experte, Tattoo-Enthusiast und Autor des Buches »Indien unter der Haut«. Auf TM online berichtet er über seine Erfahrungen, die er bei den zentralindischen Stämmen Baiga und den Badni gesammelt hat
Ein junges Baiga-Mädchen
Ein junges Baiga-Mädchen
Vor zehn Jahren entschied ich mich dazu, ein Buch über das Tätowieren in Indien zu schreiben, weil ich mich in das Land verliebt hatte und ein gewisses Interesse am Tätowieren habe. Dabei profitierte ich von den vorangegangenen zehn Jahren, die ich in Indien verbracht und dort die landestypischen bildenden Künste und Religionen studiert hatte – Themen, die meine ersten fünf Bücher füllen.

Der Umschlag meines Buchs
Der Umschlag des Buches »Indien unter der Haut«
Die gewaltige Bandbreite des indischen Tätowierens bietet drei unterschiedliche Perspektiven: Erstens das moderne, städtische Tätowieren – damals, im Jahr 2007, noch nahezu nicht vorhanden. Zweitens das Straßentätowieren, eng verbunden mit der Popkultur, bestehend aus Herzen, Kreuzen, bizarren Drachen, Schädeln, Namen, aber auch Aum, Ganesh und anderen Göttern des enormen indischen Pantheons. Eine Straßentätigkeit, die hauptsächlich während großen religiösen Versammlungen, auch »Mela« genannt, ausgeführt wird. Und drittens das althergebrachte Tätowieren, eine Praktik der Stammeskulturen, also derjenigen Menschen, deren Gewohnheiten und Bräuche unter der Dampfwalze der modernen Mehrheitskultur verschwindet.

Von diesen drei wichtigen Aspekten der Tattookultur hat der letzte mich am meisten gefesselt. Diese Menschen vom anderen Ende der Welt zu treffen, die vergangenen Weisheiten und Ur-Glauben kennenzulernen, sich für unfassbare Untersuchungen auf den Weg zu machen, unerwartete Welten und unglaubliche Menschen aufzuspüren, wunderschöne Muster und deren Bedeutungen zu entdecken und zu schützen, ist das, was mir am stärksten gefallen hat.

In diesen zehn Jahren, die ich in Indien verbrachte, in denen ich verschiedene Völker kennenlernte, darunter einige Erben einer sehr antiken Kultur, war eine meiner schönsten Begegnungen die mit den Baiga, Bauern und Naturheilkundlern aus Madhya Pradesh im Herzen Indiens.

Der Dindori Bezirk
Der Dindori-Bezirk
Sechs Jahre nach dem Beginn meiner Recherche traf ich sie. Ich hatte auf meinen Reisen zur Informationsbechaffung bereits einige Kilo Staub auf den Rücksitzen eingedellter, manchmal sogar fensterloser, Busse oder beim Motorradfahren auf oft kaputten Straßen eingeatmet. Ich hatte beim Versuch, Fakt von Fiktion zu trennen, einige tausend Kilometer im Zug zurückgelegt und mir einige Rückenwirbel in motorisierten Rikschas mit müden Radaufhängungen verdorben. Schließlich, am Ende der Welt, traf ich die berühmten Baiga und Mitglieder der Badni (auch Badi), der Kaste, die die Baiga tätowieren.

Hier ist die Geschichte von meinem Treffen mit den Badni und den Baiga, so wie ich sie noch nie niedergeschrieben habe, weder auf meinem Blog (Link), noch in meinem Buch »Indien unter der Haut«. Meine Familie und Freunde waren schockiert davon, doch sie wollten, dass ich es so erzähle wie es war.

Es war im Dezember 2014, als ich in einem Dorf im Dindori Bezirk, östlich von Madhya Pradesh, abstieg. Diese Region ist das Zuhause vieler Baiga, Bauern bekannt für ihr Wissen über Pflanzen und deren Nutzen. Die Frauen dieser Gemeinschaft sind die am stärksten tätowierten in Indien. Manche Frauen anderer ethnischer Gruppen in Orissa – heute Odisha genannt –, haben noch stärker tätowierte Gesichter, aber was den Körper angeht, sind die Baiga Frauen die Spitzenreiter auf der Halbinsel.

In diesem Dorf lernte ich bald Vijay Chourasia, einen örtlichen Arzt, kennen. Dieser war schon lange an den Baiga interessiert und hatte schon ein Buch über sie geschrieben. Er erzählte mir, dass die Baiga einen anderen Stamm, die Badni, eine Untergruppe der Banjara, zum Tätowieren aufsuchen. Diese führen ihre Tattookunst während religiöser Feiertage oder manchmal auch zu Hause, ohne elektrische Maschinen per Hand aus. Bevor ich die Baiga besuchte, entschied ich mich dazu, die Badni aufzusuchen, von denen manche in einem kleinen Dorf mitten in den Feldern leben, etwa zehn Kilometer entfernt von dem Dorf, in dem ich mir ein Zimmer genommen hatte.

Die Maravi Familie, Angehörige des Badni-Stammes
Die Maravi Familie, Angehörige des Badni-Stammes
Die Maravi, von der sozialen Gruppe der Badni, sind eine charmante Familie mit sechs Personen: Vater Chamar Singh, seine Frau Shanti Bai und deren vier Töchter. In der Familie tätowiert jeder. Die Mutter ist die erfahrenste. Sie erklärte mir, dass man keine Tattoositzung von Baiga Frauen im Winter sehen könne, da die finanzielle Situation im Januar es nicht erlaube. Es sei notwendig, bis Ende März auf das Einkommen von der Ernte zu warten. Dann würden die Frauen bis Ende Mai tätowiert, weil es danach zu heiß und das Infektionsrisiko zu hoch würde.

In meinen sechs Jahren der Recherche konnte ich zuvor noch nie Tätowieren per Hand miterleben und ich wollte unbedingt Bilder davon mit nach Hause bringen. Da das Tätowieren bei den Baiga zu diesem Zeitpunkt nicht möglich war, sah ich mich selbst als einzig mögliches Versuchskaninchen, obwohl ich besorgt war bei dem Gedanken, mich unter solch zweifelhaften hygienischen Bedingungen tätowieren zu lassen. Die Maravi ermutigten mich, es zu tun. Natürlich sprang für sie Geld dabei heraus. Für mich, alleine und dreihundert Kilometer von einem ordentlichen Krankenhaus entfernt, war es ein ganz schöner Sprung ins unbekannte und unerwartete (Anmerkung der TM-Redaktion: Es wird davon abgeraten, sich unter solchen hygienischen bedingungen tätowieren zu lassen!).

Baiga und Gond DesignsBaiga und Gond Designs
Baiga und Gond Designs
Während sie auf meine Entscheidung warteten, breiteten Chamar Singh und Shanti Bai vor mir eine Reihe von Baiga-Motiven, die speziell für diese Gruppe bestimmt waren, und Gond-Motiven, die für alle anderen sozioethnischen Gruppen in der Region waren, aus. In Erwartung des drohenden Verschwindens dieses antiken Brauchs hatte Shanti Bai die gute Idee, die Motive, die sie so lange unter die Haut brachte, auf Papier abzubilden. Ein außergewöhnliches Zeugnis, das manchmal auch als Katalog dient.

Schlussendlich stimmte ich zu, ins kalte Wasser zu springen und meinen linken Knöchel tätowieren zu lassen. Ich würde meinen Bericht bekommen. Trotzdem betete ich zu allen Göttern Indiens, dass ich am Ende der Sitzung noch meinen linken Fuß behalten konnte.

Shanti Bai improvisiert ein Design, das von Baiga-Motiven inspiriert wurde
Shanti Bai improvisiert ein Design, das von Baiga-Motiven inspiriert wurde
Shanti Bai improvisierte auf Papier ein Motiv, das von der Baiga Kultur inspiriert war. Ich wollte aus Respekt vor dieser Kultur keines ihrer Motive einfach kopieren. Sobald dieser Schritt erledigt war, wies Shanti Bai mich an, mich auf eine Matratze zu legen, die auf dem staubigen Boden im Anbau ihres Hauses lag. Dann benutzte sie einen Bambus Stock und selbstgemachte Farbe aus der Asche eines speziellen Samen, um das Muster auf meine Haut zu übertragen. Nun kam endlich der große Moment: das Stechen. Shanti Bai näherte sich ihrem Tätowierwerkzeug, ein paar Metallnadeln, die mit einem schwarzen Faden miteinander verbunden waren und von einem Baumwolle-Bällchen zusammengehalten waren. Das Bällchen hielt sie zwischen Daumen und Zeigefinger, weit weg von der Haut, was für mich nicht gerade hilfreich für präzises Stechen erschien. Aber wie ich hinterher feststellte, ist die Präzision nicht wichtig für sie. In einem letzten Versuch, den Schaden zu mindern, griff ich mir ihr Werkzeug und erhitzte mit Hilfe meines Feuerzeugs die Nadeln, die in meine Haut eindringen würden. Als die Nadeln abgekühlt waren, nahm Shanti Bai die gerade »desinfizierten« Spitzen zwischen ihre »nicht so desinfizierten« Finger, um den Ruß zu entfernen. Ich verzog mein Gesicht. Dann sagte ich zu mir selbst: »So soll es sein, wir müssen alle eines Tages sterben«.

Shanti Bai zeichnet das Design mit einem Bambusstock
Shanti Bai zeichnet das Design mit einem Bambusstock
Shanti Bai zeigt mir ihre drei-Nadeln-Maschine
Shanti Bai zeigt mir ihre Drei-Nadeln-»Maschine«
Ein komplettes Set – eine Maschine kann von drei bis vierundzwanzig Nadeln haben
Ein komplettes Set – eine »Maschine« kann von drei bis vierundzwanzig Nadeln haben
Dann begann die Sitzung. Anderthalb Stunden wurde ich von Shanti Bai, Chamar Singh und Mangla, ihrer jüngsten Tochter, herumgereicht. Die Technik ist einfach: Man färbt die Haut und sticht dann hinein. Man sticht tief hinein, sollte ich sagen. Epidermis, Dermis, Hypodermis – das ist alles dasselbe für sie. Bei den Badni bekommt man etwas für sein Geld. An Tagen, an denen sie zu viel Kaffee oder Tee getrunken haben, vermute ich, dass sie bis auf die Knochen stechen.

Shanti Bai beginnt die Sitzung
Shanti Bai beginnt die Sitzung
Chamar Singh ist als nächstes dran
Chamar Singh ist als nächstes dran
Chamar Singh sticht tief in die Haut
Chamar Singh sticht tief in die Haut
Nach dem ersten, etwas blindlings ausgeführten Stechen, wird eine weitere Schicht Farbe aufgetragen und noch einmal gestochen. Man macht hier keine halben Sachen.

Shanti Bai malt eine neue Farbschicht auf
Shanti Bai malt eine neue Farbschicht auf
Mangla sticht auch – so wie jeder in der Familie
Mangla sticht auch – so wie jeder in der Familie
Mangla nutzt auch die »Tiefstich«-Technik. Ihr Hand-Tattoo ist ein »bitchu«, der Skorpion
Mangla nutzt auch die »Tiefstich«-Technik. Ihr Handtattoo ist ein »bitchu«, der Skorpion

Als das Tattoo fertig war, der Knöchel voll betäubt, machte Mangla den Arbeitsplatz mit einer Mischung aus Wasser und Kuhmist sauber. Dann trocknete sie meine Haut mit einem Tuch, das sauber aussah und trug eine dicke Schicht Kurkuma zum Desinfizieren und Senföl zur Beruhigung auf. Nach der Übersetzung meines ortsansässigen Dolmetschers, der ungefähr so gut Englisch sprach wie ich Moldawisch, musste ich mein neues Tattoo mit Wasser reinigen und dann vier Tage lang zweimal täglich diese Mischung auftragen. Wenn die Baiga, bekannt für ihre Kenntnis von Heilpflanzen, daran nichts auszusetzen hatten, musste es wohl funktionieren.

Ich lebe noch. So weit, so gut.
Ich lebe noch. So weit, so gut.
Das frische Tattoo
Das frische Tattoo
Mangla reinigt meinen frisch tätowierten Knöchel
Mangla reinigt meinen frisch tätowierten Knöchel
Mangla trägt Kurkuma und Senföl auf das Tattoo auf
Mangla trägt Kurkuma und Senföl auf das Tattoo auf
Der letzte Schritt war der beruhigendste, Chamar Singh kam mit ein paar Blumen in der Hand zu mir, um ein Mantra über meinem Knöchel zu sprechen. »Hare Om« und viel Glück. Dann begann das Abenteuer erst richtig: ein paar Tage Achterbahnfahrt im Kopf.

Chamar Singh betet mit Blumen vor meinem linken Fuß
Chamar Singh betet mit Blumen vor meinem linken Fuß
Auf geht’s, Achterbahn!
Auf geht’s, Achterbahn!
Fortsetzung folgt...

Street Tattoo Flash aus Indien
Street Tattoo Flash aus Indien
E-Book Indien unter der Haut
E-Book Indien unter der Haut
Stephanes Bücher sind erhältlich auf seiner Website www.godispop.com (Link) oder bei Online-Bibliotheken. Als eBooks sind sie auf der Website, bei Amazon und im Apple Store erhältlich.

Stéphane Guillerme

Stéphane Guillerme
Stéphane Guillerme ist ein Reisender, der seit dreißig Jahren die Welt bereist. In den letzten zwanzig Jahren hat er seine Arbeit auf Indien konzentriert, mit fünfzehn Touren in den letzten sieben Jahren und mittlerweile sieben Büchern über das Land. Er nimmt sich die Zeit, sich wirklich in die Themen einzuarbeiten und stellt seine Nachforschungen so nah wie möglich an den Menschen und deren Traditionen an. Leidenschaftlich interessiert, nicht nur an bildender Kunst, macht er sich seine Bücher ganz zu eigen – er schreibt, fotografiert, recherchiert, ikonografiert, macht Computergrafiken und nimmt Ton auf.

Seine Werke kann man auf seiner Website (Link) und auf seinem Blog (Link) entdecken.

Instagram: @stephane.guillerme und @_god.is.pop_
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