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Grob gestochen im Selbstversuch (Teil 2)

17.04.2019  |  Text: Stéphane Guillerme (Übersetzung: Judith Rohel)  |   Bilder: Stéphane Guillerme
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Grob gestochen im Selbstversuch (Teil 2)
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In der Fortsetzung seines Berichts erzählt Stéphane Guillerme, Indien-Experte, Tattoo-Enthusiast und Autor des Buches »Indien unter der Haut«, über die Folgen seines Tattoos, das er beim zentralindischen Stamm der Badni hat stechen lassen
Fortsetzung von Grob gestochen im Selbstversuch (Teil 1):

Da war ich also, im Baiga-Land, trug zufrieden (so weit, so gut) ein kleines bisschen ihrer Kultur unter der Haut meines linken Fußknöchels. Aber bevor ich die Baiga persönlich besuchen konnte, war es notwendig, mein Tattoo zu behandeln und den Schmerz dieses tiefen Stechens zu lindern. Ich beschloss ein bisschen gezwungenermaßen, für ein paar Tage Ruhe walten zu lassen und täglich ein Foto vom Heilungsprozess zu machen. Dieses fotografische Ritual hielt nur drei Tage lang an. Der Mut, mein neues Tattoo bei guten Lichtverhältnissen anzuschauen, schwand am vierten Tag.




Mein Fuß nach einem und nach vier Tagen
Morgens und abends säuberte ich meinen neuen Körperschmuck mit Wasser und trug dann die Mischung aus Kurkuma und Senföl auf. Am ersten Tag schmerzte mein Fuß und war etwas geschwollen, alles im normalen Maß. Am zweiten Tag schwoll er weiter an und der Schmerz wurde schlimmer. Der dritte Tag schloss sich an die ersten beiden an: ein bisschen mehr Schwellung, ein bisschen mehr Schmerz. Der vierte Tag war der letzte, an dem ich mich traute, meinen Fuß bei vollem Licht anzuschauen. Die Haut um die tätowierte Fläche herum hatte eine verstörend rötliche Farbe angenommen, der Fuß war so geschwollen wie am Tag zuvor, aber es war sehr schmerzhaft und Humpeln wurde meine neue Gangart. Meine Flip-Flops »Relaxo« hatten die Farben der brasilianischen Flagge, doch ich war nicht in der Stimmung, Samba zu tanzen. Von diesem Moment an reinigte ich meinen Fuß im dämmrigen Licht meines kleinen Badezimmers ohne irgendwelche Fenster nach draußen, ein Auge verstohlen halb geöffnet, um sicherzugehen, dass noch keine Infektion ausgelöst wurde. Am fünften Tag war der gesamte Bereich meines Tattoos und ein Stück darüber hinaus schwärzlich – so wie meine Gedanken. Und der Zustand sollte anhalten. Alleine in diesem kleinen Dorf, blieb die Angst vor Wundbrand für drei Wochen, so wie die körperlichen Schmerzen.

Dr. Chourasia schrieb einen Artikel über mich, in dem er mir den netten Spitznamen »Pardesi Babu« (»Herr Ausländer«) gab. Dieser Artikel wurde in einer regionalen Zeitung veröffentlicht. Als Folge dessen kontaktierte mich am zehnten Tag ein Team von Journalisten eines regionalen Fernsehsenders, News Express. Sie wollten eine Reportage über Shanti Bai und mich machen und luden mich ein, sie nach Lalpur, das Dorf der Maravi, zu begleiten. Ich war einverstanden, ich hatte dieser Familie von Tattookünstlern etwas zu zeigen, nämlich den einigermaßen katastrophalen Zustand meines Fußes, der sich nicht gebessert hatte. Ich stieg also mit den Reportern in ihren Tata Sumo ein, zusammen mit Dr. Chourasia, der keine Erklärung dafür hatte, was mit meinem Fuß los war. Om Shanti Om.


Zeitungsartikel
Bei den Maravi angekommen, zeigte ich Shanti Bai und ihrem Mann Chamar Singh meinen Knöchel. Sie betrachteten überrascht und in Totenstille (das ist in Indien alles relativ) mein Tattoo. Das ist nicht sehr beruhigend, sagte ich zu mir selbst. Sie konnten mir auch keine Erklärung geben. Sie machten bloß den Vorschlag, einen hiesigen »Schamanen« herbeizurufen, um das Schicksal abzuwenden. Der kleine Mann in zu kurzen Hosen und fleckigem Tank Top erschien zehn Minuten später mit einer handvoll getrockneter Pflanzen. Wenige Minuten nach der Ankunft von »Mister Miracle«, meiner einzigen Hoffnung, meines nur ein bisschen platten Rettungsrings, kniete er sich neben meinen Fuß und begann seine Beschwörungsformeln, während er die getrockneten Pflanzen umher schwang. All das unter den begierigen Blicken des News-Express-Kameramannes. Mitten im Beschwörungsprozess unterbrach ein anderer Journalist den Schamanen, um ihn zu fragen, ob er ein Stück zur Seite gehen könne oder etwas Ähnliches, was mich in höchstem Maße ärgerte. Das mögliche Wunder zu unterbrechen, welches meinen Fuß retten sollte, war mehr als ich emotional ertragen konnte. Aufgebracht sagte ich ihm, er solle die Klappe halten oder gehen. Und dann ging das Gebet weiter. Die »Rettungs«-Mission wurde zur Posse.

Shanti Bai im Interview
Shanti Bai im Interview
Schamane »Mr Miracle« im Interview
Schamane (»Mister Miracle«) im Interview
Dann interviewten die Reporter Shanti Bai mit dem halben Dorf im Hintergrund, die sehr glücklich waren, dass es ein unerwartetes lokales Ereignis gab. Als alles aufgenommen und im Kasten, die Journalisten zufrieden und ich ein wenig zweifelnd und nicht viel mehr beruhigt als vorher war, gingen wir zurück zum Auto und beschlossen, die Baiga in einem etwa dreißig Kilometer entfernten Dorf zu treffen. Auf halbem Weg hielt das Team vor einem abgelegenen Bauernhof an. Die Baiga sind im Allgemeinen bescheidene und arme Bauern, was ich direkt feststellen konnte. Mit dem Bauernhof und einer Baiga-Bürgerin mit ihren vier Kindern im Hintergrund interviewten unsere Reporter Dr. Chourasia.


Baiga Bauernhof
Doktor Chourasia im Interview
Doktor Chourasia im Interview


Tattoos einer Baiga Frau

Tattoos einer Baiga Frau
Baiga Frau, ihre Kinder und deren Tattoos
Dann fuhren wir noch ein paar Kilometer weiter, auf einer gewundenen Straße in einer ziemlich trockenen Landschaft, irgendwann im Januar. In einem eher armseligen Dorf angekommen, gestattete uns der Doktor, der den Ort und die Bewohner kannte, uns friedlich mit einigen Mitgliedern der Gemeinde zu unterhalten. In diesem langersehnten Moment ging meine Kamera nach nur zwanzig Fotos kaputt. Der Fluch setzte seine Arbeit fort. Das Schicksal hat eine Art Humor, die ich nicht immer verstehe. Zum Glück brachten mir die täglichen Diskussionen mit Dr. Chourasia einige Erkenntnisse über die Kultur der Baiga während meiner drei Wochen des Humpelns durch den Dindori-Bezirk. Hier sind ein paar davon:

Das Volk der Baiga ist eine sehr alte ethnische Gruppe, deren DNS der von australischen Aborigines ähnelt. Sie sind besonders in Madhya Pradesh angesiedelt, doch auch in Uttar Pradesh, Jharkhand und Chhattisgarh sind sie anzutreffen. Manchmal werden sie als »Söhne der Natur« bezeichnet, aufgrund ihre Nähe zu dieser. Sie lebten einst in den Wäldern, die sie ernährten. Dann wandelten sie sich zu brandrodenden Bauern. Sie pflügen nicht, weil ihr Glaube ihnen sagt, dass man Mutter Erde nicht schröpfen darf. Mit der Zeit verfeinerten sie ihr Wissen über Pflanzen. Ihre Heilmittel und Gifte, sowie ihre Diagnosen sind angeblich herausragend, darum werden sie als sehr effektive Homöopathen angesehen.

Hauptsächlich von der Natur beeinflusst und ausschließlich auf Frauen tätowiert (Männer haben nicht einmal das Recht, bei einer Tattoo-Sitzung dabei zu sein), haben Baiga-Tattoos drei Hauptgründe: Erstens zeigen sie deutlich die Stammeszugehörigkeit des Trägers. Zweitens bereitet der Schmerz des Tätowierens die Frauen auf die Schmerzen und die Launen der Welt, zum Beispiel Geburt oder Arbeit vor. Drittens begleiten nur Tattoos die Verstorbenen ins Jenseits, es ist also die letzte Erinnerung an diese Welt. Aber es gibt noch ein paar andere Gründe: Verzierung des Körpers, sozialer Status. Die Baiga glauben außerdem, dass ihre Tätowiermethode genauso funktioniert wie Akupunktur, dass diese »Stiche« also manche Funktionen des menschlichen Körpers sehr verbessern würden. Schlussendlich veranlasst ein weiterer Glaube die Frauen dazu, sich hier und jetzt tätowieren zu lassen: Wenn sie es nicht tun, wird Gott, sobald sie im Himmel sind, das energisch selbst in die Hand nehmen mithilfe einer großen Eisenstange.

Baiga Frauen tätowieren sich nicht gegenseitig. Normalerweise beziehen sie Frauen aus anderen sozialen Gruppen mit ein, meistens Ojha, Dewar oder Badni (so wie Shanti Bai). Der Begriff für diese Fachleute lautet »Godharins« (»Godha« bedeutet Tattoo auf Hindi).


Shanti Bai und die Baiga Designs aus ihrer Region
Die Designs werden nicht zufällig ausgewählt. Die verschiedenen Körperstellen bekommen ihre speziellen Muster zu einem speziellen Zeitpunkt im Leben einer Frau. Das erste Tattoo ist das auf der Stirn. Es ist das »V«, sowie senkrechte Punkte und Linien. Das passiert etwa im Alter zwischen sieben und maximal sechzehn Jahren, weil später Tattoos an dieser Stelle zu sehr bluten und die Pigmente ausspülen würden. Etwa mit sechzehn Jahren kommt dann der Rücken. Danach kommen je nach den unterschiedlichen Baiga Gruppierungen vor oder nach der Hochzeit die Beine, Arme, der Hals und zum Schluss die Brust. Es dauert zwischen zwanzig und fünfundzwanzig Jahren bis der ganze Körper (ausgenommen sind Pobacken und Bauch) tätowiert ist. Die wiederkehrenden Muster, sehr geometrisch und stilisiert, stehen in Verbindung mit der Natur (Getreide, Ochsenaugen, Bienenstöcke, Pfauen, Hühner, Blumen, Bäume...) und den Elementen (Berge, Feuer, Sonne, Mond...).

Heutzutage, so wie in den meisten Stammeskulturen, lassen solche Bräuche mit den neuen Generationen nach. Schule und Fernsehen sind zwei Hauptfaktoren des langsamen aber sicheren Verschwindens. Darüber hinaus grenzen diese Zeichnungen des Körpers die Jugend ethnischer Gruppen auf der untersten Stufe der sozialen Leiter, die nur darauf warten, sich in die Primärkultur einzufügen, zu sehr aus.








Ich war dort im Dezember und Januar, die Jahreszeit in der es in dieser Region kalt ist. Eine schlechte Zeit, um die Tattoos von Baiga Frauen zu betrachten
Um mit dieser Geschichte abzuschließen, komme ich zurück zu meinem Knöchel. Nach diesem letzten Treffen mit Shanti Bai setzte ich mehr auf eine neue Art der Pflege als auf Beschwörungen des Schamanen. Nach dem morgendlichen Säubern des Tattoos mit Wasser, trug ich das lokale Rezept aus Kurkuma und Senföl auf, abends benutze ich eine Mischung aus Homéoplasmine (einer normalen französischen Hautpflegecreme) und ein paar Tropfen ätherischen Lavendelöls – ein Rezept, das ich normalerweise für alle meine Tattoos benutze. Schließlich stieß das Tattoo zwei Schichten Grind ab und ich konnte endlich wieder fast normal laufen. Da mir die Zeit davon lief und meine Kamera kaputt war, musste ich das Gebiet Richtung Osten verlassen, um Raipur, eine urbane Hässlichkeit, die Hauptstadt von Chhattisgarh, zu erreichen. Ich brauchte fünfzehn Tage, um meine Canon-Kamera zurückzubekommen, in der Zeit benutzte ich eine Leihkamera und lernte eine weitere faszinierende Tattoo-Kultur, diesmal aus Chhattisgarh, kennen: RAMNAMI.



Übersetzung des Zeitungsartikels mit ein paar Fehlern von Dr. Chourasia:

Vorbereitungen für ein Buch über das leben der Baiga aus Dindori
Ein Fremder möchte von Baiga tätowiert werden

Ein Franzose musste den Schmerz der Nadel überwinden, um an beiden Füßen ein Tattoo zu bekommen, eine der Gepflogenheiten der Kultur der Baiga. Dieser Franzose mit Namen Stéphane besuchte einige Teile des Landes, aber die Kultur und die Tattookunst in Dindori beeindruckten ihn. Er überlegt jetzt, ein Buch über die Baiga zu schreiben. Die ganze letzte Woche untersuchte Stéphane die Dörfer, um das breite Spektrum des örtlichen Brauchtums zu erleben und Informtionen über die Lebensweise der Baiga zu sammeln.

Er erzählte, dass die Tradition des Tätowierens ihn dazu bewegte, durch Himachal Pradesh, Orissa, Bengalen, Assam, Arunachal und andere Staaten zu reisen. Aber die für ihn interessanteste Tattoo-Kultur ist bei den Baiga aus Dindori zu finden. Es sind meistens die Frauen, die dort per Hand tätowieren.

Schmerz in einer überraschenden Tradition

Sobald Stéphane von Shanti Bai aus Lalpur tätowiert wurde, fühlte er unaushaltbare Schmerzen. Trotzdem billigt und akzeptiert er diese überraschende Tradition. »In der Baiga-Gemeinde gibt es diese bekannte Sage, dass Frauen, die nicht tätowiert sind nach ihrem Tod mehr Unglück erleiden. Daran glauben sie noch heute. Die Kultur des Tätowierens geht bei den Baiga weiter. Ein junger Franzose, der daran interessiert war, ließ sich die Füße tätowieren.« Doktor Vijay Chourasia
Stéphanes Bücher sind erhältlich auf seiner Website www.godispop.com (Link) oder bei Online-Bibliotheken. Als eBooks sind sie auf der Website, bei Amazon und im Apple Store erhältlich.


Stéphane Guillerme

Stéphane Guillerme
Stéphane Guillerme ist ein Reisender, der seit dreißig Jahren die Welt bereist. In den letzten zwanzig Jahren hat er seine Arbeit auf Indien konzentriert, mit fünfzehn Touren in den letzten sieben Jahren und mittlerweile sieben Büchern über das Land. Er nimmt sich die Zeit, sich wirklich in die Themen einzuarbeiten und stellt seine Nachforschungen so nah wie möglich an den Menschen und deren Traditionen an. Leidenschaftlich interessiert, nicht nur an bildender Kunst, macht er sich seine Bücher ganz zu eigen – er schreibt, fotografiert, recherchiert, ikonografiert, macht Computergrafiken und nimmt Ton auf.

Seine Werke kann man auf seiner Website und auf seinem Blog entdecken.

Folgt Stéphane auch auf Instagram:

@stephane.guillerme und @_god.is.pop_
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