Ärger um Copy-Tattoo

14.06.2018  |  Text: Boris Glatthaar  |   Bilder: Redaktion
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Ärger um Copy-Tattoo
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Mit einem fremden Motiv hat ein Tätowierer am Wochenende einen zweiten Platz im Tattoocontest belegt. Die Wellen schlagen hoch, doch das verantwortliche Studio verteidigt das Vorgehen. Die Jury ist verärgert – und will solche Fälle künftig verhindern.
Wirbel um ein Tattoo, das bei der Tattoocon in Dortmund am Wochenende den zweiten Platz in der Kategorie »Best of Neotraditional« belegt hat: Es zeigt das Porträt einer blonden Frau, die mit Perlen geschmückt ist und als Kettenanhäger und Ohrringe rote Edelsteine trägt. Was Jury und Publikum zum Zeitpunkt der Wertung nicht wussten: Das Tattoo gab es schon einmal.

Ein Instagram-Foto vom 1. März auf dem Profil @mermaidsketches aus Kanada zeigt ein Tattoo mit glasklaren Übereinstimmungen: Die gleiche Pose, das gleiche Gesicht, die gleichen Perlen, selbst die Haarsträhne über den Augen und die Blume im Haar sind geradezu identisch. Seitdem das Foto im Nachgang der Convention aufgetaucht ist, schlagen die Wellen hoch: Von einem Copycat ist die Rede, von einem kopierten Tattoo. Tätowierer und Tätowierte beschweren sich zuhauf darüber, dass der Tätowierer mit einem Motiv, das er offensichtlich nicht selbst entworfen hat, beim Contest angetreten ist. Die Meinung in der Szene: Das gehört sich überhaupt nicht.



Im Studio Tattoostaf in Hamburg, dessen Tätowierer Stanislav das Tattoo gestochen hat, sieht man die Sache anders und sich zu Unrecht den Vorwürfen ausgesetzt: Man habe nicht ein individuelles Tattoo abgekupfert und das Instagram-Foto von März gar nicht gekannt. Bei dem Motiv handele es sich vielmehr um eine Zeichnung, die man zum Abtätowieren genutzt habe, erklärt der Studioinhaber auf Nachfrage des TätowierMagazins. Gefunden habe man den Sketch als Foto bei Pinterest. Außerdem habe die Kundin das Porträt genau so gewollt und man müsse es im Gesamtbild der ganzen Tätowierung sehen, das mehr als den Frauenkopf umfasse und sich auf dem Oberschenkel weiterentwickele. Auch das zweite Motivelement, ein Skelett mit Blüten, ist einem Pinterest-Foto entnommen – im Original ist zusätzlich eine Lampe dort gezeichnet, wo auf dem Bein von Dortmund das Frauenporträt eingebunden ist.

Für den Hamburger Studiochef ist nichts Schlimmes daran, einen vorgefertigten Sketch zu stechen. Er argumentiert, dass auch Realistic-Tätowierer eine Vorlage möglichst originalgetreu umsetzten – etwa, wenn sie ein Porträt von einem Foto auf die Haut des Kunden abtätowierten.



Doch bei diesem Vergleich macht das Gros der Tätowierer nicht mit. Denn während es beim Realismus namentlich eben darum geht, dass nach Vorbildern so realistisch und damit so originalgetreu wie möglich gestochen wird, ist bei Stilen wie dem Neotraditional die Umsetzung einer bloßen Motividee in eine sichtbare Zeichnung ein wesentlicher Bestandteil der Arbeit. Heißt: Die Schöpfung des Werkes als ein dem Tätowieren vorgelagerter Prozess gehört  zur Leistung des Tätowierers dazu - jedenfalls ist das die vorherrschende Überzeugung in der Szene.

Auch unter den Mitgliedern der Jury von Samstag, der der Autor dieser Zeilen angehörte, herrscht Verwunderung und Verärgerung darüber, dass der Tätowierer mit einem Motiv ins Rennen gegangen ist, an dem er in erster Linie handwerklich, nicht aber besonders kreativ gearbeitet hat. Denn das bloße Zusammenstellen fertiger Sketches zu einer Collage sei noch längst keine kreative Eigenleistung. Die beginnt nämlich - da hat tatsächlich das Gesetz eine hilfreiche Erläuterung parat - erst dann, wenn die Bedeutung kopierter Motivelemente hinter der Aussage des neu geschaffenen Werkes, in dem sie benutzt werden, zurücktritt. Im Klartext bedeutet das, dass die künstlerische Eigenleistung desjenigen, der kopiert, im neuen Werk deutlich überwiegen muss.

 Doch offenbar sei es leider nicht selbstverständlich, nur mit eigenen Werken anzutreten, heißt es aus dem Dortmunder Wertungsgremium. Bisher habe man das für selbstverständlich gehalten. Zwar könne man dem Zweitplatzierten seinen Pokal jetzt nicht offiziell aberkennen, denn dazu fehle es an einer entsprechenden Regelung, heißt es unter den Juroren. Man werde für künftige Contests allerdings an Mechanismen und Richtlinien arbeiten, mit denen solche Fälle nicht mehr auftreten oder Preise nachträglich aberkannt würden.
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Stand:26 September 2018 02:58:18/blog/aerger+um+copy-tattoo_18614.html