Tattoo Expo Aachen 2016 - Tattoografie sticht Geografie

28.10.2016  |  Text: Heide Heim   |   Bilder: Nele Niemann
Tattoo Expo Aachen 2016 - Tattoografie sticht Geografie Tattoo Expo Aachen 2016 - Tattoografie sticht Geografie Tattoo Expo Aachen 2016 - Tattoografie sticht Geografie Tattoo Expo Aachen 2016 - Tattoografie sticht Geografie Tattoo Expo Aachen 2016 - Tattoografie sticht Geografie Tattoo Expo Aachen 2016 - Tattoografie sticht Geografie Tattoo Expo Aachen 2016 - Tattoografie sticht Geografie Tattoo Expo Aachen 2016 - Tattoografie sticht Geografie Tattoo Expo Aachen 2016 - Tattoografie sticht Geografie Tattoo Expo Aachen 2016 - Tattoografie sticht Geografie Tattoo Expo Aachen 2016 - Tattoografie sticht Geografie Tattoo Expo Aachen 2016 - Tattoografie sticht Geografie Tattoo Expo Aachen 2016 - Tattoografie sticht Geografie Tattoo Expo Aachen 2016 - Tattoografie sticht Geografie Tattoo Expo Aachen 2016 - Tattoografie sticht Geografie Tattoo Expo Aachen 2016 - Tattoografie sticht Geografie Tattoo Expo Aachen 2016 - Tattoografie sticht Geografie Tattoo Expo Aachen 2016 - Tattoografie sticht Geografie Tattoo Expo Aachen 2016 - Tattoografie sticht Geografie Tattoo Expo Aachen 2016 - Tattoografie sticht Geografie Tattoo Expo Aachen 2016 - Tattoografie sticht Geografie Tattoo Expo Aachen 2016 - Tattoografie sticht Geografie
Tattoo Expo Aachen 2016 - Tattoografie sticht Geografie
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Noch ’ne Convention? Warum nicht, wenn sie gut ist! Die 1. Kaiserstadt Tattoo Expo brachte die ganz große Tattoowelt ins beschauliche Aachen.
Where the f**k is Aachen?«, werden sich einige Tätowierer in Japan und den USA gefragt haben, als sie versuchten, für Mitte September einen Flug in die Kaiserstadt zu buchen. Irgendwo in Deutschland, an der Grenze zu Belgien und den Niederlande. Bei Niederlande klingelt etwas bei den meisten Nicht-Europäern: Amsterdam. Rotlicht. Coffeeshops. Irgendwo da in der Nähe. Aber egal, Aachen ist dort, wo Veranstalter Andreas Coenen ist. Tattoografie statt Geografie. 

»Andreas, we all love Andreas!«, klärt mich Mary Joy auf. »Wenn Andreas uns einlädt, dann kommen wir.« Gekommen ist die wunderschöne Tätowiererin mit ihren Kollegen Jen Lee und Doug Hardy aus dem Ed Hardy’s Tattoo City. Begleitet wurden die beiden von Ed Hardys Assistent Trevor Lee Ewald, der Hardys Originalentwürfe aus den 1960er Jahren bis Anfang der Jahrtausendwende im Gepäck hatte. Ed Hardy, der große Innovator des westlichen Tätowierens, stellt sein Lebenswerk im Expo-Rahmenprogramm  aus. Bang! Und das in dieser Zusammenstellung zum ersten und wohl auch zum letzten Mal. 

Beeindruckendes Beiwerk, aber ohne respektlos gegenüber Ed Hardy erscheinen zu wollen, die Kaiserstadt Tattoo Expo hätte dieses Sahnehäubchen gar nicht gebraucht. Mittels copy ’n’ paste könnte man jetzt die Artist-Liste runterleiern und richtig mit Namen strunzen. Feinstes Tattoohandwerk mit der Extraportion Kreativität und Leidenschaft. Tätowierer, von deren Arbeit Andreas Coenen leibhaftig überzeugt ist, hat er eingeladen. Von vielen hat Andreas Coenen sich selbst tätowieren lassen, für die anderen fehlt mittlerweile wohl der Platz. Befreundet ist man sowieso. 

Blumenmädchen von Bartosz Panas von Caffeine Tattoo in Warschau.
 
Okay, es muss einfach sein: Paul Dobleman, die Crew von Black Heart Tattoo, Jim und Scott Sylvia, Herb Auerbach, Jeff Rassier … Und dann eine ganze Reihe an japanischen Tätowierern. Andreas Coenen war sich noch nicht einmal sicher, ob diese überhaupt jemals auf einer Convention gearbeitet haben – in Europa jedenfalls nicht. Nach dem seit fünfzig Jahren mit den traditionellen japanischen Instrumenten arbeitenden Tebori-Tätowierer Horikyo reihte sich an der Hallenlängsseite der Nachwuchs auf: Horishige, Horikyu, Koji Ichimaru, Horiten, Bunshin Horitoshi und am Ende der Reihe Yamato Horitada. Spätestens bei seinem Anblick verwandelte sich der Respekt der Besucher in Ehrfurcht.

Drei vertikal tätowierte Reihen chinesischer Schriftzeichen trägt der muskulöse Mann über der rechten Gesichtshälfte. Ein Zitat aus dem Kultfilm »Zatoichi –
Der Blinde Samurai«: »Selbst mit offenen Augen kann ich nichts sehen« ist sinngemäß zu lesen. Wenn man denn Japanisch könnte. Da das hierzulande bei den wenigsten der Fall ist, standen dieser Phalanx japanischer Tätowiertradition gleich zwei Dolmetscher zur Seite. Eine davon war Crystal Morey von Gomineko Tattoo Books, die mit ihrer Auswahl an japanischen Kunst- und Designbüchern zu pekuniär schmerzhaften Lustkäufen verführte und zudem als profunde Kennerin der japanischen Ikonografie ihr Wissen in einem in Aachen gehaltenen Seminar weitergab. 

Einen beeindruckenden Bodysuit trägt Yamato Horitada, und mit seiner über das Gesicht gehenden Kalligrafie sorgt er nicht nur in Japan für Aufsehen.
 
Charakteristisch für die 1. Kaiserstadt Tattoo Expo war das Fehlen eines conventiontypischen Rahmenprogramms. Es beschränkte sich auf einen im Zirkuszelt vor der Halle gitarrespielenden Barden. Der spielte dafür aber nicht nur Country, sondern auch noch Western. Ansonsten lag der Fokus auf den eigentlichen Akteuren, den Tätowierern. Die anwesenden Besucher störte das nicht, Hardcore-Tattoofans waren nur scharf darauf, gleich mehrere Termine bei unterschiedlichen Tätowierern über die drei Tage verteilt zu organisieren. Auffällig auch der hohe Anteil an Tätowierern unter den Besuchern. Sicherlich auch ein Gradmesser für die Qualität. 

Wenn alle anderen Besucher versichern, dass sie »unterhaltungstechnisch nichts vermisst haben«, dann bin ich wohl die Einzige, die sich so etwas wie die Präsentation der »Tattoos des Tages« gewünscht hätte. Ein Tätowierer arbeitet über mehrere Stunden an einem Piece, man schaut immer mal wieder vorbei und sieht die Entwicklung. Fazit: Man kommt fünfmal zu früh und einmal zu spät. Weg! Für mich gehören die auf einer Veranstaltung gestochenen Tätowierungen dazu. Da braucht es keine Pokale, keine Urkunden, keine Bühne. Einfach eine kleine Erhöhung und jeder kann sich die frisch gestochenen Tätowierungen betrachten und bekommt einen Eindruck davon, welche Qualität in der Eissporthalle war. »Unverschämt, da hat der Coenen mit der ersten Convention in Aachen so ein Brett hingelegt, und die sucht in den Krümeln«, hör ich die Empörten. Sie haben recht, die Kritik ist mehr als kleinlich, für mich wäre die Präsentation der vor Ort gestochenen Tattoos aber die Schokokrümel in meinem Stracciatellaeis gewesen. 

Klasse Kakerlake von Christian Eichenauer (The Black Book Tätowierungen, Düsseldorf).
 
Und ’ne weitere Unverschämtheit ist, dass die weiteren Tätowierer allesamt unerwähnt bleiben. Wo anfangen und wo enden? Beenden wir den Besuch mit Henk Schiffmacher, der aus Amsterdam nach Aachen kam, und der vor gefühlten hundert Jahren eine Liste in Stein meißelte, welche Voraussetzungen eine Convention erfüllen sollte. Ganz oben stand sinngemäß: »Eine Convention sollte in einer Stadt stattfinden, die über einen internationalen Flughafen verfügt und den Tätowierern eine interessantes Umfeld liefert.« Meines Wissens war Henk in den letzten Jahren auf den Conventions in Tokio und London. Und in diesem Jahr eben in Aachen. Vom Line-up gehört die Kaiserstadt Tattoo Expo auf alle Fälle in diese Reihe.
 

Der Mann hinter der Convention: Andreas Coenen (46) - Conventionorganisator, Tätowierer seit 22 Jahren und Besitzer des Studios The Sinner and the Saint in Aachen.
 
Andreas Coenen (46)
Der Mann hinter der Convention: Andreas Coenen (46) - Conventionorganisator, Tätowierer seit 22 Jahren und Besitzer des Studios The Sinner and the Saint in Aachen.

Wie ist dein Resumée nach diesen drei Tagen Expo?
Am ersten Tag hat man immer noch ein paar Kinderkrankheiten, die man auskurieren muss, aber insgesamt bin ich sehr zufrieden. Die Tätowierer sind am arbeiten und das ist mir vor allem wichtig. Andere Conventions haben vielleicht mehr Besucher, aber hier wird auch tätowiert.

Auffällig ist, wie stark die Besucher tätowiert sind. Kamen besonders viele Hardcore-Tattoofans oder sind die Aachener generell stark tätowiert?
Viele Leute kamen von außerhalb, wir haben hier echtes Fachpublikum nach Aachen gelockt. Da ist beispielsweise ’ne Gruppe von sechs Italienern hier, die lassen sich zwei Mal am Tag tätowieren. Am Samstagmittag hab ich einen gesehen, der hatte vier Folien am Körper. Ob das unterm Strich ein kommerzieller Erfolg ist, muss man schauen. Wichtig war mir, dass hier echte Koriphäen arbeiten, die nicht auf jeder Convention zu treffen sind. 

Wie hast du die Tätowierer ausgewählt?
Ich reise ja selber viel und hab viele persönliche Kontakte, so sind viele Einladungen auf Zuruf passiert. Ich organisiere ja schon seit Jahren die Classic Tattoo Show auf der Kustom Kulture und viele wussten, dass ich das vernünftig mache. Andere wie Brian Bruno waren schon länger nicht mehr in Deutschland. Unter den Tätowierern ist Bruno ein Geheimtipp, für den kommen Leute extra hierher. Ich wollte keine Tätowierer hier haben, denen ich vorher in den Arsch kriechen muss, damit sie kommen, sondern Leute, die das gut finden, was ich mache. Die Resonanz von Seiten der Tätowierer ist wirklich sehr gut, ich denke sie merken, dass es hier um sie, die Tätowierer geht. 

Welche Erfahrungen sind in die Organisation eurer ersten Convention eingeflossen?
Neben der Standgröße sind es viele Kleinigkeiten, die eine Convention für einen Tätowierer angenehm machen. Wir sind ja drei Partner, die die Veranstaltung organisieren, einer ist Magic Moon Tattoo Supply. Sie stellen Einwegnadeln und -griffe zur Verfügung, damit die Tätowierer nicht mit dem ganzen Plastik-Equipment anreisen müssen. Und es ist einfach ein Zeichen, dass von deren Seite wieder etwas an die Tätowierer zurückfließt. Eine andere Sache ist das Hotel. Im Conventionhotel gibt es bis zwei Uhr morgens warme Küche, so dass man nach der Convention noch was essen kann. Auch wollten wir, dass die Leute sich abends im Hotel treffen und sich austauschen. Und seit zehn Jahren ärgert mich, dass, wenn alle Tätowierer nach einem Coventiontag zeitgleich ins Hotel kommen, das Personal gar nicht auf den Ansturm vorbereitet ist. Da stehen dann zwei Leute rum, die nicht wissen, was los ist. 

Keine Aquarell- oder Hyperrealistic-Farbtätowierer? 
Unter den von Magic Moon gesponserten Artists sind auch Realistic-Tätowierer. Aber das Hauptaugenmerk liegt schon auf dem, was ich als echtes Tätowieren bezeichne. Traditionelle Stile, ohne das plump auf Oldschool zu beschränken. Da gehört für mich auch Japanisch, Tribal … dazu. Ich denke, dass ich da so einen Bildungsauftrag habe. Ich mache eine Convention, auf der ich das promote, was ich gut finde und was ich für sinnvoll halte. Ich lehne  bestimmte Stile nicht ab, weil ich sie nicht tätowieren kann, sondern weil ich sie nicht für solide halte und sie schlecht altern.  
 


Exklusiv und einmalig zu sehen: Eine Auswahl von originalen Ed-Hardy-Tattoovorlagen aus den letzten vierzig Jahren.

Ausstellung »Drawings for Tattoos«
Exklusiv und einmalig zu sehen: Eine Auswahl von originalen Ed-Hardy-Tattoovorlagen aus den letzten vierzig Jahren.
 
Don Ed Hardy (1945), eine Ikone, mit dem der Begriff Custom-Tattoos in die Tattoowelt Einzug hielt. Individuell für den Kunden entworfene Vorlagen, mit dem das bis in die  90er Jahre vorherrschende Konzept der Flashes von der Wand abgelöst wurde. Ed Hardy überschritt viele Grenzen, sowohl tatsächlich als auch metaphorisch. Bei seinem ersten Aufenthalt in Japan 1973 setzte er sich beispielsweise mit der Tradition der Ukiyo-e auseinander, der japanischen Farbholzschnitte, die als Vorlagen für das traditionelle japanische Tätowieren genutzt werden. Für den studierten Drucktechniker und Tätowierer prägend. 

Welchen Einfluss dieser erste Aufenthalt hatte (in den 1980ern ging er abermals nach Japan und arbeitete mit Horiyoshi III zusammen), war unter anderem im Rahmenprogramm der Kaiserstadt Tattoo Expo zu sehen. Die Ausstellung basiert auf Ed Hardys aktuellem Buch »Drawings for Tattoos«, in dem von ihm gezeichnete Tattoovorlagen aus den späten 70er Jahren bis in die frühen 2000er gezeigt werden. Zu sehen waren die Originale in den Räumlichkeiten der C-O Werbeagentur im Frankenberger Viertel, kuratiert von Trevor Lee Ewald, einem langjährigen Mitarbeiter Ed Hardys.

Die Rezeption der japanischen Ästhetik und Ikonografie in dieser frühen Periode von Ed Hardys Schaffen war ein zentrales Thema der Ausstellung. Tattoovorlagen, die vor vierzig Jahren entstanden sind, mögen heute beim unbedarften Besucher womöglich Schulterzucken hervorrufen; ihre Innovationskraft erschließt sich nicht automatisch, sondern nur, wenn man sie zeitlich einzuordnen in der Lage ist. Dass wir eine individuell erstellte Tattoovorlage, die vor dreißig Jahren entstanden ist, heute für »normal« halten, sie unseren stilistischen Ansprüchen genügt, ist das Bemerkenswerte. Diesen Status quo hat Ed Hardy in Gang gesetzt und dafür gebührt ihm unser Respekt.
 

Die Ed-Hardy-Ausstellung »Drawings for Tattoos« fand großen Anklang.
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Stand:18 November 2017 05:40:53/veranstaltungen/tattoografie+sticht+geografie+_1610.html