Zwischen den Welten

01.01.2015  |  Text: Travelingmic  |   Bilder: Jessi Manchester
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Zwischen den Welten
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Jessi Manchester lebt zwischen den Welten: Nicht nur, dass die Wahlhamburgerin in den USA geboren wurde und zwei Nationalitäten besitzt, sondern sie pendelt auch stilistisch zwischen Realistic und Asia-Ornamentic.
Wie weit der Hyperrealismus gehen kann, zeigen Jessi Manchesters Kohlezeichnungen. Beim Medium Haut sind diese Details schon durch den begrenzten Raum nicht in dieser Tiefe zu realisieren.
Wie weit der Hyperrealismus gehen kann, zeigen Jessi Manchesters Kohlezeichnungen. Beim Medium Haut sind diese Details schon durch den begrenzten Raum nicht in dieser Tiefe zu realisieren.


Der Tattoo-Öffentlichkeit bekannt wurde Jessi Manchester in den vergangenen fünf Jahren, in denen sie bei Miss Nico im legendären Berliner Tattoo Studio All Style gearbeitet hat. Dort unterstützte sie Nico dabei, die gewaltige Nachfrage nach Tattoos im realistischen Stil zu bewältigen, für die der Shop beliebt und gefragt ist.
 
Bob-Marley-Porträt in Black-and-Grey: Starke Konstraste mit viel Schwarz!Der Blick unter die Haut: Der Illusion, dass die Muskelpartien des Arms tatsächlich frei liegen, nähert sich Jessi Manchesters Arbeit beeindruckend an.

(l) Bob-Marley-Porträt in Black-and-Grey: Starke Konstraste mit viel Schwarz! (r) Der Blick unter die Haut: Der Illusion, dass die Muskelpartien des Arms tatsächlich frei liegen, nähert sich Jessi Manchesters Arbeit beeindruckend an.
 
Ohne Blick auf die Uhr
Mit ihrem Umzug Anfang 2014 nach Hamburg hat Jessi die Selbständigkeit gewählt. Nicht, weil es ihr im Künstlerviertel Friedrichshain nicht mehr gefallen hätte, sondern um ihre eigene Entwicklung vorantreiben zu können: »Diesen Weg gehe ich vor allem wegen der freieren Einteilung meiner Arbeitszeit. Ich möchte mir für einen Kunden den ganzen Tag Zeit nehmen können, ohne Zeitdruck. Wenn es sein muss, auch mal bis Mitternacht. Wir hatten eine super Zeit im All Style und Nico hat mir unendlich viele Türen geöffnet. Aber jetzt hat ein neuer Abschnitt für mich begonnen.«
 
Dotwork-Mandalas und realistische Porträts: zwei Stilrichtungen, die viel Geduld und Akribie bei der Ausarbeitung verlangen. Durch die Kombination aus Mandalas und Endlosmustern entstehen den Körper betonende Tätowierungen.

(l) Durch die Kombination aus Mandalas und Endlosmustern entstehen den Körper betonende Tätowierungen. (r) Dotwork-Mandalas und realistische Porträts verlangen viel Geduld und Akribie bei der Ausarbeitung.

Berlin ist anstrengend
Die Entscheidung, aus dem hippen Berlin ins gediegenere Hamburg zu gehen, fällte Jessi nach nur kurzem Abwägen. Nicht nur private Gründe zogen sie in die Hansestadt, sondern auch ein Gedanke, der heutzutage fast schon altmodisch anmutet: »Berlin ist anstrengend; es entzieht mir Energie. Mir passieren die Dinge dort zu schnell. Wenn ich an einem Tag in eine nette Bar gehe, möchte ich sechs Wochen später wieder hin und nicht feststellen müssen, dass es den Laden oder gar das Gebäude schon nicht mehr gibt. Und außerdem – da bin ich oldschool – möchte ich nicht drei Straßen weiter von meinem letzten Shop die Konkurrenz erweitern. Das gehört sich nicht. Und weißt du was: Hamburg ist schöner als Berlin. Am Wasser zu wohnen, morgens die Schiffe zu hören, das verbindet einen direkt mit der Welt.« Auch was die Kundschaft angeht, passt es für sie in Hamburg. Wegen der maritimen Atmosphäre drängen sich dort eher die Oldschooler, während Realistic und Ornamentic unterrepräsentiert sind.

 
 Hyperrealismus
 
 
Eine hyperrealistisches Porträt von Robert Downey jr., das Jessi Manchester mit Kohle gezeichnet hat.
Eine hyperrealistisches Porträt von Robert Downey jr., das Jessi Manchester mit Kohle gezeichnet hat.

Jessi Manchester investiert jede Woche mehrere Tage in ihre Kohlezeichnungen im Stil des so genannten Hyperrealismus. In dieser Kunstform wird ein als Vorlage verwendetes Foto in die Tiefe erweitert und durch Details und den Gegensatz von übertriebener Schärfe mit gewollter Unschärfe so gestaltet, dass es im Ergebnis mehr zu sehen und zu entdecken gibt als im Vorbild. Details, die im Foto oft gnädig verschwinden, kommen schonungslos an die Oberfläche. Jessi sieht und zeichnet also mehr als der flüchtige Betrachter eigentlich wahrnehmen möchte; ein Weg, Naturalismus mit Kreativität zu verbinden. Dazu ist es nützlich, ein geradezu riesiges Format zu verwenden. Immer wieder muss die Künstlerin – und später der Betrachter – ein wenig zurücktreten, um den vollen Effekt erkennen zu können: »Sobald du herantrittst, verschwindet die Illusion und der Betrachter sieht, dass er getäuscht wurde, da die feinen Schattierungen des Kohlestifts zu sehen sind. Ich erschrecke manchmal selbst, wenn ich nach einer Malpause zurückkehre und von der Tür aus hinschaue«, sagt Jessi Manchester, wenn sie begeistert von ihrer Zeichenleidenschaft spricht, die weit über ein pures Hobby hinausgeht. Lichtreflexe selbst in kleinste Details wie in winzige Schweißtröpfchen oder Barthaare einzubauen, erfordert höchste Konzentration und viel, viel Zeit.
Es gibt immer wieder Versuche, Hyperrealismus auch als Tattoo umzusetzen. Vor allem der Ukrainer Dmitriy Samohin und neuerdings Nachwuchskünstler wie Klaus »Hu« Fruhmann und Ralf Nonnweiler versuchen sich an diesem Genre, sind aber dabei durch die Alterung der menschlichen Haut sowie die oft zu knappen Maße der zur Verfügung stehenden Fläche eingeschränkt.
 
Genetisch bedingtes Fernweh
Das Reisen liegt Jessi Manchester im Blut: »Meine Mutter war Stewardess und hat mich als Kind manchmal von einer Ecke der Welt in die andere mitgenommen. Wenn ich eine Weile nicht wegfahre, bekomme ich Fernweh.« Übrigens ist Manchester nicht irgendein Künstlername, sondern steht tatsächlich so in ihrem Pass. Ihr Vater stammt aus den USA und war ursprünglich auf der Airbase Ramstein stationiert. Da sie »drüben« geboren ist, besitzt Jessi auch die amerikanische Staatsbürgerschaft und hat somit ebenfalls die Option, in den USA zu leben und zu arbeiten.
Neben ihrer Arbeit in einem privaten Atelier in Hamburg geht sie gerne auch mal auf Conventions: »Andere Künstler zu sehen, das gibt mir Denkanstöße zur Veränderung. Dieser Austausch ist enorm wertvoll, um sich nicht festzufahren«, sagt Jessi. Sie hat für sich selbst erfahren, dass es ihr gut tut, mit abweichenden Sichtweisen konfrontiert zu werden:  »Weißt du, man fängt an zu tätowieren, lernt Dinge auf eine bestimmte Weise und rückt nie davon ab. Aber wer sich woanders tätowieren lässt oder tätowiert, dem werden mitunter die Augen für neue Möglichkeiten geöffnet. Diese Chancen möchte ich weiterhin haben und daher auch in Zukunft Conventions besuchen.«


KONTAKT
Jessi Manchester
20357 Hamburg
www.themanchestertattoo.com
www.facebook.com/JessiManchesterTattoo

Den vollständigen Bericht findet ihr in der Januar-Ausgabe des TätowierMagazins, 01/2015.
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Stand:24 November 2017 15:37:03/t%C3%A4towierer/zwischen+den+welten_1412.html